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1.9.1897 Zweites Blatt
 
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204 Zweites Blatt. Mittwoch den 1. September

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Cocaltt nnb j-roVinzielles.

AuS Oberheffeu, 29. August, wird demDrmst. Tgl. Anz." geschrieben: Die am LudwigStage auf dem Hessen­brücker Hammer ftattgehabte gemeinschaftliche Con- ferenz der benachbarten Bezirks! ehrervere ine Lich, Hangen, Laubach und Grllnberg war fehr gut besucht. Auf der Tagesordnung ftavd die Lehrerbildungsfrage, über wel­ches Thema Herr Präparandenschullebrer Wagner zu Llch tn sehr geschickter, anöführltcher Weise referirte. Da Re­ferent jedoch die Präparaadenschulen, nachdem dieselben tn organische und wenn möglich örtliche Verbindung mit den Seminarieo gesetzt seien, beizubehalteu wünschte, konnte sich die Mehrzahl der Anwesenden nicht entschließen, den aufgestellten Thesen deS Herrn Wagner zuzustimmen. Nach langen, lebhaften Debatten wurde beschlossen, es den ein­zelnen BeztrkSvereioen zu überlasten, zu der für Volksschule und Lehrerstand gleich wichtigen Frage Stellung zu nehmen. Der Lehrerverein Grünberg erörterte in seiner gestrigen Versammlung denselben Gegenstand. Mau sprach sich ganz entschieden gegen jede Soadervorbtldung aus, und es gelangten folgende Leitsätze zur einstimmigen Annahme: 1) Die allgemeine Bildung eignet sich der Lehrer auf einer der bestehenden höheren Lehranstalten an (Realgymnasium, Oberrealschule),- 2) Das Seminar muß tn eine rein päda­gogische Fachschule mit akademischem Character umgewandelt werden. 3) Die erste dienstliche Verwendung des Schul- amtScandidaten erfolgt an einer Volksschule unter Anleitung eines erfahrenen Schulmannes.

K. Selters, 30. August. Die im Wiesengrunde zwischen hier und Ortenberg gelegene, erst im vergangenen Jahre renovirte Mühle des Herrn Paffing ist in vergangener Nacht ein Raub der Flammen geworden.

Groß Sichen, 30. August. Vorgestern Nachmittag zog «in schweres Gewitter über unsere Gemarkung und unteren Ort. DaS Gewitter schien schon vorüber zu sein, La fuhr ein Blitzstrahl in die Scheuer deS Landwirths Schombert. Der Strahl traf die Gtebelspitze der Scheuer, nahm hierauf seinen Weg tn das Innere des Gebäudes, lief unmittelbar am Heu herunter, ohne zu zünden, und fuhr in den Schweinestall. Hier wurde ein Schwein getroffen, dar zwar gelähmt ward, aber doch noch Leben hatte, daß es ge­schlachtet werden konnte. Das vom Blitze getroffene Schwein hatte einen blauen Fleck. In Wald und Feld müffen gleich­falls Einschläge erfolgt sein, da die Merkmale hierfür vor- chanden. Dem Gewitter folgte nicht wie sonst Abkühlung,

Feuilleton.

Kitty und Litty.

Eine Manöoergeschichte von Hermann Birkenfeld.

(7. Fortsetzung.)

Ich habe eine Bitte an Sie, Herr Hauptmann."

Betroffen sah er auf und tn ein gluthüberströmteS Gesicht.

Sine Bitte?"

Sie hatte nicht noch tiefer erröthen können.

Eine sehr große. Und ich würde fürchten, tn einem falschen Lichte zu erscheinen, wenn ich nicht glaubte, daß Sie der Mann find, sich über kleinlichen Formelkram hinweg- zusetzen."

Sie stockte doch.

Er starrte finster vor fich hin. Was mochte fie wollen?

