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282 Awettes Blatt. Sonntag dm 29 November
1896
Der Gießener An-eigei sricheint täglich, eit Ausnahme M Montags.
Die Gießener AamikienOkäller »erden dem Anzeiger »Schentlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeig er
Kmeral-Mnzeiger.
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Ein Riesengeschäftshaus in New-Aork.
(Nachdruck verboten.)
Sin Riesenbazar, wie er vielleicht seinesgleichen nicht auf der Erde hat, geht zur Zeit im Centrum der Stadt New-Kork seiner Vollendung entgegen. Die Grundfläche deS GedäuseS ist 167 Fuß breit an der Straßenfront und 465 Fuß tief. Es besitzt sechs Stockwerke über und zwei unter der Erde,' das Ganze wird noch von einem schlanken Dhurme überragt, desien Fahne in einer Höhe von 265 Fuß sich befindet. RirtgS um daS flache Dach läuft ein festes Geländer, damit N emand von den Tausenden, die in dem dort oben befindlichen GewächShaufe lustwandeln, herunter« fallen kann.
Alles in dem Gebäude, das behaglich, luftig und hell ist, geht inS Gigantische. ES gibt da z. B. für die Maaren 150 verschiedene Departements oder Abtheilungeu, 6500 Glühlampen, 800 Bogenlampen, 10 Passagier« und 10 Frachtfahrstühle, einen Elevator, auf dem ein schwer beladener Magen nebst zwei Pferden Platz hat, 800 elektrische Uhren usw. SS erfordert 2,000 000 Dollars, um die vorhandenen sechs Stockwerke mit Maaren zu füllen, und Grund und Boden sammt dem Gebäude hat einen Werth von 4,000,000 Doll.
Im Keller befindet sich die elektrische Anlage. Die Hlectrtcität verrichtet hier überhaupt fast alle mechanischen Arbeiten. Da find elektrische Elevatoren, elektrische Uhlen, elektrische Fächer, elektrische Ventilatoren, elektrische Kächen- vorrichtungen, elektrische Beleuchtung, elektrische Signal- Apparate und 100 Telephonstotionen. Im ersten Stock -werke steht in einem Marmorbasstn von 70 Fuß Durchmesset eine vorzüglich gearbeitete Statue der Republik, umipüht von den Schaumtropfen von vier Fontänen, in deren Wasser fich verschiedenfarbige Lichter brechen. Eine prächtige Haupt- :treppe führt nach dem zweiten Stockwerk.
In demselben treffen wir einen Damensalon, der nicht allein mit bequemen Polstermöbeln, sondern auch mit Schretb- pulten und einem Telephon ausgestattet ist. Zur linken .Hand ist das Sprechzimmer des vom Geschäft angestellteu -Arztes und ein Krankenzimmer, in dem mehrere Wärterinnen diejenigen Kunden Pflegen, welche bei ihren Etnkäufen im Geschäfte etwa plötzlich erkrankten. Zudem befindet sich dort das größte Photographieatelier der Welt, in welchem Jeder, dessen Einkäufe eine gewisse Summe ausmachen, für ein Geringes oder gar umsonst photographirt werden kann. .(Dieser Geschäftskniff z eht riesig, wie der Schreiber aus eigener Erfahrung es weiß.) Auch für die K aber ist aufs Beste gesorgt. Da ist en Raum, in dem sich Schaukeln, Spielsachen und noch vieles Andere befindet, was die Kleinen erfreuen kann, und wo sie sich nach Herzenslust umher« tummeln, während die Mama ihre Einkäufe besorgt.
An anderen "emerkenSwerthcn E nndjtungcn weist daS Riesengebäude noch auf: eine Geschäfts« und Sparbank, daS größte Colonialwaaren - Departtment der Welt, mit einer Gruntfläche von 86,955 Quadratsuß- ferner eine Apotheke, in der auch 9hc pte angefertigt werden,- ein zahnärztliches Departement und ein R«staurant für die Angestellten und Käufer. Im Thurm ist ein Observatorium, das fich zwei« hundert Fuß über dem Erdboden befindet, sowie ein riesiger elektrischer Scheinwrrser für Rcklamezwecke.
