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7.2.1897 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 7. Febmar

Drittes Blatt

Gießener Anzeiger

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Abends 8 Uhr> Sksr-nelm M nb Arbeitsawttt.

Der Vorstand

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Bericht eines Ueberleberrden derJltis"- Katastrophe.

Einer der Helden deSIltis", den ein gütiges Geschick die furchtbare Katastrophe hat überleben lasten, der Schiffs« schretber Heinrich Westbunk, weilte dieser Tage während einiger Stunden in Gesellschaft seines Freundes, des Ber- waltungSmaat Kurt Walter, in Bremen. Aus dem Munde des Ersteren erfuhr ein Berichterstatter desBremer Kurier" Einzelheiten, die den bei Untergang des stolzen Schiffes von der gesammteu Besatzung bewiesenen Muth und ihre mannhafte Treue in ihrer ganzen Größe erscheinen lasten; gleichzeitig find sie eine werthvolle Ergänzung aller bis« hertgen Berichte. Wir geben auf Grund jener Mittheil- ungen nachstehend eine Schilderung der Begebenheiten nach der Strandung:

DerIltis" strandete Donnerstag den 23. Juli Abends an der chinesischen Küste, neun Meilen nördlich von dem Leuchtfeuer auf der Südostspttze des ShantungvorgebirgeS. 'Etwa eine halbe Stunde, nachdem der Orkan das Kriegsschiff «auf die Klippen getrieben hatte und das grausige Schicksal iwohl klar vor den Augen eines Jeden stand, hielt der Tom« Mandant Capilänlieutenant Braun seine begeisternde An­sprache, die die Mannschaft im Trotzen gegen die wüthenden «elementaren Gewalten zum Theil an SchtffStheile fest- !geklammert oder in gebückter Stellung sich gegen die über» gehenden Wogen wehrend, anhörte. Ein dreimaliges be- igetsterteS Hurrah der gefammten Mannschaft auf den obersten iKriegSherrn, den Kaiser, mischte sich in den tosenden Sturm i mb etwa 10 Minuten darauf zerschellte derIltis" auf den 'felsigen Klippen in zwei Thetle Westbunk befand sich mach der Katastrophe mit einem kleinen Theil seiner Letdens- igefährlen auf dem Vorderschiff, das ein Drittel des zerstückten iToloffeS ausmachte.

DaS erbitterte Kämpfen um die eigene Rettung und die .höhe der durch den Orkan gepeitschten Wellenberge machten i?8 zunächst unmöglich, daS Schicksal der Gefährten, die sich iauf dem Achterschiff befanden, in Erfahrung zu bringen- schließlich aber drang eS wie ein Summen, von einzelnen Ißauten unterbrochen, zum Vorderschiff hinüber, dann für Augenblicke nur das Heulen deS Sturmes, bis laut das !Flaggenlied an daS Ohr der Schiffbrüchigen auf dem Vorder­deck tönte und auch sie todesverachtend in daffelbe einsttmmten. MS sie den Trug geendet, sahen und hörten sie von denen, die auf dem Achterschiff getrieben, nichts mehr- wohl aber sahen sie wenige Augenblicke später den Schiffstheil, wie er, mit dem Kiel nach oben, von den Wellen hin und her ge­worfen wurde.

WaS auf dem Achterschiff sich ereignet, davon konnten nur die Zwei Auskunft geben, die eine Sturzsee von diesem wegge-pülr hatte und die durch die Wogen an die Küste ge­worfen waren- ihre sämmtlichen übrigen Kameraden, die auf dem Achterschiff gewesen, hat das Meer verschlungen.

Nach den Aussagen dieser Beiden ist später der Groß­mast cingebrochen und hat die Commandobrücke zum Theil

Feuilleton.

Wochenbriese «ns brr Nesiden).

(Origtnalbericht desGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 4. Februar.

vom Eissport. AuS dem Küustlerleben. Verschiedene».

