Sormtagdeu 5. September
Nr. 208 Zweites Blatt.
1SW
Gießener Anzeiger
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Deutsches Reich.
Berlin, 3. Teptember. Die Anwesenheit de- Präsidenten Faure in Rußland scheint den französischen Speeu- laaten auf den russischen Absatzmarkt einen erneuten Impuls zu verleihen. Die polnisch-sranzöfische Presse Warschau- hat seit Kurzem einen eifrigen Feldzug grgen da- Vordringen deS deutschen Absätze- in den Weichsel- länderu eröffnet und ladet die französische Geschäftswelt ein, dem deutschen Unternehmungsgeiste das Feld streitig zu machen. Allerdings müffen die Urheber dieses Feldzuges selbst zugrbeo, daß ein Erfolg nur dann in Aussicht steht, wenn man den Deutschen die Methoden ablausche, denen sie ihr wirthschast- l'cheS Gedeihen im Osten verdanken. Bor allen Dingen müffen die in die Weichselländer zu entsendenden französischen Geschäft-reisenden der polnischen und der russischen Sprache mächtig sein, um in beiden Sprachen geschäftlich verhandeln zu können- ferner müsse die französische Geschäftswelt der polnisch-russischen Kundschaft dasselbe Entgegenkommen in der Creditgewährung zu Thetl werden lassen, wie dies deutscher« seit- geschieht, und endlich müsse sie sich den Gesetzen und Bestimmungen fügen, welche für den Aufenthalt und den Geschäftsbetrieb von Ausländern im russischen Reiche in Geltung find. Unter diesen Bedingungen und bei Entfaltung einer weitgehenden Initiative könne die französische Geschäft-- welt fich einen großen Theil des polnischen Marktes bilden.
Loyales ttttö Lrovinzielle».
Gießen, den 4. September 1897.
•* Zur Schularztfrage, die den bevorstehenden Aerzte- tag hervorragend beschäftigen wird, haben fich die beiden Referenten Justus Thierfch» Leipzig und Gymnafial- Director Professor Dett weil er« Bensheim über die sAuf- stellung folgender Thesen geeinigt: 1. Die Mitwirkung der Aerzte zur Lösung schulhygteutscher Fragen ist nothwendig. 2. Den beamteten Aerzten ist überall die Begutachtung von Schulbauplänen, sowie die hygienische Aufsicht über die Schul« gebäude zu übertragen. 3. Nach den bisherigen Erfahrungen ist die Einrichtung officieller Schulärzte in Anlehnung an die Functionen des beamteten Arztes für Volksschulen großer Städte zu empfehlen. Die Thättgkeit solcher Aerzte hat sich, unbeschadet der Befugnisse der beamteten Aerzte, zu erstrecken auf die Hygiene der Schulgebäude und der Schulkinder. 4. Die Regelung der Hygiene deS Unterrichts einschließlich der Frage der Ueberbürdung erfolgt durch die obere Schul« behörte, der ein Arzt als ständiges Mitglied angehörr. 5. Die bisherigen Forschungen über Ermüdung von Schulkindern haben noch nicht zu einem abgeschlossenen Urtheil hinsichtlich ihrer practischen Verwerthung für die Schule geführt. Zur weiteren Förderung der Frage rmpfeslen fich fortgesetzte, gemeinsam von Aerzten und Schulmännern auszuführende Versuche, denen überall die thatsächlichen Verhältnisse des Unterrichts zu Grunde zu legen find. 6. Es ist dringend wÜnschenSwerth, daß die Lehrer aller Schulgartungen, ins« besondere die Leiter, fich die Grundsätze der Schulhygiene aneignen, um deren praclische Durchführung zu sichern.
