Nr. 233 Zweites Blatt. Dienstag den 5 October
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Deutsche» Reich
Berlin, 2. Oktober. Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist heute Morgen von Baden Baden nach Berlin abgereist.
Berlin, 2. October. Wie die „Nordd. Allgew. ßtg/ hört, ist es richtig, bah der Bau von Avisos für die deutsche Murine eingestellt werden soll. Äußer Panzer« Schlachtschiffen und Küstenpanzern sollen künsttg nur noch »roße und kleine gepanzerte Kreuzer erbaut werden, von denen letztere in der gleichen Weise und zu gleichen Zwecken wie bisher die Aviso verwendet werden sollen. Aus diese Weise werde em Gch'ffStyp vermieden, der sich überlebt habe. Nebenbei bleiben Torpedoboote und Schulschiffe für die Ausbildung der Seecadetteu und Schiffsjungen bestehen. Die zum Ersatz der Aviso bestimmten kleinen Kreuzer würden durch einen Panzer gedeckt und mit schnellseuernder Artillerie ausgerüstet.
Berlin, 2. October. Das Reichepostamt hat nicht nur aogeordnet, daß bis auf Weiteres Post-Eleven nicht mehr angenommen werden sollen, cS sollen auch, wie tue „Volks- -eitnug" hört, keine Postgehtlfen mehr eingestellt werden, also Anwärter für die Assistenten-Laufbahn. Die Maßnahme hängt ersichtlich mit der geplanten Umänderung der Beamten- Verhältnisse zusammen.
Berlin, 2. Oktober. Der Redakteur der „Nat.-Ztg." Max Horwitsch ist heute früh im Alter von 64 Jahren gestorben.
Berlin, 2. Oktober. In Bezug auf die Form, in welcher die Ausgaben für die Durchführung de» neuen Mari neplane» verlangt werden sollen, wird der „9?at.« Ztg." bestätigt, daß die Entscheidung des am 7. October zusammentretenden BundeSrathS darüber noch auSsteht. Die Marine-Verwaltung hält eine Verständigung mit dem Reichstage über eine Grundlage, an der nicht in jedem Jahre gerüttelt werden könne, für uothwendig, indem sie jedoch zugleich betont, daß der Marine Verwaltung die Absicht einer Beschränkung des EtatrechtS deS Reichstage» durchaus fern liege. Wie diese beiden Gesichtspunkte vereinigt werden sollen, bleibt abzuwarten.
Berlin, 2. October. Zu den von der TageSpresse anläßlich der Gerichtsverhandlung über den Tod de» Lehrer- Gr ütter gegen die Staats Eisenbahn-Verwaltung erhobenen Borwürfen, daß die Züge auf der Strecke Torespol Schwetz nicht mit einer Zugleine versehen seien und daß benfelbtn außer dem Locomotivführer und Heizer besonderes Begleit
FcttMeton.
Susis Modifikation.
Humoreske von Martha Renate Fischer.
(2. Fortsetzung.)
„Sei wem warst Du zu Besuch, Susematz?- fragte ihr Mann vergnügt.
Sie zögerte, ob sie die Antwort etwa umgehen könne, nahm sich bann aber zusammen unb sprach ernst und langsam, bie Liber tief über die Augen gesenkt: „Wohl — bei Major Wegner?"
Der Assessor räusperte sich unb bekräftigte ebenso hastig wie geräuschvoll:
„Wie gnäbige Frau befehlen! Ganz richtig, — bei Major Wegner."
Aber er buchte: Wegner? wer ist beun baS? Wegner?
Man hatte Platz genommen. Sufis Mann hatte bie frohe Laune verloren. Der Assessor, ber eS bemerkte, zwang sich, lebhaft zu sein, nnb da er ein Unterhaltungtkünstler ersten Range- war, gelang eS ihm sehr halb, bie unbehagliche Stimmung zu verscheuchen.