Das Ablieferung«d putement der Firma bildet wieder eine Welt für fich. Wraren, die heute gekauft, werden auch noch an demselben Tage abgeliesert. Abgesehen von den Stallungen, welche die Firma in Bröok'hn, New« Jersey, auf Staren Island und nördlich vom Hartem-Rioer ein« gerichtet hat, besitzt dieselbe auch noch unweit deS Geschäfts« Hauses Hauprstallrngen in einem sechSftvck'gen Gebäude mit 37,000 Q a 'rarfuß Ausdehnung. Ucbcr 300 Pferde können hier Q iartier finden. Die Haferktste im fünften Stockwerke saßt 300,000 Bu-hel (amerik. Schtffcl) Hafer und steht durch besondere Schüttröhren mit den unteren Stockwerken in Verbindung. Im obersten Stockwerk haben 116 verschiedene Wagen Plötz
Drei- bis viermal täglich werden die verkauften Waaren nach den einzelnen AblteferungSdistricten geschafft. In der Vcriandtabth-ilung werden 400 Personen beschäftigt, wovon allein 170 Packer find.
Besitzer dieses RiesengeschäftS ist die „Siegel-Cooper Companys, deren P.äfldent Henry Siegel ist. Derselbe wurde in Eubigheim, Baden, geboren, kam 1867 arm nach Amerika, ist aber heute mehrfacher Millionär. Sein Name prangt in goldenen Lettern am Dome des Kaufhauses.
Dieses Geschäft ist um vieles bedeutender, als die bisher größten Kaufhäuser dieser Art, z. B. John Wannamaker in Philodelphia, Po. — C. A. F. —
• Saffel, 24. November. Ein Str ike im Zuchthaus dürfte eine gewiß neue Erscheinung sein. Gestern Vormittag kam eS im ArbetrSsaale deS Zuchthauses an der Fulda, in welchem die schwersten Verbrecher internirt find, zu einer Meuterei, indem die ®efargenen, complotmäßig vorgehend, eine Herabsetzung ihrer Arbeitszeit von 10 auf 8 Stunden verlangt haben sollen. Die Haltung der Stras- linge gegenüber dem Aussichtspersonal war eine derart bl- drohliche, daß Mannschaften auS der nahe gelegenen Artilleriekaserne requirtrt werden mußten. Erst nach dem Erscheinen der Artilleristen mit gezogenen Revolvern trat Ruhe ein. Die Haupträdelssührer wurden in die schärfsten HauSstrafen genommen.
* Aachen, 24. November. Der jetzige Criminalcommiffar G., ein ehemaliger Offizier, betrat gestern Abend off nbar angetrunken eine hiesige W'rthschaft, mißhandelte die Gäste, während er sagte: „Ich bin Brüsewitz der Zweite, wer mich oder mein Monocle beleidigt, den schieße ich nieder l* zerschnitt dem Kellner, der ihn entfernen sollte, die Oberlippe und versetzte ihm Fußtritte.
• Dresden. 23. November, lieber das Familiendrama, das fich hier gestern abgespielt hat, entnehmen wir den „DteSb. Nachr." : In der Sedanstraße wohnte der Mehl« großhändler Uhlmann mit Frau, zwei Töchtern im Alter von 17 und 19 Jrhren und einem 14jährigen Knaben, während ein älterer Sohn in Leipzig studirtc. Dem Kutscher wurde, al- er In der elften Stunde läutete, nicht geöffnet; als er auch Nachmittags keinen Eintritt in die Wohnung fand, machte er Anzeige auf der Polizei Bezirkswache, und nach gewaltsamer Ö ffnung der Wohnung fand man nun in der Küche, auf Betten liegend, die Leichen der sämmtlichen sechs Familienmitglteder, getöbtet durch Kohlengase, die der angehetzten Kochmaschine durch Abschließen der Klappe des Abzugsrohres entströmt waren.