• ♦V. A. Die Versicherungsanstalt Großherzogthum Hessen hat seit etwa zwei Jahren in immer steigendem Maße daS Heilverfahren für erkrankte Versicherte übernommen, indem sie in geeigneten Fällen die Kosten der ärzt« ltchen Behandlung, Arznei, Operation, Bäder, in der gelammten Pflege bestreitet. Voraussetzung dafür ist: 1) daß der Antragsteller bereits so lange versichert ist, um die Wartezeit für die Invalidenrente ganz oder nahezu zu erfüllen - Ausnahmen werden in besonders geeigneten Fällen gemacht- 2) daß er mit einer Krankheit oder einem Leiden behaftet ist, welche den Eintritt dauernder Invalidität besorgen lassen, wenn nickt durchgreifend geholfen wird, und welche fich dergestalt im BnfangSstadium befinden, daß mit einiger Sicherheit zu erwarten ist, der Kranke werde in absehbarer Zett wieder für längere Zeit größtentheilS erwerbsfähig werden. ES bleiben also alle Fälle außer Betracht, in denen es sich um ein unheilbares Leiden, um fortgeschrittene Letdens- zustände oder Beschaffung einer guten Unterkunft für Hilflose handelt. Besonders bet Lungenleidenden ist von größter Wichtigkeit, daß daS Heilverfahren frühzeitig beantragt wtrd- der Kranke muß auf einen kleinen Verdienst verzichten und nicht warten, bis die Krankheit zu weit fortgeschritten ist und ihn ganz arbeitsunfähig macht. ES ist falsche Humanität, wenn Aerzte, um einem Kranken die Wohlthat zu verschaffen, den Zustand absichtlich besser darftellen. Die anderen Kranken der Anstalt werden nur irritirt und der Kranke muß an- der Anstalt entlassen werden, wenn sein Zustand keinen wesentlichen Erfolg erhoffen läßt. Der Antrag ist zu stellen
bei der Krankenkasse, der Bürgermelftcret oder drrecr bet der BerficherungSaustalt, und zwar auf einem Formular, das von letzterer zu beziehen ist. ES ist Sache des Arztes, geeignete Kranke möglichst frühzeitig auf das Heilverfahren hiozuweifen und nicht etwa damit bis nach Auftzören der Leistungen der Krankenkasse zu warten- auch die Krankenkassen, die OrtSbehörden, die größeren BetriebSuntervehmrr, die Vertrauensmänner haben die Pflicht, hier mitzuhelfen und vielleicht ein beim Arbeiter bestehendes Vorurtheil zu Überwinden. Die VerficherungSanstalt hat für Lungenkranke sehr gute Einrichtungen in Reichelsheim t. O. geschaffen, wo Luft, Verköstigung, ärztliche Behandlung, Kaltwaffer- abreibungen, Bäder gute Heilfactoren bieten- für den gleichen Zweck stehen noch einige Betten in der Lungenhetlanstalt Ruppertshain i. T., Schömberg i. Schwarzwald und im Fnedrichsstift zu Laubach zur Verfügung. RheumatismuS- krauke werden in den Kurhospitälern zu Bad «Nauheim und WteSbadeo untergebracht. In Lindenfels finden Re- convalesceoten und N.rvöse gute - Unterkunft- desgleichen werden in Neuenheim i. T. männliche Personen ausgenommen, bei denen nach überstandener Krankheit noch eine Zeit der Ruhe und Pflege nörhig ist. Auch in Kliniken und städtischen Krankenhäusern werden manche Kranke untergebracht. Für Verrenkungen, Gltederaffecttonen, bet denen Massage und Gymnastik angezeigt find, find ebenfalls Einrichtungen vorhanden, doch können da nur sogen, frische und keine veralteten Fälle in Betracht kommen. Die seitherigen Erfolge find im Allgemeinen gute. Die Kur findet in allen Anstalten auch im Winter statt. Für Lungenkranke ist die Winterkur sogar von besonderem Werthe. Außer der körperlichen Besserung des Krankhettszustandes hat die Kur noch eine erziehliche Bedeutung. Lungenkranke lernen, wie sie leben müffen, um fich lange arbeitsfähig zu erhalten und ihre Angehörigen vor Ansteckung zu bewahren. Die Versicherungsanstalt bringt für da- Heilverfahren große Opfer, die hoffentlich reichen Segen bringen, und auch Viele, die noch der Anficht find, daß die JuvaUdttätSverficherung zu wenig leiste, bekehren und sie anspornen werden, die BeitragSletstung und Markenverwenduug ordentlich und regelmäßig zu betreiben, damit nicht in der Zett der Noth dte Hilfe an der unterbliebenen Versicherung scheitert. Kosten für ärztliche Behandlung, Arzneien usw., dte nicht von der Versicherungsanstalt angeordnet sind, dürfen von ihr nicht übernommen werden.
• Das Weichbild der Stadt Berlin, welche- bisher auf 6000 Hectare angenommen war, ist nun endgültig auf 6400 Hectare festgestellt.
