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29.4.1896 Erstes Blatt
 
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ki-r, 100 Erstes Blatt. Mittwoch de« 29. April

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Der t cht*er «Mjdgft r<t)eint täglich, m Lolnahmr bcJ Montag».

Die Gießener ßimitieaökLIIer mlrn dem Anzeiger ^chenllich dreimal beigtkgt

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Amts- unb Airzeigeblatt für den Kreis Gie^em

Hratisöeitage: Hießener Aamitienölätter

Innahm» Dow Anzeigen zu der Nachmittag» für de» htgenden Dag erscheinenden Nummer bi« vorm. 10 Uhr.

Alle Nnnoncen-Bureaux de« In« und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlichem Lhell.

Nachrichten über den Saatenstand im Großherzogthum Heffen um die Mitte des Monats April 1896.

Silan mengestellt bei der Großherzoglichen Oberen landwirthschaft- lichen Behörde.

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* Der junger» Kleefelder.

iiemetf ungen: Die Wintersaaten sind im Allgemetnm g aihrii dm mildm Winter gekommen. Nur im Vogelsberg (Kreis S SHütan und Lauterbach, in letzterem Kreise auf schwerem Boden) ifiüalDtiS Weizen und Noggm auSgewintert. Ziemlich allgemein ist v hiilchze über MLusesratz an dem Wintergetretde und dem Klee, b. oiiudb, soweit eS sich um junge Felder handelt, außerordmtlich tri die vorjährige Dürre nothgelitten hat; von letzteren mußten ;. ErhebungSbezirke Pfeddersheim 80pCt. umgepflügt werden.

Die Bestellung der FrühjahrSsaaten war in dm klimatisch 8i<toü gelegenen Landeslh-ilen von der Witterung im Mürz außer- o> rttcli ch begünstigt; in den rauherm Lagen beginnen die Bestellungs- «Äüm erst.

Eier Stand der Weinberge ist gut bis sehr gut.

Deutscher Reichstag.

77. Sitzung. Montag, den 27. April 1896.

Ion BundesrathStlsche: Staatssekretär v. Bötticher.

Ütai der Tagesordnung stehen zunächst wieder Wahlprüfungen.

ibt Commission beantragt die Wahl deS Abg. Pöhlmann (Rp.) Ä^Mig zu erklären und dem Herrn Reichskanzler die Acten zur .'v krniriißnahme und geeigneten Veranlassung mit Rücksicht auf daS bealltr nachträglichen Beweiserhebung stattgehabte Verfahrm vor- zu dkn.

®')g. Guerber (Els.) schildert das amtliche Eintretm eines ® von Bürgermeistern für die Candidatur Pöhlmann und der laianisetzung deS Bürgermeisters Spieß-Schlettstadt, welcher sich gt md:ant halte, seine Unterschrift für das Wahlcircular zu Gunsten l-iSfvlMnS herzugeben.

Z-laatSsecretär o. Bötticher bestreitet dem Vorredner gegen; ül x )txr von napoleonischen Candidaturm gesprochm, daß es dort aiMje: Candidaturen gebe. Der Reichskanzler habe durchaus keine BtiMlarsung, die elsässisch-lothringische Regierung zu desaoouiren, ji-rber dies für geboten halte.

13ig. Gamp (Rp.) erklärt, seine Freunde zögen, well daS Hum-nicht beschlußfähig, und, um nicht die Verhandlungen zu sehr inet klänge zu ziehen, einen bereits gestellten Antrag auf nament- NMiMimmung über diese Wahl zurück. Ebenso erkläre er gleich ietißll, dsaß er auch auf die namentliche Abstimmung über die

. Holtz verzichte; Redner stellt dann fest, daß »er-

schtedmtltche, gegm die Wahl Pöhlmanns eingegangene Protest­angaben durchaus wahrheitSwidrig seien. Thalsächlich sei der be- treffmde Wahlaufruf weder von allen Bürgermeistern unterschrieben worden, noch auch hätten die unterschriebmm Bürgermeister ihren amtltchm Character angegeben. Die Angabe, die Amtsmtsetzung ©ple6' sei im Zusammenhänge mit den Vorgängen bei der Wahl erfolgt, stehe in vollem Widerspruch zur Beweisaufnahme. Spieß habe sich mit Collegen und Vorgesetzten niemals zu stellm gewußt. Er sei ein Fanatiker, der seinen Sohn vor Erlangung deS militär­pflichtigen Alters nach Frankreich auswandern ließ. Solchen Mann hätte die Regierung schon längst absetzm sollm. Nach alledem liege kein Grund vor, die Wahl Pöhlmanns für ungtlttg zu erklären.

Abg. v. Marquardsen (nl.) erklärt, daß er die Angabe des Wahlprotestes in keiner Weise bestätigt gefunden habe, namentlich auch nicht die Angabe über den osfictellrn Character der Pöhlmann'schm Kandidatur. Auch er bitte, die Wahl für giltig zu erklären.

Abg. Spahn (C.) wendet sich lebhaft gegen dm Staatssecretär o. Bötticher. Der Reichstag dürfe sich daS Heft nicht auS dm Händm nehmen lasten. Er bitte daher, auf jeden Fall auch den Antrag der Commission in seinem 2. Theil anzunehmm.

