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29.10.1896 Erstes Blatt
 
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Rr. 255

Erstes Blatt

Donnerstag den 29 Oktober

1896

Gießener Anzeig er

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Neueste

Wolff» trlegriPhtsche« ColreiponLenr»B«re«^

Schießplatz Meppen, 27. October. Der Kaiser und Prinz Heinrich find mit Gefolge heute früh kurz vor 9 Uhr in Meppen eingetroffen. Geh. Rath Krupp, Admiral von Knorr und StaatSsecretär Hollmann geleiteten den Kaiser «ach dem Krupp'schen 'Schießplatz. Der Kaiser wohnte hier Schteßversuchen der Marine bet mit Geschützen, die zur Aus­rüstung der neuesten Panzerschiffe in Aussicht genommen find. Heute Nachmittag gegen 4 Uhr wird der Kaiser und Prinz Heinrich nach der Krupp'schenBilla Hügel" bet Essen «breisen. Seit 10 Uhr Vormittags herrscht Regenwetter.

Leipzig, 27. October. DemLeipziger Tageblatt" zu- folge tritt das Schiedsgericht zur Entscheidung der Ltppe'schen Erbfolgefrage unter dem Vorsitz des König» Albert von Sachsen zwecks Bestellung der Referenten und Festsetzung der Geschäftsordnung am 30. October in Dresden zusammen.

Rom, 27. October. Heute Vormittag fand eine große Truppenrevue auf dec Piazza Barbertnt und der Piazza Zndependenza statt, welcher König Humbert, Fürst Nikita, der Prinz von Neapel und andere Fürstlichkeiten zu Pferde beiwohnten. In der glänzenden Suite befanden sich die sämmtlichen fremdherrltchen Militärattaches. Fürst Nikita gab seiner Bewunderung über die ausgezeichnete Haltung -er Truppen, besonders während des Vorbeimarsches, wieder­holt Ausdruck. Die Königin Margherita, die Prinzessin von Neapel, die Königin Maria Pta von Portugal wohnten der Parade zu Wagen bet. Der außerordentlich gut gelungene Vorbeimarsch der Truppen wurde durch die anwesende Menschenmenge lebhaft begrüßt. Die Bevölkerung brachte den Fürstlichkeiten auf dem Rückweg in den Quirtnal bc> geisterte Ovationen dar.

Rew-Nork, 27. October. Eine Massenversamm­lung nahm gestern eine Resolution an, in welcher die Hoffnung ausgedrückt wird, daß die armenischen Flüchtlinge nicht als gewöhnliche Auswanderer behandelt werden und worin ferner die Regierung aufgefordert wird, alle ihr zu Gebote stehenden friedlichen Mittel anzuwendrn, um eine Ueberetnftimmung der Mächte zur Beendigung der Greuel in Armenien herbeizuführen.

Chicago, 26. October. Zwei Getreidespeicher der Pacific-Spetchergesellschaft, enthaltend 1,100,000 Bushel Weizen, find niedergebrannt. Der Schaden wird auf 1,050,000 Dollar geschätzt.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 27. October. DerRetchsanzetger" schreibt 4n seinem nichtamtlichen Theil wörtlich: Bet der öffentlichen Besprechung der jüngstenEnthüllungen" derHamb. Nachr." über deutsch-russische Beziehungen bis zum Jahre 1890 ist vielfach der Wunsch hervorgetrelen, die Regierung möge auch ihrerseits das Wort zur Sache ergreifen. Wir find zu der Erklärung ermächtigt, daß dies «tcht geschehen wird. Diplomatische Vorgänge der von den Hamb. Nachr." erwähnten Art gehören ihrer Natur nach zu den strengsten Staatsgeheimniffen; fie gewissenhaft zu wahren, beruht auf einer internationalen Pflicht, deren Ver­letzung eine Schädigung wichtiger StaatStntereffen bedingen würde. Die kaiserliche Regierung muß daher auf jede Klar­stellung verzichten. Sie wird jenen Auslassungen gegenüber weder falsche berichtigen, noch unvollständige ergänzen in der Ueberzeugung, daß die Zuverficht in die Aufrichtigkeit und die Vertragstreue der deutschen Politik bei den anderen Mächten zu fest begründet ist, als daß fie durch derartigeEnthüll- ungeu" erschüttert werden könnten.

