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1896

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Meßmer Anzeig kl

Kenerat-Mnzeiger

Freitag den 31. Januar

Rebaction, Txpebitio» und Druckerei:

StLutfiratze Ar.H«

Krrnlprecher 51.

Lierteljäbnqer A-onncmentsvrci« S 2 Mark 20 Pfg. mH vringerlohn.

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Die Meßmer M««trieuStLtter werb« dem Anzeiger »gchmtlich dreimal btigtlegt

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bti Montag».

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giefzen.

!?£ | Hratisönkag-: Hießen» Kamiki-nörätt-r.

Alle Annoncen-Bureaux beS In- und AtrSlanbeS nehm«

Anzeigen für bmGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung, betreffend die Veranstaltung von Berloosungen innerhalb des GroßherzogthumS.

Das Comitö für die Abhaltung des Alzeyer Fett- und ZuchtviehmarktS beabfichtigt mit dem für den 13. Mai l. I. in Aussicht genommenen Markte eine Verloosung von Zucht- thiereu, landwirtbschastlichen Geräthen und GebrauchSgegen« ständen zu verbinden.

Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erloubniß zur Veranstaltung die>er Der loosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 10000 Loose zu 1 Mk. das Stück auSgegeben werden dürfen und mindestens 45 pCt. des BruttoerlöseS aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gervtnngegenständen zu ver­wenden find.

Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestattet worden.

Gießen, den 28. Januar 1896.

Großherzogliches Kreisawt Gießen.

v. Gagern.

Deutfctyer AeiehstaA.

26. Sitzung. Mittwoch, den 29. Januar 1896.

Antrag Rickert u. Gen. auf Annahme eines Gesetzentwurfes betr. Abänderung deS Reichs tagSwahlgesetzes.

Abg. Rickert begründet den Antrag, der den Reichstag zum 6. Male beschäftige und sich immer mehr Freunde erworben habe. In Baden seien sogar ähnliche Bestimmungen von der Regierung vor gelegt worden. Er bitte, den Antrag mit großer Mehrheit an­zunehmen. *

Abg. Bassermann (ntl.) erklärt, daß seine Freunde dem Antrag zustimmen werden.

Abg. Schädler (Ctr.) meint, die Frage einer besseren Sicht' rung der Wahlfrethett sei ohne Zweifel spruchreif, und werde von der großen Mehrheit des Volkes auch in bejahendem Sinne ent­schieden Auch daS Centrum werde selbstverständlich dem Antrag mit großer Mehrheit zustimmen, auch wenn er von der Regierung minder freundlich ausgenommen werden sollte.

Frhr. o. Stumm (RchSp): Darin seien sie alle einverstanden, daß sie volle Wahlfrethett wollten. Fraglich sei nur, ob der Antrag Rickert den Fehler mehr bessere als bisher. Eine absolute Sicherheit gegen Wahlbeetnflussungen gebe es überhaupt nicht. Wollte man die Schäden beseitigen, dann müßte die geheime Stimmabgabe ab­geschafft werden.

Abg. Blos (Soc) führt aus, daß die Socialdemokraten dem Antrag Rickert zustimmten, weil sie ihn in der Thal für nothwendig hallen.

Abg. Förster (Ant.) erklärt sich mit dem Grundgedanken des Antrages einverstanden. Der Antrag müsse aber zur Beseitigung

einiger redaciioneller Unklarheiten an die Wahlprüfungscommission verwiesen werden.

Abg. Beckh (Fr. Vp.) bekämpft den Vorschlag der Commts- fionsverWeisung und bittet, den Antrag ohne Weiteres anzunehmen.

Alg. v. Wolszlegter (Pole) erklärt sich ebenfalls für An­nahme des Antrages.

Abg. Gröber (Ctr.) hält eine Commisfionsberathung für un- nölhig; dazu seien bte Meinungsverschiedenheiten zu unwesentlich; außeroem sei die Sache spruchreif. Dem allgemeinen Wahlrecht ent- spc.che die allgemeine Wahlpflicht; es wirke politisch erziehlich sowohl auf die Massen wie auf bm gebildeten Theil des Volkes.