Abg. Beckh (frf. Vp) rügt ebenfalls, wie jetzt nachträglich Seitens der elsässischen Regierung Vernehmungen zu Gunsten Pöhl­manns vorgenommen worden seien! Gerade das zeige so recht, daß es sich hier um eine officielle Candidatur handle.

Abg. Simonis (Els.) geht nammttich noch auf die Absetzung des Bürgermeisters Spieß ein. Abg. Gamp, welcher dicht neben dem auf der Rednertribüne befindlichen Redner steht, ruft ihm dabei zu: ist eine Unverschämtheit!

Präsident Schmidt ruft den Abg. Gamp hierfür zur Ordnung.

Abg. Gamp: Ich bedauere sehr, daß ich mich vorhin zu einer solchen Aeußerung habe hinreißen lassen. Ist es auch richtig, daß auf einen groben Klotz ein grober Kell gehört, so hätte ich doch jene Erwiderung unterlassen sollen. Redner bleibt weiterhin habet, Ungehörigkeiten seien bei der Wahl nicht vorgekommen, um officielle Candidaturen handle es sich nicht, und der Protest sei fanatisch und gehässig. Die Gegner Pöhlmanns säßm selbst im Glashause und sollten nicht mit Steinen werfen. Rach Lage der Dinge sei es zu erwägen, ob es nicht richtig sei, die ganzen Wahlprüfungen einem unparteiischen Forum, vielleicht dem Reichsgericht, zu übertragen. (Lachen links). Fürst Bismarck, so enbei der Redner, hat einmal gesagt:In der Politik giebt es kein positives Recht; wer die Macht hat, ha» das Recht!" Meine Herren, benutzen Sie Ihre Macht! (Lachen und Unruhe).

Abg. Preuß (Els.): Pöhlmann und die anderen Bürgermeister hätten ihre Wahlversammlungen abgehalten unter Mißbrauch ihrer Amtsgewalt und gesetzwidltg, nämlich ganz unter Außerachtlassung der über öffentliche Versammlungen in Elsaß-Lothringen geltenden Vorschriften.

Damit schließt die Debatte. Gegm Nationalliberale und beide conservativen Parteien wird die Wahl PöhlmannS für ungültig erklärt; ebenso alsdann die Wahl des Abg. Holtz.

An Stelle des Abg. Kropatschek (cons.) wird Abg. Jacobs- f ötter (cons.) zum Mitgliede der Commission für Arbeiterstatistik gewählt.

Morgen 1 Uhr: Börsenreform Gesetz (Schluß 4% Uhr).

Deutsches Reich.

Berlin, 27. April. Der Kaiser hat seinem Jagdauf- enthalte auf der Wartburg den schon angekündigten Besuch beim Grafen Görtz in Schlitz nachfolgen lassen, womit der jüngste große Reise Cyclus des erlauchten Herrn abschließt. Am Sonntag Vormittag wohnte der Kaiser mit seinem Ge­folge dem Gottesdienste in der Schützer Hauptkirche bet. Das Eintreffefi des Monarchen im Neuen Palais bei Potsdam nach Beendigung seines Schlitzer Aufenthaltes wird für Mittwoch Vormittag erwartet. Für Donnerstag ist der Besuch des von Parts kommenden Fürsten Ferdtnand von Bulgarien bet den kaiserlichen Majestäten im Neuen Palais angekündigt.

Die Unpäßlichkeit des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe ist jetzt soweit wieder gehoben, daß derselbe Spaziergänge im Garten deS Reichskanzlerpalais unternehmen kann. Voraussichtlich wird der Kanzler schon in nächster Zeit auch im Reichstage wieder erscheinen können.

Die Mtnisterkrisengerüchte sind wieder erneut im Schwange. Der preußische Kriegsminister Brousart v. Schellendorff soll amtsmüde sein, eS heißt, er sei nicht geneigt, jenen geheimen, aber mächtigen Einflüssen am Berliner Hofe, denen die jüngsten Verabschiedungen hoher Militärs im angeblichen Zusammenhänge mit der Frage einer Reform der Militärstrafproceßordnung zugeschrieben werden, noch lange Widerstand zu leisten. Aber auch vom Reichskanzler selber heißt es, er habe mit widrigen Strömungen zu kämpfen und trage sich mit der Absicht, seinen Posten zu verlassen, falls er mit seinen Anschauungen nicht durchdringen sollte. Für jetzt find jene Gerüchte allerdings wohl noch nicht völlig ernst zu nehmen, aber die Annahme ist doch nicht zurückzuweisen, daß über kurz oder lang die Wider­standskraft der beiden Staatsmänner erschöpft sein möchte, nachher würden wir freilich vor einer neuen ministeriellen Krisis stehen.

