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1.8.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 178

Der frUfctner Avzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» MontagS.

Die Gießener M«mikien5tä1ter werden dem Anzeiger wbchenklicti dreimal beigelcgt.

Erstes Blatt_______Sonntag den 1. August _______

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

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Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Giefzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.

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Alle Annoncen-Bureaux de» In- und Ausländer nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" cntgcye.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend: Die Abhaltung von Viehmärkten zu Gießen.

Wir bringen zur allgemeinen Kenntniß, daß das Auftreiben Don Vieh zu den in nächster Zeit dahier stattftndenden Vieh­märkten erst nach 6 Uhr Morgens gestattet werden kann.

Gießen, den 30. Juli 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 lederne Geldtasche, 1 Trauring, 1 Brosche, 1 Shlips, 1 Bademütze, 1 weißer Capes, 1 Sonnenschirm, 1 Sack mit Gerste, 1 Zügelleine und 1 Wagenkette.

Zrrgeflogerr: 1 Kanarienvogel.

Gießen, den 31. Juli 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Politische Wochenschau.

Der Kaiser ist von seiner NordlandSretse wieder nach Deutschland zurückgekehrt, um nun seine Reise nach Petersburg auzutrelen. Mit frischen Kräften geht der Monarch wieder an die Erledigung seiner RegterungSgeschäfte, die ja freilich auch während der Erholungsfahrt nicht vernachläjstgt worden find. Das die Minister v. Miquel und Freiherr v. d. Recke nach Kiel abgeretst sind, um dem Kaiser Vor­trag zu halten, giebt zu denken- es wird sich zweiscllos um daS Schicksal des VeretnSgesetzeS handeln und um neue Vor­schläge, um gleichzeitig dem Willen der Regierung Geltung zu verschaffen und daS dem Reichstage bezüglich der Auf­hebung des VerbindungSverbotS gegrtene Versprechen soweit als irgend thunlich zu erfüllen. Vielleicht dürfte auch die Ernennung des Herrn v. Thtelmann zum Reichsschatzsecretär vollzogen werden- wenigstens ist nicht ersichtlich, weshalb diese Ernennung noch nicht publizirt werden sollte, da daS Amt seit Längerem frei ist und Herr v. Thtelmann sich tu diesen Tagen mit den maßgebenden Persönlichkeiten ins Ein­vernehmen gesetzt haben kann.

Ereignisse von besonderer Bedeutung auf dem Gebiete der inneren Politik find in der letzten Woche nicht vorge­kommen. In der Presse widerhallte noch die Erregung über den AuSgang der B eretn S g es etzv o r läge und über die vom Bicepräfidknteu des StaatsministeriumS abgegebenen programmatischen Erklärungen. Da Herr o. M qael j-tzt der bestgehaßte Mann in Deutschland ist, so brauchen wir kaum zu sagen, daß er in den Beurrheiluugen deS größten ThetleS der Presse nicht allzugut wegkam.

GewiffeS Aussehen hat eine Schießaffaire in Danzig gemacht, wo bekanntlich ein vom Militärposten verhafteter Mann bet der Flucht erschaffen wurde. Mir dem Opfer militärischer Dtscipltn hat man weniger Mitleid, aber die Gefahr, tu welcher andere Paffanten durch die Abgabe des Schusses schwebten, hat einen Entrüstungtsturm entfacht, der jedenfalls noch in der nächsten ReichstagSseifion auSkltugen

wird urn wieder erregte Ec^nen zwischtn den links stehenden Parteien und der Regierung herauf zu beschwören im Stande ist.