* Speyer, 20. November. Die Wahl Mc. Kinleys zum Präfibenteu der Vereinigten Staaten hat der pfälzischen KreiShauptstadt die Summe von 150,000 Mk. eingetragen. Bor ungefähr acht Wochen weilte hier der amerikanische Unternthmer Henry Hilgard, ein Sohn der wein- frohen Pfalz, der drüben Villard fich nennt. Mt dem Leiter der hiesigen Diakoniffen Anstalt, Pfarrer Scherer, verbindet ihn innige Freundschaft. Letzterer hegt nun die Absicht, in Speyer ein Asyl für schwachsinnige und kranke Kinder zu errichten, aber die bisher gesammelten Gilbet, so reichlich sie auch eingingen, wollten doch immer nicht auS« reichen. Da kam Hilgard nach Speyer und Pfarrer Scherer wandte fich auch an ihn, um einen Beitrag für baS A yl. Hilgard, der für seine pfälzische Heimath, besonders für Spryer, schon so viel gethan hat, versagte auch dieses Mal N'cht, ja, er ging soweit, daß er versprach: „Geht Mc. Kinley auS der Wahl in den Vereinigten Staaten von Amerka als Präsident hervor, so übernehme ich die ganze für den Bau vöihtge Summe von 150,000 Mk. Mc. Kinleys Wahl sichert mir den Erfolg neuer Unternehmungen und den Bestand alter Güter!" Mc. Kinley ist gewählt worden, und Hilgard hat Wort gehalten: die Summe von 150,000 Mk. ist angewiesen und so wirb benn schon im nächsten Frühjahr hier mit dem Bau beS Kinder-Asyls begonnen werben.
♦ Freiburg, 23. November. Seit zwei Tagen hörten die Bewohner eines HauseS in der Nägeleseeftraße daS Geschrei eines Kindes aus der von einer Taglöhnerfamilie bewohnten Mansarde dringen. Gestern begab fich
Feuilleton.
Das Probrjahr.
Don E. Reinhold.
(Schluß.)
Nachdem fie das »ine Mal, als fie mir RoselS Untreue zu toiffen gethan, eine wiichere Stimmung gezeigt, war sie wieder wir zuvor. Sie that ihre Arbeit und kümmerte sich im Uebrtgen nicht viel um mich; traf fie aber mit mir zusammen, so behrndelte fie mich kühl, wie fie eS fich angewöhnt, seit ich am EinzugStage ihre Meinungsäußerung so schroff zurückgewiesen.
Mich verdroß daS ein wenig, und zwar um so mehr, alS ich bemerkte, baß fie gegen Andere ganz freundlich ftia Sonnte. Mein Verdruß steigerte fich und wurde zum rasenden Zorn, der um so heftiger tobte, als ich ihn nicht heraus« Hoffen konnte, wie ich bemerkte, baß fie gegen Einen am Ireundlichsten wurde, ünb daß dieser Eine der intereffante Herr Roller war. ES war einer von Denen, der den Frauenzimmer die Köpfe verdichte. WaS zum Teufel fiel benn Alwine ein? Wollte fie auf ihre alten Tage noch eine Dummheit machen? Wollte fie den Komödianten mit Ihrer famosen ProbejahrSeinrichtung fich -um Bierwirth erziehen oder wollte sie als Komö^iantenfrau mit ihm in die weite Welt wandern? Der Gedanke machte mich rasend und ich :rannte hinaus vorS Thor und streifte ein paar Stunden in :ben Schneefeldern herum.
Als ich h-imkam, hörte ich, baß Alwine auf und bo> i»on fei.
,öuf brei Tage verreist," h<eß es.
Ich war wie vom Donner gerührt. Mein erster ®e« Hanfe war: sie ist mit Roller auSgetlssen. Aber nein, der tvar ja da. Warum hätte fie auch burchbreuuen sollen? Sie
war ja münbig unb konnte machen, was fie wollte. Daß aber die Geschichte mit Roller zusammeuhing, wollte mir nicht aus dem Kopfe. Doch wie? DaS war mir ein Räthsel unb so sehr ich grübelte und sann, ich fanb keine Lösung. Ich schlief recht wenig in den barauffolgenben Nächten.
