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2.9.1897 Zweites Blatt
 
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-tt. 205 Zweites Blatt. Donnerstag de» 2. September

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Ilmtlidytr Thell.

Polizei-Reglement

betreffend: die in der Provinz Oberhesien im Herbst 1897 stattfindenden Truppenübungen mit Kaiserparade.

Unter Zustimmung des KreiSausschufleS und mit Ge- nehmigung Großh. MinistermmS des Innern werden in An­wendung des Art. 78 des Gesetzes vom 12. Juni 1874 die innere Verwaltung der Kreise und Provinzen bett., anläßlich der am 4. September l. I. südöstlich Homburg v. d. H. zwischen den Ortschaften Nteder-EichdachHarheim und Ober- ErlenbachMafienheim über daS l l.ArmercorpS statifindenden Katserparade nachstehende Vorschriften erlassen:

Art. 1. DaS ring« von einem Drahtzaun umschlossene Paradefeld darf vom Publikum nicht betreten werben, auch nicht auf den dafielbe schneidenden Wegen. Letztere die Chausseen Nieder-ErlenbachNiederEschbach und Nieder- ErlenbachHarheim, sowie die zwischen diesen Ortschaften laufenden Feldwege werden bis nach Beendigung der Parade für jede« Wage«- uud Fußgänger-Verkehr nach dem Parabefeld und auch für den Durchgangsverkehr gesperrt.

Art. 2. Diejenigen Zuschauer, welche nicht mit Karten für die zwischen der Chaufieegadel östlich Nieder- Eschbach errichtete Tribüne versehen find, können om Draht- zaun besonders au den Wegen von Nieder-Eschbach nach Ober-Erlenbach und nach Nieder-Erlenbach Aufstellung nehmen.

Art. 3. Wagen dürfen auf den Wegen nicht halten bleiben, insbesondere nicht auf der Chauffee Nteder-Eschbach Ober-Erlenbach.

Diejenigen Wogen (ausschließlich schwere Leiterwagen), deren Jnfaffeu Tribüuen-Karteu haben, fahren auf den von dem Erbauer der Tribüne eingerichteten Wagen- Halteplatz hinter der Tribüne auf Beim Passiren des WesteingangS von Niedrr-Eschbach sowie der Eschback Brücke om Ostrande von Nieder E chback und der Erlenbach Brücke in Ober Erlenbach find die Tribünen-Karten dem hier statiouirten Gendarmerie Posten durch Hochhalten vorzuzeigen.

Sämmtliche übrige» Wage», sowie schwere Leiterwagen re. dürfen die Cäauffee Nieder Eschvack Ober-Erlenvach überhaupt nichr passiren. Dieselben müffen am Ostrande brzw. Südrande von NiederEschbach, sowie jenseits (nördlich) Ober-Erlenbach und jenseits (nördlich) der Chauffee Ober-ErienbochOber Eschbach verbleiben, während ihre Jnsaffen zu Fuß das Paradefeld aufsuchen.

Art. 4. Für die Anfahrt zum Paradefeld können benutzt werben:

1. Die Chauffee Frankfurt Eschersheim Ziegelet südlich, Bahnhoi BonameS BonameS Nieder- Eschdach (südliche Einfahrt).

Dem auS Frankfurt kommenden Publikum wird dringend empfohlen, diesen Straßenzng, welcher von Truppen nicht benutzt und nur überschritten wird, einzuschlagen. Da die Truppen über Ecken­heim und Preungesheim anmarschiren, würden Wagen, welche dte vorgenannte Ortschaften schneidenden Chauffeen benutzen, erheblichen Aufenthalt erleiden.

2. Die Chauffee Homburg v. d. HOder-Eichdach - füdliche Elniabrt nach Nieder-Eschbach jedoch nur bis 8 Uhr 30 Minuten Vor­mittags. Bon dieser Zett ab wird die Chauffee Homburg Ooer-Eichdam Oder Erlenbach wegen der Anfahrt Ihrer Kaiserlichen Majestäten gesperrt. Die nördliche Etnsahrt nach Nleder-Eschbach muß für den Anmarsch der Truppe» frei bleiben.

3. Die Chauffee Ober-ErlenbachNleder-Eichdach (nur für TribÜnenbesucher vergl. oben).

Die Chauffee wird jedoch von 8 Uhr 80 Minuten Bormittags ab für das über Ober Erlenbach kommende Publikum gesperrt.

4. Die Caauffee Nieder-Erlenbach Oder Erlenbach- Nieder Eschbach (nur für Tribünenbesucher). Diese Straße wird von 8 Uhr Bormittags ab ge­sperrt.

Art. 5. Für den Durchgangsverkehr (ö. h. für daS uicht am Paradefrld iahrende Publikum werden von 6 Uhr 80 Miauten Morgens ab gesperrt :

1. die Chauffee HomburgOber-EschbachBonameS,

2. Ober-Eich dachOder-Erlenbach,

3. Nieder EichbachOder-Erlenbach,

4. ,, Nieder-ErlenbachOoer-Erlenbach.