Reges Leben herrschte noch bis in die letzten Tage auf den verschiedenen Eisbahnen der Stadt. DaS größte Inter­esse beanspruchte indessen die an der Eschollbrückerstraße ge­legene und mit allem Comfort der Neuzeit auSgestattete Bahn des Schlittschuhclubs. Dieser älteste der hiesigen eissportlichen Vereine, der daS Verdienst hat, den eigentlichen Sinn für das gesunde, winterliche Vergnügen in den weiteren Kreisen der Bevölkerung geweckt und ent­wickelt zu haben, zählt eine ganze Anzahl Schlittschuhläufer unter seine Mitglieder, die es im Kunst- und Schnelllaufen ;u wirklich erstaunlicher Routine gebracht haben, so daß die Farben deS Darmstädter Clubs mit großen Ehren sogar bei dem hinsichtlich der Concurrenz recht scharf umstrittenen Laufen deS mittelrheinischen Eislauf-Vereins in Bonn be­stehen und mehrere, sehr hübsche Preise erringen konnten. Natürlich wurde bei solchen Kräften auch das vom Vorstand :be6 Vereins für die hiesige Bahn anberaumte Wettlaufen laicht minder interessant. ES waren 7 verschiedene Laufen 'sür Herren, Knaben, Mädchen und für Paare ausgeschrieben, ibte sämmtlich wohl besetzt und hart umstritten wurden. Durchgängig konnte man dabei die Beobachtung machen, daß

zertrümmert, auf derCapitänlieutenant Braun stand, durch | den wuchtigen Schlag stürzte der Commandant auf Deck herunter, kam aber nicht zu Fall, sondern stand sofort fest und ruhig inmitten der Mannschaft. Nachdem die Wanten gekappt worden waren, brach die Reeling und hierauf der Kreuzmast, wodurch daS Deck abgerissen wurde. Es wurden noch 10 bis 12 Leuchtkugeln abgefeuert weiter reicht die Schilderung der Beiden nicht, da sie kurz darauf, wie schon erwähnt, durch Sturzseen von Bord gespült wurden.

Das Vorderschiff wurde auf die Klippen geworfen und kam auf die Seite zu liegen. Die zehn Mann, die sich an dasselbe festgeklammert hielten, waren nicht mehr in aller­größter Gefahr für ihr Leben, denn obwohl die See sie wild umpeitscht, hatte sie doch augenblicklich die furchtbare Gewalt über das festliegende Trümmerstück aufgeben müssen, das den Schiffbrüchigen allerdings nur geringen Schutz bot. In qual­voller Lage verbrachten die Aermften die erste Nacht, indem sie sich an den Armen unter der Reeling hängend hielten. Am anderen Tage während der Ebbe stieg Westbunk auf den Kiel des Vorderschiffes und suchte durch Schwenken eines Handtuches, daS er an eine Latte gebunden, Leute aufmerksam zu machen, die man an dem etwa 2000 Meter entfernten Ufer gesehen hatte- Niemand der am Ufer sich Bewegenden bemerkte jedoch daS verzweifelte Hülfesuchen. Mit Einsetzen der Fluth flüchteten sich die Schiffbrüchigen in den Rumpf- theil, der an der Bruchseite mit einer wasserdichten Schott­wand abgeschlossen war. Da die See durch verschiedene Löcher im Schiffsboden gegen das Zwischendeck schlug, so bildete man durch Schiffslasten (Kisten, Bänke rc.) einen Boden und stützte ihn gegen das Oberdeck ab. Die Gefahr lag nun nahe, daß diese Einrichtung zusammenstürzen und die im Schiffsrumpf Weilenden erschlagen konnte, bei Tage freilich war die Gefahr geringer, als wie in den Nacht­stunden.

