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2.5.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 102 Erstes Blatt Sonntag den 2 Mai

1S97

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» vorn». 10 Uhr.

| Hratisöeitage: Hießeuer Aamitienölatter.

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Gefunden: 1 Brosche, 1 Spazierstock, 1 Geldstück, Theile eines Fernrohres, 1 Korallenkette, 1 Schirm, 1 Glace­handschuh, 1 wollenes Tuch und 1 eiserne Leier.

Gießen, den 1. Mai 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Politische Wochenschau.

TurnavoS, Bolo geräumt, Larissa von den Türken genommen, Thessalien der siegreichen türkischen Armee ausge­setzt - solches ist der Wechsel, der ans der Balkanhalbiasel inzwischen eingetreten ist. Die Griechen haben, deutlicher gesagt, eine vollständige Niederlage erlitten, welche den Türken Thessalien in die Hände gespielt und die griechische Armee gezwungen hat, sich nach Pharsalus zurückzuztehen. Dunkel und ungewiß liegt den Griechen die Zukunft vor Augen, besonders den tapferen Bertheidigern ihres Landes, die trotz all ihrer Anstrengungen gezwungen find, die s. Z. den Tür- keu auf diplomatischem Wege genommene Provinz von Neuem zu räumen. Es ist dies eine traurige Erfahrung für die »riechen und ganz besonders für den König, der sich selbst an die Spitze der Volksbewegung gestellt hat.

Ueber die Einnahme von Larissa ist dem bereits Ge­sagten nur noch wenig hinzuzusügen, denn heute ist man fich darüber noch unklar, wie die Griechen, die noch in den vor­angehenden Kämpfen so heldenmüthig gekämpft hatten, dies­mal, ohne den geringsten Widerstand zu leisten, Waffen, Kanonen, Proviant dem Feinde Preisgaben und in Heller Flucht davon stürmten, ohne den Befehlen der commandiren- de» Offiziere irgendwie Gehör zu schenken. Es ist die« um­somehr unbegreiflich, als die BertheidigungSliuien von Larissa ausgezeichnet coustruirt und befestigt waren und im Staude gewesen wären, den Türken einen mörderischen Empfang zu bereiten. Trotzdem ist es von den Leuten der Opposition in Athen Unrecht, die Schuld deS ganzen Unglück- auf die mangelhafte Organisation und Unwissenheit der Anführer zu werfen und diese dafür verantwortlich zu machen- ein solches Borgehen ist keineswegs patriotisch und ist leider nur zu sehr in Vereinbarung mit dem, waS wir von der schwächeren Seite der menschlichen Natur wissen. Mit Recht kann man den griechisch «türkischen Krieg mit dem Feldzuge 1870/71 vergleichen, wo nach den verschiedenen Niederlagen franzöfi- scherseitS die Redensarten, wie:nous sommes trahis, nur allzuoft als Enschuldigung angeführt wurden. Doch noch in anderer Weise läßt sich tu dieser Beziehung eine Parallele ziehen und zwar insofern, als Griechenland, seine eigene Macht weit überschätzend, die Kriegstüchttgkeit der Türken gering­fügig mißachtet, den Gegner als Friedensstörer verleumdet, kleine Erfolge zu großen Tagesereignissen aufbauscht, die Schuld von Niederlagen auf den König und die Feldherrn wirft und endlich trotz aller Mißerfolge auf Fortsetzung des Kriege- besteht- das alles ist eine verkleinerte Copte dessen, waS in Frankreich vorgiug.

Inzwischen ist eS in Athen zu mancherlei bedauerns- werthen Ausschreitungen gekommen- zur Stunde wendet fich jedoch da» ganze Interesse dem neu gebildeten Eabiuet zu. DelyanniS, der frühere Minister, hat, wenn auch schweren Herzens, seine Functionen uiederlegen müssen und befindet fich der neue Minister Ralli und dieOppofiton Plötzlich zur Macht erhoben, auf welche fie unter gewöhnlichen Umständen nicht so bald zu rechnen hatte. Die Frage ist nun die, wird der neue Minister im Stande sein, sein Land aus der kritischen Lage zu befreien, wird er für Fortsetzung der Feind­seligkeiten sein oder für einen FriedeuSabschluß stimmen, seine Vergangenheit ist von zu kurzer Dauer, als daß mau hieraus etwas schließen könnte- jedenfalls hat die Formirung der neuen Kammer nur dann wirklich Zweck gehabt, wenn dieselbe eine vollständige Aenderuug in der Leitung der Dinge in Athen mit fich bringt. Zu einer Intervention der Mächte ist eS bis heute noch nicht gekommen, obgleich schon diverse diplomatische Unterredungen diesbezüglich stattgefunden haben, die Mächte wollen anscheinend nicht wieder eine neue diplo­matische Niederlage durch Athen erleiden, sondern vielmehr abwarten, bis der Boden genügend vorbereitet ist und Griechenland fie zu einer Vermittelung auffordert.

