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3.8.1897 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt. Dienstag deu 3 August______________________

Hießener Anzeiger

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Deutsche» Reich.

Darmstadt, 31. Juli. Der hiesige österreichische Gesandte, Nurian, überreichte heute in Abschiedi-Audienz dem Groß« Herzog seine Abberufung. Nach der Audienz fand Gala­tafel statt.

Berli», 31. Juli. Wie au» verbürgter Quelle mitge- theilt wird, beschäftigt sich die Regierung seit einiger Zeit mit dem Plan, in Berlin eine Centralstelle für deu Mehl- und Getreidehandel zu errichten, und zwar soll ein Mehl- und Getreidemarkt besonders organifirt werden. Die Preisuotirungen sollen dann al» offtctelle Notirungeu gelten. Vorläufig wird die Angelegenheit noch discret be­handelt, jedoch scheint es gewiß, daß die LandwirthschaftS- kümmern daran betheiligt find.

Berlin. 31. Juli. Einer Berliner Drahtmeldung des Hamb. Lorrefp." zufolge ist eS nicht ausgeschloffen, daß noch vor der Abreise des Kaisers nach Rußland wichtige inner-politische Entscheidungen erfolgen.

Berlin. 31. Juli. Die im Laufe des heutigen Tages an» deu Hochwasser gebieten eingetroffenen Nachrichten lauten trostlos. Unter den Kurgästen entstand eine große Panik, a?S Nachts die Waffermaffeu gegen die Häuser an- stürmten. Biele Personen schwebten tn Lebensgefahr. In Unter-FlinSberg wurde der Damm durchbrochen. Der Post- und Eisenbahnverkehr mußte eingestellt werden. Die Stadt Sprottau ist nur von einer Seite zu erreichen, die andere steht unter Waffer. Um 4 Uhr gestern Morgen wurde die Bürgerschaft und Feuerwehr alarmirt, um sich vor dem Hoch- waffer zu retten. Die Feuerwehr bot alle Kräfte auf, um Habseligkeiten und Vieh zu bergen. Zwei Brücken find weg geriffen. In Görlitz ist daS Gelände der Färberei von Müller L Kauffmann zerstört- 600 Arbeiter wurden dadurch brotlos. In Groß Aupa haben 11 Personen und viel Bieh ihren Tod in den Fluthen gefunden. LandeShm steht ganz unter Waffer. In Löbtau ist das neue RathhauS eingestürzt. Auch Zrnckau ist von der Urberfchwemmung betroffen, mehrere Straßen stehen unter Waffer, Brücken sind fortgeriffen, drei- cehn Arbeiter ertranken. Ju der Umgebung Berlin» hat der wochenlange Regen großen Schaden angerichtet. Da» Getreide ist größtentheils vernichtet. Ebenso traurig sieht es um die Kartoffelernte au».

Berlin. 31. Juli. Wie dieBerl. N. Nachr." auf directe Erkundigung erfahren, entbehrt die Mittheilung von einer schweren Erkrankung des Generals v. Hahnke jeder Be«

Feuilleton.

Dein Herr!

Novellette von Conrad Telmann.

(2. Fortsetzung.)

Die Tbränrn waren ihr nahe, sie wußte nicht varum.Ich werde Else gleich dinunterschicken. ES ist doch anerhöct von dem Menschen Else!"

Da» Mädchen erschien mit dem Theebrett in der Hand.

Endlich ist er fertig, gnädige Frau. Vorher war kein Feuer mehr da, deßhalb hatte eS so gezögcrt."

Aber Else I"

Melauie war ganz starr.

Gnädige Frau haben doch vorher Thee befohlen," sagte da» Mädchen gekränkt.

Ein ausgezeichneter Gedanke," fiel Wilm Handrck ein. 3d) schwärme für Thee. Und da» gibt mir die Hoffnung, Tie noch ein bischen länger aushalten zu dürfen, gnädige Frau!"

Melanie beherrschte sich.

In ein paar Minuten gehen Sie hinunter, Else, und sehen Sir zu, ob der Kutscher parat ist. Sonst rufen Sir ihn dann ab. Er wrrd drüben in der Bierstube fitzen."

Da» Mädchen ging hinaus und Wilm legte seine Uhr tivbm sich auf den Tffch

Au den paar Minuten halte ich fest, gnädige Frau," sagte er.

M-lanie fchänkte ihm Thee ein, wobei er eommandirte, tote viel sie ihm geben sollte, und sich mit Zucker und Sahne von ihr bedienen ließ.

Der Thee ist ganz gut," sagte er daun, nachdem er ihn versucht hatte.Ich bin Kenner."

Ja," fiel Melanie mit einer gewiffeu Schärfe ein,Sie hoben fich offenbar nach allen möglichen Richtungen hin aus­gebildet, Herr Doctor!"

So viel e» irgend ging, gnädige Frau. Slbtr sprechen vir zunächst nicht von mir, sondern von Ihnen. Sie haben

gründung. Der General begab fich vielmehr zum Vortrag beim Kaiser nach Kiel.

