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3.11.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 258 Erstes Blatt_______Mittwoch de« 3. November

1897

Der

^U|e«er Anzeiger erscheint täglich, eilt Ausnahme de- Montags.

Die Gießener I'^mltienvtLiter werden dem Anzeiger wücheMlich dreimal bcigrlegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

Vierteljähriger Aöounementrpreisk 2 Mark 20 Pfg. ett vringerlohn. Durch die Post bezöge, 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Lxpeditta» und Druckerei:

ZchulstrateAr.L. Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblntt für den Ureis Giefzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Lag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Hratisöeitage: Hießener Kamitienötätter.

Alle Lnnoncen-Bureaux de- In- und Lu-landeS nehou» « Anzeigen für de«Gießener Anzeiger" entgeh«.

Wolff» telegraphisches Eolrespondm»-Bnre«u.

Stuttgart, 1. November. Aus eine Einladung de- Der« rin» Süddeutscher Baumwoll-Industrieller fand heute hier «ine allgemeine Weberversammluug statt. Da» Syn- dicat elsäsfischer Textilindustrieller war durch seinen Prä« fidenteu vertreten, auch die sächfischen Rohweber hatten einen Vertreter gesandt. JnSgesammt waren 27,390 Webstühle ,der 75 pCt. de» Bezirk» vertreten. Wie von betheiiigler Seite mitgetheilt wird, wurde in der Versammlung fest gestellt, daß bisher fast auSnahm-lo» ArbeitSeinschrLakungen bi» zu 35 pLt., durchschnittlich 15 bi» 17»/a pCt. statt­sanden, infolge deffen ftch Lager nicht bildeten. Trotzdem blieben die Verkaufspreise so gedrückt, daß trotz der außer­gewöhnlich billigen Baumwollpreise sich ein schwerer Verlust ergibt. Die Versammlung sah daher die Mittel zur Befferung in einer weiteren Einschränkung und beschloß mit über­wiegender Mehrheit, die seitherige Einschränkung nicht nur betzubehalteu, sondern dieselbe je nach den Verhältnissen der einzelnen Industriellen während der nächsten Monate noch um 6 bi» 10 pLt. zu vergrößern.

Et. Margarethe«, 1. November. Amtlich wird gemeldet: Infolge Beschädigung der Eisenbahn Drehbrücke über den Kaiser-Wilhelm Canal durch Anprallen eine» ©ch>ffe» ist die Strecke St. MargarethenEddelak unfahrbar, doch wird -er P rsonenverkehr durch Umfteigen an der Brücke aufrecht erhalten. Dauer der Störung unbestimmt.

Petersburg, 1. November. Der Kaiser nnd die Kaiserin haben in ZarSkojeSselo Aufenthalt genommen.

Athen, 1. November. Etwa 45,000 Flü chtling e mit 40,000 Stück Vieh find bereit» nach Theflalten zurück gekehrt.

Havauuah, 1. November. Vor seiner Abreise nach Spanten stattete General Wehl er dem Marschall Blaoco einen Besuch ab und übergab ihm die Regierungsgewalt. Marschall Bianco richtete an die Lubauer eine Prociamatton, in der e» heißt, die Regierung habe, von gutem Willen und besten Hoffnungen erfüllt, ihn beauftragt, Reformen vor- zunehmen und eine Selbstregierung einzuführen unter Auf­rechterhaltung der Souveränetät Spanien». Er, Bianco, werde der Dolmetscher der Regierung fein, indem er eine Politik weitgehender Hochherzigkeit und des Vergessen» be- solgen werde. Er hoffe auf die Unterstützung aller Bürger,- rr werde alle Diejenigen schützen, welche dem Gesetze gehorchen, aber die volle Strenge der Waffengewalt die Undankbaren und Widerspenstigen fühlen laffen, die die Schrecken de» Kriege» noch zu verlängern suchen sollten. Marschall Blanco richtete ebenso eine Prociamatton an die Truppen. Bei seiner Landung, wobei die Truppen Spalter btlöeten, wurden enthusiastische Hochruse auf Spanten, auf den König und auf da- spanische Cuba au-gedracht. Nach seiner Ankunft im Palais empfing Marschall Bianco verschiedene Abord­nungen, darunter eine Abordnung der Autonomisten, welche hervorhob, fie freue sich der Ankunft eine- so trefflichen Gouverneur» und hoffe, Dank der Autonomie werde die Morgenröthe de» Friedens dem Kriege folgen. Marschall Blanco dankte für die patriotischen Worte und erklärte, er zähle besonders auf die Unterstützung aller Freunde der Selbstverwaltung.

