Nr. 261 Zweites Blatt. Samstag den 6 November
Der
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1S97
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Aints- und Anzeigeblntt für den Ureis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den At>f frtrtO» 0Y «lle »nnoncen-Bureaux d-S In- und «u-landrS nehm«
folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr. ^tUUSPrUUlJC. ^fOTlUlCTUHUUei.. Anzeige« für den .Gießener Anzeiger- entgehn.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Wir bringen hierdurch zur öffentlichen Kenntniß, daß Großh. Ministerium des Innern der Frankfurter Transport«, Unfall- und GlaSverfichernugS Actiengeiellschaft die Ausdehnung ihres Geschäftsbetriebs auf die Versicherung gegen Einbruchs- diebstahl gestattet hat.
Gießen, den 4. November 1897.
GroßherzogltcheS Kreisamt Gießen.
v. Gaqern.___________________
Locales unb proVlnzielles.
§ AlSfeld, 4. November. In den gestrigen Nachmittags- stunden tagte dahier im „Deutschen Haus" die ordentliche Hauptversammlung des ThierfchntzvereiuS für daß Großherzogthum Hessen. UeberauS zahlreich war dieselbe besucht, wohl von 200 Gästen, unter denen nahezu vollzählig die Lehrer des Kreises Alsfeld und viele der benachbarten Kreise. Der Borfitzende der Versammlung, Großh. Oberschulrath Herr Dr. Eisenhuth auS Darmstadt, bewillkommnete die versammelten mit herzlichen Worten deS Dankes für ihr so zahlreiches Erscheinen, daS er als einen sprechenden Beweis für das Interesse deS ThterschutzvereioS aufsaffe, ehrte in warmen Worten die Verdienste deS verstorbenen Ober-RechnungSratheS Zeller um den Verein und bat die Versammlung, zu Ehren des Entschlafenen sich zu erheben. Der nun zur Berathuug kommenden Tagesordnung, die aus elf Gegenständen bestand, entnehmen wir, daß fich die BereinSthätigkeit im Ganzen gehoben hat, daß die Bestrebungen zum Schutz der Thtere immer weiter fich gestalten, daß der Schutz der Vögel in Italien angebahnt ist, daß die Vogelfütterung im Winter mehr und mehr außgeübt und daß der Bekämpfung der Thteiquälerei immer größere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Zahl der dem Verein neu zugegangenen Mitglieder beträgt 289, wogegen derselbe 48 Mitglieder durch den Tod und 58 durch andere Gründe verloren hat. Der Betrag für Prämttrungeu im nächsten Jahr wurde auf 160 Mk. festgesetzt. Der Voranschlag über Einnahme und Ausgabe des Vereins sür 1898 balavcirt zwischen der Summe von 5276 Mk. Nachdem dem Rechner deS Vereins Decharge ertheilt und der Antrag, daß der Beitrag aller Mitglieder auf 1 Mk. erhöht werde, Annahme gefunden, hielt
Feuilleton.
Tyras, der Renommirhsnd.
Eine Fuchsenerinnerung von P. Grabein.
(Nachdruck verboten.)
ES war in Jena, dem „wunderschönen Nest, darinnen ich vor Zetten auch mal Student gewest", vierzehn Tage vor dem WeihnachtSfest. Ich war ein üppiger Fuchs, der die goldene Freiheit, welche die dortige alma mater gewährt, in durstigen Zügen im vollsten Sinne des Wortes seit zwei Monaten schlürfte, der Mütze, Band, Bier« und Weinzipfel, Couleurschoppen und «Stock, kurzum, alleS besaß, waS daS ehrgeizigste Fuchsenhirn erträumen kann, dem aber zum Gipfel seines Stolzes noch eines fehlte, nämlich ein — Renommirhuud.