Der Obermatrose Markhoff, der während der Nachtzeit auf die Oberseite des Vorderschiffes kletterte, büßte sein Wagniß mit dem Leben- eine überkommende See riß in fort. Nachdem wieder eine schreckliche Nacht überstanden, beschloß man, ein Floß zu zimmern, um mit diesem die Rettung zu ermög­lichen- während man bei Ebbe an die Ausführung dieses Rettungswerkes ging, hieß es plötzlich :Ein Boot, ein Boot!" Nach 36 stündiger Qual nahte dir Rettung! Hatten fast Alle daran gezweifelt, daß man sie bemerkt, so wich die bange Sorge jubelnder Freude und erlösender Gewißheit, als sich wirklich ein Boot mehr und mehr den Bedrängten nahte. Da das Boot jedoch an eine Seite legte, nach der hin es des zerklüfteten Felsengrundes und der durch diesen verur­sachten schäumenden Brandung wegen durch Schwimmen nicht zu erreichen war, so fuhren die Retter um die Klippenbank herum an die Leeseite deS Wracks. Durch Schwimmen ver­mochten sieben Mann das Boot zu erreichen- ebenso zwei Nichtschwimmer, indem sie sich einer Schwimmweste bedienten- nachdem der eine der Nichtschwimmer in das Boot gelangt, schwamm ein Chinese zu dem letzten der Schiffbrüchigen und I warf ihm die Weste zu, so daß auch dieser glücklich auf-

dte Einzelnen sowohl hinsichtlich der Ueberwindung der tech­nischen Schwierigkeiten, wie namentlich, was die Körper­haltung und die Eleganz deS Laufens anlangt, fett dem vorjährigen Verbandslaufen große Fortschritte gemacht haben. Leider hat die inzwischen eingetretene gelindere Witterung dem Wintervergnügen ein baldiges Ende bereitet. In der Zeit von einem Tage war EiS und Schnee verschwunden und jetzt weht ein warmer Wind in den Straßen, der fast kaum mehr Gedanken an den Winter aufkommen läßt.

Einen großen Erfolg hat die Leitung unserer Hof­bühne wiederum durch die glanzvolle Aufführung beider Theile von GoethesFaust" zu verzeichnen. Mag man über die Jnscenlrung deS zweiten ThetleS des Riesenwerkes auch feine eigenen Gedanken haben, eine Kraftprobe für die JnscenlrungSkunst einer Bühne bleibt sie immer und wenn Alles so tadellosklappt", wie es hier geschah, so kann man mit der Leitung eines Instituts wohl zufrieden fein. Das Publlkam lohnte denn auch die Mühen der Dtrection durch eifrigen Besuch und reichen Beifall. Auch eine Wieder­holung des feit noch nicht langer Zeit an unserer Bühne heimathsrecht gewesenden Jbsen'ichen SchauspielsNora" fand regen Zuspruch. Zum Gedächtniß an Mendelssohn- Bartholdys Geburtstag war die Aufsührung von Sakespeares LustspielEin Sommernachtstraum" aufs Repertoir gefetzt worden, zu welchem des Meisters unvergängliche Musik von der Großh. Hofmusik mit feinem künstlerischen Empfinden wiedergegeben ward. Für die nächste Zeit stehen sowohl für die Oper, wie für das Schauspiel intereffante Aufführ.

genommen werden konnte. Eine Kleiderkiste, welche Chinesen in das Boot zu befördern suchten, entglitt Ihnen und trieb in die See.

An Land gekommen, wurden die Erschöpften von einer zahlreichen Volksmenge empfangen- wer aber beschreibt den staunenden Jubel, der sie belebte, als sie Kameraden, die sie verloren gewähnt, in chinesischer Tracht auf sich zukommen sahen! ES waren die zwei über Bord Gespülten, die an daS Ufer getrieben waren.

Im nahen Dorfe wurden die Geretteten durch Speise und Trank erquickt, auch die durchnäßte Kleidung konnte sogleich gewechselt werden, da die Kleiderkiste angeschwemmt worden war, freilich hatte ihr Inhalt auch gelitten, aber bei Weitem nicht derart, daß feine Benutzung nicht Wohlthat gebracht hätte.

Nachdem noch der englische Missionar in Tantai sich der geretteten Mannschaften in braver Welse angenommen hatte, ging auf Maulthieren zu dem deutschen Leuchtthurm- Wächter Schwielp aus Promontory Station, wo man Abende gegen 10 Uhr anlangte. Der aus Königsberg stammende Wächter hat sich in aufopfernder Weise seiner Landsleute angenommen, er war glücklich, ihnen geben zu können, waS er hatte. Schiffsschreiber Westbunk machte sofort vom Leucht­thurm aus dem Admiral Tiepitz, dem Commandanten der ostasiatischen Station, nach Tschifu die erste Mittheilung, die diesen zu der Unglücksstelle eilen ließ.

