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4.9.1897 Zweites Blatt
 
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-rr. 297 Zweites Blatt. Samstag de« 4. September

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Lag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

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Alle Annonccn-Bureaux d«S In- und Auslandes nehme, l Anzeigen für denGießeoer Anzeiger" entgehe, i

totales und provinsielles.

A Mainz, 2. September. Die zahlreichen Eisen« bahnuvfälle der letzten Zeit scheinen zu bewirken, daß beschlossene, und als norhwendtg anerkannte Neu» und Um­bauten bei verschiedenen Bahnanlagen im rascheren Tempo, al- seither zur Ausführung gebracht werden sollen. Wenig- ftens theilt man uns von unterichteter Seite mit, daß die für den Bezirk der ehemaligen Hessischen LudwigSbabn in AnSficht genommenen baulichen Veränderungen der Bahn­körper auf das Rascheste zur Ausführung kommen sollen. Insbesondere theilt man uns mit, daß die Reparatur» und BerstärkungSarbeiten an der hiesigen Etsenbahnbrücke, für welche bekanntlich eine größerer Betrag in das Eisenbahn« budget eingestellt worden ist, sofort zur Ausführung gebracht und sofern es die Witterung erlaubt auch im Winter nicht unterbrochen «erden sollen. Wenn wir recht berichtet sind, find die Arbeiten für den Oberbau der Etsenbahnbrücke schon vor Monaten der Maschinenbau-Actien-Gesellschaft Nürnberg, Abthetlnvg GustavSburg, für Mk. 300,000 übertragen worden.

A A»S dem Kreise Mainz, 2. September. Bon ver­schiedenen Seiten hatte man angeregt, in den Volksschulen deS Kreises MainzS ch u l s p a r k a s s e n" einzusühren. An» Lehrerkreisen ist man jetzt mit Entschiedenheit dieser Idee entgegengetreten, indem man tn einer vorgestern in Ntederolm unter Anwesenheit deS KreiSschulinspectorS ftattgehabten Con­serenz der Lehrer deS Landkreises Mainz einstimmig folgende Resolution faßte:Die Schule hat wohl die strenge Pflicht, die ihr aovertraule Jugend zur Sparsamkeit anzuhalten; doch ist eS absolut unangebracht, ihr auch noch die neue Bürde eines Sparkaffenrendanten aufzuerlegen. Die Schulsparkaffen liegen vom Ziele der Schule weit ab, sie bergen für die Kindesseele schwere fittiliche Gefahren und Versuchungen, er» wecken Neid und Geiz und bilden Triebe, welche geeignet find, den Klaffenhaß zu erwecken und den Unterschied zwischen Arm und Reich schon zeitig vor den Augen des Kindes zu entrollen und zwar zum großen Nachtheil der Volkserziebung."

Steindorf, 31. August. Unser Ort wurde gestern, durch zwei schwere Ung lücksfälle heimgesucht. Mittags

