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Donnerstag den 30 Januar
1896
Zweites Blatt.
Nr. 25
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Amts- uird Anzeigeblcrtt fut* den Tlveis Gieren.
chratisöeikage: Hkeßener Iamitienökätter.
Lllr Anuoncm-Bureaux de- In» und Lu-lande- nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für d« folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Vorm. 10 Uhr.
Nedaction, Expcditia» und Druckerei:
Kchnkflrage Ar.7.
Fernsprecher 51.
vierteljähriger >,
2 Mark 20 Psg. mtt Briugerlohn.
Durch die Post bezog«
2 Mark 50 Pfg.
Die Gießener
Mnmitienöktlter »erde» dem Anzeiger »Lchentlich dreimal beigclegt.
Der chlehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS
Kießmer Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger. •
Amtliche» Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Maul- und Klauenseuche.
Die in den Gemeinden Braunfels und Hochel- j>eim, Kreis Wetzlar, aukgebrocheue Rothlauf- reip. Monl- uWtz Klauenseuche ist erloschen und find die augeordneteu Schntzmaßregelu aufgehoben worden.
Gießen, den 28. Januar 1896.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
. v. Gagern.
Gießen, den 28. Januar 1896.
Betr.: Die Bekanntmachung von Berftetgerungen.
LaS Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
M die Grstzh. Bürger«eiGereie« des Sreiies.
Den nachstehend adgedruckren Erlaß deS Großh. Ministeriums der Finanzen, Abtheilung für Forst- und Cameral- Verwaltung, thetlen wir Ihnen zur Kenutntßnahme mir.
v. Gagern.
L» Nr. F. M. D. 46 347.
Darmstadt, den 23. November 1895.
Bett.: Wie oben.
DaS Großh. Ministerium der Finanzen, Abtheilung für Forst- und Cameral- verwaltung,
** die Großh. Forftämter, Rentämter und Qberförstereieu.
Behufs Lrsparnvg von Kosten empfehlen wir den Großh. Dberfvrftereien, die Bekanntmachungen der Versteigerungen nicht «ehr durch Boten auf die betreffenden Ortschaften, nrsawett dieselben im Großherzogthum gelegen sind, tragen a kaffen, sondern den in Frage kommenden Großh. Bürger« «eistereien gedruckte Abzüge, die mit einer Dretpfenuigmarke zu franktren find, durch die Post zugeheu zu laffen.
Bon den Bürgermeistereien find die Abzüge, nachdem aeufelben die Bescheinigung beigefügt worden ist, daß die Bekanntmachung durch die Schelle stattgefunden hat, mit dem Vermerk „Portopflichtige Dienstsache" an die Oberfürfterei urückzusenden.
Ein Muster ist angeschloffen. In daS Formular, welches »ns Anforderung von der Formularieoverwaltung geltefett
wird, ist die Versteigerungsannonce aa der vorgesehenen Stelle eiadrucken zu laffen.
Die Auszahlung der Bekanntmachungsgebühren an die OrtSdiener bat durch die DistrictSeinnehmereien gelegentlich der Steuer-Erhebungen auf Grund der in der seitherigen Weise von den Oberförstereten in den bezüglichen Berzetch-, niffen ausgestellten Anweisungen zu geschehen.
Die Bekanntmachung von Versteigerungen in Gemeinden, welche außerhalb deS GrohherzogthumS gelegen find, hätte auch fernerhin in der seitherigen Weise zu geschehen.
Gießen, den 21. Januar 1896.
Betr.: Die Abhaltung landwirthschastlicher Dorrräge in den Gemeinden deS Kreises Gießen.
Der Director des landw. Bezirksvereins Gießen
au die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
In dem Voranschläge deS laudwirrhschafrltchen Bezirksvereins Gießen für 1896/96 sind 200 Mk. zur Bestreitung der Kosten der Abhaltung landwirthschastlicher Vorträge in den einzelnen Gemeinden deS Kreises in Ausgabe vorgesehen worden.
Die Diäten der Herren Wanderlehrer, sowie die Transportkosten derselben auf der Bahn werden auf die BezirkS- vereiuskaffe übernommen.
Gemeinden, welche nicht an einer Eisenbahnstation liegen, haben den Herrn Wanderlehrer auf ihre Kosten von der nächsten Bahnstation per Wagen abholen und dahin zurück« bringen zu laffen.
Ich ersuche Sie um baldgefällige Mittheilung, ob Sie wünschen, daß tu Ihrer Gemeinde Borträgr über laudwirth- schastliche Fragen gehalten werden und zwar:
1) an welchen Tagen (Sonntagen oder Werktagen),
2) zu welcher Stunde,
3) in welchen Localen und
4) über welche Themata.
_____________________ L. J°st.
Der Krieg vo« 1870f71,
-«schildert durch Ausschnitte «u8 Zeitung«-Nummern jener Zett (Nachdruck verboten.)
