Nr. 260 Zweites Blatt. Freitag den 5 November
Der Kietzeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener A>« milien b lä tter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Meßener Anzeiger
General-Mnzeiger.
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Redaction, Expedition und Druckerei:
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Äints- tmb 2lit$et0eblati fuv den I!vers <Aie?zen.
Gießen, den 2. November 1897.
Betreffend: Den Rundgaog der Feldgeschworenen.
Ni Großherzogliche.Meisamt Gießen
Mi die Grotzh. Bürgermeifterste« des SMUi»
Wir erinnern Sie, soweit Sie noch rückständig find, an die baldige Erledigung unser Verfügung vom 2. v. MtS. — Gießener Anzeiger Nr. 234.
v. Gageru.
Gießen, den 2. November 1897.
Betreffend: Ermittelung der laudwirthschaftlicheu Boden- benutzung und de» Ernteertrag» im Jahre 1897.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Soweit Sie noch mit Einsendung der rubr. Berzeichniffe im Rückstände find, erinnern wir Sie unter Hinweis auf
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Gießener Aamilienölatter.
Alle Lnnoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgeh«.
2lmtlid>er Lheit.
Gießen, 2 November 1897.
Betreffrud: Vertilgung de» Frostnachtspanners.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Gr. Bürgermeistereien des Kreises.
Soweit Sie unserer Verfügung vom 2. v. Mt». — Gießener Anzeiger Nr. 235 — noch nicht entsprochen haben, erinnern wir Sie au baldige Erledigung.
v. Gagern.
unsere Verfügung vom 16. Juni d. I. — Gießener Anzeiger Nr. 140 — an deren alsbaldige Vorlage.
v. Gagern.
Gießen, den 3. November 1897.
Betreffend: Das Landgestüt- insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestürsbeschäler pro 1898.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Sie wollen binnen 8 Tagen berichten, wieviele Scheine Sie im Jahre 1898 für zum Bedecken zu bringende Stuten bedürfen werden.
v. Gagern.
Deutsche» Reich.
Berlin, 2. November. Die Eingabe de» Verbände» deutscher Kriegsveteranen, daß die nicht Kriegstauglichen einer Wehrsteuer unterzogen werden sollen, wird jedenfalls den Reichstag beschäftigen. Abgesehen von den Gründen, die schon früher, z. B. von Treitschke, gegen eine Wehrsteuer angeführt worden sind, sollte ein Grund sür ihre Ablehnung durchschlagend sein! Der nämlich, daß die scheinbare Gerechtigkeit der Wehrsteuer eine thatsächliche Ungerechtigkeit ist. Die Vertheidiger der Wehrsteuer behaupten, daß in dieser Steuer einfach ein Aequtvaleut dafür läge, daß der vom Dienst Befreite feinem bürgerlichen Berufe nicht entzogen werde. Sie vergessen aber ganz, daß das Aequivalent für die Dienst- befreiuug schon darin liegt, daß der Befreite fich in einem Zustande befindet, der ihn in der Zeit, in der Derjenige, der
zur Dtenstpfllcht heravgezogen worden ist, wieder seinem bürgerlichen Berufe obliegen kann, dem andern gegenüber entschieden in Nachtheil setzt. In 99 von 100 Fällen ist ja Derjenige, der dienstfrei bleibt, an dem körperlichen Gebrechen, daS der Grund der Dtenstfreiheit ist, nicht schuld. Mag nun dieses Gebrechen körperliche Schwäche oder Kurzsichtigkeit, oder Schwerhörigkeit, oder Körperverwachsenheit oder irgend ein andere» Uebel sein, so wird der Betreffende in jedem Berufe, zum Mindesten aber in seinem außerberufltchen Leben benachtheiligt sein. Daß er aber für ein Uebel, unter dem er zeitlebens zu leiden hat und an dem er keine Schuld trägt, auch noch eine Geldstrafe zahlen soll — denn e» ist eine Art von Strafe und da» Wort Steuer hat nur einen besseren Klang — erscheint durchaus unbillig. ES ist deshalb kaum anzunehmen, daß die Volksvertretung einer Wehrsteuer, selbst wenn diese Forderung voa der Reichsregierung unterstützt werden sollte, zustimmen wirt. Sollten die zu erwartenden Ausgaben die Bewilligung neuer Mittel erheischen, so mag man lieber an Anderes denken.
* Kassel, 1. November. Au» dem hiefigeu Garnison»- Lazareth ist jetzt der letzte der Verletzten von der Eisenbahn- Katastrophe bei Kirchditmold, der Sergeant Gerhardt vom 171. Infanterieregiment, als so weit geheilt entlassen worden, daß er wieder zu gehen vermag.