• Dem Jahresbericht der Berliner Feuerwehr für 1896/97 sind folgende Angaben entnommen: Im vergangenen Jahre wurde dte Berliner Feuerwehr 2062 mal alarmiert. In 1549 Fällen handelte eS fich um Brände, bet denen die Wehr in Thätigkeit kam- hierzu kommen 210 Ausfahrten, bet denen die Hilfe der Feuerwkhr besonders bei WafferS' noth und zur Rettung von Personen oder Thteren in Anspruch genommen wurde. 25 mal wurde die Wehr bö«. williger Weise alarmiert. Die Gesammtzahl der Brande betrug 7849- hiervon entfällt die größte Zahl auf den Monat December 1896. Auf den Tag kamen dnyhschnittlich 20 Brände. Am 22. März 1897 (Kaiser Wilhelms I. Ge- burtSrag) wurde die Feuerwehr 25 mal alarmirt, am 8. August d. I. (dem Tage des Wolkenbruchs) sogar 32 mal in wenigen Stunden. Im Norden und Nordosten fanden etwa doppelt so viel Brände statt, wie im Westen und Südwesten. Gelöscht wurden von der Wehr 79 Großfeuer, 172 Mittel- feuer, 1265 Kleinfeuer. Bei 33 auswärtigen Bränden hat die Wehr nachbarliche Löschhülfe geleistet. Auf vorsätzliche Brandstiftung find 11 Feuer, auf fahrlässige Brandstiftung 10, auf Unvorsichtigkeit 439 und auf Fahrlässigkeit 39 Brände zurückzuführen. Durch Spielen von Kindern find 51 Brände entstanden, durch Explosionen 23, durch Selbstentzündung 33, durch Blitzschlag 1, durch Aufbewahren brennbarer Stoffe an Oefrn u. s. w. 97, durch fehlerhafte Heizanlagen 58, fehlerhafte BetriebSanlagen 4 und durch fehlerhafte Beleuchtungs- anlagrn jeder Art 67 Feuer ausgekommen. In vielen Fällen ließ fich dte Entstehungsursache nicht mehr ermitteln. Zu verzeichnen sind außerdem noch 562 Fälle, in denen verletzten und erkrankten Personcn Samarilerdtenste geleistet wurden. Die Ausgaben der Feuerwehr betrugen 1,548,958 Mk., wovon 1,141,513 Mk. aus Pcrsonalkosten und 407,445 Mk. aus sachliche Kosten entfallen. Dem Personal der Feuerwehr gehören z. Z. außer dem Branddtrector sechs Brandtnspec« toten, acht Brandmeister (eine Stelle ist vakant), sieben Feldwebel, 76 Ober-Feuermänner, 466 Feuer- und 266 Spritzen
männer als Executiopersoual an. Im Dienst verletzt wurden 87 Mann- gestorben ist an Rauchvergiftung derOber-Feuer- mann Krüger. Dte 130 Pferde der Feuerwehr genügen zur gleichzeitigen Bespannung aller im Dienst befindlichen Fahrzeuge. An Fahrzeugen find 18 Handdrucksprttzev, 8 Dampf- spritzen, 2 mechanische Leitern, 16 Personenwagen, 15 Wasser - wagen, 9 Tender, 4 Transportwageu und 4 Geräthewagen vorhanden.
» Wenn mau fich in der Schweiz duelltrt. Böse Stunden verlebten dieser Tage einige Herren aus Mailand, die nach einer Ortschaft in der Nähe von Chiasso gekommen waren, wo zwei von ihnen wegen einer delicaten Angelegenheit einen Zweikampf auSzufechten hatten. Zuerst wurde geschossen, dann griff man zum Säbel, und als einer der Herren eine kaum sichtbare Wunde am Arm erhalten hatte, wurde daS Duell für beendigt erklärt. Nun gings aber mit Windeseile nach Chiasso, wo Duellanten, Zeugen und Aerzte einen „Versöhnungsschluck" trinken wollten. Während mau beim Bechern und beim Schmausen war, erschien plötzlich ein behäbiger Corporal und forderte mit feierlicher Amtsmiene die ganze Gesellschaft aus, ihm nach Mondrifio zu folgen. In mehreren Wagen fuhr nun die ganze Gesellschaft, von Grenz- gendarmen etcortirt, nach Mondrifio, wo der Herr Polizei- commissär nach einer längeren Rede über die Verruchtheit des Duells die beiden Aerzte in Freiheit setzte, während die anderen Herren für verhaftet erklärt wurden. Die 23er- brechet blieben über Nacht im Gefängniß, theils in Mon- drifio, theils in Chiasso. Am nächsten Morgen brachte man die Herren wieder zum Herrn Commiffar, der ihnen dte freudige Mittheilung machte, daß die „höchste Behörde" ihnen diesmal noch verzeihen wolle. „Aber thut es n'cht wieder," fügte er hinzu, „und sagt Euren Landsleuten, daß die Schweiz die Duellanten streng bestraft! . . ."
• Die Katastrophe auf dem Chodiuskyfeld bei den Moskauer Krönungsfestllchkeiten hat, wie deutsche Mitglieder deS Aerztecongresses von rnsfischen Collegen erfahren haben, mehr als 4000 Opfer gefordert, was mit allen Mitteln zu verheimlichen versucht wurde.
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