Ausgabe 
30.10.1896 Erstes Blatt
 
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längerer Aufenthalt nicht erforderlich ist. Solche Ehen find -rechtskräftig. Gewöhnlich find es rein persönliche Gründe, Familienrücksichten, wegen Standes-, Alters- ober Confes- fionSunterfchiedS der Verlobten- oft ist eS dieillegitime Her­kunft eines TheilS, ober es sind andere äußere Rüafich n, welche die Veranlasiung zu denHelgoländer Ehin" geben. Mögen alle Verlobten auf der grünen Insel finden, was fie suchen: das Glück!

* Pari», 25. October. Die einzige deutsche Fahne, welche im Kriege von 1870 von den Franzosen erbeutet wurde und im Invalid endorne aufbewahrt wird, ist zum An­laß eine- großen Streites zwischen Savoyen und der Dau­phins geworden, denn die einen behaupte, der Savoyarde Victor Curtat habe am 15. März 1871 d e Fahne erobert, während die anderen die Thal einem Francttreur der Jiöre, Josef Perret, zuschreiben. Beide Theile geben zu, daß Perret und Curtat mit Lebensgefahr die Fabrik verließen, von wo aus die Franctireurs auf die deutschen Truppen Ichosien, um die auf der Straße liegenden schwer verwundeten oder tobten Deutschen ihres Feldzeichens zu berauben. Nach den Leuten der Dauphinö kam Perret dem anderen zuvor, während die Savoyarden behaupten, der 17 jährige Curtat habe die Fahne zuerst ergriffen und nachher habe fie ihm Perret auf der Treppe, als sie in die Fabrik zurückkehrten, aus der Hand jrrifpn. Der ehemalige Colonialminister ChautempS ist als 5tiad von Savoyen um fein Urthetl angegangen worden. Er spricht sich in einem ausführlichen Schreiben für Curtat aus, welcher damals für feine That von feinem Vorgesetzten be­lobt wurde und besten Name im Jnvaltbendome an der Fahne angebracht wurde. Er glaubt zwar nicht an die Fabel, daß ein Francttreur der JjSre dem Savoyarden die Fahne entriffeu habe, die von keinem Augenzeugen der Schlacht verbürgt wird. Als das beste und unparteiischste Zeugniß bezeichnet er dasjenige des Anführers der Franc­tireurs der Frauche Gomte Dormoy, da er weder Savoyarde «och Davphinver war. Nach Dormoy hatten die Francti- reurS der I ere insofern ein gewisses Recht auf die Fahne, als die Deutschen, die mit ihr gefallen waren, von ihnen niedergeschossen worden waren. Darum wurden sie sehr un­willig, als ihnen Curtat zuvorkam, und suchten sich die Ehre anzueignen. Die Hauptsache bleibt nach ChautempS, daß alle Freischärler an jenem Tage ihre volle Pflicht thaten.

* Die Opfer beB Alkohols find: Erstens ein Heer von Armen und Nothleidenden. Man blicke nur in die ärmsten Häuser hinein und auf die Landstraßen, wo die Heimathlosen dahinziehen. Die Arbeitercolonien, wo sich jeden Winter ein großer Theil der schiffbrüchigen Existenzen sammelt, berichten, daß mindestens neun Zehntel dieser Leute durch den Trunk heruntergekommin sind. Schlimmer noch als diese unzähligen Fälle von Einzelarmuth ist die allgemeine Verminderung des Wohlstandes durch die Trinkerei, unter der wir schließlich olle leiden. Die Trinker find Schmarotzer am Staatskörper,- wir müssen für fie und ihre Angehörigen als Steuerzahler und Kaffenmttglieder aufkommen, während der nüchterne Ar­beiter mehr Güter erzeugt, als er verbraucht und so den Volkswohlstand hebt. Die zweite Folge ist ein Heer von ungesunden und fiechen Menschen. Der Alkohol schädigt die verschiedensten Organe unseres Körpers, besonders zerstört er Herz, Magen, Leber, Nerven u. s. w.- er schwächt aber den ganzen Leib so, daß er Krankheiten leicht anheimfällt, und erliegt. Unmäßige sterben um Jahrzehnte früher als Nüchterne. Auch das bedeutet viel Schmerz und Noth. Hervorragende Aerzte betonen immer häufiger, daß die Al« kohol-Erkrankungen nach der Schwindsucht die meisten Opfer fordern. Die dritte Folge ist ein Heer von Nervenleidenden und Geisteskranken, Epileptikern und Blödsinnigen. Aus allen deutschen Irrenanstalten und ähnlichen Häusern wird