• Heilbronn, 2. November. Ein beim Hauptpostamt hier aufgegebene» Werthpacket mit 7OOOMk. wird fett einigen Tagen vermißt.
Feuilleton.
CiukS Likdks Zauber.
Ein Erinnerungsblatt
auf den 50. Todestag Mendelssohn-Bartholdys. 1847. 4. November 1897.
Von C. Gerhard.
(Nachdruck verboten.) (Schluß.)
Da sein Vater die Nußbäume so geliebt, zog er sein Skizzenbuch aus der Tasche und begann den schönsten Baum .zu zeichnen. Die vielen Fremden, die vorüber gingen und ihn neugierig anguckten, wurde er erst gewahr, als er die Tochter des Försters erblickte. Sie schien ihm in der Nähe noch viel schöner, aber der schmerzliche Ausdruck um ihren Mund hatte sich noch verschärft, und die blauen Augen sahen aus, als hätten sie geweint.
Der Wirthin, die sie ansprach, antwortete sie m leidenschaftlich bewegten Worten: „Hätte ich nur einen Gruß von chm, eine Botschaft, ein Zeichen, daß er lebt! So ohne Nachricht wächst die Angst riesengroß". Das waren die letzten Worte, die der Fremde vernahm.
Das schöne Haupt ein wenig gesenkt, eilte sie davon. Die redselige Hausfrau aber erzählte ihrem jungen Gast, das holde Mädchen, welches sie als ein Muster von Liebens- Würdigkeit und Sittsamkeit schilderte, sei seit einem Jahre mit dem Förster aus Lauterbrunn verlobt. Der glückliche Bräutigam sei oft zu seinem schönen Bräutchen gekommen, und die Hochzeit sollte bereits im nächsten Monat stattfinden. Nun sehlre seit zwei Tagen jede Nachricht von ihm, dagegen käme immer neue Kunde von den Verwüstungen, die das Wasser in Lauterbrunn angerichtet. Was aber das Fräule am Meisten erschreckt habe, wäre die Botschaft, daß die Kander, der rauschende Gebirgsbach, Möbel und Hausgeräth herbeitrüge. Sie sei hingeeilt und habe den alten Schreib- secretär ihres Bräutigams auf den Fluthen schwanken sehen. Nun verzehre fie sich in Sorge um ihn und sie fürchte, er sei tobt. Bewegt lauschte der Zeichner der schlichten Erzählung; als er bald darauf einen Spaziergang machte, klang ihm immer noch die melodische Stimme des Mädchens in den Ohren, kamen ihm ihre letzten Worte nicht au» dem Sinn, die merkwürdigerweise denen eines Gedichtes seines greisen Freundes Goethe ähnlich waren, eines Gedichtes, das er schon immer geliebt.
Während er heimkehrte, glühten die Schneeberge in den herrlichsten Farben und klarsten Formen; die Brust weitete sich ihm, in seinem Innern wogte ein Meer von Tönen.
„Geben Sie mir ein Stück Notenpapier, verehrteste Frau Wirthin!" bat er.
„Da» hab' ich nit", lachte sie, „ba müssen Sie schon zum Herrn Pfarr' gehen".
Doch ber Herr Pfarrer war auch nicht musikalisch, wies den Fremden aber an Fräulein Margretli, des Försters Töchterlein.
Das Herz klopfte dem Jüngling, als er sich dem Häuschen näherte. Da lag es wie ein Idyll, von Mondeslicht umflossen, und wie die zur Erde herabgestiegene Poesie stand im Gärtlein die trauernde Braut.
Er stammelte alsbald seinen Wunsch; sie führte ihn in das niedere Zimmer, in dem ein aufgeschlagener Flügel stand. Geschwind suchte sie das Papier hervor, während er wie im Zauber eines holden Bannes zu ihr sagte: „Ich hab' im Kopse ein kleines Lied, das Ihnen in ihrer Sorge, von der ich hörte, vielleicht einen Trost geben könnte. Darf ich es gleich aufschreiben?"
Sie nickte nur, während helles Staunen fich auf ihrem Antlitz malte. Diensteifrig rückte sie ihm die altmodische Lampe zurecht und schaute ihm zu, die Hände unter dem Busen verschränkt. Sein Stift flog über das Papier. Wortlos setzte er sich dann an das Instrument und sang mit weicher Stimme und bewegtem Ausdruck das eben entstandene sehnsuchtsvolle Lied:
„Ein Bück von Deinen Augen in die meinen, Ein Kuß von Deinem Mund auf meinem Munde, Wer davon hat, wie ich, gewisse Kunde, Kann dem waS andres wohl erfreulich scheinen. Entfernt von Dir, entfremdet von den Meinen Führ' ich nur die Gedanken in die Runde, Und immer treffen sie auf jene Stunde, Die einzige, da fang ich an zu weinen.