Depesche« bei Bure««Herold.*

Berlin, 1. November. Wie au» Darmstadt gemeldet wird, ist der Generalmajor v. Bülow, Commandeur der 21. Cavalleriebrigade, vorgestern beim Jagdreiten gestürzt und in der letzten Nacht .gestorben. General v. Bülow war ein Bruder de» nunmehrigen StaatSsecretärs deS Aus­wärtigen AmtS. Nach Eingang ;ber Todesnachricht hat der Kaiser die Abficht, heute Abend daS Offiziercorps des Garde- kürafsier-RegimentS zu besuchen, aufgegeben. DeS Wetteren wurde das Diner, da» gestern Abend in Rom auf der Confnlta zu Ehren deS von Rom scheidenden StaatSsecretärs v. Bülow staltstnden sollte, infolge der Unglücksnachricht abgesagt.

Berlin, 1. November, lieber die Marine-Vorlage wird derPost" aus Stuttgart geschrieben, daß man auch in dortigen Regierungskreisen, wie in denen anderer größerer Bundesstaaten den Flottenplänen deS StaatSsecretärs Tirpitz sehr wohlwollend gegenüberstehe. Man habe ihre Berechtigung an der Hand be» von Berlin au» mitgetheilten sachlichen Material» rückhaltlos anerkannt und hegt die Hoffnung, daß, sobald die Einzelheiten der Vorlage veröffentlicht werden, auch «ine Mehrheit ter OrtSvertretuug für die geforderten Neubauten zu haben sein werde.

Berlin, 1. November. Am vorigen Mittwoch ist im kaiserlichen Gesundheitsamt eine im Auftrage de» ReichSamtS

de» Innern zur Berathung über die Frage der Einführung eine» StaatS-ExamenS für technische Chemiker einberufene Commisfion unter dem Borfitz deS DirectorS de» Gesundheitsamt» Dr. Köhler zusammeugetreten. An den Verhandlungen nahmen außer den Regierungsvertretern hervor­ragende Theilnehmer des chemischen Unterricht» an der Uni­versität und der Technischen Hochschule Theil. Die Srgebntffe der Berathungen, welche, wie dieNordd. Allgem. Zrg." berichtet, bis auf Weiteres geheim zu halten find, werden zunächst von der zuständigen Behörde eingehenden Erwägungen unterzogen werden. Eine abschließende Entscheidung darüber, ob und eveut. welche Maßregeln zu treffen find, um die in der Conserenz anerkannten, bet der Vorbildung und Aus­bildung der Chemiker zu Tage getretenen Mängel zu beseitigen, werde in allernächster Zeit kaum zu erwarten fein.

Berlin, 1. November. Ja der heutigen Nachmittags­ziehung der preußischen Klassenlotterie fiel ein Gewinn von 200000 Mk. auf die Nr. 16179.

Berlin, 1. November. DaS Endresultat der Reichs- tagS-Ersatzwahl in West-Priegnitz ist derKreuzztg." zufolge Folgendes: v. ©albern (conf.) 5043, Schultz (Bp.) 3148, Hinze (Soc.) 2015, Wohlfahrt (Antif.) 1909 Stimmen. Zersplittert waren 10 Stimmen. Die Entscheidung wird also, tote bereits bekannt, erst in der Stichwahl zwischen Saldern und Schultz fallen.

