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Er. 181 Zweites Blatt. Donnerstag dm 5 August
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Das Wohnungs Elend in den Großstädten.
Bor einiger Zett erschien in London eine Aussehen erregende Schrift über die Arbeiterwohuungen Englands. Darin heißt eS, wie die „Kölnische Volkszeitung" mittheilt, u. A.:
Wenige von denen, welche diese Zeilen lesen, können sich r'nen Begriff davon wachen, wie diese verpesteten menschlichen Krähen-Nester sind, in denen Zehnlausende zusammengedräugt, inmitten von Greueln leben, welche an das Zwischendeck eines Sklavenschiffes erinnern. Um in dieselben zu gelangen, muß man Höfe durchschreiten, die mit giftigen und stinkenden Gasen gefüllt sind, die auS Haufen von Abfällen und auS schmutzigen Abflüssen, denen man kaum auSweichen kann, aufsteigen; Höfe, in die nie ein Lichtstrahl, nie ein frischer Luftzug dringt, die fast nie gereinigt werden. Man muß auf zerbrochenen Stiegen hinaufftetgen, die unter jedem Schritte einzustürzen drohen und, an manchen Stellen schon gebrochen, klaffende Löcher zeigen, welche die Glieder und da- Leben des Unachtsamen bedrohen. Man muß seinen Weg durch dunkle und schmierige, von Ungeziefer wimmelnde Gange suchen. Und wenn man sich dann nicht von dem unerttäg- lichen Gerüche zurücktreiben läßt, gelangt man in jene Höhlen, in denen Tausende jener Geschöpfe zusammen leben, für welche Christus gerade fo gut wie für uns gestorben ist.
Habt ihr je die armen Menschen bedauert, welche unter Thorbogen, in Körben oder Kisten oder wo immer sie unter freiem Himmel ein derartiges Obdach finden, schlafen? Ihr werdet sehen, daß diese noch beneidenSwerth find im Vergleich mit jenen, die in solchen Wohnungen leben. Acht Quadratfuß, da» ist ungefähr die durchschnittliche Größe dieser Zimmer. Wände und Dicke find schwarz von dem Schmutze, der fich in laugen Jahren der Bernachläsfigung dort angesammelt hat. Er sickert durch die Ritzen der Decke, er nnnt dle Wände hinab, er ist Überall. DaS sogenannte Fenster ist mit Lumpen verstopft oder mit Brettern vernagelt, um Wind und Regen fern zu halten, da» Uebrige ist so beschmiert und verdunkelt, daß kaum etwa» Licht eindringt oder ein Ausblick möglich wird.
Und steigt man zum Dachboden hinauf, wo doch vielleicht etwa» frische Luft durch offene oder zerbrochene Fenster ein» driügen könnte, so sieht man auf die Dächer und Vorsprünge niedriger Häuser und entdeckt, daß die schlechte Luft, die in
den Raum dringt, über faulende Katzen- und Vogel-Leichen und über noch ekelhaftere Gegenstände dahinstreicht. Die Häuser find in so schlechtem Zustande, daß mau glaubt, sie würden über den Köpfen der Einwohner einstürzen, wenn der Wind sie nur erreichen könnte.