Berlin, 27. October. Die Ernennung d'eS bisherigen Direktors in der Colonial-Abthetlung, Dr. Kayser, zum Senatspräfidenten deS Reichsgerichts steht derRordd. Allg. Ztg." zufolge unmittelbar bevor.

Berit«, 27. Oktober. Reichskanzler Fürst Hohen­lohe hat gestern, wie dieRordd. Allg. Ztg." meldet, den Direktor der Eolonial-Abtheilung des Auswärtigen Amts, Freiherrn v. Rtchth ofen, und den Gouverneur von Deutsch- Ostafrtka, Major v. Wtßmann, gemeinschaftlich empfangen.

Berlin, 27. Oktober. Der Rector der Berliner Unt- tzerfität, Profeffor Dr. Brunner hat einen im Social- wissenschaftlichen Studeuten-Berein in Berlin in Aussicht genommenen Vortrag des Fräulein Helene Lange über kttellectuelle Grenzlinien zwischen Mann und Frau ver­boten. Diese Verwaltungs-Maßregel der ReetorS erregt i« studentischen Kreisen großes Aufsehen.

Berlin, 27. October. Am 10. November, Morgens 10 Uhr, findet, wie dasVolk" «ittheilt, zu Frankfurt a. M.

in der Rosenau eine Berathung der christlich-socialen Vertrauensmänner statt. Auf der Tagesordnung steht die Besprechung der Partei-Organisation und Agitation, sowie die Stellungnahme zu den Ereignissen der letzten Monate. Am Abend ist im Saale des GasthausesZum Storch" eine öffentliche Volksversammlung in Aussicht genommen, in welcher Hofprediger a. D. Stöcker sprechen wird.

Berlin, 27. October. Wie aus Budapest gemeldet wird, sind die Verhandlungen wegen einer direkten Telephon­verbindung zwischen Budapest und Berlin zum Abschluffe gelangt. Die Telephonverbindung wird am 1. Sep­tember 1897 iuS Leben treten. Die Baukosten betragen 290000 Gulden, wovon 130 000 Gulden auf Ungarn ent­fallen.

Berlin, 27. Oktober. Die Unterschlagungen des verhafteten Buchhalters Rehre von der DiSconto-Gefellfchaft belaufen sich auf etwa 50 000 Mark.

Berlin, 27. Oktober. Die StaatSregieruug gestattete für Meppen die Riederlaffung der katholischen Ordens­schwestern von Unserer lieben Frau.

Schweidnitz i. Schl., 27. October. Anläßlich des gestrigen Geburtstages des General-Feldmarschalls Grafen Moltke war deffen Gruft in Creisau herrlich geschmückt. Der Kaiser sandte ein prächtiges Blumen-Arrangement.

Frankfurt a. M., 27. Oktober. DieFranks. Ztg." erfährt aus Stuttgart: Der Bterbrauereibesitzer Bräuchle in Aalen hat die ihm von der Volkspartei angebotene Reichs­tag Scan di datur für den 13. Wahlkreis angenommen.

Freiburg i. v., 27. October. Die Beisetzung des verstorbenen Erzbischofs RooS hat heute Vormittag unter großer Betheiligung stattgefunden. Derselben wohnte auch als Vertreter des Großherzogs von Baden der Erbgroßherzog Friedrich bei.

München, 27. October. Heute Nacht fand zwischen einigen Gendarmen und mehreren jungen Burschen ein blutiges Rencontre statt. Die Burschen griffen die Gendarmen mit Messern und Steinwürfen an. Ein Gendarm zog seinen Revolver und verletzte einen der Burschen durch einen Schuß in den Unterleib tödtlich.

