Nr. 259 Zweites Blatt. DomieiSta, d« 4. November
IS 07
Der
erscheint täglich, mit Aulnahmr de» Montag».
Die Gießener M«Wltte«»t»11er »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal deigelegl.
Meßener Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Gietzen.
Hratisbeikage: Hießener Kamiticnökätter.
Annahme von Anzeige« zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
Alle Rmtoncen-Bureaux de» An- und Auslandes nehm« Auzeige« für de» „Gießener «»zeiget «s^e».
2lmtlid?cr Thell.
Gießen, 1. November 1897.
Betreff in b: Feier des Geburtstages Sr. König!. Hoheit des GrotzherzogS und Ihrer König!. Hoheit der Großherzogin.
Die
Sntzh. SkeiS-Schtrk»W*Gov Siehrn
an die Tchttlvorftände de- Kreises.
Wir beauftragen Sie, rubr. Feier am 25. d. MtS. in der seither üblichen Weise in den Ihnen unterstehenden Schulen feiern zu lasten.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß Großh. Ministerium de- Innern der vaterländischen Bteh- Versicherungs-Gesellschaft in Dresden die Erlauboiß zum Geschäftsbetrieb i« Großherzogthum auf Widerruf mit der Maßgabe ertheilt hat, daß der Geschäftsbetrieb der Gesell« schast im Großherzogthum sich nicht aus Rindviehverficherungeu erstrecken darf.
Gießen, den 1. November 1897.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
v. Gagern.
Vemtfthes Reich.
Darmstadt, 2. November. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und Prinz Heinrich von Preußen nebst Gefolge fuhren heute Bormittag 8 Uhr 20 Miu. mit Sooderzug nach Ttockstadt und begaben Sich von dort nach SchmttShausen zur Autheilnahme an der von Geh. Eomrnerzien- rath Freiherrn von Hkhl zu HerrnShrim in dem dortigen Revier veranstalteten Treibjagd. Nach eingenommenem Jagd» diner werden Allerhöchstdieselbeu wieder zurückreisen und vorauSfichtlich um 6 Uhr hier eintreffea.
Feuilleton.
Die Badereise.
Humoreske von S. Halm.
(Schluß.)
,Bitte, Mama, ich muß--ich «nß Dir noch etwa»
faßen.*
.Nun?"
'Mama — — ich — ich muß Dir etwas gestehen, ich--*
'Nun?" Sie lächelte noch immer, die ahnungslose, sonst so scharsfichtige Frau.
,3d)--e»--*
„Aber, Kind . . ."
DaS Kind begann zu weinen.
'ES ist gar nicht Herr — Herr OlferS —*
'Nicht Herr OlferS?" Die Mama war sprachlos. „Ja, aber wer denn sonst?"
'ES ist . . . Jean."
„Jean?"
Das Mädchen nickte heftig und weinte bitterlich.
'Jean Melchers."
'Jean Melchers? Ja, wer ist denn das?"
'Da ist, das ist . ." Sie konnte nicht sprechen, die arme Brunhilde.
'Mama, das ist ja unser Oberkellner bei der table d’hftte."
ES war Thekla, die der Mutter zur Hilfe gekommen.
Frau Therese that etwas LorrecteS: sie fiel in Ohnmacht. Ihre Tochter und ein Kellner! DaS war zu viel.
Brunhildcheu schluchzte herzbrechend: „Mama, er ist doch so--so — hübsch und wir . . . ich ... dachte
. . . OlserS hat gewiß nicht im Ernst an ... an Verloben gedacht."
Mama schenkte sich langsam dem Leben zurück.
„O, o, daß ich dar erleben muß!" und fie betupfte die trockenen Augen. „Ich unglückliche Frau!"
Dann war fie plötzlich auf den Füßen, ganz Energie, griff fie nach Hut und Sonnenschirm. Die Töchter sahen ihr erstaunt zu. Die Mutter aber sprach: 'Ich werde Papa hertelegraphireu."