Die ThrLne trocknet wieder unversehens; Er liebt ja, denk' ich, her in diese Stille, Und solltest Du nicht in die Ferne reichen? Vernimm das Lispeln dieses Liebeswehens, Mein einzig Glück auf Erden ist Dein Wille, Dein freundlicher zu mir. Gieb mir ein Zeichen!" Thränen überrieselten der Lauschenden Gesicht bei der wiederholten leidenschaftlichen Bitte: Gieb mir ein Zeichen! Als der letzte Ton verklungen war, reichte sie dem Compo- niften beide Hände. „Dank, tausend Dank! Diese Klänge gossen Balsam in mein wundes Herz. Wer aber sind Sie, der sie so in den Seelen der Menschen lesen können, ihren Gefühlen einen so tönenden Ausdruck zu geben vermögen? Gott hat Sie mit hohem Talent begnadet!"
„Ich heiße Felix Mendelssohn-Bartholdy", erwiderte er einfach. „Täglich danke ich meinem Schöpfer, daß er mir die Gabe verlieh, in Tönen meine Gedanken und Empfindungen ausklingen zu lassen. Die Musik ist ein Zauberbronnen —" „Und die Ihrige besonders!" fiel fie lebhaft ein. „Fremde haben manche Ihrer wundersamen Lieder hergebracht, und ich sang sie gerne; dieses aber ist das schönste".
„Und Sie sollen es als ihr Eigenthum behalten. Es möge Sie ausrichten, bi» der Glückliche wiederkommt, der Sie die Seine nennen wird!"
In demselben Augenblick rief draußen die alte Magd:
„Fräule, Fräule, hier ist ein Bote; er bringt einen Brief vom Herrn Förster!"
„Das Zeichen, das erbetene Zeichen!" jubelte Margrctlr; ihr reizendes Gesicht war in lichte Gluth getaucht. Während sie mit leidenschaftlicher Freude die Zeilen ihres aus schwerer Gefahr erretteten Verlobten las und sie an die Lippen preßte, verschwand Mendelssohn leise. Sie hätte geglaubt, die Begegnung geträumt zu haben, wenn auf dem Notenputt nicht das Blatt gelegen, das Blatt mit dem herrlichen Liede.
Als der junge Künstler am anderen Tage nach einem schönen Spaziergang auf den Harder wieder nach Interlaken kam, um den Nußbaum fertig zu zeichnen, tönten ihm aus der Laube des Forstgartens heitere Sttmmen, glückseliges Lachen entgegen, bei seiner Annäherung löste sich das Gretli erröthend aus den Armen des Geliebten, eines stattlichen Mannes, und bat Mendelssohn einzutreten. Er folgte nur zu gern ihrem Wunsche und saß gleich danach dem glücklichen Paare und dem alten Förster gegenüber. Margretlis Verlobter schilderte, wie das Wasser in sein Häuschen gedrungen und er sich nur mit Mühe habe retten können. „Das bitterste ist mir" schloß er, „daß wir nun mit der Hochzeit warten müssen, bis die Wände getrocknet sind". „So harren Sie allein während des trüben Winters aus", rief Mendelssohn „und im wonnigen Lenz führen Sie Ihr Glück heim!" „Vielleicht lockt der Frühling Sie dann auch her, Herr Mendelssohn", sagte das Mädchen, und Sie sind unser lieber Hochzeitsgast". „Gerne käme ich und tanzte mit Ihnen einen flotten Walzer, doch das nächste Jahr soll ernster Arbeit gewidmet sein. Damit Sie aber meiner doch an Ihrem Freudenfeste denken, will ich Ihnen noch ein Andenken hinterlassen".
Lachend eilte er in das Zimmer, auf dem Instrument fand er sein Lied: „Die Liebende schreibt". Auf die leergebliebene Seite schrieb er in Zauberschnelle drei melodiöse Walzer. Während das Brautpaar dann im geöffneten Fenster lehnte, spielte der junge Künstler ihm die reizenden Tänze vor, aber ob auch sein Mund lächelte, sein Herz war schwer im Gefühle des nahen Scheidens.
Mit festem Druck umschloß er de» Mädchens Rechte. „Leben Sie wohl und Gottes reichster Segen über Sie. Vergessen Sie nicht ganz dm Fremdling, dem es vergönnt war, Sie in schwerer Stunde zu tröstml"
„Immer will ich Ihrer denken, wenn Musik mein Ohr umklingt", gab sie mit umflorter Stimme zur Antwort. „Der Himmel schenke Ihnen ein so reiches Glück wie mir, denn Sie verdienen es!"
Träumend schritt er von dannen, lange blieb ihm in Herz und Sinn der dankbar glückliche Ausdruck ihres holden Gesichte». —