Preßburg. 27. Oktober. Im hiesigen Comitat kam eS hi der vergangenen Nacht an verschiedenen Orten zwischen dem Militär und Anhängern der Volkspartei zu blutigen Zusammenstößen, welchen mehrere Menschenleben zum Opfer fielen.

Paris, 27. October. Die Kaiserin-Mutter von Rußland und der russische Thronfolger werden am 15. November in Nizza eintreffen.

Paris, 27. October. Der Gemeinderath tadelte gestern den socialtstischen Abgeordneten Lau drin, weil er ein revolutionäres Plakat gegen den Zaren unterzeichnet hatte und verweigerte ihm die Erneuerung seines Mandats als Viceprästdeut.

Paris, 27. October. Die Pariser Blätter reproductren die Angriffe der englischen Blätter gegen Deutschland und betonen, England sei deshalb so erbittert, weil Deutschland der russtsch-franzöfischeu Allianz näher komme. Die Politik BtSmarckS sei die gewesen, Oesterreich über Bord zu werfen und mit Rußland vereint gegen England zu gehen.

Paris, 27. Octoker. Heute Nachmittag hielten der Senat und die Kammer Sitzungen ab. Im Senat verlas Präfident Loubet ein Decret des Präsidenten Faure, worin dieser die beiden Kammern auf heute zu einer außer­ordentlichen Tagung einberuft. In einem Briefe FaureS war das AbschiedStelegramm niedergeschrteben, welches der Zar beim Verlaffen des franzöfischen Bodens an Faure ge­richtet hatte. DaS Telegramm wurde sehr beifällig aus­genommen. In einer Ansprache sagte der Präsident deS Senats: Der Besuch deS Zarenpaares in Frankreich habe Gelegenheit gegeben, die alten Sympathien für Rußland, welche aus der Gemeinschaft, den Bestrebungen und Jnte- reffen beruhen, kund zu geben. Die Freundschaft beider Länder habe sich bereits beim Empfang der franzöfischen und rusfischeu Flotte in Kronstadt und Toulon kund gegeben. Die einmüthige Acclamation, welche die Gäste begrüßt habe und die allgemeinen Sympathien bestätigten die Worte, welche in Paris und Eherbourg gewechselt worden seien, die den Banden, welche beide Staaten verbinden, die definitive Weihe gegeben habe. Auch der Senat habe sich durch seine Mit­glieder den großen Kundgebungen angeschloffen und er richte an den Zaren die Wünsche, welche Frankreich zum Ruhme der Regierung des Zaren, zum Glück seiner Familie und zum Gedeihen Rußlands hege. In der Kammer hielt Briffon eine patriotische Ansprache, in welcher er fich fast derselben Redewendungen bediente, wie der Präfident des Senats.

Loudon, 27. Oetober. Die hiesigen Blätter besprechen die Enthüllungen derHamb. Nachr." und stellen die deutsche Politik, insbesondere diejenige BtSmarckS, als wort­brüchig hin. Die Blätter erhoffen, daß die Berliner officiöse Presse recht bald dem BtSmarck'schen Treiben entgegentreten wird.Daily Mall" erhebt gegen Deutschland die unglaub­lichsten Angriffe und sagt, von einer Annäherung Englands an Deutschland könne keine Rede sein.

London, 27. October. Eine Depesche deSDaily Graphic" aus Konstantinopel meldet, die Armenier hätten beschlossen, sofort zu handeln, ohne länger die Einmischung der Mächte abzuwarten. Es soll sich hierbei um nichts weniger handeln, als Konstantinopel an allen vier Ecken in Brand zu stecken.

Berlin, 28. October. DemLocalanzeiger" zufolge ist der Gesundheitszustand des Fürsten Bismarck insofern kein ganz befriedigender, als die GefichtSfchmerze« zunehmen.

Berlin, 28. October. Unter dem Vorsitz des Prinzen Friedrich Leopold fand gestern Abend als am Gedenk­tage der Capitulation von Metz das dem alljährlichen An­denken an den Prinzen Friedrich Karl gewidmete Gedächtniß - mahl der Vereinigung Prinz Friedrich Karl statt.