Jedes dieser wüsten Gemächer birgt eine oder zwei Familien. Ju einem Keller fand ein Sanität» Jnspector Vater, Mutter, drei Kinder und — vier Schweine. In einem Zimmer fand ein Missionar einen blatternkranken Mann, dessen Weib gerade ihre Niederkunft überstanden hatte, und die halbnackten und schmutzbedeckten Kinder. Daun wieder sieben Perfonen in einer Kellerküche und ein todteS Kind in derselben. In einer andern fand er eine Wittwe mit drei Kindern und daS vierte Kind, das vor dreizehn Tagen gestorben war. Der Mann jener Wittwe, ein Kutscher, hatte kurz vorher durch Selbstmord geendet. Dort wieder lebt eine Wittwe mit sechs Kindern, darunter eine Tochter von 29, eine zweite von 21 und ein Sohn von 27 Jahren. Ein anderer Raum beherbergt Vater, Mutter und sechs Kinder, von denen zwei am Scharlachfieber krank find. Eine Mutter schickt ihre Kinder in den ersten Abendstunden auf die Straße, weil fie ihr Zimmer um diese Zeit zu unsittlichen Zwecken vermiethet und zwar bi» lange nach Mitternacht, wo daun die armen Geschöpfchen zurückkehren, wenn sie unterdeffen keinen Schlupfwinkel gefunden haben. Die Betten, wo es überhaupt solche gibt, find Haufen schmutziger Lumpen, Späne oder Stroh, aber meist schlafen jene Unglücklichen auf dem Boden. Die Bewohnerin eines Zimmers, eine Wittwe, benutzt das einzige Bett und vermiethet den Fußboden einem Ehepaar um 2 Sh. 6 Pfg. wöchentlich.
Oft werden die Zustände noch durch die ungesunden Beschäftigungen der Bewohner verschlechtert. Hier erstickt man fast beim Eintritt in eine Luft, die von Theilchen der Pelzabfälle von Kaninchen, Ratten, Hunden und anderen Thieren erfüllt ist, die hier für den Kürschner hergerichtet werden. Auch wenn die» möglich ist, öffnen die Leute nur selten ihre Fenster, und wenn sie eß thäreu, würde eß kaum nützen, da eß sich fragt, ob die äußere Luft weniger vergiftet ist, alß die innere.
In ein Zimmer der Wych-Street in London, daß im dritten Stock lag, kam eine GerichtScommisfion, um die Ursache de» Todeß eineß kleinen Kindes, des zweiten, das dort binnen kurzer Zeit gestorben war, zu untersuchen. In jenem Zimmer lebten ein Mann, sein Weib und drei Kinder- daß todte Kind
wurde in dem Raume secirt, in dem seine Eltern und Geschwister lebten, aßen und schliefen. In einem anderen Zimmer lebte ein armeß Weib, im fortgeschrittenen Stadium der Schwindsucht fast zum Gerippe geworden, mit ihrem trunksüchtigen Mann und fünf Kindern. Alß wir fie besuchten, aß fie gerade ein paar rohe Erbsen. Die Kinder waren fortgegangen, etwas Holz zu suchen, mit welchem die vier Kartoffeln gekocht werden sollten, die auf dem Tische lagen und daS ganze Mittagessen der Familie bildeten. In der Dachstube etneß sonst leeren Haufeß wohnte eine Familie. Der Mann war fort, um Arbeit zu suchen. Die 29 Jahre alte Mutter saß aus dem einzigen Stuhle vor dem Oeflein, daß keine Spur von Wärme aufwieß. Sie stillte einen Säugling von etwa sechs Wochen, der in einen schmutzigen Lumpen gehüllt war; sie selbst hatte al» einzige» Kleidungsstück ein zersetztes und zerlumptes Kleid an — Alles, was fie besaß, um fich zu bedecken. Ihre sechs übrigen Kinder waren barfuß, und die wenigen Fetzen, welche um sie herum- hingen, verbargen kaum den hungernden Körper. Ein einziges Bett diente sieben Personen de» Nacht» zum Lager, und daS älteste Mädchen schlief auf dem Boden.
ES liegt etwa» unaussprechlich Erhabene» in der muthigen Geduld, mit welcher die Armen oft ihre Leiden ertragen und in der zarten Nächstenliebe, welche fie einander beweisen. Eine Mutter, deren Kinder die reinsten und nettesten in der Schule find, wurde besucht. Mau fand, daß fie zu ihren eigenen Kindern noch ein fremde» hinzugenommen hatte. Sie saß mühselig auf dem Stuhle, schaute furchtbar elend au», fie war im letzten Stadium der Wassersucht. Kaum noch im Stande, zu athmen, halb schon im Grabe, bemühte sie fich bi» zum letzten Augenblick, ihre Kinder rein und ordentlich zu halten.....
