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05/05/1897 Zweites Blatt
 
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Der Kietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme drS Montags.

Die Gießener Aamitienölätter werden dem Anzeiger wöchentlich drei mal beigelegl.

Zweites Blatt. Mittwoch ten 5. Mai

1809

Meßmer Anzeiger

General-Mnzeiger.

Vierteljähriger Avonnementsprei» r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Dllrch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

-chulstraßt Ar.7. Fernsprecher 51.

Aints- und Anzeigeblntt für den Kreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Kamikienökätter.

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Feuilleton.

Türkisches.

Plauderet von Ferdinand Klinger.

(Nachdruck verboten.)

Bei dem erhöhten Interesse, das die Türket infolge des nunmehr doch zum Ausbruch gekommenen Krieges ge­wonnen hat, dürfte e» gewiß nicht unangebracht sein, die in den unS von dort zugehenden Berichten enthaltenen specifisch türkischen Wörter einmal Revue pasfiren zu lassen.

Gar häufig lesen wir in diesen Berichten von «Baschi- bozukS",Redtfregimenteru" und ähnlichen Dingen, ohne zu wissen, was damit eigentlich gemeint ist. Den Leser hierüber zu verständigen, ist der Zweck unserer kleinen Plauderei.

DaS uns zunächst liegende Wort dürfte wohlSultan" fein. Was hierunter zu verstehen ist, glaubt vielleicht jeder der Leser zu wissen, und doch irrt er. Unter Sultan ver­steht der Türke zwar seinen Kaiser, aber nicht den regie­renden, sondern den verstorbenen. Der jeweilige Beherrscher der Gläubigen wirdPadischah" genannt, was etwa so viel wieGroß-König"( Kaiser) bedeutet. Eine weitere Benennung Seiner türkischen Majestät ist Hakkan, d. t. Beherrscher, was wir im Deutschen mit Groß-Sultan wiedergeben können.

Erwähnt sei bet dieser Gelegenheit, daß die Selbst­herrlichkeit deöPadischahS" beinahe der des chinesischen Himmelssohnes gleichkommt. Es zeigt sich dies insbesondere im türkischen Kaisertitel, der geradezu ungeheuerlich klingt. Denselben ganz wiederzugeben, würde zu wett führen, deß- halb hier nur der Anfang:Wir König aller Könige, eine glänzende Sonne, ein AuSthetler der Kronen, ein Schalten Gottes, die Pforte der Glückseligkeit, Beherrscher deS Morgen- vnd Abendlandes und aller Meere (1), Wir Padischah, Sohu eines Sultan, Khan (Taiarenfürft), Sohn eines Khans, durch

die unendliche Gnade des Schöpfers der Welt und des ewigen Wesens und durch Vermittelung und große Wunder des Muhamed Mustapha, des vornehmsten aller Propheten, Diener und Herr der Städte Mekka, Medina, gegen welche alle Welt ihr Angesicht wendet, wenn sie betet" u. s. w. u. s. w. Jedenfalls ein sehr bescheidener Mann, der Padtschah.

Sehr häufig wird in den Zeitungsberichten auch die Sultaoa-Balide erwähnt. Hiermit ist die Mutter des regie­renden Sultans gemeint, sie genießt das größte Ansehen am Hofe und wird im ganzen Reiche schon allein deßwegeu hoch­geschätzt, weil der Padtschah selbst seiner Mutter die tiefste Ehrerbietung erweist. Ihre Herrlichkeit dauert jedoch nur fo lange, als ihr Sohn regiert. Der Nachfolger verweist sie ins Serail.

