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2.11.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 257

Der

Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS

Montags.

Die Gießener A«misien blätter werden dem Anzeiger wüchenltich dreimal beigclegl.

Zweites Blatt. Dienstag den 2 November

1897

Gießener Anzeig er

Kenerat-Anzeiger.

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Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

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Kchntstrage Nr.7.

Ferusprecher 5Jc

Aints- und Airzeigeblatt füv den Ttvsis Gieren,

folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn.| chratisöeikage: Hießener Aamitienökätter^ I X

Gießen, am 22. October 1897.

Betr.: Herbfi-Controlverfammlungen.

Das Großherzogliche Kreißamt Gießen

M M* etefih. PiratrmeiMrtcit* M ftitttt».

Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen laffen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Bei den diesjährigen Herbst-Controlversammlungen tm Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmelde­amt Gießen gehörigen:

1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve (Anzug: Helm, Waffenrock, Achselstücke, Feldbtnde, lange Hosen oder hohe Stiesel beliebig).

2) Reservisten, sowie zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlaffenen aller Waffen.

3) Diejenigen, der Landwehr I Aufgebots angehörige Mannschaften, welchen ein besonderer Gestellungsbefehl zum Erscheinen bei der Herbstcontrolversammlung zu­gegangen ist.

Die Ersatz-Reservisten haben bei der Herbstcontrol- oersammlung nicht zu erscheinen.

Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Controlpflichtigen anzutreten haben:

A. Zu Gietzerr

in Oswalds Garten für die Bewohner von Annerod, Burk­hardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnwald, Heuchel­heim, Klein-Linden, Oppenrod und zwar:

am 4. November 1897.

1. Appell Vormittags 8 Uhr:

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve sowie sämmtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Zähren 1890, 1891 und 1892 eingetreten find.

2. Appell Nachmittags 2 Uhr :

Sämmtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1893, 1894, 1895, 1896 und 1897 eingetreten sind.

Am 5. November 1897.

1. Appell Bormittags 8 Uhr:

Sämmtliche zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz'Behörden entlaffenen Mannschaften aller Waffen, sowie

sämmtliche Reservisten der Garde, Jäger, Cavallerie, Feld- und Fuß-Artillerie, Pioniere, Eisenbahn- und Luftschiffertruppen, des Trains (einschl. Krankenträger), Sanitäts- und Veterinär personale, Büchsenmacher-Gehäfen, Oeconomie-Handwerker, Marine-Mannschaften und alle übrigen im Reserve-Verhältniß stehenden Mannschaften.

2. Appell Nachmittags 2 Uhr:

für die Bewohner von Mendorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen.

B. Zu Lollar

am 6. November 1897, Vormittags 8 Uhr 45 Minuten, neben dem neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Clim­bach, Daubringen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.

C. Zu Grünberg

am 8. November 1897i, Vormittags 9 Uhr 15 Minuten, am westlichen Ausgange auf der Straße nach Gießen für die Bewohner von: Allertshausen, Beltershain, Geils­hausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neu­mühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegel­hütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommermühle, Keffelbach mit der Rabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bingmühle, Georgenhammer, Strellesmühle und Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmidtmühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß- und Klein-), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, Reinhards- Hain, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit Bollnbach, Veitsberg und Wirrberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickarts- Hain, WeiterShain mit Hainerhof, Winnerod.

v. Zu Hungen

am 9. November 1897, Vormittags 9 Uhr 30 Minuten am Friedhof für Die Bewohner von: Bellersheim, Betten­hausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langsdorf, Muschenheim mit Hof-Güll, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringelshausen, Rodheim mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.

E. Zu Lich

am 10. November 1897, Vormittags 9 Uhr 30 Minuten in der Amtsgerichtsstraße für die Bewohner von: Albach, Birklar, Dorf-Güll,Oberstadt mit Arnsburg, Ettingshausen, Garbenteich,

Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher-Hof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Nieder - Bessingen, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern, Steinbach.