Berlin. 31. Juli. Wie dieNordd. Allg. Ztg." hört, hat der englische Botschafter, al» er im Namen feier Regie­rung dem auswärtigen Amt die Kündigung des Handels­vertrages übermittelte, zugleich Vorschläge wegen Ver­handlungen über einen neuen Vertrag gemacht.

Berlin, 31. Juli. Die Nachforschungen nach der Leiche de» bei Odde ertrunkenen Lieutenants z. S. v. Hahnke find al» völlig ausfichtsloS aufgegeben worden.

Berlin, 31. Juli. DieDeutsche TageS-Ztg." schreibt: Ju kundigen Kreisen vermutet man, daß, wenn der Minister des Innern v. d. Recke seinen Abschied erbitten und erhalten sollte, aus eine Persönlichkeit zuiückgegriffen werden dürste, die schon früher an leitender Stelle der Regierung angehört hat. Wenn manche Blätter andeuten, daß auch in der Kanzlerfrage die Entscheidung in diesen Tagen getroffen werden könnte, so glauben wir, daß fie fich darin irren. Aus Allem, wa» wir in letzter Zeit gehört und erfahren haben, scheint klar hervorzugehen, daß diese Entscheidung schon getroffen ist.

Köln, 31. Juli. Die Criminalpolizei verhaftete eine Falschmünzerdaude, deren Mitglieder zum Theil in Hotels, zum Theil in Privathäusern einlogirt waren. In ihrem Besitz fand man 1000 Mark in falschen Hundert- markschetnen.

Köln. 31. Juli. Zu der Kalker Fleischvergiftungs- affaire wird noch gemeldet, daß der von der Staatsanwalt, schäft gegen den Metzgermeister Effer verfügte Haftbefehl wegen Nahrungsmittelfälschung erlaffen wurde. Die Polizei fand in der Effer'schen Senkgrube einen größeren Posten verdorbenen Fleisches vor, welcher zur chemischen Unter­suchung nach Köln geschafft wurde. ES verlautet, Effer habe in jenen Tagen Fletsch zu 30 Pfg. pro Pfund neben anderem Fleisch zu 6070 Pfg. daS Pfund verkauft. Die Leute, welche von letzterem genoffen haben, find nicht erkrankt. Die umfangreiche Untersuchung ist noch nicht beendet. 34 Per« fönen befinden sich in ärztlicher Behandlung.

Kiel, 31. Juli. Die Kaiserin traf heute Vormittag um 8 Uhr hier ein und begab sich sofort an Bord der Hohenzollern", wo eine herzliche Begrüßung zwischen dem Kaiserpaare stattfand. Die Minister von Miquel und von der Recke eonferirten gestern bis Abends 11 Uhr mit dem Kaiser und reisten heute Vormittag 9 Uhr nach Berlin zurück.

Schwere- durchgemacht, aber Ihre gesunde, starke Natur hat es überwunden, wie ich sehe. Das Leben stellt eben seine unerbittlichen Forderungen und wir wüffen gehorchen. Ich habe mich auch in Manches fügen gelernt, was mir anfangs völlig unerträglich erschien. Man muß dem Schicksal gegen- über seine Herrennatnr zeigen. Apropos, wiffeu Sie schon, daß ich mich jetzt in Heidelberg habilittren werde?"

Nein," erwiderte Melanie halb gelangweilt, halb pikirt,da Sie noch nicht früher die Gewohnheit hatten, mich aufzusuchen"

Ah! DaS klingt ja, als ob Sie darüber ein bischen aigrirt wären. Sehr schmeichelhaft. UebrtgenS hätte eS Ihnen Frau Thea Wild ja erzählen können, die ich vorher qu» dem Hause kommen sah. Sie lieben Heidelberg, nicht wahr?"

O ja." ES klang gedehnt, ungeduldig.Ich muß nun aber doch" Sie rückte unruhig auf ihrem Seffel hin und her.Else könnte schon wieder herauf fein."

Es find erst drei Minuten, gnädige Frau. Darf ich Sie ivzwifchen noch um eine Taffe Thee bitten? Er ist wirklich ganz gut. Und eS plaudert fich angenehmer dabei. Elle haben Sie nicht. Der Kutscher muß fich doch erst wärmen, sonst verliert er die Zügel nachher auS den ver- Harnten Fingern und es gibt ein Unglück. Ueberhaupt: sehen Sie fich vor! Wir haben heute Glatteis, der Weg bis zur Steinstraße ist weit, und Sie haben den Breiten Weg zu pasfiren, der sehr abschüssig ist- Ihr Gaul schien mir nicht gerade auf den sichersten Beinen zu stehen. Wenn der Kutscher also nicht ganz Herr seiner selbst wäre "

Wozu machen Sie mir denn Angst, Herr Doctor?"

Angst? Ihnen? Dazu wäre ich gewiß nicht im Stande. Sie hatten immer einen so männlich überlegenen Geist. Alle» Timide war Ihnen immer in tiefster Seele verhaßt, gnädige Frau. Und damals waren Sie noch ein junges Mädchen, während jetzt als Frau"

Melanie war roth geworden. Ihre Augen Überschwetsten lauernd dar ernste, ruhige Antlitz des Mannes ihr gegen- Über, der sich ans feinem kühlen Phlegma nicht aufrütteln

Hamburg, 31. Juli. Die Hamburg-Amerikanische Packet- fahrtgesellschaft macht zu der gestrigen Nachricht von der Unterschlagung von 50000 Mark bekannt, daß diese Summe sich wieder gefunoen habe, daß jedoch der CommiS noch immer verschwunden sei.