Diese entsetzlichen Zustände in den Großstädten beschränken fich j-doch nicht auf England. In Frankreich gibt es sehr viele Wohnungen, die gar keine Fenster haben, sondern nur eine Thüre. In Oesterreich und auch in Deutschland wird man in Beziehung auf daS WohnungS-Elend ein reiche» und dankbares Arbeitsfeld finden.
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Feuilleton.
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Dein Herr!
Novellette von Conrad Telmann. ’
(4. Fortsetzung.)
„Aber ich bitte Sie, wer denkt denn an so etwas? Sie! Da müßte ich Sie doch nicht kennen, gnädige Frau. Ich begreife nur nicht, warum Sic noch zaubern. Da» Mädchen unterhandelt eben unten mit dem Kutscher." — Er harte das Fenster wieder aufgerissen. — „Der will fich : natürlich nicht wegschicken lassen, schimpft nach Noten, behauptet nüchtern zu setn wie ein neugeborenes Kind, verlangt süc sein langes Warten ein kleine» Vermögen und bezichtigt . Sie bei alledem noch der Verführung zu geistigen Getränken. Else weint vor ohnmächtigem Zorn und ist rarhloS. Darf ich der Sache also ein Ende machen, gnädige Frau? ES gibt wirklich keine bessere Lösung de» ConflictrS, als daß rch Ste fahre. Sie können sonst riskiren, daß der Betrunkene >,nen Straßeuavflauf verursacht. Nun das arme Mädchen jetzt in dem Wetter fortjagen! Sie findet auch wirklich gar keinen Wagen in der Start, die find jetzt alle genommen, alle unterwegs. Nun? Also —?"
„Meinetwegen denn! Gut! Bloß um ein Ende zu machen mit dieser fatalen Geschichte."
„Ganz meine Meinung. Ich eile also. In zwei Minuten dürfen Sie hinunter kommen."
Er fchlug das Fenster zu und lief hinaus.
Melanie hätte ihn im nächsten Augenblick gern wieder zurückgerufen, fie bereute schon wieder, daß fie zugestimmt hatte. E» blieb freilich wirklich kaum etwas andere», er hatte ganz recht. Die laute, polternde Stimme de» betrunkenen Kutscher» klang durch da» geschloffene Fenster b s hier zu ihr herauf. ES wurmte fie nur, daß er Recht hatte, daß er abermals seinen Wollen durchsetzte. Sonst wärs ja sehr rittirlich, sehr ansopsernd von ihm — baß hätte kaum ein Zweiter für fie gechan, all diese geschniegelten, jungen Herren — ehe die fich auf einen Droschkenbock gesetzt hätten!
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Eigentlich warß ja tragikomisch, daß gerade Wilm Handeck sie zu diesem Balle fahren sollte, auf dem fie —
Die polternde Stimme beß Kutscherß unten war still geworden. Elfe kam zurück.
„Gnädige Frau, der Herr läßt Ihnen sagen, eß wäre atteß bereit. Daß ist aber 'mal 'n Glück, daß der Herr kam! Mit dem betrunkenen Menschen wär ich ja wohl nie fertig geworden. Und dann noch nach'm Victoriaplatz laufen. — Man ist doch schließlich auch 'n junges Mädchen, gnädige Frau, und bei Nacht so ganz allein. — Nein, ist baß ’n Glück! Da» ist aber auch 'n Herr? So gibtß nicht viele. Solchen müßten wir immer haben, gnädige Frau. Der weiß, was er will."
Sie hatte Melanie» Kopf und Hal» inzwischen mit ShawlS wohl verwahrt unb geleitete sie jetzt die Treppe hinunter, irn Stillen verwundert, daß Melanie kein Wort sagte. Unten saß Wilm Handeck richtig auf dem Kutscher- bock, Peitsche und Leine in der Hand, in seinen dicken Pelz gehüllt, und grüßte mit einer stummen Verbeugung. Dieser drollige Mensch! Von dem Kutscher selber war nichts zu sehen. Eine Srcunde lang zögerte Melanie noch, einzusteigen, es war ihr, alß hielte fie etwa» zurück. Dann aber fiel der Schlag hinter ihr zu. Unb währenb Else noch rief: „Gute Fahrt unb viel Amüsement, gnäbtge Frau!" setzte fich der Wagen schon rumpelnd in Bewegung.