ES war nicht ganz so leicht, diesem Mangel meiner äußeren Erscheinung abzuhelfen. Eine ansehnliche Dogge oderZein Leonberger — nur diese beiden Rassen erachtete ich überhaupt für „commrntmäßig" — waren leider nicht auf Pump zu haben. Selbst in dem in dieser Beziehung sonst ideal angelegten Musenstädtcheu hatte fich unbegreifltcherwetse eine Huvdezüchterei auf Credit noch nicht etablirt, obschon damit ohne Zweifel dort ein blühender Industriezweig hätte ins Leben gerufen werden können. Für einen Baarkauf langten die Trümmer des Wechsels bei weitem nicht mehr und schließlich fehlte eS am Ort auch am geeigneten verkäuflichen Material.
Doch daS Glück lachte mir unverhofft. AIS ich eines Morgens auf den Frühschoppen kam, empfing man mich mit lautem Halloh und drückte mir die „Jenaische Zeitung" in die Hand. Einigermaßen erstaunt nahm ich daS „Wurschtblatt" entgegen — so nannte ich eS damals nämlich in gänzlicher Verkennung der Bedeutung der Preffe im Allgemeinen und für meine Wenigkeit insbesondere — erstaunt, denn daS ZeitungSlesen gehörte nicht gerade zu weinen damaligen Gewohnheiten. Doch plötzlich ahnte ich den Zusammenhang. Meine Couleurbrüder kannten meinen letzten heißesten Wunsch, vnd de, im Jnseratentheil, war zu lesen: Eine deutsche
Herr Oberschulrath Dr. Eisenhuth einen Borrrag über ^Geschichte und Aufgabe deS Thterschutzes". Ein Meister in der Redekunst, feffelte der Vortragende durch die packende Art seiner glänzenden Darstellung und sein reiches WtffenSgebtet das Ohr aller Zuhörer. Markanter und mit echtem SarkaSmuS gewürzte Stellen wurden von spontanem Beifall der Versammlung begleitet. Die ausgezeichnete Rede des Vortragenden, dem am Schluffe donnernder Beifall der Gäste lohnte, enthielt so viel des Interessanten und WiffeoS- wertheu aus der Geschichte des Thterschutzes und seiner Auf« gäbe, daß es wett den Rahmen dieses Berichtes überspringen würde, wollten wir auch nur die Hauptpunkte daraus bringen, halten uns dessenungeachtet aber vor, in einem weiteren Artikel darauf zurückzukommen.
Mainz, 4. November. Zwei Maschinisten der Hofbraueret Schöfferhof stiegen gestern Abend in den Brunnen, um daselbst nothwendige Arbeiten vorzunehmen. Durch nicht genügende Entfernung der dem Brunnen entströmenden Gase fand der Maschinist Weber, welcher am Boden stand, seinen Tod, währenddem der andere Maschinist, welcher fich auf einem erhöhten Podest befand, fich nur mit Mühe retten konnte. Von Seiten der Brauerei wurden sofort alle möglichen RettnngSapparate in Anwendung gebracht, leider vergebens.
• Berlin, 3. November. Ein gemeinsames Hand- werkerhauS beabsichtigen die Berliner Handwerkerinnungen zu errichten. In dem Gebäude sollen sämmtltche BureauS, Kaffen, Arbeitsnachweise, Herbergen rc. von etwa 50 Innungen untergebracht werden.
* Lampenfieber. Zu dem Kapitel der Nervenerregungen, die einmal fördern, einmal hindern, gehört, so schreibt daS „Wiener Journal", die Erscheinung deS „Lampenfiebers", von dem sich eigenthümlicher Weise Manche ihr Leben lang nicht fretmachen können. ES gibt Bühnenveteranen, die mit schlotternden Kaieen auf daS Stichwort warten und die Herrschaft über sich selbst erst in dem Augenblick bekommen, in dem sie dem Publikum sichtbar werden. Gabillon war zum Beispiel so. Man erinnere sich weiter an die Angstzustände, die Dr. Tyrolt zu mehrmonatlichem AuSsetzen seiner Bühnenthätigkeit zwangen. Wohl dar Merkwürdigste ist der Umstand, daß weder Routine, noch die Zahl der Erfolge solche nervöse Angstzustande abschwächen, ja daß sie geradezu mit den Jahren fich steigern. Kinder haben
Dogge, 6 Wochen alt, löwengelb, Prachtexemplar, billig abzugeben bei Fleischermeister H.