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London, 31. Juli.Standard" meldet auS Moskau, Präsident Faure werde dem Stapellauf eines russischen KreuzerpanzerS beiwohnen, welcher auf den NamenParis" getauft werden soll.

Loustautiuopel, 31. Juli. In einer alten, nicht mehr benutzten Moschee zu Yedikule beschlagnahmte die Polizei ein geheimes W a ff e n- D e p o t. Es wurden viele Verhaftungen vorgenommen.

Krakau, 31. Juli. Hier haben 1200 Cigarren- Arbeiterinnen die Arbeit eingestellt. Sie verlangen Abschaffung einer Maschine englischer Erfindung, welche täglich 130,000 Stück Ctgarretten herstellt. Polizei-Soldaten be­ruhigten die Arbeiterinnen, welche die Fenster etnschlugrn und die Tische zertrümmerten. Militär erhielt Befehl, sich bereit zu halten.

Wien, 31. Juli. DaS Wetter hat fich gebeffert. In Ischl ist die Situation fortdauernd schlecht. Die Esplanade ist in einen reißenden Strom umgewandelt. Die Ufer­bewohner an der Trau find von jedem Verkehr abgeschnitten.

Leu», 31. Juli. Der Bergarbeiterstrike ist be­endet, nachdem 134 Belgier entlasten worden find.

Pari», 31. Juli.La Patrie" veröffentlicht eine Sensations-Meldung, wonach tn Roman bet zwei Anarchisten eine Haussuchung abgehalten worden ist, wobei 25 Kilo Dynamit entdeckt wurden. Die beiden Anarchisten wurden verhaftet. Die Meldung klingt um so sensationeller, al» sich Präsident Faure auf einer Reise durch SÜdfrankreich be­findet, weshalb man auf ein geplantes Attentat geschloffen hat.

Salzburg, 31. Juli. Infolge von Ueberschwem- mungen ist die Zugverbindung von BtschofShofen nach Steiermark unterbrochen und die direcre Zugverbindung SalzburgWien zerstört. Auch die Strecke Salzburg- Innsbruck ist durch Ueberfluthung der Bahnkörpers gesperrt. Nur die bayerische Strecke ist noch frei. In der Stadt find die Quaistraßen völlig unter Waffer. Die Eifenbahnbrücken bei Salfelden und Auch! sind zerstört. Salzburg steht völlig unter Waffer. Diele Häuser find eingeftürzt. Abends brach in der Getreidegaffe zu Salzburg Feuer aus.

ließ. Wollte er fie verspotten, znm Besten haben, bestrafen? Sie wurde auS diesem nonchalanten, hart anS Brüske streifenden Benehmen nicht klug. Sie kannte diesen Mann gar nicht wieder. Und es schmerzte fie, eS empörte fie, daß dies aus ihm geworden war, dies! Lieber, tausendmal lieber hätte fie den scheuen, linkischen Gelehrten von ehemal» wtedergesehen. Ein zorniges Weh war tn ihr. ES war ja richtig, daß fie ihn früher immer ander- gewollt, fich an seiner Bescheidenheit gestoßen hatte, die so stark von dem selbstbewußten Benehmen ihrer übrigen Bewerber abstach und wegen derer er ihr nicht hatte imponiren können, trotz all seines Wiffevs und seiner HrrzensgÜtr und all seiner Ver- stavdesklarheit nicht. Nicht imponiren und daS wars doch, waS fie gewollt, was fie gebraucht hatte. DaS allein hatte ihm gefehlt, damit

Woher wissen Sie Überhaupt, daß ich tn die Stein­straße fahre?" fragte fie indignirt.

Wilm hatte mit Behagen feinen Thee geschlürft.

Frau Thea Wild erzählte e» mir," sagte er jetzt gemüih-ruhig.Zu PräfidentS."

Ja, und ich muß jetzt fort. ES ist die höchste Zeit." Melanie erhob fich nervös.

Er steckte langsam seinen Chronometer ein.

Else ist ja noch nicht da. Uebligeo», wenn eS Ihnen so sehr darum zu thun ist, den ersten Walzer gleich mit­zumachen, gnädige Frau ich denke, ich habe daS Tanzes ja wohl noch nicht ganz verlernt. Ihr Salon ist groß ge­nug, ich stehe zur Verfügung Sie verlieren dann nichts."

Und er stand wirklich vor und verneigte fich, ein Lächeln um die Lippen.

Er war unausstehlich.

Sie scherzen," sagte Melanie unmuthig.

Durchaus nicht. Ich habe lange nicht mit Ihnen ge­tanzt. Sie könnten mir diese kleine Gunst wohl erzeigen. Nach fast fünf Jahren als Willkommgruß."

(Fortsetzung folgt.)