Ausgabe 
30.10.1896 Erstes Blatt
 
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Elftes Blatt

Freitag dm 30 Oktober

1896

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Deutsches Reich.

Darmstadt, 28. October. Kaiser Nikolaus uod Grobfürst Sergius besichtigten heute Bormittag mit dem Grobherzog das Refidenzschloß, wahrend Kaiserin Alexandra, die Grobsürstin SergtuS, die Großherzogin und die Prinzessin von Battenberg das Alice-HoSpital be­suchten. An dem Luncheon bet der Prinzessin von Batten­berg nahmen sämmtliche Herrschaften Thetl. Hierauf wurde in zwei vierspännigen Wagen eine Ausfahrt nach dem Roß' dorfer Walde unternommen. Nach ihrer Rückkehr empfing die Kaiserin den Oberstallmeister Frhr. v. Rtedesel, Abends besuchen die Fürstlichkeiten die Vorstellung im Hoftheater.

Darmstadt, 28. October. Kaiser Nikolaus verlieh zahlreiche Orden an Offiziere, Hof- und Staatsbeamte.

Neueste Nuch^Lchteu»

Wslffs trlegrswhjscheS Eorrespsndenz-Bureem.

Berlin, 28. October. DerRetchsanzetger" meldet: Der Wirkliche Geheime LegattonSrath Kayser ist zum SeuatSpräfidenten beim Reichsgericht ernannt worden.

Berlin, 28. October. Dr. Otto Löwenstein, Be­sitzer der beiden Firmen Carl Heymann, Verlag und Buch- druckeret und Julius Stttenfcld, ist heute gestorben.

Esten a. R., 28. October. Der Kaiser verlieb in Begleitung des Geheimraths Krupp mit seinem Gefolge um 9*/, Uhr Vormittag die VillaHügel" und begab sich nach dem Panzerplatten-Walzwerk. Auf dem Wege bildeten Schul­kinder Spalier. Der Kaiser besichtigte das Walzwerk auf daS Eingehendste und wohnte der Herstellung einer Panzer­platte bei. Gegen 12 Uhr begab er sich nach dem Rath­hause, in welchem Magistrat und Stadtverordnete eine Sitzung abhielten.

Esten 6. R., 28. October. DieRhein.-Westf. Ztg." meldet: Nach der Besichtigung deL PreßbaueS, des wichtigsten ThetleS der Krupp'schen Werke, fuhr der Kaiser in die Sitzung der Stadtverordneten, die er mitten in ihrer Arbeit überraschte. Nach einer kurzen Begrüßungs­rede des Oberbürgermeisters Zweigert erwiderte der Kaiser folgendes: Ich bin hierher gekommen, um eine Dankesschuld abzutragen. Sie haben damals die Güte gehabt, für wich einen Empfang vorzubereiten, wie er zu erwarten war von

einer so treu gesinnten Stadt wie Essen. Meine Frau hat

mir über diesen Empfang berichtet, der sie überwältigt hat, und ihr zu Herzen gegangen ist. Das war ein würdiger

Abschluß für die schöne Reise, die ich mit ihr geplant. Ich

danke für diesen Empfang, den Sie mir zugedacht und ich freue mich, nochmals Ihnen Herr Oberbürgermeister, persönlich danken zu können. Die Geschlchte der Stadt bürgt mir dafür, daß die Gesinnungen, welchen Sie Herr Oberbürger- meister, Ausdruck verliehen haben, auch von der Bürgerschaft getheilt werden und ich bin überzeugt, daß ich auch in Zu­kunft in der Stadt Effen eine patriotische, ihr Vaterland liebende Bürgerschaft finden werde. Der Kaiser unterzeich­nete hierauf das Protokoll der Stadtverordneten-Sitzung und verweilte noch längere Zeit im Gespräch mit mehreren Stadt­verordneten.