Berlin, 1. November. Zur Frage der Reform deS Militär strafverfahren» schreibt dieNational-Zeitung", das Bedenken, ob die Einbringung im Reichstag in der That gesichert sei, sei grundlos. Die Einigung im Plenum sei schon seit längerer Zeit nur von der Stellungnahme Preußen- abhängig gewesen und sie sei eben durch den Entschluß deS Kaisers in einem die Annahme deS Entwurs» im BundeSrath verbürgenden Sinne entschieden. Die Einbringung im Reichstag könne jetzt nur noch in einem Falle verhindert werden: wenn nämlich, wozu hier und da in der Preffe ein Anlauf ge­nommen wird, auf Grund unverbürgter Angaben über den Entwurf schon im Vorau» eine Kritik desselben begönne, die den Gegnern der Reform Vorwände lieferte, die Verständigung als von vornherein aussichtslos darzustellen. Soviel die Natiooal'Zeitung" weiß, ist das Princip der Oeffentlichkeit in dem Entwurf ausgesprochen, die Ausnahmen aber sind allerdings in umfassenderer Art vorgesehen, al» im Straf­verfahren der Civilgerichte. DaS jrtztge krieg-herrliche Recht, die militärgerichtlichen Urtheile durch Nichtbestätigung aufzu­heben, sodaß vor einem anderen Gerichte von Neuem ver­handelt werden muß, ist nicht beibehalten. Ueber eine kriegS- herrliche Mitwirkung, welche dennoch nach dem Abschluß deS Verfahrens angeblich eintreten foll, find verschiedene Verfioneu verbreitet.

Nürnberg, 1. November. Für die bevorstehenden Ersatz­wahlen proclamirte eine sociattstische Parteiversawmlung den Verleger derFränk. Tagespost" Oertel zum Reichs- tagS-Candibaten und den Arbeiter-Secretär Segitz zum Landtags-Candidateu.

Wien, 1. November. Hier chculirt das Gerücht, daß Graf Badeni bereits in der gestrigen Audienz beim Kaiser seine Demission unterbreitet habe. Diese Gerüchte werden jedoch von unterrichteter Seite al» verfrüht bezeichnet. Der ungarische Ministerpräsident Baron Banffy, welcher heute au» Budapest hier eintrifft, wird sofort vom Kaiser empfangen werden. Bon dieser Audienz dürfte es abhängen, ob Badeni seine Demission geben wird. Im Laufe deS heutigen TageS sollen vom Kaiser Vertreter sämwtlicher gemäßigter Parteien empfangen werden. Die Krone nimmt den Standpunkt ein, daß die AuSgleichSfrage mit Ungarn als äußere Angelegenheit aufzufaffen und endlich von der Sprachenfrage zu trennen sei. Deshalb erwartet die Krone daS Zusammenwirken aller gemäßigten Parteien zur befriedigenden Lösung deS den gesammten Staat betreffenden Ausgleichs. Andererseits soll die Krone geneigt sein, eine gesetzliche Lösung der Sprachen­frage herbeizuführen. Für den Fall de» Rücktritt- Badeni» soll Fürst Lobkowitz mit der Bildung de» Cabinet» betraut werden.

Budapest, 1. November. Die Reise BanffyS nach Wien wird mit derSanction deS Au-gleichSprovisoriumS in Verbindung gebracht. UngarischerfeitS wird der Gesetz- entwarf bereit- morgen zur Sanction unterbreitet mit dem Vorbehalt, daß er auch in Oesterreich zu Stande kommt. Falls die Annahme in Oesterreich durch Zwangsmittel erfolgt, wird die Opposition in Ungarn eine LandeSbeweguug gegen die Gültigkeit etnleiten.

Boze«, 1. November. Gestern wurde hier der deutsche Volks tag abgehalten, au- welchem Grunde die Stadt reich beflaggt war. Den Vorsitz führte der Bürgermeister Dr. Pe- rathoner. Alle Redner, unter denen sich die Abgg. Wolf,

Steinwender, Böheim und Groß befanden, plaidirteu für einmüthige» Vorgehen gegenüber den Clertcalen und den Italienern und gaben der Erwartung Ausdruck, daß auch die clertcalen Deutschen im Kampfe gegen die slavische Mehrheit auf die Seite ihrer StammeSgenoffen treten werden. Schließlich gelangte eine Resolution zur Annahme, in welcher den Ab­geordneten der deutschen Opposition der wärmste Dank aus­gesprochen wird und an sie die Aufforderung ergeht, im Kampfe auSzuharren. DeS Weiteren wurde in der Refolutiou baß tiefste Bedauern darüber au-gedrückt, daß auch deutsche Abgeordnete in diesem heiligen Kampfe auf die Seite der Regierung und der Slaven sich stellen. Alle Deutschen, ohne Unterschied der Parteistellung, müßten die deutschen Abgeord- neten in diesem Kampfe unterstützen.