Die Chauffeen N'.eder'ErlenbachNieder-Eschbach, sowie Nieder-ErlenbachHarheim dürfen am Paradetag biß nach Beendigung der Parade überhaupt nicht betreten oder befahren werden.

Art. 6. Nach Beendigung der Parade bleibt die Chauffee Oder ErlenbachObei-E chbachHomburg biß nach der Rückkehr Kai'erl ch n Majestäten nach Homburg gesperrt.

Die Wagen deS Publikums können über Oder-Eschbach Seulberg oder auf den südlich ob-ngenanater Cbauffeen befindlichen Wegen nach Homburg zuruckkehren, sofern sie nicht

am SÜvauiigl.n^ üoii Oo<- Eichbach die Abfahrt Ihrer Majestäten abwaiten woll n.

Art. 7. Ueberttnuiiqtn dieser Polizeivorschriften werden, sofern sie nicht tn anderen Vorschriften mit härterer Strafe bedroht find, mit eincr Geldstrafe bis zu 30 Mark bestraft.

Friedberg, den 21. August 1897.

Großherzogliches KreiSamt Friedberg.

Dr Braden.

Bekanntmachung.

DaS vorstehende Polizei-Reglemeltt wird hierdurch mit dem Anfügen zur Kenntniß des Publikums gebracht, daß bei den umfassenden Anordnungen, welche von den Behörden ge­troffen find, erwartet werden darf, daß die Ansammlung bei Publikums zur Katserparade, sowie die Rückkehr vom Parade­felde ohne Störung der allgemeinen Ordnung und ohne gefahrbringendes Gedränge vor sich gehen wirr.

In die eigene Einsicht ces Pudl kumS wird das volle Vertrauen geletzt, daß daffelbe mit Rückffchi auf den voraus­sichtlich sehr starken Andrang von Zuschauern seinerseits zur Aufrechterhaltung der Ordnung beitragen und den vorstehend angegebenen zur Bewältigung de» Verkehrs durchaus erforder­lichen Anordnungen, sowie den Weisungen der dienftthuenden Execativ-Organe willig nachkommen werden, damit Ordnung!- Widrigkeiten, Störungen des BetkrhrS und namentlich Unglück!- fälle-izlich verhütet werden.

D^r Großherzozlich Hessischen, sowie der Königlich Preußischen Gendarmerie sind die gleichen Befugniffe auf den beiderseitigen GebietStheilen eingeräumt.

Friedberg, den 21. August 1897.

GcoßherzoglicheS KreiSamt Friedberg.

Dr. Braden.

Literatur rrrrd

Von der bekannten Familienzeitschrift 30«1Mtte ThremU pe« 3«it liegt uns das soeben erschienene erste Heft des Jahrgang« 1898 vor. Neben einer Fülle von vorzüglich gelungenen Textillu­ftrationen weist das erste Heft eine in Farbendruck prachtvoll auS- geführte Extra-Kunstbetlage, betiteltDie erwünschte Auskunft auf, die dem Bischauer eine ergötzliche Scene in der herrlichen Hoch- gebirgSwelt vor Augen führt. Für das Letebedürfnih tragen Romane und Novellen reichlich Sorge; Arbeiten von Autoren ersten Ranges, roteDer Todte von Horror-Island", Roman von Harr, Shtff,Die Rächerin", htflorischer Roman von Paul Mahalin. Wer Werth daraus Irgt, laufend über die wichtigsten Ereigntffe der Gegenwart unterrichtet zu sein, dem können wir dieChronik der Zeit" angelegentlichst empfehlen; der AbonnementtzpreiS von 25 Pfg. für das VierzehntagSheft ist in Anbetracht des reichen Inhalts und der vorzüglichen Ausstattung ein ungemein billiger zu nennen. DaS erste Heft liefert jede Buchhandlung bereitwillig zur Ansicht.

Feuilleton.

Kitty und Litty.

Eine Manövergeschichte von Hermann Birkenfeld.

(8. Fortsetzung.)

Auch daS tadelloseBeefsteak mit Hindernissen", da! sein kulinarisch angehauchter dicker Premier Lengebrack ihm eigenhändig zurechtbrodelte, befferte seine Laune nicht auf. Ziemlich wortkarg saßen die betoen Abends, in ihre Mäatel hüllt, an dem kleinen Feuer, daS vor ihrem Zelte flackerte.

Sin Abend zum Küssen!" sagte schließlich Lengebrack, seufzte behaglich und schöpfte sich ein frisches GlaS Glüh­wein ein.

Hat sich was!" brummte Pollhammer.

Hols der Teufel, wir kriegen noch Besuch," meinte der Premier nach einer Weile.Donnerwetter, gleich zwei Wagen voll! Am Ende was Pouffables. Pardon, Herr Hauptmann!--Muß ich seben."