titeratur nut Kauft

- Volkshochschulen und UniversttLtS»AuSdehnungS Bewegung von Ernst Schultze. Verlag von Gg. Freund' Leipzig. Preis Mk. 1.80. Professor Dr. Reyer in Wien gibt dem soeben erschienenen Werke das Geleit in folgenden Worten: Allgemein bricht sich die Erkenntniß Bahn, daß die Bildung, welche durch die niederen Schulen erzielt wird, für die Anforderungen des modernen Culturlebens nicht genügt. Die Volksschule bringt den Sintern einige elementare Kenntnisse bei, das vollständige Denken wird aber wenig angeregt, die Geistesbildung bleibt kümmerlich und es ist dem Einzelnen, welcher nach Beendigung der Schule dem Er­werbe folgt, überlassen, wie und wo er sich eine weitere Ausbildung schaffen kann. Seit den fünfziger Jahren sehen wir verschiedene Corporationen, in neuerer Zeit auch die Communen und Staaten bestrett, die großen und gefahrvollen Bildungslücken auszufüllen. Freunde des culturellen Fortschrittes fördern diese Bestrebungen allein um des idealen Friedens willen, kühle Kritiker warnen vor der Gefahr, welche darin liegt, wenn die Massen des Volke-, welche den Kampf gegen die bevorzugten Klassen führen, in Unbildung er­halten werden, die Arbeiter endlich fordern eine höhere Ausbildung, weil sie von der Ueberzeugung beseelt sind, daß Wissen zur Macht führt. So drängen verschiedene Machtfactoren demselben Ziele zu, und es begreift sich, daß unter diesen Umständen die erweiterte Volksbildung sich mit unwiderstehlicher Macht Bahn bricht. Volks- btbliotheken und volksthümliche Vorträge haben seit der Mitte unseres Jahrhunderts einen unangeahnten Aufschwung genommen, in den letzten Decennien aber gewinnen Fortbildung- und Volkshochschulen eine rasch wachsende, in einzelnen Staaten geradezu phänomenale Bedeutung. Die Hochschulen sind dem Volke erschlossen, ein gewal­tiges Leben strömt von ihnen aus und andererseits gewinnen die Hochschulen durch den Pulsschlag deS Volkslebens neue Antriebe, -naß vorliegende Buch führt dem Leser in großen Zügen die gewal­tige Entwickelung dieser Bestrebungen vor Augen, es characteristrt deren kulturelle, sociale und ethische Bedeutung und wird, wie wir erwarten, die Bewegung in Deutschland wesentlich fördern.

ungen durch die Gastspiele illustrer Gäste in Aussicht. Der berühmte Tenorist Emil Götze wird einen drei Abende umfassenden Gastspiel Cyclus absolviren, ebenso wird der bekannte Münchener Komiker Conrad Dreher mehrere Vorstellungen hier geben.

In den Concerten zeigten die Programme größten- theilS Werke von Schubert, deffen hundertjähriger Geburts­tag (31. Januar) überall gefeiert ward.

Eine gewiffe Aufregung herrschte eben in studentischen Kreisen, die durch daS Auftauchen einer neuen, der ersten auf confesfioneller Grundlage an hiesiger Hochschule bestehenden Corporation erregt ward. Das Rectorat hat der betreffenden Verbindung die Erlaubniß zum Farbentragen gegeben, während eine sehr stark besuchte Studenten-Versammlung sich dagegen erklärte. Hoffentlich wird dem unerquicklichen Ber- hältniß recht bald ein Ende und der Friede an unserer emporblühenden Anstalt wiederhergestellt. e

Zur Feier des hundertjährigen Geburtstages Kaiser Wilhelms des Großen sind sowohl von ein­zelnen Vereinen, als auch von der Stadt größere Ver­anstaltungen in Vorbereitung, durch die dem Tage ein würdiges Gepräge verliehen werden wird. Das Haupt» intereffe beansprucht Indessen für die nächste Zeit die unter dem Protektorate Ihrer Kgl. Hoheit der Großherzogin stehende WohlthätigkeitS-Veranstaltung.