Sufi latte unb ihr Manu nannte fie Kerlchen unb Lumpengefindelchen. Da pusstrte e», baß sie ben Gast eifrig anrcöete, mitten im Wort abbrach, enöthete und zu Boden sah. Dazu eine kleine Mimik von Jammer und Erschrecken. Und kaum hatte der verblüffte UnterhaltungSkünstler die Ge wüthlichkeit wieder annähernd in Fluß gebracht, da kam auch wieder da- ominöse „Herr Affff —" mit Stocken, Erröthen, Augenniederschlag und VerzweiflungSgeberbe.
Sufi- Mann mußte in die Sitzung — er war Vorstand von einer Sportgesellschaft — aber er forderte ben Assessor vicht auf, bei feiner Frau zu bleiben; er faßte ihn, wie um ihn ganz sicher zu haben, beim Arm unb schleuberte mit ihm die Straße hinunter.
Da sprach nach einer kleinen Pause ber Assessor also: „Glücklicher Mensch," sagte er, „wa- hast Du für eine entzückende Frau! Sie ist ja unbegreiflich schön geworben —
personal nicht beigegeben werde, bemerkt der „Reichs-Anzeiger", daß es sich um eine Nebenbahn handle, auf der Zugleinen vicht mitgeführt werden. Auch die Einrichtung, daß den Locomotivführern zugleich der Zugführerdienst mit Übertragen werde, widerspreche nicht einer Vorschrift. In dem vorliegen, ben Falle mürbe es allerdings, so schließt da» amtliche Organ, bei stärkerer Zugbenutzung an dem Wahltage zweckmäßiger gewesen sein, wenn dem Locomot'vsührer ein weiterer Begleitbeamter beigegeben worden wäre, wie da» ber für besondere Anlässe gegebenen Vorschrift entsprochen haben würde. Ob dadurch da» Verbrechen verhrndert worden wäre, erscheine allerdings zweifelhaft.
BreSlan, 2. October. Wie der „Bresl. Gev.-Anz." aus Ratibor erfährt, wird Kaiser Wilhelm Mitte November auf Schloß Kerschelna al« Jagdgast de» Fürsten v. WischnowSkt erwartet.
totales tmfc provinzielle».
** Eröffnung der Neubaustrecken Friebberg-Huugen nnb -riedberg-Nibba. Der 30. September war ein Freuden- tag für einen großen Thetl der Wetterau, brachte er doch die Eröffnung ber neuen Bahnlinien Friedberg-Hungen und Friebderg Nidba. Was die Bewohner der östlichen Wetterau fett langen Jahren ersehnt, erwünscht haben, ging an diesem Tage in Erfüllung; sie find jetzt dem Eisenbahnnetz angeschloffen, dem Weltverkehr näher gerückt. Um 91/, Uhr setzte fich der EröffnungSzug mit den erschienenen Staats- unb Bahnbeamten sowie den geladenen Gästen von Friedberg au» in Bewegung. Als Vertreter de» Staats waren erschienen Herr Fmanzminiiter Weber Exc., die Herren Geheimerath Michel, Ewald und Wieland. Als Vertreter der Bahn waren anwesend die Herren ber Betriebsinspeetionen 1 unb 2 auS Gießen, sowie die Herren ber Maschinen- und der Verkehr»- Jnspection Gießen; die Eisenbahn-Direelion Frankfurt a. M. war durch Herrn Reg. Rath Schulze-Nickel vertreten. Ferner waren Vertreter der beiden Kammern de» Landtag», ber Provinz unb be» Kreises erschienen, als Vertreter der Provinz Herr Proviazial-Direetor Frhr. v. Gagern, als Vertreter des Kreises Herr Geh.-Reg.