Englands Vorgehen in Südafrika. Schon wiederholt ist auf die in Südafrika fich abfptelenden Vor­gänge hingewiesen worden. England scheint wieder einmal sein alte-, scrupelloses Spiel zu treiben und gerade eben iu den Orientwirren eine günstige Gelegenheit zu sehen, dem schon lange ersehnten Ziele in Südafrika näher zu kommen,

mit anderen Worten, die Suprematie dort an fich zu reißen. Die fortwährenden Truppensendungen, die feit den letzten Tagen in London augeordnet werden, die inzwischen erfolgte An­kunft eines starken englischen Geschwaders vor Lourenzo Marques, in der zum portugtefischen Eoloutalbefitz ge­hörenden Delagoa-Bai, die einzige Ausfahrt, welche Transvaal nach dem Meer hin offen hat, die- Alles find Maßregeln, die ein Staat wie England nicht wohl gegen einen iu Südafrika aufäsfigen Eingeborenenstamm richten kann, sondern die tu Wahrheit auf den Zweck hinauslaufen, mit der Beseitigung der Selbstständigkeit Transvaal- zu­gleich den vermeintlichen deutschen MitherrschaftSgelüsten iu Südafrika ein Ende zu machen. Deuu hinter dem Wider­stand, den die Buren den englischen Anuextou-gelüsten ent­gegensetzen, wittert man in England den Einfluß deS deutschen Reiches, wie man auch die Differenzen, die zwischen Krüger und Ehamberlatn existireu, der Einmischung Deutschland« verdankt- eine Thatsache, die John BullS Jünger noch am meisten erbittert.

Unter den Umständen erregt die von Seiten Englands in Scene gesetzte Flottendemonstration begreiflicherweise überall große« Aufsehen und von verschiedenen Setten ist die Admi­ralität um Aufschluß über diese Kundgebung gebeten worden, ohne daß mau indessen bis heute etwas Definitives damit erreicht hätte. DemGlobe" zufolge diene der Eintritt der englischen Panzer in die Delagoa - Bai dazu, eine Ver­bindung der seither sehr starken Munitions- und Waffen­einfuhr nach Transvaal zu verhüten. Im Uebrigen hüllen sich die leitenden Londoner Kreise noch tu vorsichtiges Schweigen oder beschränken fich auf ausweichende Antworten, die leider mit den umfassenden Vorbereitungen in England in keinem Zusammenhänge stehen.

Deutschland, das sehr große Interessen in Südafrika hat, wird selbstredend nicht ruhigen Auge« zuseheu können, noch weniger Frankreich, seitdem eS MadagaScar seinem Colontalbefitze einverleibt hat- waS nun die übrigen euro­päischen Mächte, besonder« Rußland, anbelangt, so dürfte ohne Zweifel auch von diesen ein formelles Veto gegen die englischen AnnextooSpläne eingelegt «erden und gerade dazu ist der Zeitpunkt jetzt gekommen- denn keinesfalls find die europäischen Mächte durch die Vorgänge auf der Balkan- Halbinsel derartig absorbirt, daß sie den Briten überall freie Hand lassen müßten. Ein derartiges Einfchreiteu kann nun allerdings einen europäischen Conflict heraufdeschwören, aus diesem Grunde hofft man, daß England daS Gefährliche seiner Lage einfieht, ehe eS zu spät ist.

212. Sitzung. Freitag, den 80. April 1897.

Bei äußerst schwacher Besetzung des Hauses wird die Berathung deS JnvaliditätsverstcherungsgesetzeS fortgesetzt.