Befreiungsgesuche sind bis längstens 8 Tage vor dem Appell auf dem Dienstwege (durch das Hauptmeldeamt) einzu­reichen und müssen durch die Bürgermeisterei bezw. bei Beamten durch die vorgesetzte Behörde beglaubigt sein, werden aber nur im dringendsten Nothfalle genehmigt.

Diejenigen Mannschaften, welche bei Fußtruppen gedient haben, haben überhaupt keine Aussicht auf Befreiung, da bei diesen Fußmessungen vorgenommen werden.

Die Leute haben in bürgerlicher Kleidung, sowie mit reinen Strümpfen anzutreten. Stöcke, Schirme, Pfeifen und Cigarren find vorher wegzulegen.

Die Militärpapiere (Paß und FührungSzeugniß) müssen zur Stelle sein.

Sämmtliche Mannschaften stehen im Laufe des ganzen Controltages bis einschließlich Mitternacht unter dem Militärgesetz.

Gießen, den 20. October 1897.

Großherzogliches Bezirks-Commando.

Detring,

Oberstlieutenant und Commandeur des Landwehrbezirks Gießen.

Deutsche» Reich.

Bttlie, 30. October. Wie derDoss. Ztg." aus Budapest gemrldrt wird, beabsichtigt Kaiser Franz Joseph nach Wien abzureisen. Man hofft dann, daß die Krise rasch ihre Lösung in einer oder der anderen Form finden werde. Die Berichte auS Wien über die Vorgänge im ReichSrath machen hier großen Eindruck. Alle Zeitungsstimmeu find darin einig, daß es ein Fehler war, Badent so lange am Ruder zu lassen. Vielfach glaubt man, es werde doch noch ein Versuch gemacht werden, nach ungarischem Muster mit der Opposition ein Compromiß zu schließen, wodurch nicht nur daS Provisorium, sondern auch die Rückkehr zu normalen parlamentarischen Verhältnissen gesichert werden soll. Bon der Anwesenheit drS Kaisers in Wien werde in dieser Richtung eine günstige Wirkung erwartet.

Berlin, 80. October. Nach einer hiesigen Eorrespondevz wird der soctalisttsche Abgeordnete deS 3. Berliner Wahl- kreiseS, V o g t h e r r, mit Ablauf seines Mandats vom politischen Leben zurücktret-n.

Feuilleton.

Die Badereise.

Humoreske von S. Halm.

(Nachdruck verboten.)

KO.Lirb:r Theobald, ich möchte mit,Dir reden, hast Da einige Minuten Zeit für mich?"

Der Herr Rechtsanwalt seufzte- ihm schien die Störung nicht sehr willkommen.

Dem Wunsch ist mir Befehl! A so bitte, nimm einen Platz und--schieße lot."

Schieße los! Mein Gott, welche Ausdrucksweise! Laß Dir sagen, mein guter Theobald, daß die Art, wie Du Dich benimmst und auszudrücken beliebtest oft--"

Rechtsanwalt Flügge seufzte abermals.

Ja, ja, ich weiß schon, liebe Alte!"

Liebe Alt«! Ich bitte Dich! . ."

Jetzt riß dem Gatten die Geduld- er warf die Feder, die er in der Hand gehalten, auf den Tisch und erhob fich brüsk.

Den Teufel auch mit Deiner Ueberbildung und Ziererei, Therese! Wir find doch in keinem Mädchenpenfionar, auf keinem Kaffeekränzchen oder Ball . . ."

Sondern nur unter unS," ergänzte die Gemahlin spitz.

Grundgütiger Heiland!"

Der Recht-anwalt hatte zuweilen cholerische Anwand­lungen, er ballte auch j-tzt die Hände, rollte die Augen und durchmaß mit langen Schritten daS Gemach. Seiner Frau aber schien diese Aufwallung kaum zu imponiren.

Flügge beruhigte sich denn auch allmältg.

WaS gibt eS also?"

Er stand vor seiner Frau, die Hände auf dem Rücken, dm Blick in ihr Auge bohrend, aber sein Ton war wilder, er klang wie daS Grollen eines sich entfernenden Gewitters.

