Ausgabe 
7.8.1897 Zweites Blatt
 
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August 1897.

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Nf. 18.3 Zweites Blatt. Samstag den 7. August

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Emil Drvrirnt.

Ein Gedenkblatt zur 25. Wiederkehr seines Todestages am 7. August.

Von Herminn Frenzel.

(Nachdruck verboten.)

Das geflügelte Wort Schillers:Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze" besitzt für unsere Zeit nur noch be­schränkte Geltung. Unser Jahrhundert ist dankbar, der Ruhm der Defiotr, Dawison, Devrtent, Schröder usw. hat sich von der älteren Generation auf die jüngere vererbt, wir nennen noch immer ihre Namen mit Stolz und Bewunderung. Bor Allem die Künstlerfamtlte Devrtent ist so populär geworden, wie kaum andere Schauspieler in Deutschland. Mit dank­barer Anerkennung werden daher am heutigen Tage alle Gebildeten und Theaterfreunde des begnadeten Künstlers denken, der vor nunmehr 25 Jahren feine erfolgreiche Lauf­bahn in der Stadt, wo er fo viele glänzende Triumphe feierte, beschloß. Wir meinen Emil Devrtent, den Stolz der Dresdener, den gefeierten Liebling der Dresdener Hof­bühne während eines Menschenalters.

Der Name Devrtent ist nicht, wie man nach der bet uns üblich gewordenen falschen Aussprache annehmen sollte, franzö« fischen, sondern flandrischen Ursprungs. Die Familie hieß eigentlich de Brtent und schrieb sich auch so. Allerdings war der Stammvater unseres deutschen Zweiges in Frankreich ansässig, als Hugenotte mußte er aber nach Aufhebung des EdicteS von Nantes aus Frankreich flüchten, worauf er mit anderen feiner Glaubensgenossen in Preußen gastfreie Auf­nahme fand.

Dir Vertriebenen siedelten sich in Berlin an, wo sowohl Ludwig Devrtent als auch seine jdrei Neffen da» Licht der Welt erblickten. Ludwig DevrientS Bruder war Kaufmann, feine Söhne waren Karl, Eduard und Emil Devrtent, letzterer der jüngste unter fetnen Brüdern. Der Vater bestimmte sie ämmtlich zum Kaufmannsstande, Alle aber trieb das Beispiel ihres berühmten OhetmS auf die weltbedeutenden Bretter, zuerst Eduard, dann Karl, zuletzt auch unseren Emil. Bon ihm er war am 4. September 1805 geboren hoffte Cet Vater bestimmt, daß er de« kaufmännischen Berufe erhalten bleiben und dereinst sein Geschäft übernehmen würde. Aber auch er verfiel dem Bühnenzauber, so sebr fein Bater rind sein Oheim Ludwig ihm auch abrietheu. Sein Bruder Karl hatte bei Klingemann in Braunschweig seine künstlerische Ausbildung empfangen. Entschloffen begab er sich ebenfalls dahin, und da er auch einen wohlklingenden umfangreichen Baß besah, nahm Klingemann ihn schließlich als Dolontär für den Winter 1821 bis 1822 auf. Sein erstes Anftreten

geschah in der kleinen Rolle des Ritter Raoul tu der Jungfrau von Orleans". Da» Publikum nahm ihn al» Neffen Ludwig DevrientS freundlich auf, mitten im Reeitiren spendete man Betsall und brachte den schüchternen Debütanten dadurch fast auS der Fassung. Noch besseren Erfolg erntete er bet seinem Debüt als Sprecher in Mozart» Zauberflöte. Seltsamerweise vermochte sich der junge Manu auch nach längerem Spiel von Anfällen einer gewissen Befangenheit, die ihn mitten im Spiel befiel, nicht frei zu machen. Wie er glaubte, trugen hieran locale Verhältnisse die Schuld, we-halb er Braunschweig verließ und sich nach Bremen wandte, wo auch wirklichder böse Geist des Scheuwerdens wie durch Zauber verschwand."

