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I Mirlich dreimal
1 eigelegt.
Zweites Blatt. Sonntag den 3t. Mai______________________
Gießener Anzeig er
Kenerat-Unzeiger.
1806
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5Sitte it und Gebräuche bei Aindtaufen in der Provinz Qberhefsen.
(Origtnalbericht für dm »Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.)
3« den letzten Monaten besprachen die öffentlichen 9Wlci in unserer Provinz die Sitten und Gebräuche bet I Wob: io gen und Hochzeiten. Die nachfolgenden Zeilen haben o ta 3tottf, einige Sitten und Gebräuche bei Kindtaufen vor- z Mrvn. An Verlobung und Hochzeit pflegen sich die Kind- :. ivistn > anzureihen, das ist so der Welt Lauf.
Dlle Art und Weise wie die Patheo für den neuen SBWlbüKgtr erbeten werden, ist an den verschiedenen Orten i rsr vvrschieden. Häufig ist es Sirte, daß sich die Pathen i.Äsi Onbieten müffen. Dies geschieht zuweilen mit den ' Bcriti : „Wann Ihr noch kaan Petter (oder »Güth" bei i Wchoil) habt, dann saan eich do." Früher hatte man mit e üiim Kathen genug- jetzt sucht man deren drei, vier, fünfe . ai |ti« linnen, denn daS ist für den Täufling sehr vortheil- i, och. '}e mehr Pathen, desto zahlreicher find die Geschenke z zaiLeihnachten und Ostern und zu Pfingsten, wann der ^uüfHijg bet der Constrmation angekommen ist. Man sucht a.tid) wil diesem Grunde vermögende, ledige, ältere Personen a KI Pülhen zu erhalten, denn den ledigen Leuten gegenüber b'itndil man sich in der Regel nicht zu revanchiren, weil kidriu Nachkommenschaft zu erwarten ist.
Qm anderen Orten muß man die Leute zu Gevatter t liillttn. In den seltensten Fällen wird Jemand eine solche 9' Bit ilbschlagen, es wäre eine empfindliche Beleidigung.
Diie verwandten, Nachbarn und Gevatterinnen besuchen d tßiMchnerin bald. Wenn der Sprößling dick und gesund isißvid tüchtig schreien kann, wird dies rühmend hervor« g atyfcu. Man bringt der Wöchnerin nicht selten ein halbes o il« gnnzeS Pfund Zucker beim ersten Besuche mit, „um ihr u ml tem Kleinen ein süß' Mäulchen zu machen". Gewöhnlich p Gztn die Mannsleute auf dem Lande ihre Kappen oder <- jih »licht abzunehmen, wenn sie in ein Bauernhaus ihres TlOchS eintreten. Tritt er aber in ein HauS, worin sich r- ul«! Aöchnertn befindet und nimmt die Kopfbedeckung nicht er a, suchen ihn die Hebamme oder die Dienstmägde zu vs itiudir,. indem sie die Kopfbedeckung zu erreichen suchen und fi1«»itto nicht eher wieder herauSgegeben, bis ein kleines TMkgilild erlegt ist.
DHe Taufe des Sprößlings wurde früher so bald wie miiiW an einem der nächstfolgenden Sonntage vorgenommcn. I M virrschiebt man sie so lange, bis die Wöchnerin wieder hc^ichtlllt ist. Die Täuflinge wurden in der warmen Zeit tat !ik Mrche, gleich nach dem Vaterunserläuten, gebracht und ycwittr versammelten Gemeinde, welche zum Schluffe einen
SN ' ——
Feuilleton.
Um Nichts.
Skizze aus dem Leben.
Bon Doris Fretin von Spättgen.
(2. Fortsetzung.)
dar Angeredete schüttelte den Kopf und seufzte leise.
Mut, also nicht verloren- aber dann haben Sie den Wikv-z für sich selbst verausgabt! Vielleicht hatten Sie S-iWi«, Carl, und wollten sich auf diese, freilich sehr wem! ehrenhafte Weise derselben entledigen. „Pah, der
kommt eS ja auf die kleine Summe nicht an und mbtoift geholfen!" Nicht wahr, das dachten Sie?"