Würzburg, 28 October. Anläßlich der Einweihung des neuen Universitätsgebäudes find zahlreiche Ehren­promotionen erfolgt; unter den Promovirten befinden sich seitens der theologischen Facultät Bischof Haffner in Mainz, von der medictntschen Facultät Profeffor RitziuS-Stockholm und Profeffor der Chemie Fischer Berlin, seitens der juristischen Facultät der bayerische CultuSminister v. Landmann.

Wien, 28. October. DaS Abgeordnetenhaus erledigte heute den Rest des HrtrathSgesetzes.

Wieu, 28. October. DieNeue Freie Pi esse" schreibt: Wenn derRetchSanzeiger" betont, daß die Zuversicht zu der Aufrichtigkeit und der Vertragstreue der deutschen Politik bet anderen Mächten zu fest begründet fei, als daß sie durch solche Enthüllungen erschüttert werden könnte, müffen wir dieser Auffaffung und Ueberzeugung bet- pfltchten. Die öffentliche Meinung Oesterreichs ist einmüthig in den Aeußerungen des Vertrauens und der sicheren An­nahme, daß auf die durchaus zuverlässige loyale Erfüllung der Vertragspflichten seitens der jetzigen deutschen Regierung unbedingt zu rechnen ist. Schon unter den ersten peinlichen Eindrücken erfüllte sich somit die Erwartung desReichs­anzeigers", unc erwieS sich die Ueberzeugung von der Bundes­treue der deutschen Regierung in Oesterreich alS vollkommen unerschüttert.

Rom, 28. October. Der Fürst von Montenegro, der gestern den Minister des Auswärtigen, Visconti Venosta, empfangen, empfing heute den Ministerpräfidenten di Rudini in einstündiger Audienz.

Paris, 28. October. Die Deputirtenkammer wird morgen die Berathung des Gesetzentwurfes, betr. Kuustweine, beginnen. Nach dem Entwurf soll ein Zoll von 45 Francs für je 100 Kg. Rosinen, die zur Herstellung von Wein dienen, erhoben werden. Zwischen dem Cabinet und der Commission ist ein völliges Einvernehmen über den Gesetzentwurf erzielt worden. Großfürst Wladimir stattete heute Nach- mittag dem Präsidenten Faure im Elysöe einen Besuch ab und wurde mit militärischen Ehren empfangen.

Belgrad, 28. October. König Alexander hat heute früh seine Reise zum Besuche deS Königs von Rumänien an­getreten. Im Gefolge deS Königs btfindet sich auch der Kriegsminister Franaffowitsch. Am Landungsplatz? waren zur Verabschiedung erschienen: die Minister, daS Präsidium der Skupschtina, die Gesandten Oesterreich-UngarnS und der Türkei, sowie der diplomatische Agent Bulgariens. Die Rück­reise deS Königs wird am Sonntag Nachmittag erfolgen. Während der Abwesenheit des Königs ist der Ministerrath mit dec Regentschaft betraut.

Simla, 28 October. Die Gefahr einer HungerS- noth nimmt einen bedrohlicheren Character au. ES ist unwahrscheinlich, daß jetzt ein Regenfall eintritt. Die Aus­sichten in den nordwestlichen und mittleren Provinzen und in Pendfchab find sehr trübe, der Kornmangel ist bis Bombay fühlbar. Die Preise find bedeutend gestiegen. Eine starke Getreideeinfuhr wird erwartet. Die Arbeiten zur Linderung der Noth haben begonnen.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 28. Oktober. DerRetchSanzeiger" veröffentlicht" eine Verordnung vom 26. October, wonach die beiden Hauser deS preußischen Landtages auf den 20. November rinberufen werden.

Berlin, 28. October. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Daß Herr v. Wtßmann auf den Posten des Gouverneurs von Deutsch Ostafrika nicht mehr zurückkehren wird, ist dem Vernehmen nach nunmehr höchstwahrscheinlich geworden.

Berlin, 28. October. Einem Rundschreiben des CultuS- ministerS vom 16. d. MtS. zufolge erhalten künftig die Seminar-Zöglinge nach bestandener Abgangsprüfung ein Zeugniß, auf Grund deffen sie die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst nachsuchen können.