Wie Emil Kneschke schreibt, trat er in Bremen zuerst al» Melchthal auf und sein Debüt hatte durchgreifenden Erfolg. Auch hier engogtrte ihn Director Pichler für Oper und Schauspiel, er übernahm in der Oper erste Baßpartien und im Schauspiel da- Fach der ersten jugendlichen Liebhaber. In der nun beginnenden Spielzeit entfaltete er eine an­gestrengte Thättgkeit.Innerhalb 11 Monaten hatte er an 147 Spielabendeu zu thun, lernte er 78 neue Schauspiel- rollen und 20 Opernpartien."

Bereits hier begannen seine Erfolge als Max Picco­lomini, FteSko, Don Cesar inDonna Diana" usw. Doch zog e» ihn nach Sachsen zurück- nachdem er seinem ange­griffenen Körper einige Zett der Ruhe vergönnt, gastirte er in Dresden und Leipzig. In letzterer Stadt nahm er Engagement an und bildete sich in dem ausgezeichneten Ensemble, da» er hier vorfand, nicht nur vollständig au», sondern lernte hier auch (1823) Dori» Böhler, die Schwester Christine Böhlers, der Gattin Eduard Genast», kennen, mit welcher er fich 1825 vermählte.

Bon nun an widmete er fich ausschließlich dem schau­spielerischen Berufe, doch schwankte er noch längere Zeit zwischen dem ernsten Drama und dem leichteren Lustspiel, für da» ihn seine Gattin zu bestimmen suchte, hin und her. Mit ihr gastirte er in zahlreichen Städten, indem er eine»- theils al» Mortimer, Ferdinand, Carlos, Romeo, Prinz von Homburg auftrat, andererseits auch Lustspielrollen gab, bis endlich die innere Entscheidung zu Gunsten der höheren Kunst« aufgaben fiel. Nach kürzerer Thätigkeit in Magdeburg und Hamburg gewann man ihn endlich dauernd für die Dresdener Bühne. Ohne Probegastspiel wurde er mit seiner Gattin auf Lebenszeit in Dresden angestellt. Am 8. April 1831 führte er fich als Marquis Pofa in der fächsischen Hauptstadt ein und zwar mit glänzendem, durch alle Jahre hindurch fich steigenden, bis zu seinem Ausscheiden ihm treu bleibenden Erfolge.

ES ist nicht möglich, im Rahmen dieser flüchtigen Skizze alle Phasen diese» lorbeer- und ereignißreichen Künstler- wallens auch nur zu streifen. In Dresden herrschte damals ein lebendige» künstlerisches Treiben. Ludwig Tieck, Theoder Hell, Tiedge, Böttiger und andere widmeten dem Theater ihre Aufmerksamkeit. Natürlich fand er auch Widerfacher; so zeigte fich ihm Tieck nicht mehr besonder» hold, nachdem er e» ablehnte, fich die Rollen und Stücke von ihm vorlesen zu lassen. Doch fein künstlerischer Ruf war ein zu fest ge­gründeter, als daß eine gehässige Kritik demselben noch Ab­bruch zu thun vermocht hätte. Er war und blieb der aus­erkorene Liebling de» Publikum». Sein Hamlet, fein Boling- broke, Posa, Egmont, Tasso und FteSko zählten zu den vollendetsten fchausptelerischen Leistungen aller Zetten, alle namhaften Bühnen luden ihn zu Gastspielen ein. Da» Publikum überhäufte ihn allenthalben mit Beifall, bereitete ihm großartige Ovationen. Glänzende Auszeichnungen von Fürsten, Dichtern und Bühnenleitern wurden ihm zu Theil.

