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Nr. 81
Der Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aamikienökätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelcgr.
Zweites Blatt. Dienstag den 6. April
1897
Gichmer Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Vierteljähriger Aöonnemeatspreis r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogeir
2 Mark 50 Pfg. j
Redaction, Expedition und Druckerei»:
-chulgraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
2lnrts- und Anzelgeblntt füv den TLveis Gieszen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
Hratisöeifage: Gießener Aamitienökätter.
Alle Annonccn-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. rnsMsn ii .
Feuilleton.
Ichouseit.
Von M. Roda-Roda.
(Nachdruck verboten.)
Bom vorigen Jahre gor nicht zu reden! ES war noch ärger, Heuer. — Ich dachte manchmal, el müsse anders werden ... und es ward nicht besser. Der Kreis zog sich immer enger und enger um mich, bis ich armes, gehetztes Wild mich aus der Schußlinie brauner, blauer und schwarzer Augen durch einen kühnen Ausflug rettete.
Keinen Ball, kein Kränzchen hatte ich versäumt, weder im Larneval, voch der „Nachzügler" eins. Ich hatte mit ihr entschieden zu oft getanzt und die Antwort, die aus ihren rosigen Lippen schwebte: „Sprechen Sie mit Mama!" nur mit knapper Noth verhütet. Daß ich ein Meister darin sei, den Kops so oft unverletzt unter dem Damoklesschwerte hervorzuzieheu — dies Zeugntß durste ich mir mit gerechtem Stolze auSstillen.
Und jetzt — gerettet, geborgen — vor allen — hu — HeiraihSanträgen--zu Hause bei Mama und Papa.
Ach, eS war entzückend!
DaS leise Klingen von der Höhe oben war die Marien- glocke deS Klosters,- voll fetzte die große Domglocke ein. Summende Bienen, weißblüheode Kirschenbäume und ein wonniges Gefühl im Herzen — das alle- zusamen gab die rechte Ostersonntagstimmung.
Ein leichter Schritt ließ mich die Nähe meiner Schwester vermutheu. Ich blieb in meiner nachlässigen Stellung an das Fenster gelehnt.
„Guten Morgen, Richard I"
„Morgen, Lila!"
Das Gespräch entspann sich. WaS wir sprachen — ich weiß eS nicht mehr- — nur das eine blieb mir im Ge- dächtoiß, daß ich nach einer traulichen halben Stunde wußte,
ihre Freundin Minna sei ein Prachtmädel, von meiner für» I sorglichen Schwester erkoren, mir mein Leben zu verbittern, I d- h- mir eine zärtlich zu liebende Gattin zu fein Und meine Züge verzerrten sich vor Angst und Grauen in so schrecklicher Weise, daß meine Schwester bald, niedergeschmettert von meinen empörten Worten, mich um Verzeihung bat, auch nur in Gedanken an den Leitseileu meines Schicksals in kindisch unvorsichtiger Weise gezupft zu haben. — Von dieser Seite war ich gesichert. Ich Hostie aus zwei Tage Rast — und wenn ich bedachte, daß ich nach den Feiertagen wieder in die Nähe Carlas und ihrer Mutter wußte, da gönnte ich mir die Erholung so recht ouS tiefster Seele, um mich allen zu erwartenden Angriffen und Stürmen gegenüber gewappnet zu wiffen.
Ich sollte nicht Ruhe finden. In den nächsten Tagen machte mirS Mama klar, daß ich als Junggeselle nicht da- Leben genieße, daß es unbedingt die Seligkeit des Mannes au-mache, zu Hause nach tödtlicher Bureauarbeit eine schmollende Gemahlin, ein halbes Dutzend quiekender Kinder und verpulverten Braten zu finden. Und ich beugte mein Haupt in Demuth und kindlichem Gehorsam, ließ mir erzählen, wie brav, nett und liebenswürdig Mamas Pathenkind, Auguste Margold, sei..
Ich habe sie nicht gesehen. Ich wollte ihr auSweicheu und eS gelang mir. — WaS ist denn nur gar so Schönes an mir, daß sie wich alle haben wollen! Ich selbst — wahr- hastig, ich würde mich nicht heirathen.