gegen 12 Uyr traf die Kunde ein, daß der Gastwlrrh Peter Schaub als Bergmann auf GrubeJean" bei der Dalhetmer Kapelle verunglückt sei und schon um 3 Uhr wurde derselbe als Leiche seinen Angehörigen gebracht. Schaub hinterläßt eine Frau mit drei kleinen Kindern. Die Familie ist sehr zu beklagen, zumal der Verunglückte als ein fleißiger und braver Einwohner unseres DorseS im Ansehen stand. Ein gutes Andenken wird ihm hierorts um so mehr bewahrt bleiben, als er ein Opfer der Nächstenliebe geworden ist, da er fein eigenes Leben einbühte, indem er zwei Kameraden vom Tode errettete. Der zweite Unglücksfall passtrte am Nachmittage. Während eines gegen 4 Uhr niedergehenden schweren Gewitters erkrachte plötzlich ein Donnerschlag, der sofort die Befürchtung wach rief, daß eS irgendwo eingeschlagen haben müsse. In der Thal war dem so. Ein Blitzstrahl war tn daS Gebäude des Johannes Höchst niedergefahren, hatte sofort Feuer hervorgerufen und die Hausfrau, welche sich in der Küche befand, am rechten Unterarm gelähmt. So­gleich ertönten die Feuerglocken und die Einwohner eilten auf die Brandstätte, wo sie ohne Säumen helfend eingrtffen. Das von dem Blitz getroffene, erst vor einigen Jahren er­richtete Gebäude ist ein Wohnhaus mit Stall, welche sich unter einem Dache befinden. Der Strahl war zuerst in der Küche und alsdann tn den Stall gefahren, wo er zwet da­selbst stehende schwere schöne Kühe tödtete. Der Stall, welcher mit Futter und Holz ausgestopft war, stand im Nu tn Flammen. Hierbei zeigte eS sich, wie sehr die Bestimm­ungen der neuen Baupoltzeiordnung zu loben sind. Wäre daS Wohnhaus nicht von dem Stalle durch eine massive Zwischenwand geschieden gewesen, so stand unser Dorf zweifellos tn großer Gefahr, da sich in nächster Nähe gefüllte Scheunen befinden. Diese massive Zwischenwand, welche in der neuen Bauordnung vorgeschrteben ist, verhinderte eS aber, daß sich der Brand auf das Wohnhaus ausdehnen konnte. Bekanntlich schimpft ja fast Jeder, der baut über die Bauordnung, aber gerade bei solchen Gelegenheiten, wie gestern zeigt eS sich doch und wird auch eingesehen, wie wohlüber­legt und gut gemeint ihre Bestimmungen find. Da» ganze Höchst'sche Anwesen ist versichert. Die Ölte AlbShausen, Oberbiel, Altenberg, Nauborn, Oberndorf und die Stadt

Wctzlar hatten Spritzen auf die Brandstätte gesandt, doch brauchten nur noch die AlbShäuser einzugreisen, als die anderen Helfer eiurrafen, war ein weiterer Beistand nicht mehr nöthig.

Rom, 1. September. In der Finanz-Intendantur der Lotto-Dtrection brach heute früh ein furchtbarer Brand aus. Das Dach stürzte ein und durchschlug zwet Stockwerke. Der Schaden ist vorläufig ein unberechenbarer, da in den Kaffen fich mehrere Millionen in Papiergeld be« sanden. Eine Anzahl Bediensteter büßten ihr Leben ein. In dem ganzen Stadttheil herrscht große Panik.

Technische Fortschritte.

Die «e«eye «rrimgeirschaft der Photographie, die beweglich erscheinenden, sogenannten ktnetoScoplschen Aufnahmen, Haden bet den Feierlichkeiten in London anläßlich des RegierungS- jubtläumö der Königin von England einen rechten Triumph hin­sichtlich schneller Herstellung derselden geerntet. Eine photographische Firma Applet. n u. Son aus Bradford machte eine solche ktnetoS- coptsche Ausnahme des Festzuges, atS dieser die St. GeorgSkirche verließ, woraus die Photographen in größter Eile nach dem Bahn- Hos fuhren, wo tn dem nach Bradsird zur Abfahrt bereit stehenden Eisenbahnzug ein Güterwagen al« photographisches Laboratorium hergerichtet war, in welchem während der Fahrt die Entwicklung der Bilder und die Herstellung der Posittvbänderstretfen vorgenommea wurde, so daß bereits an demselben Abend die ZeitungBradford Daily ArguS" im Stande war, tn ihrem Depeichensaate mittelst ProjecttonL-Apparat den Passanten dte Morgens tn London aufs genommene Festzugs-Eptsode alS lebende Abbildung oorzuführen, gewiß eine Leistung, vor der man sich vor etwa 15 Jahren noch nichts hätte träumen lassen; es fehlt nur noch, daß man wie mit dem Telephon Gespräche, so auch noch auf electrtschem Wege dem Auge ferne Ereignisse sichtbar macht, ein Problem, an welchem in der Thal schon vielfach gearbeitet wird, und dessen Lösung alS sehr wahrscheinlich gelten muß, da nichts dagegen spricht, warum nicht analog den Schallwellen beim Telephon auch die L-te.wellen in Elrctricttät umaesetzt und umgekehrt diese wieder alS Llchterschei- nungen, resp. Bilder am anderen Ende der Leitung sichtbar gemacht werden könnten. (Mitgethetlt vom Internationalen Patentburean Carl Fr. Reichelt, Berlin NW. 6).