Berlin, 28. October. Zur Feier der Einweihung des neuen Kunst'Gewerbe-MufeumS beabsichtigten CultuS- Minister Dr. Boffe und HandelSmtntster Brefeld sich morgen nach Düsseldorf zu begeben.

Berlin, 28. October. In der Stadtverordneten-Ver- sammlung ist ein DringlichkettSantrag eingebracht worden, den Magistrat zu ersuchen, beim Polizeipräsidium daraus zu dringen, daß die gegenwärtigen Einrichtungen der Crtminal- poltzet und des Nachtwacht-WesenS einer ein­gehenden Prüfung und erforderlichen Falls einer Berbefferung unterzogen würden, wie dies den Sicherheitsbedürfniffen der Berliner Bürgerschaft und den außerordentlich hohen Auf­wendungen der Gemeinde für Poltzeizwecke entspreche.

Berlin, 28. October. Der antisemitische ReichStagS- abgeordnete Liebermann von Sonnenberg hat das ebenfalls antisemitische BlattFrei-Deutschland" wegen Be­leidigung verklagt.

Berlin, 28. October. Die Ansicht der Prcffe, daß der dem BuadeSrath vorgelegte Entwurf einer neuen Militär- Strafprozeß-Ordnung vielfach auf Widerstand stoßen würde, ist, wie dieStaatSb.-Ztg." von gut unterrichteter Seite erfährt, irrig. Parttkulartstifche Strömungen und Engherzigkeit würden den Entwurf nicht zum Scheitern bringen. Auch Bayern stehe demselben durchaus sympathisch gegenüber, sodaß mit Sicherheit darauf zu rechnen sei, daß der Entwurf noch im Laufe des Winters zur Verabschiedung gelangt.

Berlin, 28. October. Die im Reichsamt des Innern abgehaltene Conferevz bezüglich der Ausführungen des Börsengesetzes hat gestern Nachmittag die Berathungen über alle Fragen, an denen der BundeSroth und die Landes­regierungen mitwirkten, geschloffen. Die Berathungen haben in dem Ergebniß gegipfelt, daß die Vorbereitungen für die Ausführung des Börsengesetzes nunmehr getroffen worden find. Die Einberufung des provisorischen Börsen-AuSschuffeS steht derPost" zufolge unmittelbar bevor. Der BundeSrath werde fich schon in seiner morgigen Sitzung mit dieser An­gelegenheit beschäftigen.

Berlin, 28. October. Im dritten Berliner Reichstags- Wahlkreise sprach gestern Abend der Abgeordnete Eugen Richter über die Zwan gSorganisatiou des Hand­werks. Die Versammlung war von etwa 800 Personen

besucht. Eugen Richter kritisirte in einstündiger Rede die RegierungS-Vorlage, die er als Fluch des Mittelstandes be­zeichnete. Bis jetzt sei es fraglich, ob die Regierung eine Mehrheit finden werde. Als Mittel, dem Handwerksstand zu helfen, schlug Redner freie Innungen mit CorporationSrechten und Genossenschaften, sowie beffere Lehrlingsausbildung vor. In der Debatte sprachen Reichstagsabgeordneter Rector Kopsch und Stadtverordneter Goldschmidt im Sinne Richters. Ihnen traten verschiedene Handwerksmeister entgegen und erklärten sich unter häufigen tumultusrischen Unterbrechungen für die Regierungsvorlage und den BesähtgungSnachweis. Schließlich wurde eine Protest Resolution gegen die von der Regierung geplante ZwangSorganisatton ohne die Stimmen der Handwerksmeister angenommen. Unter Hochrufen auf Richter wurde die Versammlung nach Mitternacht geschloffen.

Köln, 28. October. DerKöln. Ztg." wird auS Darmstadt gemeldet: Sicherem Vernehmen nach wird daS Zareupaar auf directem Wege über Eisenoch-Leipztg- CottbuS, ohne Aufenthalt, nach Petersburg zurückkehren.