Vie frische Färbung in des jungen Dieners Antlitz war jetztz^ eine fahle Bläffe übergegangen und mit mächtig ar« btiiitaier Brust stand er vor der Sprecherin.
fisch einer Pause fuhr Frau v. Hiller lebhaft fort:
,Hch bitte Sie inständig, Carl, besinnen Sie sich eines Bdlih'ntei und bekennen Sie Ihr Vergehen. Erleichtern Sie do chLckhaltloS Ihr bedrücktes Herz. Der Herr General istii und nachsichtig, er wird einmal Gnade für Recht geiülc Haffen und verzeihen. Nur diese stumme Verstocktheit aw° Nm kränkt und reizt ihn sehr. O, wie Viele haben ichitzk jvfehlt, schwerer vielleicht als Sie — und eS ist ihnen wiOjita worden. Der liebe Gott ist ja auch so nachsichtig mbivMren Fehlern und Schwächen, warum sollen eS denn ttiii!! Strumen nicht fein? Gehen Sie rasch hillein und sagen Sftintimem Manne die unumwundene Wahrheit. Ich be« schkMt Sie, Carl, denn Sie wiffen — ahnen vielleicht nicht, woi-Maeu sonst bevorsteht!"
$h"ft Thränen rannen dem jungen Diener Aber die Wllxzmü nieder und in derselben steinernen Ruhe wie vsrher Ui'le(I über feine Lippen:
Vers auS einem Taufliede sang, gelaust. Leidec verschwindet diese schöne Sitte immer mehr. Manche Geistliche nehmen den Täufling auf den linken Arm, stützen den Kopf deS Kleinen mit der Hand und vollziehen alsdann die heilige Taufhandlung. DaS gefällt den Landleuten am besten. Andere Geistliche, dre weniger grübt oder ängstlich sind, lassen daS Kind durch eine andere Person über daS Taufbecken halten. Früher betheiligten sich die Geistlichen, auf ergangene Einladung, mitunter bei dem Taufschmause. Diese Gewohnheit verschwindet aber immer mehr.
Sämmtliche Pathen pflegen am Tauftage zwei Pfund Kaffee und zwei Pfund Zucker inS TaufhauS mitzubringen. Je ein Pfund Kaffee und Zucker gehört auf daS Tausbett, daS andere in das Bett. DaS soll so viel heißen alS: Von dem einen Pfund wird am Tauftage Kaffee gekocht, daS andere Pfund wird für später ausbewahrt. Wenn nun mehrere Pathen vorhanden sind, so wird eine Maffe von Kaffee gekocht. Alle Diejenigen, welche der Wöchnerin Auf« merksamkeiten eiwtesen haben, erhalten am Taustage Kaffee und Kuchen zugesandt.
Wenn die Taufhandlung vorüber ist, legen die Pathen und eingeladenen Gäste Geldstücke in daS noch mit Waffer gefüllte Taufbecken: Zwanzigpfenntgstücke, Markstücke, Drei« Markstücke, je nach Vermögen. Der Glöckner hat das Recht, daS Taufbecken zu entleeren und die Geldstücke für sich in Empfang zu nehmen. Auch die Hebamme und daS Dienstpersonal werden von den Gästen beschenkt.
An manchen Orten werden die Pathinnen, wenn sie noch ledig find, mit Kränzen, die Pathen mit kleinen Blumen« sträußchen, welche auf der linken Brust befestigt werden, geschmückt. Die Tragkiffen und Deckchen, in welche die Täuflinge gehüllt werden, sind ebenfalls reich verziert. Wie bei Hochzeiten wurden an manchen Orten auch bei Taufen Freudenschüffe abgefeuert, sobald flch der Zug auf der Straße befindet. Die Taufschmause fallen jetzt nicht mehr so opulent auS und dauern auch nicht mehr so lange, wie in früheren Jahren. Nachmittags gibt es Kaffee und Kuchen, Abends wird Salat, Braten und Wurst oder Schinken dargeboten, wozu man Bier, Aepfelwein und Branntwein trinkt. In den meisten Fällen wird die Mahlzeit noch einfacher gehalten, je nach den DermöaenSverbältnisftn der Familie.