-Rath Dr. Braden. Sämmtliche Stationsgebäude der beiden Linien waren festlich geschmückt und überall halten fich Vereine, Schulen und Bewohner aufgestellt, um den Festzug mit Gesang und Mufik zu empfangen. Ucberall wurden herzliche Begrüßungsreden gehalten, welche von der Freude der Bewohner zeugten, dem WeltverkehrS
netz angeschloffen zu sein. Besonder» herzlich war der Empfang auf den Stationen WölferSheim-Södel, Obbornhofeu-Beller»- hetm, Echzell und Reichelsheim. Exe. Weder erwiderte die einzelnen Ansprachen, worauf die Stationsgebäude eingefeheu wurden. Gegen 1/l12 Uhr kam man endlich nach Hungen. Kurz vor der Station vereinigt fich der Schtenenftrang Friedberg-Hungen mit dem der Linie Gießen-Hungen- Gelnhausen. Um 12 Uhr wurde im „Solmser Hof" in Hungen ein kräftiges Frühstück eingenommen, sowie eine kleine Rast gemacht, bis man kurz nach 1 Uhr wieder den Zug bestieg, um über Nidda-Beienheirn nach Friedberg zurückzugelangen. In Nidda wurde wiederum Aufenthalt genommen, um im „GarnbrinuS" ein GlaS Bier zu trinken, worauf um 2*/4 Uhr ber Zug weiter ging. In Grunb- Schwalheim benutzte mau bie Gelegenheit, das bekannte unb vorzügliche Römerbrunnenwasser zu trinken, welche» ber Besitzer deS Brunnens in liedenSwürbigster Weife zur Verfügung stellte. Der Empfang in WickeSheim schien Sr. Excellenz ganz besonberS zu gefallen, namentlich aber ber Kranblühender, schöner Jungfrauen, welche die Gäste mit Blumen begrüßten. 4’/4 Uhr kam man wieder in Friedberg an, um im „Hotel Trapp" ganz vorzüglich zu Mittag zu speifen. Bon den hierbei gehaltenen Reden seien nur einige erwähnt. Herr Provinzial-Director Frhr. v. Gagern führte au», e» sei zwar keine welterschütternde Begebenheit, die man feiere, wohl aber doch ein wichtige» Lreigniß in der Geschichte der Wetterau. Er rühmte die Treue de» Hessenvolkes zu Kaiser und Landesfürst, die fich aufs Neue gezeigt habe und brachte ein Hoch auf beide Fürsten au». Herr Graf Solms-Laubach Erlaucht feierte Se. Exc. Finanzminister Weber als Förderer ber Bahnen unb wie» auf bie schwere Arbeit hin, die da» Ministerium gehabt habe unb wie nun Alle» zum Guten auSgegangeu sei. Die Rede schloß mit einem Hoch auf die Staatsregierung. Se. Excellenz erwiderte und dankte den Commisfionen und Arbeitern für Ihre gehabte Mühe und Arbeit und endigte in einem Hoch auf die Commisfionen. Herr Reg. Rath Schulze-Nickel bankte den vauräthen und Ingenieuren und brachte ein Hoch auf dieselben au». Herr Geh. Reg. Rath Dr. Braden dankte den Unternehmern unb Arbeitern, welche er hochlebeu ließ. Zum Schluß wollen wir noch die Rede des Herrn Grafen Oriola erwähnen, in welcher er der Wetterau und ihrer Bewohner gedachte nnb bie Hoffnung aussprach auf baldigen Ausbau ber Linie Friedberg-Homburg. Die Festversammlung blieb bi» gegen 10 Uhr im Hotel Trapp zusammen.
Mägdelein — Bube — Weid — in schönster Harmonie vereinigt. Aber ich muß um sechs Uhr bei HendrichS sein, also addio!" schüttelte dem Freunde die Hand, wandte sich unb machte ben Weg zurück, ben beibe soeben gekommen waren, bachte dabei: „Schade, schade! Reizende» Weibchen--
aber ohne Zweifel ein bischen übergeschnappt!--Armer
Kerl!"
