Ausgabe 
3.12.1897 Zweites Blatt
 
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1807

Freitag den 3. December

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vierteljährig« Avonnemeutsprew» 2 Mark 20 Pfg. «tt vringerloha. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.

Die Gießener As«milie«vtLlter werden dem Zlnzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

Gtegener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Nr. 284 Zweites Blatt.

»ichener Anzeiger

Kmerat-Mnzeiger.

Einsts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.

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Gratisbeilage: Gießener Jamitienökätter.

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Haufen, den 1. December 1897.

Die Pfarrconfereuz auf derLinde" bei Großen- Itnben soll nicht Mittwoch den 8., sondern schon Montag den 6. ds. Mts. stattfinden. Zur Thetlnahme werden die Pfarrsanfflien freundlichst e'ngeladen.

CocaUs und protHnjicfl*#

-e. Neu Ulrichstein. 1. D crmber. Monatsbericht der Arbeiter-Colonie pro November 1897. Ende November 1897 sind in der Colonie stellen-, resp. arbeitslos 57 Mann. Dieselben vertheilen sich auf das Groß- herzogthum Heffen 15; Königreich Preußen: Regierungsbezirk Kassel 9, Regierungsbezirk Wiesbaden 5; Provinz Rhein­land e 7, Provinz Hannover 1, Provinz Sachsen 5, Pro« vtnz Brandenburg 1, Provinz Ostpreußen 1 , Provinz Schlesien 3; Königreich Bayern 3, Königreich Sachsen 1; Großherzogthum Baden 2;, thüringische Staaten 3; Ausland: Oesterreich - Ungarn 1. Hiervon waren: Arbeiter 28, Anstreicher 2, Bäcker 1, Bergmann 1, Gärtner 2, Kauf­leute 8, Kappeomachrr 1, Kellner 2, Klempner 1, Kürschner 1. Landwirth 1, Lehrer 1, Maurer 2, Schlaffer 3, Schmied 1, Schneider 2 Schuhmacher 4, Zimmermann 1. Gearbeitet wurde an 1261 Tagen. Verpflegt wurde an 1448 Tagen. Im Monat November 1897 wurden entlassen 7 Mann, und zwar tn Arbeit durch die Eolonie 2, auf eigenen Wunsch 4, wegen Krankheit 1. Seit Bestehen der Colonie 'sind ausgenommen worden im Ganzen 3341, dagegen abgegangen im Ganzen 3284 Mann, bleibt Bestand am 30. November 1897: 57 Mann.

Marburg. 1. December. In Wetter ist ein Groß- teuer auSgebrochen. Nach den bis 9 Uhr früh hier ein- getroffenen Berichten find bis jetzt sechs Gehöfte eingeäschert worden.

ein Crncifix in Werth von 200.000 Mark beabsichtigen katholische Gemeinden in Amerika dem Papst Leo XIII. als diesjähriges Weihnachtsgeschenk zu übersenden. Dieses Crucifix ist ein Meisterwerk der Goldarbeiterkunst und dürste nicht leicht seinesgleichen haben, ganz abgesehen von dem enormen Werth, den eS darstellt. Das Kreuz ist sechs Zoll lang, aus massivem Gold und mit 90 Diamanten vom reinsten Waffrr verziert. 40 dieser Steine, von denen jeder 2»/, Karat wiegt, find dicht über einander in die Mitte des Kreuzes gesetzt, während 43 kleinere Diamanten die vier Enden schmücken. Der mittelste Stein von ganz prachtvollem Farbenspiele wiegt über 30 Karat. Die Rückseite des Cru- ctfixcs ist herrlich gravirt und trägt verschiedene Bibel-Jn- fchrlfteu. Auf der einen Seite der Querstauge stehen die Worte:JesuS, der Menschen Erlöser", auf der anderen:

JesuS, Hüter meiner Seele". In der Mitte der Rückseite bkfindet fich eine kleine Ocffvung, die mit einem beweglichen Schieber zu schließen ist. Diese Oeffnung ist dazu bestimmt, eine Kreuzreliquie aufzunehmen. In einem Elfenbeiukästchen gedenkt man das kostbare Geschenk der amerikanischen Katho­liken nach Rom zu übersenden.