Sie dürfen mich nicht falsch beurtheileu. Gerade Ihre Meinung--Und doch"

Wollen Sie mir nicht kurz sagen, um was eS fich handelt?" fragte er mit kühler Höflichkeit tn Ton und Haltung.

Doch. ES wird mir nur so schwer. Sie könnten mir uns einen sehr großen Dienst erweisen, Herr Hauptmann. Papa hält einmal, trotz der wenigen Stunden, in denen wir den Genuß Ihrer Gesellschaft hatten, große Stücke auf Sie- er hat überhaupt eine an-Komische grenzende Hochschätzung für Offiziere Ihrer Charge Sie haben das ja gestern von meiner Schwester gehört"

Ihr entging das spöttische Lächeln, mit dem er ihr zwhörte.

Und diese Hochschätzung?" fragte er nun.

Sollen Sie ausnutzen zu Gunsten eines Kameraden, Popa hat nun einmal die Idee, jeder Lieutenant fei ein Ausbund von Leichtfertigkeit,- Sie aber müffen Herrn d»n Flattrich doch am gerechtesten beurtheileu. Wenn Sie Pvpa von seinem Vorurtheil heilen wollten--ich

sondern die hochsommerliche Temperatur herrschte auch am gestrigen Tage noch.

? Aus dem vorderen Vogelsberg, 30. August. Unsere Bäcker haben den PretS für den vterpfündigen Laib Brot um drei Pfennig erhöht, weil der Preis für den Weizen gestiegen ist. Diese Preissteigerung für daS Schwarz­brot muß Wunder nehmen, da ja doch die Brotfrucht, Korn und Gerste, nicht im Preise theurer geworden ist. Somit ist nur eine Preissteigerung für das Weißbrot erklärlich. ES mag wohl auch etwas Weißmehl seither mit unter das Brotmehl verbacken worden sein, bei einer Steigerung des WetzenpreiseS, tote fie jetzt etugetreten ist, kann gewiß und das nicht auf Kosten der Qualität deS Brotes Er­satz in der eigentlichen Brotfrncht: Korn und Gerste, ge­funden werden.

Darmstadt, 30. August. Im kräftigsten Manncs- alter verstarb gestern tu Folge eines Gehtrnschlags Herr OberrechnungSrath Dr. Wilhelm Zeller, der vordem Rath an der Großh. Provinzialdirection, zuletzt an der Oberrechnungskammer war und sich allezeit als pflichttreuer, tüchtiger Beamte erwiesen hat. Dieses und die persönlichen Eigenschaften deS anspruchslosen und Jedermann entgegen­kommenden ManneS sichern ihm in weiteren Kreisen unserer Stadt und darüber hinaus daS beste Andenken. Zeller war tm juristischen Fache vielfach lttterarisch thätig, schrieb u. A. ein Handbuch der Verfaffuog und Verwaltung in Hessen und zahlreiche Commentare zu Reichs- und Landesgesetzen. Auch für schöne Litteratur interesfirte er sich und war ein eifriger Besucher der Abende des hiesigen Journalisten- und Schrift- steller-Vereins, dessen Vorstand er seit Längerem angehörte. Der Nestor der hiesigen Schauspieler, der frühere, seit längeren Jahren penfionirte Komiker unserer Hofbühne, Herr Butterweck, der selbst in hohem Maße augenleidend ist, bat schweren Verlust erlitten, indem ihm seine greise Gattin starb. Sein Schicksal findet allseitige Theilnahme.

A Mainz, 30. August. Im hiesigen Gerichtsbezirk find die Schöffengerichte derart mit Arbeit überlastet, daß vom kommenden GerichtSjahr ab die Zahl der Schöffen- gerichtSfitzungen monatlich um vier vermehrt wird. Diese Vermehrung der Sitzungen macht auch eine Vermehrung der Amtsanwälte und Amtsrichter erforderlich, indem die Herren gegenwärtig die Arbeit kaum bewältigen können, obwohl fie oft bis zur späten Abendstunde thätig find. Statt 50 Schöffen werden durch diese Neuetntheilung für die Folge 70 zur AnSloosung kommen. DaS Steigen der Frucht- nnb Mehlpreise macht fich hier durch fortgesetzten Aufschlag

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wir können eS schwerlich und es handelt fich darum, zwei Menschen glücklich zu machen."