Frau Therese saß würdevoll aus ihrem Sessel und be­gegnete dem Blick deS Gatten mit Ruhe.

Setze Dich, lieber Throbald!"

Ist es so schlimm?" sragte er etwas bissig.

Sie hob die Schultern.

Du wirst ja hören."

Alw bitte--ich höre.".

Die Gattin richtete fich noch straffer empor, die eng anschließende Taille drohte über der vollen Büste zu platzen, doch fie drohte nur, an Frau Therese war alles correct, ihr Benehmen, ihre Handlungen (so behauptete wentgsten- ste selbst), ihre Sprache, lhre Erscheinung, ihre Toilette.

Und fie begann:

Du kannst Dich nicht der Einsicht verschließen, lieber Theobald, daß unsere Kinder weder hübsch noch reich genug find, um für begehrenöwerthe Partien zu gelten. Thekla zählt sechsundzwanzig, Bruvhtlde vierundzwavzig Jahre. Du hast den Kindern Gelegenheit, die Bekaunischast eines accep tablen Freier- zu machen, nur in höchst beschränktem Maße gegeben, den Dorwurf kann ich Dir nicht ersparen. Ich denke, eS ist Dir klar, daß die Hoffnungen auf eine standes­gemäße Versorgung unserer Kinder nur sehr geringe find, zudem beide der Grenze, die fich zwischen einem jungen Mädchen und einer alten Jungfer zieht, bedenklich nahe rücken."

Muß denn durchaus geheirathet werden?" groltte der Gatte.

Frau TheresenS Blick war vernichtend.

Jawohl, eS muß, thcurer Theobald! In meiner Familie gab eS keine alte Jungfer, so lange ich denken kann. Glaubst Du, ich will meine Töchter o Schande, als die ersten wissen?"

Der Rechtsanwalt brummte etwas Unverständliches.

Nun, und und?" drängte er.

Frau Therese lächelte

Somit bitte ich Dich, lieber Theobald, für uns drei, die Kinder und wich, eine vier» bis sechswöchentliche Badereise zu bewilligen."

Wie von einer Tarantel gestochen sprang Flügge empor, duukelroth tm Gesicht, schrie er die Gattin an:Eine vier- biS sech-wöchentliche Badereise? Drei Frauenzimmer avS zustaffiren? Bist Du toll?"

Die also Angeredete sah von oben herab auf den Gatten (bildlich, denn fie saß und er lief aufgeregt im Ge­mache hin und her).

Es ist Deine Pflicht!"

Pflicht? Meine Pflicht? Ha ha" höhnte er; ihm, der niemals Geld harte, solche Zumuthung, eine Bade­reise für Frau und Töchter!

Drei Frauenzimmer außzustasfireu!" grollte er aber­mals hohnlachend.

Frau Therese erhob fich mit der Würde einer Fürstin.

Frauevz mmer! AuSstasfirev!" Sie sprach jedes Wort einzeln mit unnachahmlichem AuS- und Nachdruck.Mein Thruerster, man merkt, daß der Düngergeruch Deiner väter­lichen Scholle zwar nicht an Deinen Kleidern, wohl aber an Deinen Manieren haftet."

Ha ha," machte er grimmig. Dann stand er plötz­lich vor der Frau still, sah ihr starr mit einem gewissen dta- bolschen Ausdruck ins Gesicht und fragte:Und Du ver­sprichst Dir wirklich Erfolg?"

Jawohl!"

Der Gatte knurrte etwa-, da- fast wieGanS" klang.

Höre!"

Nun?"

Ich bewillige die Badereise, wenn Du e- auf Dich nimmst, beide Mädchen zu verloben, entweder fie kommen verlobt heim, dann habe ich Ruh, oder Ihr verzichtet ein- für allemal auf solche Dnmmheiten. Kommen Thekla und Hilde ohne Bräutigam zurück, so mögen fie draußen bleiben. E n zweites Mal krieche ich nicht auf den Leim. So und jetzt überlege wohl, was Du thust!" Und er rieb fich grimmig lächelnd die prankenähnltchen Hände.

(Fortsetzung folgt.)