Zwei Briefmarken für 61000 Francs. Aus Berlin wird berichtet: Erst kurze Zeit ist es her, daß die Meldung über den Verkauf zweier Postwerthzeichen von Brittsch-Guiuea zum Preise von 20000 Mark allgemeines Aufsehen erregte. Aber klein erscheint diese Summe gegenüber derjenigen, welche Herrn Philipp Kasack, demselben Händler, der jene beiden kostbaren Marken verkaufte, für zwei andere Stücke jetzt abgefordert worden find. ES handelt fich um zwei Mauritius, die der Besitzer, ein Franzose, mit 51000 Franc- dem genannten Berliner Hause zum Kauf anbietet. Der Postwerth der Stücke ist em bezw. zwei Penny. Erstere Marke ist gelbroth, letztere dunkelblau. Von einem hohen rechteckigen Rahmen ist die Büste der britischen Königin um­geben. Ein Diadem ziert den nach links gewandten Kopf, besten voller Haarwuchs zu üppiger Lockenfrisur geordnet ist. Diese Stücke find im September 1847 zur Ausgabe gelangt, waren aber nur kurze Zett im Kur-, denn August 1848 er­folgte eine neue Ausgabe. Noch vor wenigen Jahren waren die beiden Postwerthzeichen für 20000 Francs zu erstehen, jetzt hat fich ihr Werth anderthalbfach gesteigert.

* Für die Errichtung einer Heilstätte für unbemittelte Lungenkranke in Davos tritt neuerdings eia in der Tages- prefle verbreiteter Aufruf ein. Demgegenüber ist nachdrück­lichst darauf hinzuwetsen, daß nach dem Einstimmigen Urthetl aller Autoritäten, wie von Leyden, Gerhardt, von Ziemssen, Dettweiler u. A, ein practischer Heilerfolg nur tn dem Klima zu erzielen ist, in welchem der Kranke später leben soll, d. h. in seiner engeren Heimath. Sonst gehen bet der Rückkehr, beim Klimawechsel, die vielleicht er- reichten Vortheile schnell wieder verloren. Nach modernen Anschauungen ist es überall möglich, die Lungenschwindsucht zu heilen, oder wesentlich zu befferu. Der deutsche Lungen­kranke muß in Deutschland gute und billige Heilstätten finden. Auf diesen Grundsätzen ist die in erfreulichem Fort- schreiten begriffene deutsche Heilstätten-Bewegung aufgebaut. ES erscheint nöthig, dies bet dieser Gelegenheit zu betonen und die Blicke erneut auf ihre volkSwtrthschaftliche, hygie­nische und sociale Bedeutung htnzulenken.

Um fich todtzufchteßen. Folgende Anecdote findet fich imBär": Im Jahre 1819 kehrte ein auswärtiger Stu- deut eines Tages in Berlin in einem kleinen Gasthof ein. Am Abend legte ihm der Wirth daS Fremdenbuch vor, da­mit er seinen Namen u. s. w. eiutrage. In dem Fremden­buch befand fich auch eine Rubrik:Zweck der Reise". Als der Student an diese Rubrik kam, schrieb er:Um fich tobt» zuschießen". DaS Fremdenbuch wird sofort der Polizei vor- gelegt. Gerade als fich der Student zu Bette begeben will, tritt ein Constabler so wurden damals die Polizisten, welche Uniform trugen, genannt in sein Zimmer.WaS