Abg. o. Stumm (Rp.) legt die Schwierigkeiten einer Zu­sammenlegung von Unfall- und Invaliditäts-Versicherung dar und erklärt stcv dann gegen den Herlling'schen Gedanken, den Umfang des Jnvalidttätsgesetzes wieder etnzuschränken, dem Gesinde, Hand­werk und landwtrthschaftltchen Arbeitern die Wohlthaten des Gesetzes wieder zu entziehen. Je mehr Renten bereits ausbezahlt motten seien, desto mehr seien auch bereits diesen Kreisen alle diese Wohl­thaten zum Bewußtsein gekommen. Dem Gedanken der Vorlage, den Provinzen mit vorwiegend landwtrthfchaftlicher Bevölkerung zu Hilfe zu kommen durch anderweitige Vertheilung der Lasten, trete er vollkommen bei. Aber weshalb mache man nicht ganze Arbeit, weshalb schaffe man nicht unter Beseitigung der Selbstständigkeit der einzelnen Anstalten eine einheitliche Verwaltung. Der Antrag Plötz habe große Vorzüge, aber auch große Mängel. Hauptsache bleibe jedenfalls, zwischen den einzelnen Provinzen einen Ausgleich herbetzuführen und darüber solle man in der nächsten Session sich schlüssig machen. Dem Anträge Röficke könne er nicht zustimmen. Er schließe sich dem Anträge Leoetzow an, die Vorlage an die Unfall­commission zu verweisen, nicht in der Absicht, daß kein Gesetz jetzt zu Stande gebracht werde, sondern um zu bekunden, daß die ganze Materie einer Vorberathung bedarf und daß man nicht jetzt einige Punkte herausgreifen dürfe.

Abg. Richter (frs. Vp) steht dem Hertling'schen Vorschläge, die Versicherungöpfltcht auf die industriellen Arbeiter zu beschränken, durchaus sympathisch gegenüber. Es sei überhaupt ein Fehler des bestehenden Gesetzes, daß es alle Erwerbszweige zu sehr nach der Schablone behandele, obwohl u. A. die Landwirthschast auch ältere und schwächere Arbeiter immer noch irgendwie zu beschäftigen vermag, während die Industrie in der Regel Anspruch auf die volle Arbeits­kraft des Arbeitnehmers erhebe. Unannehmbar sei seinen Freunden die Zusammenwerfung der Fonds, wie die Vorlage sie vorschlägt. Da- würde das Grab der Selbstverwaltung sein. Dasselbe gelte von dem Gedanken einer Centralar.stalt. Redner meint, daß man in Ostpreußen mit der Bewilligung von Altersrenten sehr freigebig war, um die Lasten der Armenpflege in den Gutsbezirken zu ver­mindern. Auch die Beiträge seien wohl nicht prompt eingegangen. Alles das müsse doch erst einmal gründlich untersucht werden. Der Antrag Plötz schlage den Interessen des Mittelstandes ins Gesicht. Er wolle die Kosten der Pflichten aus dem Arbeitsverhältniß über­trage» auf die Allgemeinheit. In Preußen würde die Annahme deS

Antrages Plötz eine Erhöhung deS Einkommensteuerzuschlages tun etwa 50pEt. nöthig machen. Das würde alle Etnkommensteuerzahler, die nicht Arbeitgeber find, belasten, die Unternehmer dagegen und namentlich auch die Grundbesitzer entlasten. Der Antrag Röficke sei allein annehmbar, weil er etwas vorschlage, was in dieser Session noch erledigt werden könne. Die Regierung werde jedenfalls bi« Verantwortung tragen, wenn nicht einmal dieses SBenige erreicht werde.

Staatssecretär v. Bötticher bittet alle vorliegenden Vorschläge an die Commission zu verweisen und führt dann dem Abg. Molkenbuhr gegenüber aus, wenn bisher die Arbeiter mehr gezahlt als empfangen hätten, so liege das eben an dem Capitaldeckungsverfahren. Sobald erst der BeharrungSzustand erreicht sei, ändere fich daS. Herr v. Leoetzow habe an der Vorlage eigentlich nur die Vorschriften über die Auffichtsbesugnisse bemängelt. Aber ReichSvetficherungsamt sowohl wie Einzelregierungen hätten eine verstärkte AuffichtSführung für geboten erklärt, weil einzelne Verficherungsanstalten zu luxuriös wirthschafteten. Eine ordnungsmäßige und sachgemäße Verwaltung müffe gesichert werden. Dem Anträge Plötz könne er die Aussicht auf Annahme Seitens der Regierungen nicht eröffnen, denn et gestalte die Grundlagen unseres ganzen Versicherungswesens völlig um: die Grundlage nämlich, daß Arbeiter und Arbeitgeber selber gemeinsam für diese Fürsorge die Last tragen. Was den Antrag Röficke anlange, so seien die Punkte, die derselbe herausgreise, keineswegs die reformbedürftigsten. Jedenfalls nehme man mit diesem Anträge nur dieRosinen aus dem Platz" und lasse alle» Andere einfach liegen. Daß man heute noch zu der alten Liebe, Beschränkung auf die Großindustrie, zurückkehren wolle, wie Hertling, hätte er nicht geglaubt. Es wäre das sehr schwer zu machen und schwer Denen gegenüber zu verantworten, denen die Wohlthaten de« Gesetzes versprochin und auch schon gewährt seien. DaS Gesetz habe sich ja auch bewährt und die Lasten seien nicht unerschwinglich. Wolle man die Landarbeiter künftig wieder blos auf die Armen­pflege verweisen, so sei das ein Rückschritt, auf den die verbündeten Regierungen nicht eingehen würden. Schon Windhorst habe 1889 erklärt, thue man diesen ernften Schritt, beziehe man die Landwirth- schäft in das Gesetz ein, so sei das ein Schritt, der nicht mehr zurück- gethan werden könne. Für eine Retchscentralanstalt dürften die ver­bündeten Regierungen nicht zu haben fein. Etwas müsse geschehen, denn was soll werden, wenn die Anstalt Königsberg leistungsunfähig wird? Der Vorschlag Hoffmann-Dillenburg, jeder Arbeiter solle an seine HeimathS-Anstalt die Beitrage zahlen, sei ungangbar.