Unb Friebrich Höfer, ber auf dem gleichen Platze geblieben war, buchte fiunlo» im Schmerz, Wuth, Eifersucht eine Anzahl Bezeichnungen, bie fich auf seinen lieben Freunb bezogen unb ihn selber srnnrnt und sonders staatsanwaltrfrei machten. Dann kehrte auch er um und stürmte den Weg zurück. Was interesfirte ihn jetzt Fahrradbahn, Fechtboden, Lawn-TenniSplatz — was die Sommer-EiSbahn und die elektrische Kegelbahn, wo er die heilige Flamme seine» Herde» zu hüten hatte!
Er war daheim, öffnete bte Corridorthür, durchschritt Speisezimmer, Salon Nummero ein«, Salon Nurnmero zwei, Mufikzimmer, unb hörte — an ber Thür von Sufis Boudoir angelangt — hörte die wichtige, lispelnde, naive Stimme feiner kleinen Frau mit einem weinerlichen, rührenden Zischlaut also sprechru: »Herr Affseffsor! — Herr Affseffsor! — Nehmen Sie gefälligsst Platzzz, Herr Affseffsor!" — — Sodann trat eine Pause ein, in welcher nicht das mindeste zu vernehmen war. Nach einer Pause aber ließ fich Sufi» Stimme im klagenden, zarten Tonfall wieder hören:
„WaSS ffiehfst Du mich ffo traurig an, Wo Alles» froh erscheint.
Man ssieht Dir'S» an den Augen an, Gewißß Du hasst geweint.
Herr Affseffsor! — Ich beschwöre Sfie, Herr Affsesffor —- Und wieder eine Pause, eine fürchterliche, weil lautlose Pause.
HöferS Gedanken kreisten, rasten, ohne Ordnung unb bie Möglichkeit ber Zügelung. Er trat einen Schritt zurück, preßte bte Stirn, hörte habet bie Stimme seiner grau mit einem jämmerlichen, verzweifelten AuSbruck sprechen, schlich wieber heran — — stand — — lauschte.
Sufi sagte: „Isst e«S nicht die höchste Sfehnsucht deS» FraucnherzzenS»--bie ffüßßefste Sfeligkeit? — ssrhen,
ffenfzzen, siaugen — Ssäbel, Ssalzzwassser--" Und
dann urplötzlich mit wüthender Leidenschaft unb einem rappligen Stimmchen, al» werbe fie niesen: „Z—z—zebra--
Z—z—zwieback, Z—z—zachariasS!" Unb Höfer, dem ba» Herz vor Grauen, Schmerz unb Entrüstung still zu stehen drohte, hörte, wie Sufi in herzbrechende» Schluchzen verfiel. Aber merkwürdig: er vernahm keinen anderen Laut, dagegen immer nur Sufis Stimmchen.
Er drückte facht gegen bte Thür: fie war zngefchloffen. Zugleich hörte er, tote Sufi in höchster Extafe auSrtef: „Küssse mich!" — unb rüttelte an ber Klinke.
Ein Schrei. —
Stille.
ei
Susi machte auf unb sagte betreten:
Friebrich!"
„Wer ist bei Dir?"
„Niemand."
„Wer sprach hier?"
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„Unb . .
„Friedrich--
„Nur ich.-
Höfer stellte fich vor feine Frau unb sah fie an: fie erschien gleich einer ertappten Verbrecherin, Röthe nnb Bläffe wechselten^, auf ihrem Avgeficht, sie bebte an allen ©Hebern
unb hielt bte Augen zu Boden geschlagen.
Er wiederholte: „Wer war hier?"
^Niemand."
Unb er schrie nun mit fürchterlicher Stimme: „Nun wohl — wer ist hier?!"
Sie stammelte: „Aber Niemanb."
Das Zimmer hatte keine Thür sonst, war möblirt mit kleinem Sopha, wenigen Sesseln, einem Schreibtisch nnb — einem Schränkchen. Höfer richtete bte rollenden Augen darauf nnb sprach: „Wir wollen keine Komöbte aufführen, «etn Herr, ich ersuche Sie, hervorzukommen."
Keine Antwort erfolgte.
(Schluß folgt.)