80. Januar.
Parte nach der Eapitulatiou wird von einem Engländer jo geschildert: Eine Niedergeschlagenheit und Demüthtgung herrscht, wie sie nie für möglich gehalten worden, doch find 90 Procent der Bevölkerung mtt der Capitulation einverstanden. Die Straßen find überfüllt, aber eS ist still, daS Volk ist zu elend zum Aufruhr, wenn eS selbst Lust dazu hätte. Sehr Biele haben zwei Tage lang
gar nichts gegessen. die untersten Klaffen haben die verdorbener: Pferdefleisch Vorräthe, welche bei Seite gebracht wotde» waren, abgeholt. Die moralische Wirkung deS Bombardements war zuletzt fürchterlich. Im Ganzen ist die Stimmung der Republik nicht günstig, noch weniger dem BonaparttSmuS. Der Herzog von Aumale wird zu Paris in erster Reihe all Präsident genannt. Trochu verlästert, Gambetta verachtet man. Die Mobtlgarden von außerhalb haben Heimweh. Die Kaufläden find geschloffen, an Getränken ist Uebetfluß, aber die Provianthallen und Bäckerläden find noch leer. Lricheuzügen begegnet man in Maffe. Rothschild schießt der Stadt die 200 Millionen Francs vor, die sie als Contribution zahlen muß.
Aus Basel wird gemeldet, daß französische Truppen, zahlreich die schweizerische Grenze überschritten haben. Nach weiteren Meldungen aus Basel überschreitet Bourbakis Armee mit Kanonen bet Pruntrut und Neuenburg die schweizerische Grenze. Bourbaki, der geschlagene General, schoß sich eine Kugel vor den Kopf, die jedoch an der Schädeldecke abglitt.
n Rieder-Florstadt, 24. Januar. DaS 16jährge Mädche« von hier, baß, wie seinerzeit gemeldet, nach den vielen t« Herbst hier auSgebrochenen Bränden wegen Verdachts der Brandstiftung in Untersuchungshaft genommen war, ist wieder entlaffen, weil sich die gänzliche Unschuld desselben ergebe« haben soll.
n. Wallernhauseu bei Ntdda, 24. Januar. Bei der gestern in den benachbarten Waldungen abgehaltenen Holz- Versteigerung, die sehr stark besucht war, wurden etwas höhere Preise erzielt, als voriges Jahr. Man war all«, gemein auf baß Gegentheil gefaßt, weil ber Winter bisher so gelinb war unb bte Holzvorräthe darum lange noch nicht aufgebraucht find. Ein großer Theil ber Steigerer kommt alljährlich stundenweit aus ber holzarmen Wetterau. Auch gestern waren wieder solche erschienen. Buchen-Scheitholz galt bis zu 7V2, Prügel biß zu 6, Stockholz 4 Mk. unb Reiser 60 Pf. der Raummeter.
n. Homberg a. d. Oh«, 24. Januar. Im benachbarten Scharbenbach wurde heute unter großer Betheiligung und allgemeiner Antheilnahme der nur 38 Jahre alt gewordene seitherige Bürgermeister beerdigt.
n. Rieder - Ofleiden, 24. Januar. Die Arbeiten an unserm neuerbauten Schulhaufe schreiten so rüstig voran, daß man hofft, die Einweihung zu Pfingsten vornehmen zu können. Der stattliche, schöne Bau gereicht dem ganzen Ott zur Zierde und bildet eben schon den Gegenstand unseres höchsten Stolzes.
Feuilleton.
Ei» harmloser Scher?.
Don Hedwig Erltn.
(1. Fortsetzung.)
„In einer greulichen Patsche," wiederholte sie noch mmer fassungslos. „Wissen Sie, Herr Doctor, was mir da eenlich Dummes pasfirt ift?"
„Nein," gab er seelenruhig zurück. „Aber ich denke, Sie werden'» mir sagen."