Pari», 1. November. Gestern Abend kamen mehrere Anarchisten, darunter der Anarchist Galliani, hier an, wurden aber von der Polizei, welche von London au» benach­richtigt worden war, sofort verhaftet.

Berlin, 2. November. Wie dieNattonalztg." hört, wird im Abgeordnetenhause eine Regierungsvorlage erfolgen, welche eine bedeutende Neubewilligung für die Fortführung deS AnfiedelungswerkeS in Posen und West- Preußen bezweckt, da die im Jahre 1886 bewilligten hundert Millionen Mk. nahezu verbraucht find.

Berlin, 2. November. Bor einigen Tagen wurde hier eine Falschmünzerbande aufgehoben, die seit Monaten in verschiedenen Gegenden eine große Anzahl falscher Thaler- stücke in Umlauf gebracht hatte. Drei Personen find bereit- verhastet und Formen aus Gyps, Modelle und unfertige falsche Stücke find mit Beschlag gelegt worden.

Berlin, 2. November. DerVoff. Ztg." wird auß Wien telegraphirt: Die Meldung von einem Kronrath, der unter dem Bo,sitz beß Kaiser» ftattgefunben hätte, ist unrichtig. Die Lage wird hier alß unberäabert bezeichnet. Unterrichtete Kreise versichern jetzt, von einer MtnisterkrifiS könne keine Rebe fein, so lange nicht baß Schicksal beß Au»- gleichßprovisoriumß entschieben sei. Banffy hatte gestern eine Unterredung mit Badeni, die nach der Feststellung beß Zeit­punktes für bie Einberufung ber Delegationen galt. Vor­läufig verlautet, baß bie Delegationen in ber Mitte beß November zusammentreten sollen.

Petersburg, 2. November. Der Sultan hat an beu Schah von Persien telegraphisch die Bitte gerichtet, die vor den Kurden flüchtenden Armenier nicht mehr aufzunehmen, sowie die bereit» in Persien eingetroffenen auszuweisen.

WB. Schkeuditz. 2. November. Gestern Abend ist durch Explosion eine» Exiracteur» Thiel» Lederfabrik von Deickler in die Luft geflogen. Drei Personen find tobt, vier werden vermißt. Die Ursache der Explosion ist unbekannt.

CtcaUs uttfc ProVinziell-s.

Sieben, 2. November 1897.

* * Oeffenüiche Anerkennung einer edlen Xhot. ©eine König!. Hoheit der Großherzog haben dem Dammwärter- aspiranten Heinrich Haa» zu Mombach in Anerkennung der von ihm mit Muth und Entschloffeuhett, sowie unter eigener Lebensgefahr ausgeführten Rettung der Rosa Well in Wies­baden vom Tode des Ertrinkens die Rettungsmedaille zu verleihen geruht.

Spende. Aus der von dem Kaiser von Ruß­land für WohlthätigkeitSzwecke gewährten Spende wurde, wie man demDarmfl. Tgl. Anz." mittheilt, dem Verein hessischer Lehrerinnen zur Begründung eines HeimS der Be­trag von 1000 Mk. überwiesen.

VlnSverkauft waren laut Anschlag an den hiesigen Post­schaltern gestern Nachmittag die am Vormittag erstmalig zur Ausgabe gelangten Kartenb riese. Jedenfalls war bet Reiz der Neuheit, der den wohl nicht geringen Vorrat- so rasch verschwinden ließ.

Concert Verein. Mendelssohn - Feier. Am 4. November find 50 Jahre verflossen, seit Felix MendelSsohn-Bartholdy sein Haupt zum ewigen Schlummer niederlegte. Der Concert-Berein konnte keinen würdigeren Anfang seiner diesjährigen musikalischen Thätigkeit wählen, al» durch eine Feier, die den Manen deS unsterblichen Meister» geweiht ist. Zwar machen e» technische Hindernisse unmöglich, den 4. November zu wählen, die musikalische Bedeutung wird aber keineswegs dadurch ab­geschwächt, .wenn zur Feier Sonntag der 14. November bestimmt ist. Daß diese» schöne Unternehmen in würdigster und nobelster Weise auSgesÜhrt werden wird, dafür bürgt die jugendlich energische Leitung unsere» UniversitätS-Musikdirector-