Seidenstoffe SSS

Verlange Muster mit Angabe d. Gewünschten. an ^<an

von Elten &. Keussen, F£diu?Kn,d Crefeld.

Feuilleton.

Kitty und Lilly.

Eine Manövergeschichte von Hermann Birkenfeld.

(10. Fortsetzung.)

Im nächsten Moment aber schlug sie dte großen Augen auf. Wachsbleich ihr Gesicht . . . thatS allein der Schreck . . that eS dte Anstrengung, mir der sie fich von seinem Arme löste, um sich mühsam an LittyS Schulter zu halten? - Ihr Fuß . . .

Consul Stenglein und Frau kamen auS dem zweiten Wagen herbetgeetlt.

Um des Himmelswillen, Leo, was ist?"

Leo «achte mit dem Kopfe eine verdrießliche Bewegung nach den beiden Offizieren.

Frau Stengleia war starr.

Herr Hauptmann--"

Sie harte natürlich keinen Anlaß, einen Herrn, der irgend einer bagatellen Dienstgeschichte wegen in ganz und gar tactloser Weise aus ihrem Hause gerannt war und ihr nun bet nachtschlafender Zett die Pferde scheu machte, extra liebenswürdig zu begrüßen.

Erich v. Pollhammer verneigte fich höflich.

Eine wunderbare Verkettung an sich höchst ärgerlicher Thatsachen, gnädige Fran, die aber hoffentlich zur allseitigen Klärung wirrer Berhältniffe beitragen."

So!" sagte die Frau Consul trocken und wandte fich der verunglückten Tochter zu.

So!" brummte auch Herr Stenglein.Verkettung der Thatsachen--hübsch, sehr hübsch, was?" Dabet schoß

er einen Sonderblick nach seinem jüngsten Kinde, das tief erröthend fich eifrig nm dte Schwester zu schaffen machte. Klärung der Brrhältniffe--wirrer Berhältniffe ist

gut, sehr gut."

Der Fuß ist ja gar nicht gebrochen," sagte Kttiy Stenglein, aber sie seufzte dabei.

Versuch einmal, fest aufzutreten, Kitty!"

Um ein Haar das Break in den Graben geworfen! DaS kommt von meiner onkeltgen Gutmüthigkeit und milt- rckrischen Geistererscheinungen," grollte Herr von Hansen. Pardon von Hansen c-uf Hanshagen."

Hauptmann von Pollhammer."

Compagnteches, Durchbrenner und militärischer Spuk, waS?" ries Stenglein dazwischen.

68 geht nicht. Wenn Papa mir tn den Wagen hülfe! Im Uebrtgen braucht Ihr gar keine Sorge zu haben. Nur eine Verstauchung."

Gott sei Dank," athmete Frau Stenglein auf.

Papa hob daS Töchterlein in den Wagen. Dann winkte er dem zweiten, neben der Verletzten Platz zu nehmen.

Hüte mir einer das Weibsvolk!" knirschte er zwischen den Zähnen, und eS war gerade kein freundlicher Blick, der den Lieutenant v. Flattrich dabei traf.

Um LittyS Lippen zuckte e» wie von verhaltenem Weinen. Schon hatte sie den kleinen Fuß auf daS Trittbrett de» Ge­fährte- gesetzt, da trat Hauptmann v. Pollhammer vor.