So."

Er stieß mit dem Säbel auf, daß der Kies hoch aufspritzte.

Verstehe ich recht, gnädiges Fräulein, so soll ich bet Ihrem Herrn Vater eine Art Freiwerber sein sür na, sür meinen Lieutenant, der--Pardon, meine Gnä­

digste, aber den Mann zumal den Offizier pflegt man sonst nach dem Grade seiner Selbstständigkeit zu taxiren."

Hatte fie denn gar keine Ahnung, wie eS in ihm gahrte?

Sie senkte nur das Haupt.

Diesen Einwand hatte ich von Ihnen gefürchtet. In­dessen Sie glauben nicht, tote wenig--Herr

Lieutenant Flattrich selbst auSrichten würde. Er kann um Gott, Herr Hauptmann, er kann doch nicht sein eigen Lob fingen."

Das genügte gerade.

Nein," sagte Erich v. Pollhammer scharf.Und deß- halb--ich als Vorpfeifer, hahaha! Verzeihung, Ver­

zeihung! Aber die Rolle ist zum Lachen! Zum Wahn- stnniglachen!"

Er that ein paar Schritte vor dem Gartentisch, an dem sie stand, auf und ab. Daun zog er seine Uhr hervor.

Da habe ich ganz vergessen--dringende dienstliche

Angelegenheiten--Bitte um gütige Empfehlung an Ihre

Eltern und Fräulein Schwester."

Klirrend schlugen seine Sporen zusammen. Im nächsten Augenblick schritt er schon über den Hof- glatt, mit knappem Gruße an dem verdutzt dämlich dreinschauenden Curt Bohmke vorbei.

Kitty hatte ihm nachrufen wollen, aber eine Ahnung von etwas Ungeheuerlichem lähmte für den Augenblick all ihre Willenskraft.

*

*

der Brodpretse in unangenehmer Weise fühlbar. Während erst die vorausgegangene Woche ein Aufschlag von 5 Pfg. bei dem vterpfündigen Brod erfolgt ist, hat diese Woche wieder einen Aufschlag von 3 Pfg. gebracht. Bei einer viel­köpfigen Familie fällt diese Preiserhöhung schon merklich in- Gewicht.

A An8 Rheinhessen, 30. August. Bei dem schweren Getonter am verflossenen SamStag schlug der Blitz in eine ausgedehnte Hofraithe in Bechtheim, die sammt Scheuern, Stallungen, Schuppen vollständig eingeäschert wurde. Laut amtlicher Bekanntmachung findet in Bingen der allge­meine Wetvbergschluß am 4. September statt. Ans der ganzen Provinz kommen Klagen über die Ztgenner- plage. Alle Landstraßen find von diesem Nomadeuvolk überschwemme

Uttioerfitäts - Nachrichten.

Berlin, 28. August. DieKreuz-Ztg." bestätigt, daß die Be­rufung des National-Oeconomen Professors Wolff aus Zürich nach Breslau nunmehr erfolgt ist. Außerdem sei der National-Oeconom und bekannte Agrar.Politiker Prof. Dr. Max Gering, der als Pro­fessor an der hiesigen landwtrthschaftltchen Hochschule angeftellt ist und zugleich als außerordentlicher Professor bet der hiesigen Universität fungtrt, zum ordentlichen Professor an der letzteren ernannt worden. Im Auftrage des LandwirthschaftsministerS arbeite er augenblicklich an einer großen Publikation aus Grund amtlichen Materials be­treffend die Erbgewohnbetten der ländlichen Bevölkerung in den ver­schiedenen Provinzen Preußens.