Abg. Dr. Hitze (Ctr.) vertheidigt den Hertling'schen Vorschlag. Werde demselben stattgegeben, so könnten sich auch dann noch die Umbro. Arbeiter, eben so gut wie jeder Arbeiter, der aus einem ver- sicherungßpflichttgcn Betriebe ausscheide, ihr Recht erhalten. DaS Centrum sei jedenfalls nicht gewillt, auf den Weg der Regierungs­vorlage einzugehen. Man könne doch nicht ohne Weiteres die Koste» für die ländlichen Arbeiter den gewerblichen Arbeitern aufbütben. In der Frage der Staatsausstcht sei der Standpunkt seiner Freunde derselbe wie der de« Herrn v. Leoetzow.

Abg o. Manteuffel (coni.) characterisilt den CentrumSvorschlag als arbeitet; und landwirthschaftefetndlich (Rufe:Oho!") und rügt dann an der Vorlage besonders, daß sie nicht die geringste V'.reinsachung bringe, dagegen die Ausfichtsrechte der Regierung über Gebühr verschärfe auf Kosten her Selbstverwaltung. Auch der Antrag Ploetz sei un­durchführbar. Man möge zunächst noch warten und dann ganze Arbeit machen.

Abg. Kühn (Soc.) spricht gegen eine Beschränkung der Ver­sicherungspflicht.

Abg. Liebermann von Sonnenberg (Ref.-P.) erklärt fich für die Tendenz des Ploetz'schen Antrags.

Hierauf schließt die Debatte. Die Vorlage sowie die dazu ge­stellten Anträge werden nicht, wie beantragt, an eine Commisfio» verwiesen.

Montag 1 Uhr: Interpellation bett, amerikanische Zollver- hältniffe.

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Berlin, 30. April. Die Budget-Commission de« Reichstages bewilligte eine Reihe von Gehaltsaufbesse­rungen, lehnte dagegen fämmtliche vorgeschlagenen Gehalts­erhöhungen der Tartik^afle 1 und 2 ab. Damit ist die Berathung der BesolduttgSaufbefferungSvorlage erledigt,

Berlin, 30. April Zu dem Anträge Heydebrand und Genoffen, betreffend die Gehaltserhöhung der Geist- lichen, brachten Haacke und Genossen im Abgeordnetenhause einen Unterautrag ein, ab 1. April 1898 den Geistliche« Alterszulagen zu gewähren, den evangelischen bis zu dem Höchstetnkommen von 4800 Mk., den katholischen bis zu eine« angemessenen Höchstetnkommen.

Berlin, 30. April. DieNordd. Allg. Ztg." meldet: Schon früher hatte der Minister der Unterrichts-Angelegen­heiten darauf hingewieseu, daß die Auswahl der etnzu- führenden Schulbücher allein nach dem pädagogischen Werthe derselben, ohne Rücksicht auf finanzielle Vortheile, die Verleger oder Verfasser aus ihrem Gewinn für wohl- thätige Zwecke bestimmen, zu treffen ist. Um unzulässigen Agitationen für die Verbreitung von Schulbüchern vorzu­beugen, wird der Minister ferner kein Buch für den Unter- richtSgebrauch genehmigen, wenn Verfasser oder Verleger Leitern oder Lehrern von Schulen zu Anträgen auf Ein­führung des Buche« in ihren Schulen durch Gewährung finanzieller Vortheile an Lehrervereine oder an Stiftungen zu Gunsten von Lehrern oder deren Hinterbliebenen An­regung geben.