uns bezeugt, daß ein Viertel, ein Drittel ober gar die Hälfte aller Kranken auf das Conto des TrunkeS kommt. Eine ganz schlimme Wirkung der Unmäßigkeit ist die Vergiftung der Nachkommenschaft. Trinkerkinder werden in der Regel ungesunde, unglückliche und unnütze Menschen. Viertens denke man an daS Heer der vielen Genußmenschen, die alle höheren Jorale, alle edleren Bestrebungen, alle tiefere Sttt- l djfvit in d n Schänken ersäufen, die hinter dem Glase all- mähltch verflachen und verrohen. Sie find ein schwerer Schaden und eine beständige Gefahr für die Nation. Sie hemmen die Ausbreitung wahrer Cultur und thatkiäftiger Religion Sie ertöbten für sich und andere ein edle- häus­liches Leben, ein inniges FamilienglÜck- einen fünften Haufen bilden die vielen Taufende, die der Alkohol immerfort in die Gefängnisse und Zuchthäuser, ArbeitS» und Besserungs­anstalten sührt, die er zu Vergehen und Verbrechen gelangen läßt, zu Mißhandlungen, Messerstechereien, Unzucht, Mord. Auch die amtliche Statistik bekennt, daß der Trunk mehr als irgend etwas anderes die Gesängniffe füllt. So könnten wir fortfahren und noch von Unfällen, Selbstmorden u. dgl. reden. Aber jeder Sehende beobachtet iu seiner Umgebung die zerstörende Kraft des Alkohols. ES fehlt weniger am Wissen, als am Wollen.

* Wieder ein Opfer von Monte-Carlo. Noch hat sich die Aufregung wegen des Selbstmordes einer Mutter und ihre- Sohnes nicht gelegt, und die verhängnißvolle Spielhölle von Monte-Carlo hat schon ein neues Opfer gefordert. In einer Villa von Mentone hat sich ein junger Mann Namens Johany van Daalem aus Delft in Holland erschossen, van Daalem war ein fleißiger Besucher des Spielhauses und galt als sehr reich. Er scheint Alles, was er besaß, verspielt zu haben, denn in den Taschen seines RockeS sand man nichts weiter als 12 Centimes.

* Strenger Winter in Aussicht. Auf dar Eintreten eines überaus strengen Winters wird daraus geschlossen, daß die Hamster ihre Baue bis zu einer Tiefe von über drei Metern gelegt haben. Prophezeiungen, welche auf dieser Erscheinung beruhen, sollen noch niemals fehlgeschlagen haben.

* Zu einem Photographen in Nordhavsen kam dieser Tage eine junge Dorfschöne, um ihr niedliches Gesichtchen im Bild verewigen zu lassen. Der Photograph erlaubte sich die bescheidene Anfrage, ob die Dame ein Brust- oder Kmee- bild wünsche. Etwas schüchtern, doch nicht ohne eine gewisse Eitelkeit bemerkt die ob dieser sonderbaren Frage etwas Ueberraschte:Ein btSch-n vom Gesicht möchte ich aber gern auch mit darauf haben."

Bei der Redaction eingegangene Bücher re.:

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Wöchentliche Ueberstcht der Todesfälle in Gießen.

43. Woche. Vom 18. October bis 24. October 1896. Einwohnerzahl: angenommen zu 23 000 (tnd. 1600 Menn Militär). Sterblichkettsziffer: 13,56, nach Abzug der Ortsfremden 4,52°/».