Wieu, 28. October. Die Blätter besprechen die gestrige Erklärung des deutschen Reichsanzeigers und kommen zu dem Schluß, daß eine mehr sagende und eine weniger mit dem Schleier des Geheimniffes deckende Erklärung nicht unzeitgemäß gewesen wäre. Der Dreibund habe fich als so wichtig und werthvoll erwiesen, daß ängstlich Alles vermieden werden sollte, was seinem Ansehen irgendwie Abbruch thun könnte. Doch daS Heikle deS Falles entschuldige ja Vieles und bleibe die Hauptsache die, daß das Doppelspiel ein Ende habe. Anläßlich der Enthüllungen derHamb. Nachr." läßt fich dieNeue Fr. Preffe" aus Petersburg telegraphtren: Ein hervorragender Diplomat erklärte unserem Correspondenten, russischerseitS würden keine Erörterungen über BtSmarck'sche Behauptungen erfolgen. Mau überlaste die Verantwortung dem Fürsten Bismarck. Erft das 20. Jahr­hundert werde die Sache klar stellen.

Budapest, 28. October. Eine Compagnie Militär mußte nach dem BergwerkS-Dtstrict Teremi abgehen, wo die Berg­arbeiter revoltiren. Dieselben haben die DirectionS- gebäude gestürmt. Die Exceste hangen mit den Wahlen nicht zusammen.

Budapest, 28. October. Bisher find über hundert Wahlresultate bekannt, davon 80 liberale, unter denen fich die Minister Banffy, Fejervary und Erdely befinden. Aus zahlreichen Orten werden schwere Wahlexcesse ge­meldet, so aus Manor, Szekely und Mezokoweed. In AravyoS hat der Obergespan die Verhaftung de» Caplans Panediki wegen Aufreizung gegen die anderen Confeffionen angeorduet. Meldungen aus Tyrnau besagen, daß dort keine constitutionelle Wahl, sondern ein veritabler ReligionSkrteg stattfindet.

Autwerpeu, 28. October. Die Getreidepreise steigen noch beständig an der hiesigen Börse.

Pari», 28. October. DiePresse" meldet, Frankreich, Deutschland und Rußland hätten fich darin geeinigt, England zu veranlasten, die Räumung Egyptens endlich vorzu- oehmen.

Paris, 28. October. In den Wandelgängen der Kammer verlautete gestern, daß die Sociallsten darauf verzichten, die Regierung über die franco-russische Allianz zu interpelliren.

Earwaux, 28. October. Bet der Abfahrt der socia- ltstischen Abgeordneten brachte die republikanische Be­völkerung Todesrufe auf dieselben auS. Der Abgeordnete Roche wurde durch einen Stein, den ein Republikaner ge­schleudert hatte, schwer verletzt.

Sofia, 28. October. Karawelow, Grekow, Jankow und RadoSlawow haben fich dahin geeinigt, bei den Wahlen gemeinsam vorzugehen. Sie haben ferner beschloflen, bei dem Fürsten eine Collectioaudienz um Wahlfreiheit zu erbitten.

Konstantinopel, 28. October. Die von Seiten der Re­gierung verbreiteten Gerüchte, daß 60 aus dem AuSlande nach Konstantinopel gekommene Armenier daS muhamedanifche Stadtviertel in Brand stecken wollen, ruft hier große Er­regung hervor, die noch dadurch gesteigert wird, daß die Polizei wieder Massenverhaftungen unter den Armeniern vornimmt und große Sicherheitsmaßregeln trifft.

Berlin, 29. October. In allen sechs RetchStagSwahl- kreifen waren für gestern Abend foctalistische Partei- Versammlungen einberufen worden. Diejenige für den ersten Wahlkreis mußte aufgeschoben werden, weil auS bau­polizeilichen Gründen die Abhaltung der Versammlung in dem bekannt gegebenen Locale verboten wurde. Dieselbe wird heute Abend in einem anderen Locale stattfinden. In den abgehalteven Versammlungen beschäftigte man fich haupt­sächlich mit Wahlbesprechungen. Auch wurde der Bericht