Nachdem noch für den Antrag Abg. Bindewald (Antis.) sich geäußert, der im Gegensatz zu feinem Parteigenoffen Förster^ die Commisfionsberathung verwirft, verweist Abg. Dr. Schönlank (Soc.) auf den Versuch der conservattven und nationalltberalen Partei in Sachsen, dort das Dretklassenwahlsystem einzuführen, und zwar unter­stützt von der sächsischen Regierung.

Präsident Frhr. o. Buol bittet den Redner zur Sache zu kommen.

Abg. Dr. Schönlank bemerkt schließlich, daß der Reichstag gerade allen Giund habe, alle Angriffe auf das Wahlrecht abzuwehren.

Sächsischer Bevollmächtigter Graf v. Hohenthal: Der Herr Präsident hat bereits gesagt, daß die Angelegenheit der Aenderung des sächsischen Wahlrechts, von der ich Übrigens nichts weiß (Stür­misches Lachen links), hier nicht htngehört. Sollte es geändert werten, so ist lediglich die Partei des Vorredners daran schuld. (Lachen links) Wer hat das sächsische Wahlrecht in der sächsischen Kammer angegriffen^ Die Partei beS Vorredners. Wetter ist darüber nichts zu sagen. (Beifall rechts.)

Graf Ltmburg-Stirum (conf.): Die Partei des Abg. Bindewald stehe an Verhetzung und Beeinflussung keiner Partei, auch der am weitesten links stehenden, nach. Eine Reform des Reichstags­wahlrechts nur nach einer Sette vorzunehmen, balle ich nicht für richtig. Was vorgefchlagen ist, ist unpracttsch. Einer Reform des Wahlrechts widerstreben wir nicht, aber dann wollen wir das gisammte Wahlrecht reformiren.

Schönlank (<5oc3 beruft sich auf den sächsischen Minister v. Metzsch, der in der sächsischen Kammer erklärt habe, die sächsische Regierung fei bereit, die Vorschläge der Conseroatioen und National- liberalen auf Aenderung des Wahlrechts in Erwägung zu ziehen.

Sächsischer Bundesrathsbevollmächttgter Graf von Hohen­thal erklärt, der Vorredner habe sich in Widerfpruch mit seiner Fractton in der sächsischen Kammer gefetzt. Er habe das sächsische Wahlrecht als ein solches bezeichnet, mit dem sich autzkommen lasse, während feine Fractton wiederholt den Antrag aus Aenderung des sächsischen Wahlrechts trotz seiner Aussichtslosigkeit gestellt hat. Darauf erfolgte die bekannte Antwort der sächsischen Regierung in der denk­würdigen Sitzung, die der Vorredner erwähnte.

Bindewald (Antis.) und Lieber (Ctr.) werfen den Confer- vativen im preußischen Abgeordnetenhause vor, daö preußische Wahl­recht verschlechtert zu haben, während fie sich hier weigern, das Wahl­recht zu schützen.

Graf Ltmburg-Stirum (conf.) bestreitet dies und bemerkt, die Feindschaft gegen das allgemeine, gleiche Wahlrecht liege ihm und feinen Freunden fern; indessen ergänzen das preußische und das deutsche Wahlrecht einander; greife man daher das preußische Wahl­recht an, fc> rüttle man an dem anderen. Er wolle aber nicht, daß die politischen Machtverhältnisse verschoben würden.

Lieber (Ctr.) bezeichnet dieS als eine künstliche Construction. Von einem gegenseitigen Ausgleich der beiden Wahlrechte könne keine Rebe sein.

Nach einem Schlußwort des Milantragstcllers Barth zieht Abg. Förster (Antis) ben Antrag auf Commtsstonsorrwenung zurück, worauf bas Haus sofort in die zweite Lesung eintritt, und ohne Debatte die einzelnen Bestimmungen des Antrages annimmt.

Es folgt die erste Berathung des von dem Abg. Auer und Genossen eingebrachten Gesetzentwurfes betr. das Recht der Ver­sammlung und Vereinigung und bas Recht ber Coaliiion. In V r- bindung hiermit wirb ber Antrag Ancker unb Genoffen, gleichfalls ba8 Vereins- unb Verfammlungsrecht betr., deraihen.