„Sehen Sie nicht so vergnügt aus, Herr Doctor, die Sache ist tiefernst! Ich bin blamirt, es wäre denn, daß Sir mir helfen könnten! Hören Sie also, bitte, zu — aber lächeln Sie nicht fortwährend, ich kann es nicht sehen. Zuerst muß ich Ihnen sagen, daß ich wüthend bin . . . übet mich, über die entsetzlichen Berliner und vor allem darüber, daß ich Ihnen etwas bekennen muß, was ich wahr- cheinlich nie unb nimmer Ihrem prosaischen ^emüthe an« mttaut hätte. Jetzt paffen Sie auf — aber zur Strafe dafür wünsche ich allen Einwohnern von D. eine Gesnnd- oeitSepidemie, wie sie noch nie bagewesen ist. Eh bien! Bor einigen Tagen hielt ich mich in Meiringen auf . . . chaudervoll langweilige Pension, blos Engländer. Endlich trfcheiut zu meiner Freude ein deutsches Ehepaar — eß acaren zwar Berliner und dazu spießbürgerlich non plus ■Ära. „Ganz einerlei," sagte ich mir, „Du machst Be« kauntschaft mit ihnen." Gesagt — gethan! Familie Lampe geigte sich mir gegenüber auch seht zuvorkommend, bediente aber permanent der Anrede „gnädige Fran". Na, daß machte mir nun einen Hauptspaß! Wiffen Sie, Herr Doetot, eß war so illustrativ für die beiden Leutchen - man «nßte gleich, diese« würdige Paar würde sich bekreuzigen, <nifite man ihm glaubhaft zu machen suchen, ein junges
Mädel könne auch in der Welt herumreisen. Kurzum, mir machten diese Menschen Vergnügen- ich ließ eS also bei „gnädige Fran" unb amüfirte mich zwei Tage herrlich mit ihnen. Nun aber baß Kataströphchen, mein Herr Doctor! Wenden Sie, bitte, Ihre momentan staunenb erweiterten Augen nach rechts und Sie werben besagteß Ehepaar erblicken. Da brüben ber lange, würdig dreinschauende Herr mtt der kleinen, rundlichen Frau in Blau, das find sie. Hätte ich bloß geahnt, daß die nach Interlaken kommen! Mein Gott, waS mache ich nur? Ich wette, die Neugier treibt sie her, wenn sie mich erkennen. Ach . . . jetzt . . . sehen Sie . . . jetzt haben sie mich schon erkannt. WaS mach ich nur bloß ?"
„Da ist guter Rath thener," gab der Doctor achsel« zuckend zurück und verbannte ein gulmüthig mokantes Lächeln, baß um feine Lippen zu spielen begann. „Die Ge« schichte kann amüsant werben. Leiber kann ich Ihnen nicht Reifen — höchstens könnte ich mich entfernen, wenn Sie es wünschen."
„Ach, baß ändert nichts wehr — man hat mich ja doch schon mit Ihnen gesehen! Ich wüßte denn . . . Halt, ich Habs!" Mit neu erwachter Hoffnung sah sie ihn an. „Sie können mir wohl helfen, wenn Sie wollen, liebstes, bestes Doctorchen? Sie . . . Sie müffen mich eben auch „gnädige Fran" nennen, im Falle mich die Berliner begrüßen sollten ... es geht wirklich nicht anders. Frau Müller könnten Sie schließlich auch zu mir sagen . . . ich stelle Sie dann vielleicht als Verwandten vor. Glück« licher Weise haben wir ja beide den „seltenen" Namen Müller."
„Aber-sagen Sie mir, bitte, vorher, was ich eventuell vorzuftellen hätte, verehrtefte, gnädige Frau, bin ich Ihr Onkel ... Ihr Reffe . . - aber etwa gar Ihr Groß Vater?"
Des DoctorS lustige, kleine Augen rückten in ihre äußersten Ecken vor lautet innerem Behagen, während Marianne, roth vor Beschämung unb Aerger, ängstlich bei ominöse Ehepaar unter Beobachtung behielt.
Da . . . jetzt! Mabame erhob sich mit Grandezza . . Nun Muth! Frau Lampe näherte sich mit der ganzen Würde ihrer umfangreichen Persönlichkeit. Höchste Überraschung fimulirend, blieb sie mit beängstigender Plötzlichkeit ein paar Schritte vor Mariannens Platz stehen.
„Was . . .? Sie hier? Jh, da hört ja alles auf! Das ist ja reizend, Sie hier zu treffen, liebste, verehrtefte Frau —"
Marianne beendete diese etwas laute und lebhafte Begrüßung mit einem halb verlegenen, halb luftigen: „Auch ich bi« angenehm überrascht, Sie hier zu treffen. Sie erlauben, daß —"
„O, Sie gestatten wohl, daß ich mich Ihnen gleich selbst vorstelle, meine Verehrteste!" Doctor Müller hatte sich erhoben und eine tadellose Verbeugung gemacht. „Meine Frau" — hier folgte ein vielsagender Blick auf Marianne — „hat mir bereits so viel von Ihnen erzählt, daß ich Ihnen gern persönlich Dank sage für die angenehme» Stunden, die sie durch Ihre liebenswürdige Gesellschaft in Meiningen gehabt hat."
Diesmal stand Marianne nicht auf der Höbe bet Situation, unb ein weniger harmloses Frauchen, als Fra« Lampe es war, hätte ihr unbedingt die heilloseste Verwirrung ansehen müffen.
„Ach, wie reizend, nun auch Ihren Herrn Gematzt kennen zu lernen! Der Herr Doctor hat Sie gewiß mit seiner Ankunft überrascht, gnädige Frau'?"
„Ja," stotterte Marianne, „er . . . et ist erst gestern Nachmittag angekommen."
(Fortsetzung folgt.)