Verzeihung, Herr Consul, wenn ich als gänzlich Un­berufener es wage, ein Wort für Ihre Fräulein Tochter und meinen Lieutenant einzulegen."

Litty machte große Augen und auch Flattrich sah den Hauptmann an wie versteinert.

Unwirsch schob Stenglein sein Kind auf daS Wagenpolster-

Die haben fich heute selber genug eingelegt--ein-

gebrockt,ne nette Suppe! Finden Sie es etwa paffend, wenn Ihre Tochter doch nein, können sich ja gratuliren, daß Sie keine zu hüten brauchen abn wenn ein junges Mädchen mit dem ersten besten Lieutenant bet Nacht und Nebel auf der Chaussee herumflanirt, was? Erft mein Schwager die Dummheit gemacht, mit dem Mädel, das nun partoutne Feldwache sehen will als ob da» was Besondere» wäre! mit dem Wurm herauSzufahren und dann da» Kind noch da zu laffen! Sie wollte un» bei der Wache erwarten, wäre unter dem Schutze de» Herrn Lieutenants gut aufgehoben--ich danke! Aber da hinten

war sie wenigsten» unter ein paar Dutzend Soldatenaugen, da mochts noch hingehen, wenn auch Madame Bohmke fast der Schlag gerührt hätte, als sie es hörte. Dann jedoch wir hin nach dem Mädel gefragt jawohl! Mädel und Lieutenant find Posten revtdiren gegangen, wollten uns hier auf der Höhe erwarten famos! Und dabei soll ich alS Vater ruhig bleiben, waS?"

Stenglein trampelte auf der Chaussee herum, daß der weiße Staub nur so flog.

Papa!" ries Litty.Uns blieb kein ander Mittel, uni einmal auszusprechen."

War auch nicht nöthig. Ganz und gar nicht."

Na, na, na, bester Schwager, doch auch mal jung gewesen? Nun, ich will nichts davon verrathen, wie oft Ihr beide als Brautpaar, Du und Gertrudi», mich aus dem Zimmer bugfirt habt, weil ich Euch störte, wenn Ihr wichtige Dinge zu verhandeln hattet."

Höre, Leo, da» finde ich tactloß!"

Leo von Hansen lachte behäbig.

Nicht bös sein, Schwesterherz!"

Als Brautpaar!" schnaubte der Consul.Wo ist hier ein Brautpaar?"

Bah! WaS nicht ist, kann werden. Da!" Hausen reichte dem Schwager seine Cigarrentasche.Brenn Dirne frische an, Jakobus, und dann betrachte die Geschichte au» vernünftigen Augen."

Ich möchte nochmals um ein Wort bitten, Herr Consul. Sie gebrauchten vorhin die Redensart vom ersten besten Lieutenant. Laffen Sie das Wörtchenerste" weg, und Sie dürften es bei unserem verehrten Flattrich getroffen haben. Nur die Besorgniß, er möchte Ihnen alS Schwiegersohn nicht willkommen sein, weil nun, weil er doch nicht im Hand« umdrehen Hauptmann werden kann hat ihn abgehalten, bereit» sörmlich bei Ihnen zu werben. Darf ich eS jetzt für ihn thun?"

'Donnerte--auf auf offener Landstraße?

Nein, die» geht über"

Consul Stenglein pustete nur so.

Ort und Zeit find wenig herkömmlich, da» gebe ich zu," fuhr Pollhammer fort.Indessen heute scheid ich, morgen wandr' ich das ist Soldatenloo», wenigstens auf dem Manöver"

Jawohl! Sehr hübsch gesagt! So nach der Melodie: Er hat auf Erden kein bleibend Quartier, kann treue Lieb «nicht bewahren"

Da» kann er doch!" rief Flattrich und stellte fich neben nein, nicht neben seinen Hauptmann und Compaguieches, sondern neben LittyS Wagenthür. Die d. h. Litty, nicht die Thür sah ihn unter Thränen lächelnd stolz an.

(Fortsetzung folgt.)