Die FriedeuSverhandlungen zwischen Griechen­land und der Türkei sollten am SamStag abgeschloffen werden, nachdem der Sultan angeblich der von den Botschaftern vor­geschlagenen Grenzregulirung zugestimmt hat. Deutschland hat wieder einmal die Initiative ergriffen -um Schutze der alten Gläubiger Griechenlands, welche Gefahr laufen, durch die von dem hellenischen Staate zu zahlende Kriegsentschädi­gung beuachtheiligl zu werden. Von einzelnen Mächten wird Deutschland in seinen Bestrebungen unterstützt, aber auch vielfach angegriffen unter dem Vorwurfe, die FrtedenSver- Handlungen zu verschleppen. Ob die letzteren thalsächlich jetzt schon beendet werden, steht natürlich trotz derzuverlässigsten Meldungen" noch lauge nicht fest- auf Ueberraschungen muß mau sich bet den türkischen Diplomaten immer gefaßt machen.

Aus dem Reiche Bulgarien ist die Nachricht von der Verurtheilung der Mörder der Anna Simon eingetroffeu und überall gewiß mit Genugthuung ausgenommen worden. Hoffentlich verbüßen nun auch die Missethäter die ihnen zu- dictirte Strafe, was noch gar nicht so feststeht, da in Bulgarien Manches möglich ist.

Die amerikanische Tartfbtll ist nunmehr end- gillig genehmigt worden, und es wird sich nun bald zeigen müssen, ob unsere Regierung Repressalien ergreifen wird. Wir haben schon früher auSgefÜhrt, daß hierbei eine weise Mäßigung sehr angebracht ist, da ein Zollkrieg stets beide Thetle schwer schädigt.

Wenn mau geglaubt hatte, daß die Verhältuisse auf Cuba und ten Philippinen sich in einer für Spanien end- gtltig günstigen Weise ausgestaltet hätten, so scheint man sich doch einer schweren Täuschung hingegeben zu haben. ES wird für Spanten noch großer Kraftanstrengung bedürfen, ehe es in diesen beiden Colonien die Ordnung wieder her- gestellt hat, umsomehr, als die cubanischen Insurgenten von den amerikanischen Aankees offen unterstützt werden.

Aus dem andern Königreich der phrenäischen Halbinsel, aus Portugal, kommen beunruhigende Nachrichten- die Lage daselbst erscheint sehr ernst. Das kleine Land ist von jeher durch heftige Parteikämpfe in steter Erregung gehalten worden, die vielfach zu einer Gefahr für die Monarchie sich gestaltete. Die Verhältuisse schienen sich aber jetzt zu con- solidiren, seitdem daS Ministerium Castar am Ruder ist, welches mit großen Reformen vorzugehen beabsichtigte und u. A. auch eine Auseinandersetzung mit den auswärtigen Staatsgläubigern herbeiführen wollte. Seine Bestrebungen schienen die ehrlichsten zu sein. Waö die jetzige Bewegung wieder hervorgerusen hat, läßt sich mit Sicherheit noch nicht feststellen, da der osfictelle Draht sehr schweigsam ist. Die Republikaner, welche in Portugal in großer Zahl vorhanden find, scheinen nicht mehr ruhen zu können, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Es ist ein bedenkliches Zeichen, daß viele hohe Osfiztere verdächtig sind, republikanische Gesinnungen zu haben- das Heer ist in Portugal Überhaupt keine große Stütze für den Thron, und Putsche find dorr ebenso an der Tagesordnung wie in Spanten die PronunctamentoS.

(xx)

Wolffs telegraphische« Correfpondenz-Bureau.

Berlin, 30. Juli. DerReichs Anzeiger" veröffentlicht daS Ergebniß des ReichShauShalteS zu 1896/97. Da­nach kommen auf die ordentlichen Einnahmen, so wett fie dem Reiche verbleiben, 86471414 Mk. mehr als veranschlagt wurde Davon werden 50 Millionen zur Verminderung der Retcheschuld verwendet werden. Der Etat ergibt unter Hinzu­rechnung von 1995 700 Mk. AuSgabenersparutß einen lieber* schuß von 28467 115 Mk.

Berlin, 30. Juli. Der Handelsvertrag zwischen dem deutschen Zollverein und Großbritannien von 30. Mat 1865 wurde heute von der englischen Regierung gekündigt. Derselbe tritt nach Ablauf eines JahreS außer Kraft.