Drrmifdyto*»
• Sine Erinnerung an den „TodeSritt". DaS Offiziers« corps des in Salzwedel garnisonirenden 16. Ulanen- Regiments hat dem in Gardelegen verstorbenen Wachtmeister Gäbler, der fast 36 Jahre activ im Heere gedient und 1870 bei dem TodeSritt von MarS la Tour die Stan« darte der altmärkischen Ulanen trug, ein Denkmal errichtet,
„Ich habe die zwanzig Mark nicht erhalten, gnädige Frau. Ich bin kein Dieb!"
Daffelbe wiederholte Carl Wehnert eine Viertelstunde später vor seinem General, auS deffen Zügen jetzt nut noch eiserne Strenge und kalte Entschloffenheit herausleuchtete.
„Gut. ES bleibt mir jetzt nicht- anderes Übrig, als den Obersten Ihre- Regiments von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen. Ich bin verpflichtet, die- zu thun. Die Folgen Ihrer Handlungsweise werden Sie natürlich zu tragen haben. Für ein Uhr hat Oberst Birkaer mir ohnehin seinen Besuch angekündigt. Bis dahin verbiete ich Ihnen, Ihr Zimmer zu verlaffen!"
Einen Moment hatte eS den Anschein, als wanke Carl WehnertS kräftige Gestalt- er schien fich jedoch schnell zu faffen und verließ ohne ein Wort der Erwiderung daS Gemach. General v. Hiller schaute ihm nach, biß die THÜre fich geschloffen hatte. Sonderbar, eS lag etwas wie der Ausdruck eines gehetzten Wildes in des Burschen Blick.
ES hatte ziemlich stark geschellt. Auf Befehl deS Generals war Carl an sein Zimmer gebunden, daher ging daS Stubenmädchen an die EntrvethÜr, um zu öffnen.
„Oberst Birkner! Melden Sie mich, bitte, bei dem Herrn General, er erwartet mich!" klang es mit lauter, kräftiger Stimme.
„Sehr wohl, Herr Oberst!" tönte eß höflich zurück.
Darauf daß Oeffnen und Schließen der Stubenthür und alle- blieb wieder ruhig wie vorher.
Da plötzlich krachte ein Schuß. — Unheimlich hallte der kurze Knall an den Wänden des todtenstillen Hausflurs wieder.--
Der General, fein Gast, Frau v. Hiller und zwei weibliche Domestiken siürzten zu verschiedenen Thüren in den Vorsaal hinaus.
bei deffen Einweihung Rittmeister v. Bismarck die Ein« weihungSrede hielt, in der er die Charactereigenschaften Gäbltrs rühmte und von GäblerS Verhalten am 16.August 1870 folgendes Bild entwarf: Der damalige Sergeant Gäbler befand sich mit der Standarte des Regiments vor Beginn der Attacke auf dem rechten Flügel der dritten EScadron. In feiner unmittelbaren Nähe war der Brigade« und Regt« mentScommandeur, sodaß eS ihm möglich war, den von dem Adjutanten überbrachten Befehl „Zur Attacke" deutlich zu hören. Bei der Attacke stieß das Regiment zuerst auf feindliche Infanterie, über die eß, da sich diese sofort zur Erde warf, ohne Widerstand hinwegging. Die Attacke wurde auf Artillerie fortgesetzt, indeß schon ohne Zusammenhalt. Der Vicewachtmeister Prange und der Standartenträger Gäbler ritten noch neben einander. Durch daS fortwährende Schießen war daS Pferd des Letzteren sehr heftig geworden, sodaß cß durchging, und der Reiter eß nicht mehr partren konnte. Plötzlich kamen französische Kürassiere auS dem Holze auf die Standarte zu. In diesem Augenblick rief der Standartenträger dem Prange zu: „Faffe mein Pferd in die Zügel, sonst ist die Standarte verloren." Eß gelang, und Prange brachte daß Pferd zum Stehen. Um einige Leute zu Hilfe