Die Lage in Deutsch-Südwest-Afrika scheint wieder einmal nicht ganz unbedenklich zu sein. Die Khanas- Hottentotten, welche sich schon öfter- gegen die deutsche Herrschaft aufgrlehnt haben, befinden sich abermals aus dem

Kriegspfade" gegen die Deutschen. Zwischen einer Ab- »Heilung der Schutztruppe und den Aufständischen ist eS dem Vernehmen nach bereits zu einem Gefecht gekommen, in welchem deutscherseits zwei Offiziere und sechs Mann gefallen fein sollen, doch bedarf diese Nachricht noch der Bestätigung. Hoffentlich wird eS gelingen, die rebellischen KhanaS recht bald zu unterwerfen, sonst stünde zu befürchten, daß auch andere Stämme jener südwestafrikantfchen Gegenden, vor Allem die kciegerischen HereroS, ihre Waffen gegen die Deutschen kehren.

WolffS telegraphisches Eorrespondvrz-Bnrean.

Berlin, 27. April. Die Berliner Schuhmacher- Handarbeiter verkündeten in einer heutigen, von ca. 1000 Personen besuchten Versammlung einen allgemeinen AuSstand. Betroffen werden etwa 100 Geschäfte mit unge­fähr 1500 Arbeitern. Verlangt wird 25 pCt. Lohnerhöhung und Abschaffung der Nacht- und SonntagSarbeit.

Berlin, 27. April. Mehrere Abendblätter melden: In den Kämpfen gegen die KhauaS Hottentotten sind die Offiziere Lampe und Schmidt gefallen, Lieutenant EggerS ver­wundet.

Berlin, 27. April. Die Budgetcommission deS Abgeordnetenhauses nahm die Eredttvorlage für Her­stellung von 16 Bahnlinien im Betrage von 44 062 000 Mk. an. Die Beschlußfassung über die Linien Berent Karthaus und Konitz-Lippusch wurde ausgesetzt.

FleuSburg, 27. April. Der Redacteur und Verleger desFlenSborg - Avis", Jessen, wurde heute von der ersten Strafkammer wegen grobenUnsugS zu sechs Wochen Gefängniß verurtheilt Er hatte in einer Versammlung in Hellevad zum Boykott der deutschen Kaufleute aufgefordert.

Leipzig, 27. April. ImLetpz. Tagebl." erklären mehrere hervorragende Verlag-firmen bezüglich der Abmachungen zwischen dem Deutschen Buchdruckerverband und der Gehülfenvertretung, daß sie sich von wirthschastlich be­rechtigten Gründen der Erhöhung des Druckertarifs nicht überzeugen konnten. Der Buchhandel sei nicht in der Lage, höhere Löhne zu zahlen- eS seien daher die Firmen ent­schlossen, den ihrerseits beschäftigten Druckereien jede Er­höhung des Druckertarifs abzuschlagen. Andere Firmen werden aufgefordert, sich dem Vorgehen der Leipziger Firmen anzuschließen.

Depesche» d«S B»rea» .fccrclb*.

Berlin, 27. April. Bei der Eröffnungsfeier der Be­werb eaus st ellung am 1. Mai d. I. werden am Haupt­industriegebäude der Ausstellung eine Ehrencompagnie vom 3. Garderegiment z. F. im Paradeanzug, sowie an der Landungsstelle des AuSstellungSparkeS sechs Unteroffiziere der Marine als Ehrenposten Aufstellung nehmen.

Berlin, 27. April. Die feierliche Eröffnung der dies­jährigen Berliner Internationalen Kuust-AuS- stellung erfolgt am Sonntag den 3. Mai, 12 Uhr Mittag-, durch den Kaiser.

Berlin, 27. April. Gegen tausend Veteranen ver­sammelten sich gestern Vormittag zu einer Besprechung der am 11. Mai zu veranstaltenden Fried^nSfeier. Bisher haben sich 4000 Theilnehmer gemeldet. Ebenso viel er­wartet man noch.

Berlin, 27. April. Der Abgeordnete Frhr. v. Stumm ist heute an Stelle de- Abgeordneten Müller Harburg in die Commission für daS Bürgerliche Gesetzbuch gewählt worden.

Berlin, 27. April. Die Streitigkeiten in her (Son* fectionSbranche find in eine neue Phase getreten- der Verein der EngroS-Iirmeu hat beschloffen, deu bei den Ab­machungen vom 19. Februar festgesetzten Lohnzuschlag von 12j/2 pCt. nicht mehr zu zahlen und dies dem Gewerbe­gericht mitzutheilen. Damit ist der Vertrag zwischen den ConfectionSmeisteru und Arbeitern, der die Grundlage der Einigung bildete, nämlich aufgelöst.

Berlin, 27. April. Fürst Ferdinand von Bul- garten wird nach den neuesten Bestimmungen am 30. April aus Pari» hier eintreffen und im königlichen Schlöffe ab- stetgen. In der türkischen Botschaft wird ihm zu Ehren eine große Festlichkeit stattfinden.

Berlin, 27. April. Die socialistischen Abgeordneten deS Reichstages haben heute Nachmittag an den Abgeordneten Bueb nach Mülhausen telegraphisch daS Ersuchen gerichtet, ihnen sofort alles Material über seine Verhaftung zu über­senden. DerPost" zufolge hegen die Socialdemokraten die Absicht, die Angelegenheit zu einer Interpellation im Reichstage zu benutzen.