Kiel, 30. Juli. Der Kaiser begab sich heute Nachmittag iy2 Uhr an Bord des PanzersKön'g Wilhelm" und stattete dem Prinzen Hkiurtch einen etnstündigen Besuch ab. Sodann begab fich der Kaiser auf daS Flaggschiff deS ersten Ge­schwadersKurfürst Friedrich Wilhelm", woselbst der Kaiser von dem Geschwaderches, Vtceadmtral Thomsen, empfangen wurde. Der Kaiser wird während dec Instandsetzung der Hohenzollern" an Bord dieses Schiffes bleiben.

Quellendorf, 30. Juli. Für das heutige 70 jährige Dienst- jubtläum und 87. Geburtsfeft des Generalfeldmarschalls Grafen v. Blumenthal war jede Feier verbeten worden, da der Jubilar leidend und seine Enkeltochter soeben erst eine Operation überstanden hat. DaS Dorf war festlich geschmückt. Eine Deputation deS hiesigen KriegerveretnS überreichte dem Jubilar eine Adresse. Im Laufe deS Vormittags gingen Hunderte von Glückwunschdepeschen ein, unter anderen vom deutschen Kaiser, den deutschen BundeSsürsten, hohen Würden­trägern, Generalen und Freunden. Der Herzog von Anhalt- Dessau ließ ein Glückwunschschreiben durch einen Feldjäger überreichen.

Wien, 30. Juli. Heute Nachmittag brach neben der Schwarzenbergbrücke ein Gerüst zusammen und die da­rauf befindlichen Arbeiter, deren Zahl noch nicht feftgestellt werden konnte, stürzten sämmtlich in daS Wasser. Man glaubt, daß 15 Arbeiter auf dem Gerüst beschäftigt waren, doch find bisher nur 5 von ihnen gerettet worden.

Prag, 30. Juli. Wie dasPr. Abendbl." meldet, waren an Stelle der ausständigen Belegschaft eines Braunkohlen­schachtes in Alt Rohlau italienische Arbeiter requtrirt worden. Daraushtn fanden vorgestern Abend Ansammlungen der Ausständigen statt, die gegen die Italiener eine bedroh­liche Haltung anoahmen und die Fenster von deren Woh­nungen mit Steinen bewarfen. Ebenso wurde der Berg- werksbesttzer bedroht. Schließlich zerstreute Gendarmerie die Menge und nahm 10 Verhaftungen vor. Die italienischen Arbeiter Haden Alt-Rohlau verlassen.

London. 30. Juli. Das Unterhaus nahm mit 120 gegen 54 Stimmen in dritter Lesung die Bill an, wodurch oie Einfuhr von Maaren verboten wird, die in Gefängnissen angesertigt worden sind. DaS Oberhaus nahm die dritte Lesung der Bill an, durch die die Anwendung deS metrischen Maß- und GewtchtSsyftems gestattet wird.

Stockholm, 30. Juli. NordenSkjöld hat die Der-

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Feuilleton.

Wochrnbriefe ans der Residenz.

(Originalbericht deSGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 29. Juli.

Bon der Technischen Hochschule. Vom Sommer-Theater.

Eine schöne Ovation, die sür die Veranstalter sowohl wie für den zu Feiernden in gleicher Weise ehrenvoll war, brachte am vergangenen SamStag Abend die Darmstädter Studentenschaft dem für daS kommende Studienjahr wiederum zum Rcctor der Hochschule ernannten Geh. Baurath Professor Berndt jn Gestalt eines solennen Fockelzuges dar. Der Vorsitzende des Studentenausschusses, Studiosus Spindler, erstattete in einer begeisterten Ansprache dem beliebten Lehrer den Dank der gesammten Studentenschaft für die Amtsführung im abgclaufenen Studienjahr, wo der Schwierigkeiten manche entstanden und glücklich beseitigt worden waren und schloß mit einem jubelnd aufgenommenen Hoch auf den Herrn Rector. Dieser dankte erfreut für die dargebrachte Ovation, lobte die Einigkeit in der Darmstädter Studentenschaft, deren Erhaltung er auch fernerhin erhoffe und betonte, daß daS Reciorat stets darauf bedacht sei, sie zu pflegen und deshalb nicht Etnzelwünschen nachkommev lüMne, sondern stets daS Gemeinwohl im Auge haben werde.