Mir schoß daS Blut vor Freude in die Wangen. Donner« werter, daS war wein Fall! Ein Prachtexemplar, ein junge» Thier, also noch billig, die Gelegenheit durfte ich mir nicht entgehen laffen. Schnell wurde „Kaffensturz- gemacht; er ergab daS für einen Jenenser Fuchs um den 9. oder 10. gewiß respektable Resultat von 8 Mark 35 Pfennigen und 24 Biermarken. Damit konnte ich eS schon wagen. Spornstreichs lief ich also gleich loS, hin zum Meister H. Nun war ich da, trat in den Laden und fragte den hinter dem Ladentisch emfig mit Rostbrätchen und Bratwürsten hantirenden behäbigen Herrn, ob hier die junge Dogge zu verkaufen sei. „Jo, freilich," antwortete der Meister freundlich und führte wich über eine Hinterstiege durch den engen dunklen Hof in einen nicht minder dunklen Stall, wo aus einer Ecke her leises Winseln bei unserem Eintritt ertönte.
Mir pochte daS Herz vor Erwartung! Kein Zweifel, daS war der Laut „meines" RenommirhundeS, denn das war er bereits in weinen Gedanken. Indessen hatte fich auf den Zuruf des Meisters anscheinend ein kleines Wesen auf uns zu bewegt, genau konnte ich eS indessen bei dem Halbdunkel nicht erkennen. Gleichzeitig bemerkte ich, daß fich in der Ecke eine gelblich schimmernde Masse vom Boden erhob- ich hielt fie für ein Kalb, daS hier seinem bedauernSwerthen Schicksal entgegendämmerte. Doch kümmerte ich wich nicht weiter um das arme Opfer- meine ganze Aufmerksamkeit wandte fich vielmehr dem Prachtexemplar einer löwengelben, jungen deutschen Dogge zu, daS fich nun in seiner ganzen Herrlichkeit im Licht der geöffneten Stallthür zeigte. Der Meister blickte wich erwartend, so mit einer Art Vaterstolz, an.
Hm! Ich muß gestehen, ich war nicht gerade entzückt von dem ersten Eindruck, den daS Thierchen auf mich wachte. Ein „Prachtexemplar" spectell hätte ich mir doch anders vor- grstellt. DaS Wesen, daS fich da, freundlich wedelnd, au wich schmiegte, wie in stummer Bitte, mich seiner auzunehmeo, war zwar schön löwengelb, unbrstreirbar, aber eS hatte für
Überhaupt kein Lampenfieber, und man wundert fich immer von Neuem über die herzhaften Darbietungen der Knirpse, die ihren Part so erledigen, wie er ihnen eingetrichtert worden ist. Sie fürchten fich niemals, ans dem Dunkel der Coulisseu in daS volle Licht der Scene zu treten, und man wird wohl keinen einzigen Ausnahmefall anführen können. DaS, was fich jüngst als solcher erwies, fand auch sofort seine Aufklärung. Der komische Zwischenfall hat sich in der Wiener Hofoper bei der letzten Probe der „Zauberflöte" ereignet. Bei der Thierscene hatte der Jnspicient einige Knaben als Löwen, Tiger, Affen rc. eingekleidet und dahin iustruirt, daß sie auf sein entsprechendes Commando herauSzukommen hätten. ES kommt also das Stichwort. Der Jnspicient ruft hinter die Conliffe: „Löw' heraus!" Der Bub geht nicht. Unwirsch fragt er: „Ja, warum kommst Du denn nicht heraus, Löw'?" Da antwortet der Knabe schüchtern: „Ich heiße doch nicht Löw, sondern Löwh".