Vorübergehend trübte eine Familienkatastrophe seine Stimmung. 1842 erfolgte die Scheidung von seiner Gattin, der Mutter seiner geliebten Kinder. Um feiner düstern Ge­fühle Herr zu werden, ging Emil nach Pari», wo er mächttge Anregung fand, die ein Aufenthalt in Frankfurt a. M. noch steigerte. Dort regierte bereits die neue litterarische Rich­tung desjungen Deutschlands". Emil Devrtent ward der Träger der neuen Charaktere, außerdem behielt er nur noch die großen classischeu Rollen und solche des höheren Lust- und Schauspiels in seinem Rrpertoir. Der Künstler stand jetzt auf der Höhe seine» Können». Sein Name glänzte als der eines Sterns erster Größe am Theaterbimmel Europa», seine Gastspiele in BreSlau, Weimar, Gotha, Leipzig, München, Mannheim, Frankfurt, Zürich, Danzig, Königsberg n. f. w. glichen förmlichen Triumphzügen. In Petersburg, wo er vor dem Kaiser und dem Hofe spielte, erlangte er die glänzendste» Auszeichnungen und legte den Grund zu einem ansehnlichen Vermögen, da» ihm später die Möglichkeit gewährte, sich zum Besitzer bedeutender Güter in Sachsen zu machen. 1852 schloß fich das erste Gesammtgastspiel in London an,bei welchem der Brite auch die Darstellung Shakespeares durch deutsche Schaufpielkuuft hoch schätzen und ehren, ja bewundern lernte." Die Seele dieses Gastspiels war wiederum Emil Devrieur, dessen Hamlet, Egmont, Faust u. s. w. ihm die Bewunde­rung der Engländer eintrug. So entscheidend gestaltete sich der Triumph der deutschen Künstler, daß das Gastspiel im folgenden Jahre wiederholt werden mußte. 1854 nahm der Künstler an den von Dingelstedt im Münchener Hoftheater veranstalteten sogen. Mustervorstellungen Theil- in den nächsten Jahren versuchte er fich mit glücklichem Erfolge auch

Feuilleton.

Dein Herr!

Novellette von Conrad Telmann.

(5. Fortsetzung.)

Sie befanden sich ja gar nicht mehr im Umkreise der Stadt, waren allem Anscheine nach in den verrufenen Föhren- tanger draußen gerathen, der von allerlei Gesindel unsicher gemacht wurde und zudem grundlose Wege hatte. Heiliger Gott! Wie war das nun möglich gewesen? Und nun

Melanie hatte mit der Faust immer wieder und wieder gegen die kleine Scheibe gkklopft, die fich hinter dem Kutschersitz im Rücktheil des Wagens befand, sie rief, sie schrie, sie weinte zuletzt vor ohnmächtigem Zorn nicht» half. Immer weiter und weiter rumpelte da» Gefährt, jetzt langsamer, aber mit dumpfem, schütterudem Getöse. Dann plötzlich, als sie schon in ihrer Verzweiflung den Wagenschlag aufgeriflen batte, um hinauszuspringen, hielt mit einem Rucke die Droschke still.

Gott im Himmel, waS ist das?" rief Melanie wild ansschluchzeud aus.

Wilm kletterte vom Bock herab.

Ein Rad gebrochen," sagte er phlegmatisch,allem An­schein nach ein Rad gebrochen. Ist aber gar kein Wunder Sei diesen schauderhaften Wegen."

Ja, aber um Himmelswillen, wie kommen Sie denn auch hierher?" brach Melanie au».WaS haben wir denn hier zu suchen? Sind Sie denn wahnsinnig geworden?"

Er schien fich in aller GemllthSruhe den Schaden am Rade zu betrachten und murmelte kopfschüttelnd etwas vor üch hin in den Bart. Daun sagte er:Ich wollte einen Heinen Umweg machen. Die Sache machte mir Spaß, wissen Sie. Dann find wir in die Irre gcrathen. Lieber Gott, wenn man fünf Jahre draußen war * Er zuckte die Achseln.

Seine Ruhe brachte fie vollends außer fich.

Wa» soll aber nun werden?" jammerte fie.