Am dritten Tage nach ihrer Avreike kehrte Alwine richtig wieder zurück, aber nicht allein. Ich stand gerade am Fenster, alS fie vom Bahnhof her über den Markt kamen. Alwine, ein alter, vornehm auSsehenber Herr und — meine Ahnung hatte mich nicht betrogen — Roller. Gleich darauf betraten die drei den „Weißen Fuchs" unb ich eilte zum Empfang hinaus.
„Mebicinalrath Römer/ stellte fich bet alte Herr, der sehr bewegt schien, vor und fügte hinzu, auf Roller deutend: „Mein Sohn Hermann, Canbidat der Medicin. Daß ich ihn wledergesunben, banke ich vor Allem bem klugen Handeln Ihrer heben Frau/
Damit wandte fich der alte Herr mit seinem Sohne nach bem Zimmer unb ich blieb stehen unb, auf die er' glühende Alwine starrend, wiederholte ich mechanisch die Worte:
„Ihrer lieben grau V
Da zuckte Alwine zusammen, drehte fich nm und floh die Treppe hinauf nach ihrem Z mmer. Ich war hinter ihr her so schnell nur meine schwachen Beinchen «einen dicken EorpuS trugen. Alwine stand am Fenster und drehte mir den Rücken zu. An der ruckweise» Erschütterung, die ihre Gestalt durchbebte, erkannte ich, daß fie weinte.
„Alwine/ tief ich, „waS — wa- —*
„Gehen Sie!*
„Nein. Was haben S'e mit Roller?"
Da drehte sie sich um »nd rief heftig:
„WaS habt Ihr denn Alle mit bem bummen Roller?" Erst sein Vater mit feinem bummen Mißtrauen, bann Sie
auch noch. Warum soll ich ihn benn durchaus lieben? Fällt mir gar nicht ein. Ich hab ihn mit seinem Vater au8» gesöhnt, weil er sonst elend zu Grunde gegangen wäre, denn ein Schauspieler wird er nie, das steht er selbst ein. Aber et traute sich nicht zurück zum Vater. Da bin ich benn zum Alten gegangen unb hab ihm bie Sache auseinander« gesetzt, und weil m ch der Alte so curiuS angesehen hat, da — da —"
Sie stockte mit einemmal unb konnte nicht weiter. Sie sagte nachher, weil ich fie mit so glänzenben Augen angesehen hätte. Ich aber vollenbete an ihrer Stelle:
„Da, da hast ihm halt votgelogen, Du wärst schon meine Frau, geh? Unb Du sollst'S boch erst werben, Du. Weißt auch, was für Angst unb Zorn ich Deinetwegen gehabt habe die drei Tage über? Aber ’nu läufst mit nicht « ht fort, ich halte D ch fest, verstehen Sie, Mamsell? Jetzt gibiS keinen Urlaub mehr."
Und ich zog sie in meine Arme unb preßte einen Kuß auf ihre L'ppen. Sie sträubte sich nur schwach.
„Magst benn den alten Drachen haben?" fragte fie, mich lächelb anbl cfenb.
„Ja/ sagte ich, „aber wenn ich bitten darf, ohne Probejahr." * ♦ *
Wir find nun schon einige Jahre verheirathet unb knurre» einanber im Ganzen nur wenig an. Der „Weiße Fuchs" storirt unter unserer Leitung, unb im Garten unb auf bem Hose kugeln beftänbfg unsere Jungens herum. Mitunter, im Sommer, kommt ein Herr Dr. Römer zum Besuch i» ben „Weißen Fuchs", verschiedene wollen staben, baß er einem Schauspieler Rollet auffallend ähnlich fiedt. Rosel hat ihren Doctot geheiraihet unb itzranuifirt ihn fürchterlich. Ohne baS Probejahr wäre ich vielleicht so glücklich gewesen. Gesegnet sei baS Probejahr!