• Wetzlar. 81. October. Ein bedaueruSwerther schwerer Unglücks fall hat sich am SamStag Abend auf der Grube 'Raab" zugetrageo. Ein Bergmann aus Nauborn, der bei der Erzförderung beschäftigt war, hatte fich während der Fahrt auf einen Förderwagen gelegt, was durch die Gruben- ordnung untersagt ist. Unterwegs bemerkte der Bergmann den Steiger Christoph Jüttuer und versuchte deshalb von dem Wagen abzuspringen, um seine Uebertretung zu verbergen. Hierbei gerieth der Mann unter die Wagen und dadurch in die Gefahr, zerdrückt zu werden. Jüttver sah die Gefahr, in der der Mann schwebte und sprang hinzu, um ihn zu retten. Leider gerieth er bei diesem wackeren Beginnen selber zwischen die Wagen und die Stollenwand und erlitt hierbei sehr schwere Verletzungen. Der Brustkorb JüttuerS soll sehr stark mitgenommen sein, andere Körpertheile sind durch bedeutende Quetschungen und Brüche beschädigt. Der Bergmann, welcher übrigens auch einen Armbruch erlitt, wurde nach Gießen in die Klinik geschafft- mit Jüttuer soll, sobald er transportfähig ist, dasselbe geschehen.
• (He «an* der Ordnung. AuS der Periode der letzten französischen Reservisten Einberufungen wird folgende Anecdote erzählt:
Ein Oberst fragte die Reservisten in wohlwollender und väterlicher Weise auS. «r erkundigte sich nach ihrer socialen Stellung, ihren Wünschen und ihren besonderen Fähigkeiten. So kam er auch zu dem Reservisten 3E.
'Ah, schön, das find Sie also. Man hat Sie mir an- gelegentlich empfohlen. Welche Stellung bekleiden Sie doch gleich im bürgerlichen Leben?"
'Ich bin Notar, Herr Oberst."
'Ah richtig und Sie wünschten eine Vertrauensstellung." 'Wenn es möglich ist, Herr Oberst, allerdings."
'Also Sie sind Notar? Hm! Daun find Sie ein Manu der methodischen Ordnung?"
„Freilich, Herr Oberst, der Beruf bringt das einmal mit sich."
„Sie find gewohnt, eine Masse Dinge zu ordnen?" „Ja, Herr Oberst."
„Mutter I"
Brunhildcheu war kreidebleich geworden. Den Papa fürchtete fie mehr als alles in der Welt. Frau Therese ober blieb fest: „Ich gehe zur Post. Ihr bleibt hier!" Und damit ihr Befehl auch erfüllt werden mußte, schloß fie die 'Kinder" ein.
Brnnhildchen wars fich Thekla in die Arme und beide weinten ein rührendes Duett.
Der Herr Rechtsanwalt entstieg dem Zug. Sein Gesichts- auSdruck war noch finsterer als gewöhnlich, sein Blick hätte einem Thierbändiger gute Dienste thun können. Frau Therese empfing ihren Gatten alleine, auf dem Wege zum Hotel erfuhr er von ihr alle Details.
Flügge unterbrach die Gattin mit keinem Wort, er lachte nur ein paarmal grimmig in fich hinein.
Im Hotel angekommen, wurde er von den Töchtern scheu begrüßt. Auch ihnen wurde kein Wort, nur ein sprechender Blick. Fast empfand Frau Therese etwa« wie Mitleid mit ihrer Jüngsten. Dann wurden die „Kinder" inS Nebenzimmer verwiesen, die Gatten blieben allein. — Flügge ging, tote eS seine Gewohnheit war, mit großen Schritten aus und nieder.
„Nun?" fragte seine Frau endlich - fie verlor nachgerade die Geduld. Flügge hob den Kopf, sah Therese au und sagte nichts. „Nun?" fragte fie nochmals, bereits schärfer.
„Ich will den Menschen sehen und sprechen". Sie machte Einwendungen. „Nichts da! Ich will ihn sprechen, sofort!" Und er schellte selbst.
Nach längerem Warten erschien Jean Melcher-, ein hübscher Junge von circa 28 Jahren.
Flügge pflanzte fich vor ihm auf und maß ihn mit wilden Augen.
„Sie find es also?" worauf fich Melchers höflich ver- beugte. Zu ihrem Erstaunen sah Frau Therese deS Gatten Mienen fich erhellen.
„Tie meinen eS ehrlich?"
„Ich vermuthe den Herrn Rechtsanwalt selbst —" „Jawohl, der bin ich! Also Sie meinen ei ehrlich?" „Ich liebe Ihre Fräulein Tochter."
„Hm. Schön! Schön! Sie hat nichts, gar nichts!"
'Und fie zu beaufsichtigen?"
„Allerdings, Herr Oberst."
„Prächtig! Da- trifft fich sehr gut. Ich habe etwa- für Sie. Ich werde Sie zu mir nehmen. _ Sie werden in mein Haus kommen und die — Holzscheite zählen und ordnen, die fich in meinem Keller befinden."
Man kann fich vorstellen, weich' ein verblüffte- Geficht der „Manu der Ordnung" beim Angebot diese- ehrenvollen Vertrauenspostens machte!