Ja," meinte er, den Kopf wiegend,wir werden nun wohl die Nacht hier liegen bleiben müssen. Denn wenn ich ginge, Hilfe zu holen, blieben Sie ganz allein, und das ist Nacht» doch bedenklich. Wenn eS hell wird, geht das eher. Borbeikommen wird hier wohl so leicht keiner, um uns zu helfen."

Melanie brach jetzt in ein krampfhafte» Weinen aus.

Mein Gott! Mein Gott! WaS soll da» werden? Hier die Nacht bleiben, da» ist ja unmöglich. Wir er­frieren ja. Lieber laufe ich noch mit meinen Tanzschuhen und fo wie ich da bin in die Stadt."

Ganz allein?" warf er ein,denn ich kann doch Pferd und Wagen hier nicht im Stiche lassen."

Sie meinte immer heftiger. Sie wollte ihm Borwürfe machen, es ihm ins Gesicht schreien, daß er ihr Bertrauen aufs Schmählichste gemißbraucht habe, daß er fich benommen habe wie ein Ehrloser, aber fie sagte sich, daß alles das ihr ja nicht» helfen könne, sie beide um keinen Schritt weiter bringe und ihn nur erbittern werde. Offenbar hatte er sich nur einen übermüthigen Streich erlaubt, von der abenteuer­lichen Situation fortgeriffen, und wider feinen Willen war der nun so Übel abgelaufen. Wenn efl nur nicht so bitter kalt gewesen wäre. Sie hatte ja eigentlich Sinn für Humor und für alle» Ungewöhnliche und Absonderliche. Diese» romantische nächtliche Zusammensein in dem Übel be­leumundeten Föhrentanger und sie beide in Balltoilette in einer schiffbrüchigen Droschke

So leid thut e» Ihnen, nun doch nicht auf diesen Ball zu kommen?" fragte er sie plötzlich und stand dicht vor ihr in dem offenen Wagenschlage.

Sie zuckte verächtlich die Achseln.

Der Ball! WaS geht mich der Ball an!" fuhr eS ihr heraus.Wenn e» das allein wäre "

Hm," machte er in einem Tone, der sie empörte.

WaS soll da» heißen?" fragte fie stirnrunzelnd und trocknete fich mit einer energischen Handbewegung die Thräne« aus den Augen fort. .

Sie würden also, auch wenn ich Sie jetzt in die Stade zurückbrächte, diesen Ball nicht mehr besuchen?"

Darauf also war es abgesehen gewesen. Kein über- müthiger Streich, sondern ein abgekartetes Spiel. Ihre« Willen hatte er brechen, den feinigen durchsetzen wollen. Warum aber? Ihr Zorn kämpfte mit einer anderen Em­pfindung in ihr, über die fie sich nicht klar werden konnte, warS Befriedigung? War» Hoffnung?"

Sie Sie wollten also wohl nicht, daß ich diesen Ball besuche?" fragte fie unsicher, ausweichend.

Nein. Ich wollte da» um keinen Prei»."

Und warum nicht, wenn man fragen darf?"

Weil Sie sich auf diesem Balle mit dem Regierung» - afftffor Constantin von Werben verloben wollten."

Das hat Ihnen Thea Wild gesagt!" rief fie, heiß erglühend.

Run? Und ist es nicht die Wahrheit?"

Sie zuckte die Achseln.

Und wenn fie c» wäre ?"

So hindere ich Sie darau, diesen Frevel zu begehe«, Fran Melanie."

Wa» war das für eine Sprache? Die Arme über der Brust gekreuzt, stand er hoch aufgerichtet vor ihr, seine Augen flammten. Sie fand nicht gleich eine Entgegnung. Die widerftreitendsteu Empfindungen kreuzten fich in ihr: Groll, Empörung, Zaghaftigkeit und ein wollüstiger Schauer des Entzückens. Dann hatte er schon fortgefahren zu sprechen: Denn es wäre ein Frevel, wenn Sie Ihre Hand zu« zweiten Male ohne Liebe verschenken wollten, Frau Melanie. Und so lange ich das verhindern kann, werde ich es thun."

(Schluß folgt.)