Auer (Soc.) empfiehlt den Antrag feiner Partei zur Annahme. In ber Reichsverfassung sei ausdrücklich bie Regelung des VereinS- wesens bem Reiche zugewtesen. In Württemberg bestände schon fett langer Zeit bie gesetzliche Regelung dieser Materie, welche den in diesem Anträge gestellten Forderungen durchaus entspreche, unb boch höre man gerabe aus diesem Lande wenig Klagen über Mißbrauch der Vereinsfreiheit. Redner gibt sodann eine Ueberficht über btc Zustände auf dem Gebiete des Vereinswefens in den einzelnen Bundesstaaten. ________________________________________

Notteste Nttchrkhten.

WolffS telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.

Berlin, 29. Januar. Sechs Mitglieder der Redoction desVorwärts" find für Freitag als Zeugen in einer DiSciplinarermittlungSsache gegen Unbekannte vom Unter­suchungsrichter geladen worden.

Berlin, 29. Januar. Gegenüber der von derKöln. Zig." in einer Correspondenz aus Baltimore über die Kriegs- brauchbarkeit der neuen amerikanischen kleinkalibrigen Gewehre gebrachten Erzählung von der Erschießung der Sol­daten in Magdeburg, stellt derReichSanzetger" fest, daß mindestens feit Anfang der fünfziger Iah e im Frieden die Vollstreckung der Todesstrafe an preußischen Soldaten durch Erschießen nicht mehr stattfand. DaS Mtlitär-Strafgesetzbuch bedroht überhaupt nur im Felde begangene militärische Ver­brechen mit militärischer Todesstrafe durch Erschießen, wäh­rend bei im Frieden begangenen nichtmilitärischen, mit der Todesstrafe bedrohten Verbrechen die Todesstrafe durch Ent­hauptung vollzogen wird.

Paris, 29. Januar. Sine erneute Hetze gegen den Präsidenten Faure scheint vorbereitet werden zu sollen. Mehrere Blätter weisen darauf hin, es feien bei dem Chef- redacteur desMmin", Edwards, in der Angelegenheit der tonkinefischen Opiumpacht vorgenowmenen Haussuchungen drei Briefe von Felix Faure gefunden worden, die er als Marineminister geschrieben hätte. DerFigaro" stellt schon jetzt fest, daß die Briefe bedeutungslos seien.

D-p«fch«n des vmeim ,Herold*.

Berlin, 29. Januar. Bezüglich der Verstärkung unserer Flotte bemerkt diePoft", daß in maßgebenden Kreisen die Frage des weiteren Ausbaues unserer Flotte, soweit fie über den FlottengrüudungSplan hinauSgeht, der

Feuilleton.

Ein harmloser Schers.

Von Hedwig Erlin.

(2. Fortsetzung.)

Frau Lampe lächelte verständnißvoll.

,/Ja, die Männer, ... die find nun einmal unbe­rechenbar."

Sin tiefer Seufzer Mariannens konnte als Zu­stimmung gelten. Der Doctor fand es jetzt an der Zeit, Frau Lampe mit ausgesuchtester Höflichkeit zum Platznehmen zu veranlassen.

Sie sagte mit Vergnügen zu, bat aber vorher um die Srlanbniß, auch ihren Mann holen zu dürfen.

Die wenigen Minuten, während welchen Frau Lampe ihren Ehegemahl informtrte, benutzte Marianne, um ihrer Entrüstung gegen Doctor Müller freien Lauf zu lassen.

Sie . . . was thaten Sie denn bloS umS Himmels Willen, Herr Doctor," sprudelte fie hervor.Ich sagte Ihnen doch ganz anders"

Ach, seien Sie kein Spaßverderber, Fräulein Marianne! Sie haben die ganze Sache so nett angefangen . . . . klebrigen-, was hätten denn LampeS von Ihnen gedacht, wenn ich mich nicht auf diese Weise legitimirt hätte? Ver­zeihen Sie, aber eS ist gor so reizend, ihren Pseudo Gatten zu spielen."

Schauspielertalent haben Sie ja, Gott fei« geklagt, ein bischen mehr noch als ich, Herr Doctor!"

Die Erörterungen wurden bald durch die Ankunft de- »ielgenannten Ehepaares unterbrochen, das allem Anscheine such von der redlichsten Abficht beseelt war, die angeknüpfte Bekanntschaft nach Möglichkeit auSzudehnen. Marianne wagte ttnen schüchternen Protest, indem fie ihre baldige Abreise in -««-sicht stellte.

