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6.6.1897 Zweites Blatt
 
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1897

S-mriag den 6. Juni

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Zweites Blatt

Gießener Ailzeiger

Generat-Wnzeiger.

Die Gießener

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K f i ngfl e n.

Das Fest der Pfingsten war unter len Juden das Fest der Ernte, unter unseren heidnischen Boreltern daS Fest deS grünenden Laubes, der Maien- auch für unS umfaßt «s diese Feste mit, aber es erhebt fie in den Geist, es pflanzt die grünenden Maien in unser Herz, es sammelt die reifen Früchte deü Geistes.

Dieses Fett ist das letzte der hohen Feste der Christen- bett. ES ist der Gipfel- und der Schlußpuukt von allen. LS geht auch über daS HtmmelfahrtSfest noch hinaus und macht gleichsam den Weg zurück von dem Himmel auf die Erde. ES ist nicht nur der Christus dem Fleische nach, der einst über diese Erde gewandelt, dessen Feier wir heute begehen im dankbaren und bewundernden Erinnern, eS ist der erhöhete, der zum Geist verklärte Christus! Nicht der vergangene, der vor länger als 18 Jahrhunderten lebte, nein! der Gegenwärtige, der in seiner Gemeinde fortlebt und wirkt, der mit seinem Odem unter uns wehet bis hierher! Und in diesem Ginne ist daS Pfingstfest daS höchste, das alle anderen in sich zusammenfaßt. Der Herr ist der Geist, so sprechen wir heute und dies Fest ist ein Fest des Geistes!

Geist! Welch ein weites und vieldeutiges und Alles «aS da lebt beherrschendes Wort ist dies! Wer vermöchte seine geheimnißvollen Kräfte alle zu ergründen, wer die Macht seines Wirkens in arme enge Worte zusammenzufassen? Wir nennen ihn den heiligen Geist- und das Eine wissen wir, tr stammt nicht von unten her, er ist nicht der leichtfertige Geist der Welt, nicht der wechselnde, treulose Geist der Zeil, nicht auS Ginnen und Leidenschaften geboren, er siammt von oben her, er ist auSgeströmt aus der ewigen Quelle auS Gott selbst!

Und bann, auch das wissen wir: eS ist der Geist auS Gott, der wohl von Anbeginn waltete in dieser Welt, der aber in seiner ganzen Fülle und Reinheit sich erst in Jesu Christo offenbaret hat! Es ist sein Geist, von dem seinen genommen! O! wie unendlich verschieden find die Offen­barungen und Kräfte dieses Geiste-, wie reich, wie kaum faßbar ist noch immer die Fülle seiner Erscheinungen und Wirkungen. Seine Gaben find ja nicht erschöpft in jenen

wunderbaren Zungenreden deS ersten Pfingstfestes, auch nicht in den Geistesgaben der jungen apostolischen Kirche. Nicht im Wort allein offenbart sich dieser Geist, in Zungen- und Prophetenreden, in Lehre und Ermahnung, ebenso sehr in der That, in dem Regiment der Kirche wie in der Erziehung der Einzelnen - nicht in der Begeisterung allein, ebenso sehr in der Besonnenheit, nicht in der Weisheit allein, ebenso sehr in der Liebe. Dieser Geist ist ein Helles Licht und ein warmes, loderndes Feuer, ein Geist der Wahrheit und der Treue, ein Geist des Kampfes und des Friedens, ein Geist der Kraft und der Beugung, des MutheS und der Demuth.

Diesen Geist braucht auch unsere Zeit, und diesen Geist will der Herr immer von Neuem auSgießen über alle Menschen. O! daß auch in diesen Pfingsttagen von Bielen heißen dürfte: Sie wurden voll de- heiligen Geistes!"

* Abgestürzt ist am Dienstag der Wiener Kaufmann Niklas gelegentlich einer Bergpartie, die er auf daS Grimmjoch bei Zirmenhof in Tirol unternahm. Der Verunglückte verstarb nach kurzer Zeit.