Aus Wien wird berichtet: Der außerordentliche Proseffor an der Universität in Graz, Dr. Karl Zelinka, wurde zum ordent­lichen Professor der Zoologie an der Universität in Czernowitz er­nannt. Ferner wurden ordentliche Professuren übertragen an Dr. Ernst Frhr. v. Schwind für deutsches Recht an der Univer­sität tn Innsbruck und an Dr. Alfred v. Halban für österreichische Rechtsgeschichte an der Universität Czernowitz. Der Prioatdocent und Adjunct am ersten chemischen Laboratorium der Universität in Wien, Dr. Joseph Herzig, wurde zum außerordentlichen Professor der Chemie ernannt.

Heber Nutrose.

Bo« ärztlicher Sette wird geschrieben r

Da ein fast unüberwindlicher Widerwille gegen Fleisch besteht, ist uns gerade fiter (bei Magenkarcinom) die Nutrose, welche tn ziemlich großen Quantitäten fast unmerklich einverletbt werden kann, von großem Werthe. So haben wir selbst bei einem inoperablen Falle und zwar solchen, die Operation verweigerten, vorübergehend nicht unerhebliche Gewichtssteigerungen zu erzielen vermocht." Sämmt- ltche ärztliche Beobachtungen betonen die intensive Nährkrast und die leichte Verdaulichkeit der Nutrose für Schwache und Kranke. In Schachteln fr 100 Gramm ausreichend für etwa 15 Mahl­zeiten durch alle Apotheken, Droguenhandlungen usw. zu beziefien. Einzige Fabrikanten: Farbwerke Höchst a. M. 5346

Lieutenant von Flattrich!"

Herr Hauptmann?"

Sie rücken mit dem ersten Zuge der Compagnie auf Feldwache zwei. Dispositionen tote Stellung des Feindes dürften Ihnen tm Großen und Ganzen bekannt sein?"

Flattrich legte bejahend die Hand an den Helm.

Sie haben den Abschnitt vom Dorfe Btbersen bis etwa zwei Kilometer westlich zu decken. Haben Sie eine an­ständige Karte?"

Zu Befehl, Herr Hauptmann!"

Nun wohl, rücken Sie ab!"

An die Gewehre! Patrouillenführer vor!"

Zwei Minuten später rnarschirte Hugo v. Flattrich mit seinem Zuge davon.

DaS Bataillon bezog sein Biwak.

Der Strebepfeiler der biedere, gutherzige Pollhammer greinte. Bor Schadenfreude. Eigentlich hatte Bice- feldwebel Kuhnert, der windige Reserveonkel, an der Feld­wache ein Probe- und Meisterstück machen sollen, aber so warS besser: Litty und Kitty mitsammt ihrem Lieutenant war nun daS Biwak versalzen. Sie mochten kommen! Ihren Galan wenigstens sand Kitty nicht hier.

Unser Hauptmann, der ist gut juchheidi, juchheida!" Haltet'S Maul, Kerls, oder singt was GescheidtereS." Die Mannschaften von Seiner Majestät sechster kannten ihren Compagniechef kaum noch, so grimmig gebahrte er fich. Sergeant Trappe hatte für die Quartiervertauschnng feine drei Tage Arrest eingeheimst, Einjähriger Heineke war nicht schlecht angepfiffen worden, Fernand Schrattenholz klagte Stein und Bein überden Alten" und Hugo v. Flattrich überlegte, wie er er anfangen sollte, möglichst bald zu einer anderen Compagnie versetzt zu werden.

Und jetzt, im Biwak, warder Alte" stets genug ba, wo seine Untergebenen ihn gar nicht nöthig hatten, trieb hier­an, nörgelte dort und schnauzte allenthalben.

Er war mordsgrundelementseelenverdrießlich.

(Fortsetzung folgt.)