Mondscheinsüchtig Volk!" knurrte der Hauptmann.

Lengedrack aber dienerte bald um die Gefährte herum. Zunächst auS bloßer Neugier, denn Damen ließen ihn im Allgemeinen kühler, als man auS der Aeußerung von den Pouffablen" hätte schließen sollen. Uvd dann herrschaft­licher Biwakbesuch bringt nicht nur Abwechslung, sondern auch wohl einen anständigen Tropfen mit sich.

Hu itt!" pfiff Lengebrack.Allerhand Achtung! Die zwei Mädel find nicht von Pappe, und Gäule und Ge­schirr anständig."

Im Lager ist der Anschluß an schlachtenbummelnde Herrschaften von feiten eines Lieutenant! leidlich rasch er­reicht und Lengebrack gab fich liebend gern zum Führer her. Bald drehte fich ein ganzer Schwarm Offiziere um die Damen wie die Satelliten um ihre Monde. Der Guts-

befitzer Leo v. Hansen und sein Schwager Sienglein holten derweilen ein paar blinkende Flaschen au! einrm Sitzkasten.

Also StengleinS!

Schabe, baß nun Flattr ich fehlt!" ächzte Hauptmann v. Poühammer vor feinem Zelte boshaft in fich hinein und hüllte sein Haupt tn jupiterliche Wolken.

Natürlich war ihm mehr als lieb, daß die Gesell­schaft ihm überhaupt nicht nahe kam. So was hätte just noch gefehlt! Nun saß da! vor dem MajorSzelt und ließ fich um die Weite die Cour schneiden. Wie hatte Lengebrack doch eben noch gesagt? Vielleicht maß PouffableS! Pouffabel pfui Teufel!"

Eine halbe Stunde später etwa kam ihm eine Idee. Wieder eine scheußliche natürlich.

Fernand!"

Herr Hauptmann?"

Karline satteln! Reite vielleicht noch."

Fernand sperrte den Mund weit auf.

In die Nacht, Herr Hauptmann?"

Schasikops! Satteln!"

Bald stand Karline vor seinem Zelte.

Und kaum daß eine Viertelstunde seit dem Abschied der Herrschaften" verstrichen war, da begann Hauptmann v. Poühammer nach kurzer Meldung beim Commandeur einen RccognoScirungSritt in die Slernenherrlichkttt hinein Es war nämlich thatfächlich eine prächtige Nacht. ES brauste" nicht undblitzte" nickt, wie Litty Stenglein ge­fürchtet hatte, und selbst einZuckermädel" hätte ohne zu schmelzen durch die frisch trockene Lus- wandeln bürfen wenn Zuckermädel laufen könnten.

Halt!"

Karline zuckte weniger zusammen alß ihr Herr. Sie war uicht nervös, hatte wahrscheinlich in ihrem gemächlichen Trabe auch nicht geträumt

DerSchnarrposten" der Feldwache.

Also am Ziel. »

Wo ist kenn der Feldwachtcommandeur?" fragte Hauptmann Pollhammer den Vicrfeldwrbel, der fich bei ihm gemeldet hatte.

Herr Lieutenant von Flattrich find vor kurzem weg- gegangen, um selbst die Posten zu revidiren."

Hm! Sonst alles tn Ordnung, Kuhnert?"

Zu Befehl, Herr Haupimann! Doppelposten Nummer eins steht bet der Windmühle, etwa dreihundert Schritte rechts von der Chauffee, Doppelposten Nummer zwei hun­dert Schritte links davon, dicht am Gutshofe Hanshagen, Doppelposten"

Der Hauptmann winkte mit der Hand.

ES ist gut."

Er stieg ab.

Lasten Sie Jemanden mein Pferd halten. Und daß die Stute auf einen Angriff gefaßt bleiben."

AlS er dann zu Fuß über tte Landstraße schritt, hatte er natürlich keine Ahnung, wie vergnügt seine Getreuen von FlattrichS Zuge hinter ihm hergrinsten.

Es gtug bergan und unter dem Mantel wurde dem Hauptmann warm.

Auf der Höhe angekommen, lehnte er im Schatten eines Gehölzes an einem Baume, trocknete fich die Stirn und lugte in! Gelände hinaus. Fern rechts von der Chauffee bewegte fich etwas im Bollmondfchrtn Blinkendes, zweifellos der Doppelposten Nummer etnß.

Kerls stehen viel zu exponier!" knurrte er.

Der zweite Posten war, durch ein prar Wallhecken verdeckt, nicht sichtbar. Noch weniger der Feind, der feiner Iber nach seine Posten gleich hinter der Anhöhe ausgestellt haben mußte, die jenseits einer flachen Bodensenkung auf- stieg. Wenn er fich nur um vier biß fünf Meter empor­heben könnte! Ec würde an Ausblick erheblich gewinnen.

(Fortsetzung folgt.)