* Auf der Hochzeitsreise. Ueber einen Unglückes all- auf dem Gardasee wird derN. Fr. Pr." auS Riva vom 15. Mat berichtet: Herr Anton GerlSpech, Gerichtsaccesfift in Landshut, welcher erst Mittwoch den 12. Mat geheirathet und hierauf sogleich die Hochzeitsreise angetreten hatte, kam mit seiner Frau, einer großen hübschen Dame, am 14. Mai hier im Hotel Musch an, und beide machten heute um 11 Uhr Vormittags auf dem Gardasee eine Vergnügungsfahrt in einem Segelboote, welches der etwa 50jährige Schiffer Maz- zoldi und sein junger, des Schwimmens nicht kundiger Sohn lenkten- Es blies ein ziemlich scharfer Nordwest. Am Fels­vorsprung unterhalb derBella vista der Ponalstraße, wo es selten windstill ist, brachte ein heftiger Windstoß das ziemlich kleine Segelboot zum Umkippen, und die vier Per­sonen stürzten kopfüber ins Wasser. In diesem Augenblicke kam der auS Italien einlaufende DampferMocenigo" (mit dem Kapitän Ttozzo) in die Nähe und leistete den Verun­glückten sofort Hülfe - dasselbe thaten mehrere Schiffer auS

Riva. Der Matrose Flortoli, einer der bravsten der Garda­see-Schifffahrt, löste eiligst ein kleines Rettungsboot und ruderte allein zu den mit dem Tode Ringenden. Herr GerlSpech rief ihm zu:Retten Sie meine Frau! Sie kann nicht schwimmen, ich kann das Boot erreichen." Der Matrose zog die Frau, die durch ihren Kautschuk-Regenmantel glück- ltcher Weise über Wasser gehalten wurde, aber schon bewußtlos war, zuerst an den Haaren empor und hob sie dann mit der größten Anstrengung und bei dem hohen Wellengang mit eigner Lebensgefahr ins Boot, während die aus Riva herbeigeeilten Schiffer ihre beiden Genoffen, die sich am Segelbote fest- hielten, retteten. Da gellte plötzlich ein Schrei und Herr GerlSpech versank vor Aller Augen in den Wellen, ohne wieder zum Vorschein zu kommen. Niemand sah ihn mehr, Niemand konnte ihn retten. Ob ein Krampf ober ein Herzschlag die Ursache deS plötzlichen Versinkens war, bleibt unaufgeklärt. Die Leiche wird wahrscheinlich ebenso­wenig je an die Oberfläche kommen, wie alle bisher im Gardasee Versunkenen, denn immense Schlingpflanzen in der Tiefe lassen die Opfer nimmermehr in die Höhe. Der Frau GerlSpech wurde auf dem Schiffe vom Mitreisenden Dr. Reimann die erste ärztliche Hilfe geleistet, wodurch sie daS Bewußtsein wieder erlangte. Ihre erste Frage war nach ihrem Manne, aber man verschwieg ihr selbstverständlich sein tragisches Ge­schick und beruhigte sie mit den Worten, er werde bald kommen. Sie wurde ins hiesige Spital gebracht, wo sie nun in der Behandlung des Bezirksamtes Dr. Segalla steht. Dieser sagte, daß sie gestern Abends baß Bewußtsein letber toteber verlor unb baß ber Eintritt einer Lungenentzünbung zu befürchten sei. Ihr Auskommen ist sehr zweifelhaft. Für ihren Retter, ben Matrosen Florivli, wurde auf dem Schiffe sogleich eine Collecte eingeleitet, die ein ansehnliches Ergebniß hatte. Angesichts dieses Unglücksfalles wird wieder allgemein ber bringende Wunsch laut, die Behörden mögen des Schwim­mens unkundige Personen, denen Fremde ihr Leben anver­trauen, ferner nicht mehr als Schiffer thätig sein lassen. In der letzten stürmischen Woche sollen auf dem Gardasee auch bei Limone, Desenzano und PeSchiera mehrere Boote umgekippt und im Ganzen sieben Personen ertrunken fein.