Sein Hoch galt der Studentenschaft. An der Feier hatten sich neben denWilden" die sämmtlichen hiesigen studentischen Cotporationen detheiligt, ausgenommen die vor nicht langer Zeit gegründete katholische StudentenverbindungNassovia", und konnte man so ein anschauliches Bild von dem Wachsen der Anstalt bekommen. Danach nahmen Thetl: drei CorpS, zwei fretschlagende Verbindungen, drei Burschenschaften, zwei Verbindungen und der akademische Turnverein, im Ganzen elf Korporationen und der Ausschuß der Studirenden. Hoffentlich bringt daS kommende Jahr nicht einen Stillstand in der Geschichte der Anstalt, sondern ein ebenso erfreuliches Emporblühen wie die vergangenen.

Die Darbietungen des Sommertheaters erfreuten sich in der abgelauscnen Berichtsperiode wieder um wie in der vorigen der wechselnden Gunst deS Publikums bald sehr stark besetzte Häuser und dann wieder Vorstellungen, wo gähnende Leere im Zuschauerraum herrscht. Letzteres war namentlich btt dem rührseligen dreiactigen SchauspielDer kleine Lord" des Engländers Hodyhon Burnett, das eine im Allgemeinen ganz gute Wiedergabe namentlich durch die ge­lungene Darstellung der Mutter des jungen Lord durch Frau Direcior Hedwig Kaushold-Corneck sand. Daß der Direction des Instituts es nicht an Muth gebricht, konnte man genugsam daraus ersehen, daß sie, trotz mancherlei Mißerfolgen, die ihr die letzte Zeit brachte, fich die Mühe nicht verdrießen ließ, eine Opern-Aufführung zu wagen.

ES war ihren Bemühungen gelungen, den erklärten Liebling deS Darmstädter Publikums, Herrn Kammersänger Ludwig Baer, zu einem Gastspiele zu bewegen. Der langjährige erste Heldentenor unserer Hofoper hatte fich dazu eine seiner Glanzrollen, denManrico" in Verdi'STroubadour" aus- erwählt, eine Partie, mit der der Sänger stets das Darm­städter Publikum zu begeisterten Beifallskundgebungen hin- geriffen hatte. Auch diesmal zeigte Herr Baer, der vorzüg­lich diSponirt und im Vollbesitz seiner herrlichen Stimmmittel war, daß er nicht minder groß als Schauspieler wie als Sänger ist. SeinManrico" war eine Leistung wirklich großen Stils, vor der die Kritik gern die Waffen streckt. Die bekannte Stretta im 3. Acte muhte der Künstler zwei­mal wiederholen und der Jubel, der nach dem jedesmaligen Schluffe den weiten Saal durchbrauste, kannte schier keine Grenzen. Auch Herr Alfred Arnold, gleichfalls ein Darmstädter, der denLuna" sang, konnte stürmischen Applaus für seine in gesanglicher und darstellerischer Hm* sicht vornehm gegebene Figur entgegennehmen. Die Besetzung der übrigen Rollen war allerdings weniger glücklich und dürfte eine Beurtheilung des hier Gebotenen minder günstig ausfallen. Jetzt beginnt der königl. württembergische Hof­schauspieler Emil Richard vom Hoftheater in Stuttgart, dem ein guter Ruf als Charakterkomtker vorauSgeht, ein Gastspiel in Fritz Reuter«Onkel Bräsig", von dem der nächste Bries berichten soll.