Genna, 28. October. Die italienische Regierung hob das Verbot der Einschiffung von Auswanderern nach Brasilien tm hiesigen Hafen auf.

Wirballeu, 28. October. Gestern traf hier eine .A b - theilung deS russischen EisenbahnregtmentS ein, welche bei der Durchreise deS Za re «paar es Anfangs November die Bahnstrecke besetzen und den Bahnhos ab­sperren sollen.

Konstantinopel, 28. October. Gerüchtweise verlautet, Nihik Effendt sei in Folge der Aufregungen im Ge- fängniß gestorben.

Cocates unb prwtnjkllw,

Gießen, den 28. October.

** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten - Versammlung Donnerstag, den 29. Oktober 1896, Nachmittags 34/2 Uhr pünktlich: 1. Gesuch deS Friedr. Habenicht um Erlaubntß zur Wasserabsührung auS seinem Fabrikgebäude an der Wiesenstraße. 2. Desgleichen deS W. Steinbach zur Aufstellung einer Bretterhalle in seiner Sandgrube am Nahrungsberg. 3. Decretur von Kosten­rechnungen. 4. Die Ausführung der Eulturarbeiteu im Gießener Stadtwald. 5. Die Derwerthung des Eichenstamm- Holzes im Gießener Stadtwald pro 1897/98. 6. Gesuch des SchützeuvereinS Gießen um pachtweise Ueberlaffung eines städtischen TrtebviertelS. 7. Gesuch des Gießener EtSvereinS um Ueberlassung der Wiesen hinter den Eichen für den Winter 1896/97 unter den seitherigen Bedingungen. 8. Ver­gebung der Wilson-Stiftung. 9. Die Gewährung von warme« Frühstück an bedürftige Schulkinder. 10. Das Thurmhaus, hier: Ueberdachung des LichtgangeS am ThurmhauS am Brand und Vertiefung deS Pumpenschachtes daselbst. 11. Aus­bau der Liebtgstraße. 12. Erhöhung städtischer Trottoirs, hier: den Pflasterftreifeu auf der Nordanlage vom Ncu- städter Thor ab. 13. Den Weg vom Wallthor über die GänSäcker und die Burgwiesen nach dem Phtlosophenwaid, hier: Baumpflanzung entlang desselben.

** Die Hauptversammlung des landwirthschaftltchen Vereins für die Provinz Oberheffen fand am Montag Vormittag tm Prinz Carl" dahier statt. In Verhinderung deS zur Hof­tafel nach Darmstadt geladenen Herrn Grafen Friedrich zu SolmS-Laubach, des Präsidenten deS Provinzial- Vereins, führte Herr Sch lenke hier den Vorsitz. Derselbe begrüßte zunächst die als Gäste erschienenen Herren Oeco- nomierath Müller, Profeffor Dr. Wagner von der landwirth- schaftlichen Versuchsanstalt Darmstadt und Dr. Müller, General­sekretär der landwirthschaftltchen Vereine deS Großherzog- thumS. Die Versammlung erklärte fich damit einverstanden, daß für die künftigen Generalversammlungen deS Provinzial- Vereins ein größeres Local benutzt wird und soll dem Prä- fidium die Wahl eines solchen überlassen werden. Hierauf hielt Herr Professor Dr. Wagner den angekündigten Vor­trag über dieAnwendung künstlicher Düngemittel nach dem neuesten Stand der Wissenschaft, ins- besondere zur Erhöhung der Futtererträge auf Wiesen und Weiden". ES giebt, so führte Redner auS, viele Wiesen, die nach Nährstoffen hungern, auf denen fich aber die Erträge verdoppeln ließen. Was den Wiesen nützt und ihren Ertrag steigert, ist PhoSphorsäure, Kalk, Kali, Stickstoff, sonstige Stoffe bekommen fie nebenbei. Was zu­nächst die Frage betreffe, ob man alle Wiesen mit Phosphor-