Feuilleton.

Der Drand in drr Pfingstnacht.

Humoreske von Julius Pasig.

(Schluß.)

Tiefer Friede lag endlich über der Wohnung, als einige Stunden vach Mitternacht Herr Selke mit schweren Tritten die Treppe heraufstolperte. Die erschreckte junge Frau, die sich halb angekleidet aufs Bett gelegt hatte, ging ihm mit dem Lichte entgegen und fragte ängstlich, wie mit dem Brande stehe.

Brand?" lallte Herr Selke,o, ein coloffaler Brand I Aber laß mich nur hinein, ich fühle mich hier gar nicht gut!"

Und mein Bruder? War er bei dem Brande betei­ligt ?" fragte Marie mit Herzklopfen weiter.

Leider," war die Antwort,er hatte einen coloffalen Brand."

Ach, mein Gott!" rief fie, in Thränen ausdrechend, hat er viel verloren?"

Alleß hat er verloren ach, und mir tst fo schlecht!"

Inzwischen waren fie inß Schlafzimmer gekommen und Conrad gab nun die besten Beweise seines Unwohlseins, worauf er in den Sessel zurückfiel.

Ach Gott," jammerte Marie,jetzt wird er mir vor lauter Anstrengung auch noch krank, bekommt am Ende gar die Cholera- daß find ja alle Anzeichen davon."

Voll Angst unb Sorge half fie ihm, fich entkleiden und fragte bann toteber, waß auß ihrem Bruder würde. Endlich zu Bett gebracht und schon halb im Schlafe, erwiderte er, daß derselbe morgen mit Weib und Kindern kommen würde.

Die Großmutter hatte schon längst die Stubenthür ge­öffnet unb alle- mit angehört. Nachbern ber Kranke eio- gefchlafen war und schnarchte, daß schauerlich im Gemach viderhallte, kam fie herbei, um der ängstlichen Schwieger- rochter zu Helten und wieder alleß in Ordnung zu bringen. Sie öffnete daß Fenster, um ein wenig zu lüften, aber da qerieth die junge Gattin erst recht in Sorge- fie befürchtete, ber Luftzug könne ihrem hänfen Manne schädlich sein- fie lang die Hände und jammerte:Waß soll auß mir mit den Meinen Kindern werden, wenn er mir stürbe!" Die Groß­

mutter tröstete fie, daß an dieser Krankheit so schnell keiner stürbe, und meinte, daß ihr Mann auch bisweilen solch einen nächtlichen Anfall mit heimgebracht habe und doch noch lebe. Höre, Marie/ sagte sie endlich,trinkt der Conrad?"

Trinken?" wiederholte die junge Frau verwundert, wieso? Er trinkt wohl sein Glaß Bier mit seinen Freunden ober einen Erholungßtrunk, wenn Feuer gewesen ist, aber betrunken habe ich iHv noch nie gesehen."

Noch nie gesehen?" sagte beinahe schmunzelnd die Großmutter,daß ist ja ein wahreß Glück sür Dich- doch nun, mein Kind, geh zu Bett, morgen wird schon alle- wieder bester sein, er schlaft ja jetzt."

Aber morgen kommt mein Bruder mit Weib und Kindern zu unß - ich weiß gar nicht, wie ich die alle unter­bringen soll."

Nun, beruhige Dich nur, da nehme ich einige mit mir nach Hause," meinte die Großmutter,bei solch einem Un­glück muß matt seinem Nächsten beistehen, fo gut geht. . Aber sag einmal: wie doch dem Conrad seine Kleider nach TabvkSqualm riechen! Ist etwa ein ganzer Cigarreuladen ausgebrannt und hat fich all ber Rauch in seinen Kleidern festgesetzt?" Und mit verstohlenem Lächeln kehrte fie in ihr Zimmer zurück.