wollen Sie?" fragte der Student.Ich werde bei Ihnen bleiben, um Sie vor dem Todtschießen zu bewahren. Nach zwei Stunden löset mich ein anderer ab, und so fort. Sie tragen die Kosten. Morgen aber werden Sie nach Hause tranSportirt".Sind Sie toll?" rief der Student aus. Ganz und gar nicht!" antwortete der Constabler. Und wie kommen Sie zu einer solchen Maßregel!?" Ich handle nur auf Befehl meiner vorgesetzten Behörde. Denn es ist hier polizeilich verboten, fich todtzufchteßen".Aber ich will mich ja garnicht todtschießen, eS war nur ein Spaß von mir."Kann sein, allein wie können wir denn wissen, ob Sie jetzt die Wahrheit sagen? Unsere Schuldig- kett ist einmal, Sie vor dem Todtschießen zu bewahren, und das werden wir redlich thun". Was half'S? Der Stu- dent wurde die ganze Nacht hindurch bewacht, uod so sehr er auch bat, man wollte ihn am andern Tage nach der von ihm besuchten, auswärtigen Universität zurücktranSportiren. Endlich bewies er, daß er nocy Geld bei sich hatte, und nur daraufhin ließ man ihn gehen, weil man ganz richtig annahm, daß kein Student fich todtschießt, solange er noch Geld hat.

» Ein Hund als Kellner verrichtet seine Dienste in einem Wirthshause zu Rixdorf. Der Wirth hat einen großen gelben Hund in der Bedienung der Gäste so vollständig ausgebildet, daß er selbst ruhig hinter dem Ladentisch bleiben kann und nur die bestellten Maaren den Gästen zu über­reichen braucht. Auf den Pfiff eines GasteS erscheint der Hund sofort mit einem Theebrett in der Schnauze, um auf einem Zettel die Bestellung entgegenzunehmen und seinem Herrn zu übermitteln. Später nimmt er auch die Bezahlung entgegen und weiß genau, wer ihm ein Geldstück zum Wechseln übergeben hat. Das Trinkgeld für die geleisteten Dienste fordert er nicht von den Gästen, sondern vom Wirth, der ihm die Gänge ab und zu mit einem Stück Wurst entschädigt.

Citeratut und Kunft

In der Dunkmann'schen Verlagsbuchhandlung zu Hannover erscheint eine für Bücherfreunde höchst beachtenswerthe Reihe ttfttt« billiger Prachtwerke, die bei einem bisher bei solch' großen, künstlerisch ausgestatteten Prachtwerken nicht gekannten Preise von 4 bis 6 Mk. ganz hervorragende Werke auf den Büchermarkt bringt und sich ohne Zweifel vermöge ihrer ungewöhnlichen Vorzüge an die Spitze unserer Geschenkliteratur stellen wird. Die erflen, Jobben erschienenen Bände in entzückenden Einbänden sind auch inhaltlich so trefflich gewählt und dem verschiedensten Geschmack der Bücher- freunbe angepaßt, daß Jeder, dem es an einem stattlichen und mertos vollen literarischen Festgeschenk gelegen ist, einen rusagendm Band finden wird. Sie enthalten: Goethes Faust. Mit Zeichnung« von Sascha Schneider. Preis 6 Mk. Familien-Ehronik. Ein Buch zur Pflege des Familiensinns. Preis 4 Mk. Zu lichten Höhen! Eine Sammlung christlicher Poesie, von Luther bis aus die Gegenwart. Mit 8 Kunstblättern; Preis 5 Mk. Großmeister deutscher Musik (Bach, Mozart, Beethoven, Weber). Von H-nS von Wolzogm. Preis 5 Mk. Rückerts Liebesfrühling. Mit Ltchtdruckbildern von A. Zick. Preis 6 Mk. Die Bände sind sämm^ ltch hervorragende Zeugen der Blüthe deutschen Buchgewerbes und werden hoffentlich eine Zierde manchen Weihnachtstisches btlben.

Feuilleton.

Alles auf einmal.

.Hiner wahren Begebenheit nacherzählt von Albert Cim.

Autorisirte Uebersetzung von Wilhelm Thal.

(Schluß.)

Charles zuckte nicht mit der Wimper.

Gewiß, Herr Aubryon," fuhr de Gelber fort,ich schätze Ihre Fähigkeiten unb Leistungen sehr hoch, wir halten Sie für unseren tüchtigsten Beamten und haben Ihnen auch Beweise basür gegeben."

Ich bin Ihnen auch uneublich dankbar,- erwiderte Charles.