Serail wird vielfach mit Harem (Harßm zu sprechen, mit dem Ton auf der letzten Silbe, wie eS bei allen türki­schen Wörtern der Fall ist) verwechselt. Der Harem ist tndeß nur ein Thetl und zwar der innerste deS äußerst umfangreichen Serail'ComplexeS.Serail" (richtiger eerai, das 1 erscheint erst auf dem Umwege über Italien, wo man seraglio, und Frankreich, wo mau aerail schreibt) bedeutet Palast, aber keineswegs den des Padtschah allein, auch die Gebäude der auswärtigen Gesandtschaften heißen Serail. Der Padtschah bewohnt den auf einer Anhöhe gelegenen YtldtS-Kiosk" (Steru-Palast). Da- alte Serail hat einen Umfang von einer deutschen Meile und ist gleichsam eine Stadt für sich. ES ist von einer hohen Mauer umgeben, die, mit Thürmen befestigt, zwei offene Thore zeigt, vor deren einem die berühmte Aja Sophia, die ehemalige christ« liehe Sophienktrche liegt. DaS Innere deS Serail ist über­aus prächtig. Wundervolle Gärten wechseln mit Moscheen, Prosanbauten, zierlichen Springbrunnen und Säulengängen ab. Im zweiten Hose befindet sich derDiwan" (Dtwüu, der Ton liegt auch hier auf der letzten Silbe), der aber

keineswegs ein gepolstertes Lager bedeutet, sondern den Ort, wo der türkische StaatSrath abgehallen wird. Diwan würde also unser ReichStagSgebäude fein. Daß dieses Staat-- hetligthum neben dem Pferdestall des Padtschah gelegen ist, verschlägt der Würde jener Institution nichts. SS mag hier gleich noch bemerkt fein, daßKadi" einen Richter be­zeichnet,Mufti" aber nur einen Gesetzesausleger, also eine Art Rechtsverdreher, dessen Befehle jedenfalls nicht befonder- respectirt werden, wofern man dem berüchtigten apar ordre du mnfti" Glauben schenken darf. DaS Allerhetligste bei SerailS ist der Harem, der außer vom Sultan von Nie­mand betreten werden darf. Die HarewSdamen' selbst werden auf daS Strengste bewacht, wa- vomKtslar-Agar" besten» besorgt wird. Er hat den HaremSschlüffel in der Tasche und ist zugleich Vorsteher der Moscheen und Capellen. Sr regiert nicht selten durch die Sultanin und seine Bedienten­schaar da» ganze Maschinenwesen deS türkischen Staates, und wenn er seinen Posten abgibt, wird er ein Pascha mit drei Roßschweifen.

Roßschweif, auf türkischTug", ist ein Krieg- Ehren­zeichen, daS vor dem Padischah, dem Großvezir und anderen nahen Staat-chargen einhergetragen wird. Dem Padtschah gebühren fieben solcher Roßwedel, dem Großvezir deren fünf und den Paschas drei, bezw. zwei.

WaS ist nun aber ein Pascha? Pascha bedeutet ur­sprünglich Gebieter und ist die offizielle Bezeichnung für die Befehlshaber (Generale) und die Statthalter großer Pro­vinzen. Die drei mächtigsten Statthalter heißenBeghler- beghS". Pascha- mit zwei Roßschweifeu find dieBey" (sprich 8e), die als Militärs im Range unseren Obersten und Oberstlieutenants gleichkommen, im Civilverhältuiß aber unseren Landräthen entsprechen würden.

(Schluß folgt.)

Wikskuverpchtullg.

Die ft» Block Erben wollen folgende Wiesen von Martini 1897 an auf «en« Jahre verpachten:

1. Flur 29 Nr. 40, 41, 44 Wiese in der Leibgesterner Kreisstraße vor derZeiselSwiese 13,375qm.

2. Flur 2 Nr. 168, 169, 171, 172 Wiese hinter der Gail'schen Wollenspinnerei, 11,233 qm.

3. Flur 39 Nr. 113° Wiese unter dem Waldbrunnen, 1489 qm.

4. Flur 40 Nr. 67 Wiese in der Schwarzlach, 1833 qm.

Näheres bei Rechtsanwalt Labroiste, Ostanlage 39.4383

| Versteigerungen. |

Mittwoch, den 5. Msi l. I,

Nachmittags 3 Uhr, versteigere ich Neustadt 55 (früher Bramm) gegen Baarzahlung folgende Papierwaaren:

3000 Briefcouverts, 95 Pfd. braune Beutel, 90 Pfd echtes Pergament­papier und 101 Pfd. blaue Acten­deckel.

Die Versteigerung findet be­stimmt statt.

4436 Bor«, Gerichtsvollzieher.

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