E» ging atteß vortrefflich. Wilm fahr langsam und vorsichtig, aber ganz sicher, die Hufeisen des Pferdes klapperten aus der gefrorenen Straße. Melanie hatte baß Gefühl vollen Vertrauens zu bem, in beffen Hut sie fich begeben hatte. Auf den kann man bauen, dachte fie. Ader er that ihr leib. ES mußte bitter kalt draußen sein und er kam auß den Tropen zurück. Kälte und Hitze schienen ihm aber nicht» anzuthun, fie imponirten ihm offenbar nicht. Die Drofchkenfenster waren so beschlagen, daß fie nicht sehen konnte, wo fie eigentlich waren. Wilm schien einen Umweg gemacht zu haben, denn man befand fich offenbar immer noch nicht in der Innenstadt, bis wohin man jetzt schon hätte gelangt sein müssen. Vielleicht kannte tr den Weg nicht mehr so genau, oder eß erschien ihm sicherer, hier zu fahren. Aber
um so länger dauerte es, unerhört lange. Allmälig befiel fie eine prickelnde Unruhe. Sie hätte doch nicht nachgebeu sotten! ES war eine zu tolle Idee. Wenn die Geschichte herauSkam —! Plaudern würde Wilm Handeck nicht, daß wußte fie, aber wenn ihn zufällig Jemand erkannte — vor der Wohnung beß Präsidenten, in bem Hellen Gaßlicht war baß nicht unmöglich. Dieser Scanbal, den eß geben würde! Sie war geradezu compromittirt. Nein, fie hätte fich nicht darauf einlassen dürfen, um keinen Preiß. Lieber absagen — natürlich lieber absagen. Weßhalb fie da» nur nicht ge« than hatte? Waß lag ihr denn an diesem Balle? Der war ihr ja schon längst verleidet. Nur auß Eigensinn, nur um nicht schwach zu erscheinen, hatte sie dabei beharrt, hinzugehen. Und dabei mußte fie fich sagen, daß fie eigentlich doch schwach gewesen war — nun erst recht — weil fie ja Wllm, weil fie diesem tollen Vorschlag nadjgegeben hatte. Solch eine abenteuerliche Geschichte! Wie fie nur darauf verfallen war? Und Wilm fuhr und fuhr — jetzt sogar nicht einmal mehr langsam, sondern in jenem Zuckeltrab der Miethßgäule, der die höchst erreichbare Fahrgeschwindigkeit einer Droschke be<- beutet; ein paarmal hörte fie die Peitsche klatschend nieder- sausen. Und immer noch nickt die engen Straßen der Innenstadt, deren holperigeß Steinpflaster, deren Gaßlaternen fie hätte erkennen müffen, keine abschüssige Gasse, die doch pasfirt werden mußte, sondern ein glatteß, rasches, weicheß Dahin- rollen, und dazu dunkel draußen, undurchdringlicheß Dunkel. Jetzt überfiel Melanie eine wachsende Angst. Natürlich hatte er fich verirrt — und gründlich. Deßhalb fuhr er fo schnell, um es wieder einzubringen. Aber wohin war er nur ge- rathen? Sie schienen ja ganz weit draußen in der Vorstadt zu sein, wohl gar — aber baß war doch nicht möglich. Sie wischte in steigender Unruhe mit den behandschuhten Fingern über da» Fenster — tiefste Finsterniß draußen, nichts hörbar, als baß Rollen beß Gefährteß selber. Und ber Gaul lies unb lief. War er etwa durchgegangen? War Wilm auf dem Bock eingefchlafen, — unwohl geworden? Mit rechten Dingen ging hier alle» nicht mehr zu.
(Fortsetzung folgt.)