Meiner guten Taute Leonore mußte ich auch einen Besuch machen. Die bitterste Pille, die ich zu schlucken bekam, vorsichtig und gewitzigt, wie ich nun einmal bin, fing ich an, von der Oper zu sprechen, ging dann sanft auf wirksames Rattengift über und berührte im weiteren Verlaufe der Son- vrrsation die neuesten Versuche mit Röntgenstrahlen, den Stand der Nordbahnactien, die Pest in Indien, gab einen klaren, sachlichen Ueberblick über die GeisteSthätigkeit der Möpse zum besten und so kamen wir endlich — heilige
Mutter Gottes hilf! — auf die Mädchenerziehung von heute und auf das Heirathen zu sprechen.
Mit überzeugender Wärme schilderte mir die Tante, waS für ein Juwel meine Cousine Toni sei. Wie sparsam, wie häuslich, wie gebildet — und der Schluß ihrer Rede lautete: „DaS Fett von der Suppe läßt das gute Kind nicht unbenützt zu Grunde gehen! In Gedanken machte ich vor Toni eine tiefe Verbeugung, laut sagte ich ausstehend: „Nun, dann wird sich wohl in Kürze ein Würdiger finden, um Toni als HauSehre heimzuführen."
Meine Tante lächelte in eigenthümlicher Weife — wir lief eine kalte Gänsehaut über den Rücken. Dies Lächeln kannte ich — und am besten von CarlaS Mutter.
„Ach, die Kleine," meinte sie süßlich, „fie hat solch einen besonderen Geschmuck." Ihr Blick glitt in unzweideutiger Weise an mir herunter. „Ihr wäre nicht der erste Beste recht."
*
Drei ruhige Wochen verlebte ich in einem Dörfchen bei Auffee. ES war ein wunderschöner Maitag. Ich lag im Grase unter einer mächtigen Eiche hiogestreckt mit geschloffenen Augen und horchte mit halbem Ohr auf daS lustige Vogelgezwitscher. Meinen Rock hatte ich abgelegt und wirs in jeder Weise bequem gemacht. Ich dachte an die wilde Flucht aus dem Elternhause, an alle, die mich gejagt hatten, seit ich majorenn geworden, — und dann an — etwas viel Angenehmeres.
Hinter mir schrie Jemand auf. Erschreckt fuhr ich empor, erschreckter noch blickte ich die Gestalt an, die vor mir stand und wich mit schwarzen Tollkirschenaugen fixirte. Dann fuhr ich — geistesgegenwärtig genug — in weinen Rock und präsentirte mich in verhältnißmäßiger Anständig- keit den Damen.
(Schluß folgt.)
3287
Der Vorstand.
M. Kann, Kirchenplatz
1809
33392
Dienstag den 6. er.,
Abends von 8 bis 10 Uhr, im Vereinslocal — Postkeller — stattfinden.
Es werden hierzu die Herren Prinzipale und Eltern der Schüler, sowie die Mitglieder des Kaufmännischen Vereins freundlichst eingeladen.
Kaufmännische Fachschule,
Die diesjährige öffentliche Prüfung der Kaufmännischen Fachschule soll
Mäumungs-Ausverkauf.
Vor Eintreffen meiner Frühjahrsneuheiten verkaufe sämmtliche Waareu von jetzt ab bis 1. April dieses Jahres mit IO pCt. Rabatt. Mache ganz besonders auf schwarze Kleiderstoffe aufmerksam.
oder ausgedienten Lehrerinnen.
b. Jahresbericht für 1896.
c. Rechnungsablage.
d. Gesellige. Vereinigung im „Darmstädter Hof."
Der Vorstand.
General-V er Sammlung*
des
Vereins hessischer Lehrerinnen
zur Gründung eines Heims.
Ilnter Allerhöchstem Srotectorat I. K. K. der Großherzogin.
Mittwoch, den 21. April 1897, Nachm. y44 Uhr, im Rathhaussaale zu Darmstadt.
Tagesordnung: a. Vorschlag des Gesammtvorstandes, in Darmstadt in freier und gesunder Lage ein Haus zu miethen zur Aufnahme von stellenlosen, erholungsbedürftigen
Städtischer Arbeitsnachweis Gießen.
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Gießen, den 31. März 1897.
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