WaS . . . schon, gnädige Frau? Ich dachte, Sie wollten"

Noch länger bleiben, Herr Lampe? Mein Herr Gemahl erlaubte nicht. WaS ist da zu machen?"

Restgnirt lächelnd blickte Marianne auf den Doctor.

Aber, Kind, Du stellst mich wie einen Tyrannen hin! Habe ich Dir schon so viel abgeschlagen?"

Mit welcher Heiligenmiene er da- sagte!

Bald drehte fich das Gespräch um allgemeine Dinge. Frau Lampe erzählte Marianne von ihren häuslichen Sorgen und von ihren vier ungezogenen Jungen, wobei fie nicht um­hin konnte, diScret zu fragen:

Haben Sie auch Familie, verehrte Frau Doctor?" welche Zumuthnng von Marianne jedoch mit einem entsetzten Nein . . . nein . . . nein!" im Entstehen unterdrückt wurde.

Um ähnlichen unangenehmen Wendungen ihre- Scherze- vorzubeugen, mahnte fie endlich zum Aufbruch gerade in dem erhebenden Augenblick, wo Herr Lampe dabei war, dem Doctor begreiflich zu machen, daß die Reichenbachfälle absolut nicht mit dem Berliner Kreuzberg-Wasserfall zu vergleichen waren. Schon aus dem Grunde wäre letzterer den ersteren vorzuzieheu, weil bei ihm da- Wasser doch erst auf den Berg binaufgepumpt werden müßte, während eS bet den Reichenbach­fällen bereits oben wäre und nur noch runterzufallen brauchte, was doch eigentlich gar keine Kunst wäre.

Müller widersprach der geschmackvollen Erklärung nicht, aber seine Aeuglein rückten wieder in ihre äußersten Ecken unb daS war immer ein bedenkliches Zeichen.

Endlich war auch der ersehnte Moment gekommen, wo fich Marianne mit ihrem Begleiter wieder draußen auf der Promenade befand. Zuerst sahen fie sich Beide ein Weilchen schweigend an, dann brachen fie wie auf Commando in ein schallendes Gelächter sus.

Da- war ja einfach unbezahlbar, Fräulein Marianne."

Ich fand eS mehr blamable."

Nun, hab' ich Sie denn nicht famoS herau-geredet?"

Ja . . . aber wenn einem die Menschen mal wieder begegnen . . . ? Hier kann -, Gott sei Dank, nicht mehr geschehen . . . morgen reise ich ob, Herr Doctor."

WoaS? Und wohin?"

Geheirnniß! Jrn Herbst sehen wir nnS in D. wieder. Hier, mein Pseudo-Mann, meine Hand zum Abschied."

Er drückte fie warm.Fräulein Marianne . ."

Pst . . ." lächelnd legte sie den Finger auf die Lippen. Erzählen Sie in D. nicht- von unserem Abenteuerten, geh? Aber da- können Sie mir glauben, nach den heutigen Er­fahrungen ist mir ein für allemal die Luft vergangen, mir jemals den Titel Frau beiznlegen."

Da- verhüte der Himmel, Fräulein Marianne. Auf Wiedersehen in D."---

Wochen und Monate waren nach dieser kleinen Episode in Interlaken vergangen. Marianne befand fich längst wieder daheim im guten D. und Doctor Müller erschütterte nach wie vor seine Kranken durch seinen gemüthsbewegenden Anblick. Von dem gemeinsam verlebten Reiseabenteuer war zwischen den Beiden noch kein Wort gewechselt worden, aber das Bewußtsein, ein Geheirnniß miteinander zu theilen, ge- staltete ihren Verkehr kameradschaftlich vertraulich.

Eines schönen Nachmittags befand sich Marianne in einer kleinen Souditorei, wo fie gewöhnlich ihren Kaffee ein- zunehmen pflegte, als plötzlich mit Vehemenz die Thür auf- gerissen wurde und Doctor Müller da- Local betrat.

Suchend durchflogen feine Augen einen Moment da- Zimmer, dann, als er Marianne erblickte, eilte er schnurstracks auf fie zu, begrüßte fie in hastiger, aufgeregter Weise und bat um die Erlanbniß, einen Augenblick an ihrem Tische Plotz nehmen zu dürfen.

(Schluß folgt.)