zu haben, rief der Sergeant Gäbler: „Hierher zur Standarte!" Da er einsah, daß er mit der Standarte in der größten Gefahr schwebte, machte er Kehrt und ging zurück. Der Vicewachtmeister Prange, der Sergeant Hausen und der Unterosfizier Hoppe, sowie etwa zehn Ulanen, die auf das Rufen des Standartenträgers herbeigeeilt waren, nahmen die Standarte in die Mitte und versuchten eß, sich durch den furchtbaren Menschenknäuel, welcher saft undurchdringlich war, mit dem Standartenträger und der Standarte durchzuschlagen. In der Ferne wurde Infanterie bemerkt. Man glaubte eß seien preußische Truppen - sie wollte man erreichen. Doch kaum war die muthige kleine Schaar hundert Schritt geritten, als sie erkannte, daß es nicht preußische Infanterie, sondern die feindliche Infanterie war, die zuvor von dem Regiment niedergeritten war. Einen anderen Weg einzuschlagen, war unmöglich. Da lief der muthige Standartenträger: „Jetzt Sporen ein, wir müffen durch I" und so ging eß im heftigen Schnellfeuer mitten durch die feindliche Infanterie hindurch. Hierbei fand der Unteroffizier Hoppe, der auf der linken Seite beß Standartenträges ritt, seinen Tod. Der nur noch kleine Ueberrrst des tapferen Regiments, der sich nach der Attacke bei Vionville um ein Wachtfeuer geschaart hatte, glaubte nicht anders, als daß die Standarte den Feinden in die Hände gefallen fei. Nur der ruhigen Ueberlegung und Kaltblütigkeit in dem Augenblick der höchsten Gefahr ist eß zu danken, daß das gefährdete Banner glücklich aus dem Kampfgewühl gerettet und dem Regiment erhalten wurde.
„Allmächtiger Gott, was ist daß? Der Schuß kam auß Carl- Zimmer!" schrie die Dame händeringend und taumelte vorwärts.
Kreidebleichen Antlitzes folgte der General, welcher sie sanft zurückzudrängen versuchte und die verhängntßvolle Thür mit bebenden Fingern erschloß. Die Uebrigeu folgten zagend. Bei dem grauenvollen Anblick, den daS kleine Zimmer bot, malte fich Entsetzen in allen Gesichtern. Auf dem Fußboden lang au-gestreckt lag Carl mit zerschmetterter Hirnschale, daß Antlitz von Blut überströmt. — Seine krampfhaft gebogenen Finger umspannten noch den Revolver, auß dem die verderbenbringende Ladung durch die rechte Schläfe in den Kopf gedrungen war. Er war tobt — erschossen.
Ein Schrei gellte durch den grabeßsttllen Raum.
„Fritz — o Du himmlischer Vater — er war doch unschuldig ! Wir haben ihn in den Tod getrieben!"
In fassungßlosem Weh taumelte Frau v. Hiller zurück und preßte beide Hände gegen die Stirn.
„Nein, nicht doch, mein liebeß Herz!, Sprich nicht so Schreckliche- au-!" rief der General, selbst todtenbleich biß zu den Lippen, aber sichtlich bemüht, fich zu beherrschen. „Gott allein weiß, welche Beweggründe den Unglücklichen zu diesem wahnfinnigen Schritte getrieben haben mögen, Beweggründe, welche ebenso unheimlich alß mystisch find. Bitte, Herr Oberst, wollen Sie meine Frau auf ihr Zimmer bringen. Wir werden bann daß Weitere zu erforschen suchender Himmel wird ja gnädig sein und einen Lichtstrahl in dieseß gräßliche Dunkel senden," fügte der General mtt merklich bebender Stimme hinzu, während Frau v. Hiller auf des Gastes Arm gestützt, von tiefem Schmerz ergriffen, weinend hinaußwaukte.
(Schluß folgt.)