Der Morgen tagte. Marie und die Großmutter waren längst auf den Beinen und auch die Kinder waren bereitß munter, in der Maschine brodelte daß Kaffeewaffer, aber Conrad schnarchte noch immer. Endlich, als die Kinder zu lärmen begannen, erwachte auch er.

Wie gehtß Dir?" fragte besorgt seine Frau.

Ach, liebe Marie, bringe mir doch eine Taffe schwarzen Kaffee, mein Kopf ist mir fo wüst, wird mir dann bester werden."

Alß er den Kaffee getrunken hatte und, anfgefrischt durch daß kalte Waschwasser, in der Wohnstube erschien, sah er in der That schon bedeutend bester auß, und Niemand hätte ge­ahnt, daß er diese Nacht so schrecklich krank gewesen.

Nun ober erzähle," drängte die Mutter,wie ist'S gestern Abend ergangen?"

Ja, erzähle! Ach, muß schlimm außsehen, denn nichtß ist trauriger alß abgebrannte Häuser mit ihren mitten» hasten Mauern, die wie um Erbarmen flehend zum Himmel ragen," seufzte Marie.

Ja, wovon sprecht Ihr denn?" fragte Conrad, ganz erstaunt über die Gefühlsausbrüche feiner Fran.

Nun, wovon denn ander-, al- von meinem Bruder. Du hast mir doch selbst diese Nacht gesagt, daß er einen großen Brand gehabt und heute mir Weib und Kindern zu unß flüchten werde."

Daß habe ich gesagt?" rief er, fich vor Lachen auß» schüttend.Nun ja, ich gebe zu, daß er einen Brand hatte, daß heißt, er war ettoaß berauscht, und daß er heute mit seiner Familie kommen will, meine gute Mutter zu sehen und den Fefikuchen vertilgen zu helfen, ist auch richtig."

Aber Du sagtest ja, er hätte alles verloren?"

Verloren? Wieso?"

Ja, ja, daß hast Du gesagt- alle- habe er verloren."

Ach ja, richtig. Jetzt besinne ich mich." Damit griff er in die Westentasche und holte mehrere Thalrrstücke hervor. Sieh, die habe ich gestern Abend im Scat gewonnen und Dein Bruder war der einzige Verlierer. Da, nimm daß Geld und kaufe Dir für die zerbrochenen Sachen etwas anderes."

Ja, aber wo hat denn gebrannt?"

Nirgendß - war nur blinder Feuerlärm. Einige Jungen hatten Holz und Stroh zusammengeschleppt, um ein Pfingstfener anzuzünben, baß hatte der Thürmer für eine Feuerßbrunst gehalten unb zu stürmen begonnen . . . Aber jetzt, liebe Marie, laß mir einen Häring holen, baß ist doch daß beste Mittel gegen den Katzenjammer."

Mit offenem Munde starrte die junge Frau ihren Mann an.

Katzenjammer? Also Du warst berauscht?"

Nun," begütigte die Großmutter mit schalkhaftem Lächeln,einmal hast Du ihn doch zum ersten Male so sehen müssen - Du weiht nun wenigsten- im Wiederholnng-falle, daß er an dieser Krankheit nicht stirbt."

Am Nachmittag fanden dann die so glücklich dem Feuer Entronnenen fich ein- Conrad erzählte, wa- fich zugetragen unb alle lachten herzlich über da- Borgefallene. Großmutter aber erklärte beim Abschied, daß fie selten so vergnügte Fest­tage verlebt. Dem alten Vater hat sie nach ihrer Rückkehr dieBravdgefchichte" ganz genau erzählen müssen und dieser war nicht wenig erfreut darüber, daß sein Conrad ihm so ähnlich geworden war.