Aber baß ich Ihnen dehhalb meine Tochter zur Frau flebcn sollte, das ist doch eine andere Sache. Ueberlegen Sie selbst, Sie haben nicht ernsthaft gesprochen, geben Sie'S «ir nur zu.-

Jch habe mich schlecht ausgedrückt," entgegnete Charles, weß wäre von meiner Seite eigenfiuuig, wollte ich schon jetzt Ihre Zustimmung verlangen; aber wenn meine Stellung fich nun änderte?"

Wie meinen Sie daß?"

Nun, wenn ich zum Beispiel der SociuS eines be­brütenden Hauses, wie e- das Hau- SeffylS in Lille ist, würde?"

Dann läge die Sache natürlich anders, denn dann Micn Sie ja nicht ohne vermögen."

Herr de Gelder, Sie können an der Zuneigung, die ich für Fräulein CScile hege, nicht zweifeln," fuhr Charles fort,fie ist von dem Schritte, den ich bei Ihnen unter- nehme, unterrichtet, billigt ihn und erwartet das Resultat desselben mit ebenso großer Ungeduld, wie ich. Würden Sie mir nun, wenn ich der Compagnon des Hauses SeffylS u. Favconnier wurde, die Hand Ihrer Fräulein Tochter zufichern?"

Wenn meine Tochter Sie will und Sie liebt, werde ich Ihnen meine Einwilligung gern geben, daS verspreche ich Ihnen. Ich hätte ja sonst keine Gründe, Ihnen Ihren beider­seitigen Herzenswunsch,zu versagen.".

Bald darauf reiste Charles nach Lille ab, wo er fich Herrn Leopold SeffylS vorstellte.

Sie hatten mir vor einiger Zeit den Vorschlag ge­macht," sagte er zu ihm,tn Ihr HauS einzutreten."

Und Sie haben darüber nachgedacht, Sie nehmen au?"

Ja, bott möchte ich Ihrem Hause nicht als Angestellter, sondern als Compagnon augehören."

Als Compagnon? Als Compagnon? Sie verlieren den Kopf, junger Mann!" rief Herr SeffylS.

So viel ich mich durch den Spiegel dort überzeugen kann, noch nicht.-

Nun, sprechen wir ernsthaft. Sie selbst haben mir gesagt, Sie besitzen keinen Pfennig und verdienen bei de Gelder n. Weiland viertausend bis fünftausend Francs. Was bringen Sie nun ins Geschäft mit? Ihre Fähigkeiten, Ihre In­

telligenz, Ihre Arbeit, zweifellos; doch das genügt nicht, um der Affoclü von Srflyl« u. Fauconnier zu werden."

Wenn ich nun aber statt einfacher Commis des Herrn de Gelder sein Schwiegersohn wäre?"

Sein Schwiegersohn?"

Ja."

*® würdi die Sache allerdings wesentlich ändern, daun ließe fich machen, unb ich muß Ihnen gestehen, ich würbe auf ben Vorschlag sogar mit Vergnügen eiugehen, denn ich kenne Sie unb schätze Sie hoch, Herr Aubryon."

Sie find sehr gütig, mein Herr!-

Sie find also der Schwiegersohn? Donnerwetter!"

Ich werde eS nächstens, Herr SeffylS; indeß, Sie zwingen mich, Ihnen diese vertrauliche Mittheilung, die vorläufig noch Familiengeheimniß bleiben sollte, schon jetzt zu verrathen."

Fürchten Sie nichts, ich bin verschwiegen."

Sie werden übrigens in kurzer Zeit die offizielle Mit­theilung erhalten."

Meinen herzlichen Glückwunsch! Natürlich werden wir glücklich sein, Sie den Unserigen nennen zu dürfen. Wir können also schon jetzt einen Vertrag aufsetzen?"

Ich wollte Sie eben darum bitten."

Zwei Monate später wurde Charles Aubryon der Gatte von CLcile de Gelder und gleichzeitig Theilhaber des Bank­hauses SeffylS, Favconnier u. Co. Bei feinem Tode hinter» ließ er einen nach Millionen zählenden Befitz.