Kinder

Es starben es: Zusammen: Erwachsene: im vorn

1. Lebensjahr: 2.15. Iah:

Bösartiger Neubild.

2 (2)

2

(2)

Unterleibstyphus

1 (1)

1

(1)

- -

Lungenschwindsucht

1 (1)

1

(1)

Lebensschwäche

1

1

Diphtherttts

1

1

Summa: 6 (4) 4 (4) 1 1

8nm. Die in Klammern gesetzten Zistern geben en, wie viele ber Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.

Gottesdienst in der Synagoge.

Samstag den 31. October.

Vorabend 415 Uhr, Morgens 9 Uhr, Nachmittags 3 Uhr, SabbathauSgang b46 Uhr.

Gottesdienst der iSraelittscheu ReligionSgesellschafl.

Freitag Abend 445 Uhr, Samstaa Vormittag 880 Uhr, Predigt, Nachmittag 3 Uhr, SabbathauSoang 5*° Ubr.

Nachmittag 2 Uhr SchrifterklLru«-. Wetzsteingaffe 8.

Wochengottesdienst Morgens 7 Uhr, Abends Uhr.

Verkehr, CanS» und VoLkswirthschäft-

Gieße«, 29. October. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochmmarkt kostete: Butter pr. Pfd. JL 1,001,10, Hühnereier pr. St. 0*2 St. 1315 H, Enteneier ( 2 St. > t H, Gänse,

eter pr. St. 0000 Käse pr. St. 5-8 H, Käsematte pr. St. 3 Erbsen pr. Liter 17 H, Linsen pr. Liter 28 Tauben pr. Paar 0,60 bis 0,60, Hühner pr. Stück 0,90 bis 1,00, Hahnen pr. Stück JL 0,60-1,00, Enten pr. Stück JL 1,40-1,60, Gänse pr. Pfund X 0,46-0,56, Ochsenfleisch pr. Pfd. 70-74 H, Kuh- und Rindfleisch pr. Pfd. 6468 4, Schweinefleisch pr. Pfd. 66 bis 66 4, Schweine- fleisch, gesalzen, pr. Pfd. 70 A, Kalbfleisch pr. Pfd. 6054 4, Hammelfleisch pr. Pfd. 6070 H, Kartoffeln pr. 100 Kilo 4 60 bis 5,00 v4L, Weißkraut pr. Stück 0--00 Zwiebeln pr. Centn er .*4,000,00, Milch pr. Liter 16 H, Zwetschen pr. Gentner 8-10.

Ki«d«r-, 28. October. Fruchtmarkt. Rother Wetzen JL. 14,25, weißer Weizen * 13.90, Korn * 10.25, Gerste * 0.00, Hafer 5.80.

Witteruugsbericht vom 28. Oktober.

Das barometrische Maximum behauptet mit nahezu unver­änderter Intensität die Herrlchaft über dem Südosten des Erdtheils. Auch in Central-Europa ist die Luftdruck-Vertheilung und damit auch die Witterungsverhältniffe vorerst noch wenig verändert. DaS Dkprefsions-Centrum ist von de« Nordsee bis Süd Sc-ndinavien vorgerückt und hat sich dabei wieder etwas vertieft. Außerdem rückt vom Südwesten her ein neues Minimum heran, unter d«ssen Einfluß über West-Frankreich und der Riviera sich neuerdings Niederschläge eingestellt haben.!

Voraus UibttiSr Bittminii

Im Norden andauernd trüb, im Süden gleichsalls zunehmende Bewölkung und allmältg Eintritt von schlechterem Wetter.

Feierabend für Lehrlinge.

Mit nächsten Sonntag, den 1. November, beginnen wieder die regelmäßigen Zusammenkünfte. Dieselben werden jeden Sonntag Abend von 6 Uyr ab im Saale des alten Rathhauses stattfindtn. Alle Lehrlinge sind herzlichst willkommen.

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