♦ Anzengruber und daS Autographensamweln. DaS Wiener Extrablatt veröffentlicht nachstehendes, bisher un* * gedrucktes Autogramm Ludwig Anzengrubers:
DaS Autographensamweln ist Im Grunde eine kleine Schwäche, Ich geb' ihr nach, verlangt nur nicht, Daß ich mir d'rob den Kopf zerbreche, Denn zu Gedanken oder Witz Vermag mich das nicht anzusttftev. ES gilt die Probe meiner Schrift Und nicht die Probe meiner Schriften.
L. Anzengruber.
Penzing, 10. December 1885.
• Ein Patheugefchenk. Zu feiner Taufe, bei welcher der Prinz von Wales al» Hauptpathe erschien, hat der Sohn de» Herzogs von Marlborough von seinem Großvater mütterlicherseits einen Check über eine Million Dollars (vier Millionen Mark) alsPathengeschenk erhalten. Auf dem Check war ein Zettel befestigt, der die Worte enthielt: „Als Taschengeld sür meinen Enkel. K. W. Banderbilt." Leider find nur wenige Großväter in der Lage, ihren Enkeln ein so hübsches Sümmchen aufs Steckkiffen zu legen!
Htiirerfttäfs - Nachrichten.
— Der bisherige zweite Asfistent am pathologischen Institut der Unwersttät Göttingen, vr. W. Ophüls, ist als Professor für vathologische Anatomie und Bacteriologie nach Columbia an die Universität von Missouri berufen worben.
eine Dogge merkwürdig niedrige Beine — so kam eS mir vor, und sein eifrig wedelnder Schwanz war so ein bischen rattevkahl. Ich gab endlich diesen Bedenken schüchtern Ausdruck, aber da kam ich Übel an. Der Meister fuhr, ordentlich beleidigt, auf mich los. DaS wäre alle» nur ganz natürlich bei einem so jungen Thier, und sonst — ja, sonst fände ich eS ja auch sehr schön, fiel ich^ihm ein, nm den aufgeregten Herrn etwas zu beruhigen.
„Na, sähn Se," sagte er vorwurfsvoll und fuhr fort: „Und wenn Se sonst nicht glaube, was daS ämol for 8 jcheener Hund wärd, so sähn Se fich vor do sein' Mntter an!" und er wie» hinter mich in den Stall. Ich drehte mich um. Herrgott, das war ja das vermeintliche Kalb, ein richtiger großer, gelber Schlächterhund, der, nun ja — im 10. Grade bittet von einer deutschen Dogge abstammen mochte. Wenn die Aussicht, daß der Kleine nach der Mutter schlagen werde, eine Empfehlung sein sollte, so wußte ich doch nicht recht. — Um meine Verlegenheit etwas zu bemänteln, fragte ich nach dem Preis. Vielleicht unter dem Eindruck meiner nicht gerade freudig Überraschten Miene nannte der diplomatische Meister 4 Mk. Nun, daS war ja allerdings kein Geld für eine junge Dogge, waS fich ihr Besitzer auch gleich zu versichern beeilte. Ich betrachtete indessen immer noch unschlüssig daS seine» wahren Werthe» offenbar uobewußte Kaufobject, da» in zuversichtlicher Freude weiterwedelte. Ein Gedanke durchzuckte mich: Wenn der Vater deS ThiereS nun aber ächt war, so wäre doch vielleicht eine gewisse Gewähr vorhanden, daß aus der Nachkommenschaft etwas würde. Ich fragte deßhalb den Meister nach diesem Hundepapa. O, daS war ein StaatSthier, in Apolda dtplomirt, eine große Tiger- dogge, 95 Ctm. Rückeuhöhe u. s. w. Nun war mein Entschluß gefaßt: ich wollte den Versuch wagen, ich gevirte mich auch, unverrichteter Dinge wieder abzuziehen, — kurzum, ich legte meine 4 Mk. in die Hand deS sein Käppchen ziehenden Meister», der bann dem Thier eine Schnur um den Hals band, und zog, den widerstrebenden, heulenden kleinen Kerl hinter mir herschleifend, auf die Straße hinan».
(Fortsetzung folgt.)