* Infolge bei -rotzen Ersparnisse, die die städtischen GaS- anstalten Berlins seit Einführung des Auer'schen GaSglühlichtS für die Straßenbeleuchtung aufzuweisen haben, hat der Magistrat beschloffen, die GaSdeputation zu ermächtigen, mit der Umänderung der noch nicht mit Auerlicht versehenen Laternen schleunigst vorzugeheu. Bon den jetzt vorhandenen 22006 Straßenlaternen find bereits 11483 mit Auerlicht versehen. Infolge deffen hat die öffentliche Beleuchtung in der Zeit vom 1. April 1896 bis 1. October 1897 eine Ersparniß an 4,4 Millionen Subikmeter GaS ergeben. Wenn alle jetzt bereits vorhandenen Laternen mit Glühlicht versehen sein werben, so wird die gesammte öffentliche Beleuchtung, gegen- über dem bisherigen Gasverbrauch von 17 Millionen Lubik- meter, nur noch 10 Millionen er fordern, sodaß also eine Ersparniß von 7 Millionen Ludikmeter im Werthe von etwa 1 Million Mark eintreten wird.
• Die Kiuber essen il gern vereint wieder einmal mit Recht den Wahrspruch: DaS Gute bricht fich Bahn, denn soeben geht unS durch unseren **.Eorrespoudeuteu die Nachricht zu, daß Mondamin Brown & Polson auf der so großartig beschickten Berliner Ausstellung für Nahrungsmittel, vom 9. October bis 9. November, mit der fiiberneu Medaille prämiirt worden ist. Diese neue Auszeichnung reiht fich würdig den auf früheren Ausstellungen erhaltenen höchsten Prämiirungen an und bestätigt den mehr denn 40 jährigen Weltruf Brown L PolfonS. Daß die so beliebten Mondamin- Speisen nicht nur die Kinder gern essen, sondern auch Mütter und Väter, Gesunde und Kranke, wird wohl am besten durch die Beliebtheit erwiesen, deren fich Mondamin erfreut.
'Ich habe einige Ersparuiffe gemacht und will meine- Schwager» Gasthaus in Bälde übernehmen."
„So — hm! ES ist abgemacht!. Nehmen Sie das Mädel und feien Sie glücklich."
„Theobald!"
Beinahe wäre Frau Therese in Ohnmacht gesunken, doch fie wußte, ihr „Bär" verstand nichts von zarten Nerven.
„Theobald!" rief fie nun nochmals.
„Nun?" fuhr er auf.
„Unsere Tochter und ein Oberkellner . . ."
„Mund gehalten! Frauenzimmerwirthschaft! Ich habe mich erkundigt. Der junge Mann ist brav, von achtbarer Herkunft, seine Zukunft ist gefichert und da- Mädchen hei- rathet ihn."
„Die Tochter eines Recht-antoalts!" klagte fie.
Da fuhr Flügge tote ein gereizter Löwe auf.
„Ja, der ewig Schulden hat!" schrie er brüsk. „Hildes Mann wird nöthigenfall- da» Geld zu einer Badereise noch erübrigen können, tt habe es gepumpt."
Frau Therese sand kein Wort. Diese. Blamage vor dem Bräutigam, dem Schwiegersohn in spe!
Nach einer Weile fragte fie: „Und mal wird.au- Thekla!?" Sie dachte an des Gatten Abschied-Worte bet ihrer Abreise.
'Ach so, die! Hm, die hätte ich bald vergeffeu! Mädel, Thekla, hierher.!"
Zitternd kam die Gerufene- alle harrten bangend de- Kommenden. Flügge nahm seine Aelteste bei der Hand.
„AIS Ihr wie Gänse unter Gänsen inS Bad hinaus zöget, gab ich Euch meta Ultimatum mit auf den Weg- ich weiche mit keinem Jota davon ab. Hilde ist verlobt (Thekla stand mit offenem Munde) und für Dich ist gesorgt."
„Wie?" fragten Mutter und Töchter zugleich, auch Hilde, die an der Thür gehorcht, hatte fich hereingewagt.
„Ja, die Dummen haben da- meiste Glück," sprach daS Oberhaupt der Familie voll liebenswürdiger fronte. „Earl Meufinz, der verwittwete Baurath, hat gestern bet mir um Thekla angehalten."
Mit einem Jubelruf fielen Mutter und Töchter bew Hau-itzrauoen um den Hals. Er wehrte ihnen nur schwach.
„Gottlob, Alte, jetzt hast Du Deinen Willen und ich meine Ruh!"


