Ausgabe 
29.2.1896 Zweites Blatt
 
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Mr. 5( Zweites Blatt. Samstag den 29 Februar

1896

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

Amts- und 2ln.,cigeblatt für den Ureis Gieren.

Die Gießener 7>«ikie«ötLll-r irrten dem Anzeiger «jchmtlich dreimal beigelegt.

Der

-Reiter Auzeiger «clcheiot täglich, du Ausnahme deS Montags.

Lierteljährlgor , »0«Keme*bFret»i 2 Marl 20 Pfg. Bringerlohn.

Durch die Poft bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Rtbaction, Expedition und Druckerei:

Kchutstraße Ar.7.

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w £ I Hratisöeitage: Oießener Jamitienötätter.

1..... rmt*

Alle Annoncen-Bureaux deS In» und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Dienstag den 10. März d. I., Nachmittags

3 Uhr, wird auf LonhS Felsenkeller zu Gießen eine

General-Versammlung

-es landwirthschaftl. Bezirksvereins z« Gießen

gehalten "werden.

Au dieser Versammlung werden alle Mitglieder deS KneiuS und der landwirthschaftlichen Localvereine, sowie alle Fnande der Landwirthschast hierdurch freundlichst eingeladen. ^Dte Herren Bürgermeister werden ergebenst ersucht, en in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins io« dieser Einladung Kenntntß zu geben und auf recht zahl- rtHta Besuch der Versammlung hinzuwirken.

, Tagesordnung:

1) Die Einführung von Heerdbüchern.

Referent: Herr GutSb'sitzer Schleuke auf der Hardt.

«Korreferent: Herr Generalfecretär De. Rodewald in Offenbach.

2) Die Gründung einer SchlachtvtehverficheruugSgesellschaft zu Gießen.

Referent: Herr Thierarzt Liebe zu Gießen.

3) Ankauf von Saatfrucht und Saatkartoffeln durch Ver­mittlung des landwirthschaftl. Bezirk-Vereins in diesem -Frühjahr.

4) Mittheilung der Resultate der auf den Versuchsstationen im Jahre 1895 angebauteu neuen Kartoffelsorten.

5) Beschlußfassung über die Stiftung von Ehrenpreisen 1lr die GeflügelauSstellungen zu Mainz, Offenbach und Friedberg.

Gießen, den 10. Februar 1896.

Dtt Direktor des landwirthschaftlichen BezirkSvereiuS Gießen. C a r l I o st.

MW» '

f Sich, 26. Februar. Die im hiesigen Walde aufge- stwdene Leiche ist als diejenige einer Frau aus Sellnrod bei lUrickstetn gebürtig festgestellt worden. Dieselbe suchte tttrvfallS in kalter Winternacht Schutz unter einem Wellen- rsavs:n und erfror daselbst. Die Leiche wurde in die Anatomie 'ach Gießen verbracht.

t Sich, 26. Februar. Im Laufe dieses Sommers Habet in unserer Stadt das Vereinsfest des Lahnthalsänger- kMieS statt. Zur Bestreitung der diesbezüglichen Kosten

Feuilleton.

Redsclrursleiden.

Humoreske von M. Anderffen.

(Schluß.)

Der Gaucho a^er sucht den trocknen Wilson auf, der f t E Weib immer im Stillen gehaßt hat. Er sagt alles, ii lt er weiß, und macht Lilian über die Maßen schlecht, isiiletzt räth er ihm, ihr baß Kind zu nehmen, weil er sie t lelnrc^ am härtesten treffen würde. Der Danke ist damit riütrftanben und klammert sich mit seiner ganzen Zähigkeit ambtcfe Idee. Lilian springt derweilen im Hotel ebenfalls zßI Fenster hinaus und stürzt immer abwechselnd vom Wunen zum Glühenden und fleht und winselt Stein und W."

Wußte sie denn die Adressen? Hat wohl im Adreß- biet: nachgesehen und dann die Pferdebahn benutzt?" fragte tsHinet.

Oder Nachtdroschke was weiß ich. Himmel c mi Hölle ruft sie an. ES find schweißtreibende Sceneu. 5 k Seberne bleibt eben zähe wie ein Riemen unb will am v Men Tage s^ine Tochter reclamiren. Der Glüheube ^in= eiqttt schlägt ihr vor, mit ihm an die Ufer beS Uruguay gteheu. Die kleine Nelly will er mitnehmen unb später aibiptiren. Lilian will bavon nichts wissen. Sie kehrt ins zurück und winselt vor Harrys verriegelter Thür. SbitDiilen sitzt der trockene Wilson in seiner Villa im 41 weit."

^8in halbes Dutzend Ochsenfrösche um ihn herum"

©ein Geschick ereilt ihn. Eben hat er sich noch im Hlmzeiwß seiner am nächsten Tage zu nehmenden Rache gieittbet, als er sich an die heiße Stirne greift und zähne- TitWennb murmelt:Hah! Wie wird mir? Ich kriege s.-«im baß gelbe Fieber."

hat der hiesige Stadtrath einen Beitrag von 400 Mark be» willigt.

§§ RiederMooS, 25. Februar. Gestern Abend gegen 7 Uhr wurden die Bewohner unseres Orts durch Feuerläuten erschreckt. war ein Schornsteinbrand im Schulhause auß« gebrochen, der alsbald gelöscht werden konnte, so daß nur eine Anzahl Ziegel und Sparren am Dache beschädigt wurden.

n. Nieder Mockstadt, 27. Februar. Wie überall in hie« figer Gegend, erfuhr auch sämmtltcheß Brennholz im hie- fiegen ausgedehnten Markwald bei den letzten Versteigerungen eine erhebliche Steigerung. 2 Raummeter Buchenscheit galten 1819 Mk., 2 Raummeter Buchenprügel biß 16 Mk., 1 Raummeter Buchenreistg 70 biß 85 Pfg. Durch den Bau der neuen Verbindungßstrahe zwischen dem Nidda- und Nldderthal, die von hier außgeht und im Unterbau bereit« fertig gestellt ist, kommt viel Verdienst in unseren Ort. Die Steinlieserung zum Oberbau ist zum größten Theil hiesigen Einwohnern übertragen, welche ganz nahe an dem höchsten Punkt der Straße in Aeckern Steinbrüche angelegt haben, die ein vorzügliches Bau- und Deckmaterial abgeben. Un­willen hat hier und in der Gegend die Beerdigung deS kürz­lich beim Steinfahren verunglückten Knechts von Ober- Florstadt erregt. Man hat ihn nämlich nicht in der Reihe, sondern neben an der Mauer begraben.

AnS Oberheffen, 22. Februar. Daß der Glaube an Hexen trotz aller Aufklärung immer noch seine Blüthen treibt, beweist folgender dieser Tage in einer Gemeinde Oberheffenö vorgekommener Fall. Ein in ganz guten 33er - hälm'ssen lebenbeß Ehepaar besitzt ein etwa fünfjähriges Knäbletu, das, etwas schwächlich gebaut, von jeher ein rich­tiges Sorgenkind war und trotz bester Pflege nicht recht ge­deihen will. Nachdem auch ärztliche Bemühungen scheinbar ohne Erfolg biteben, gibt einekluge" Frau vom Lande, welcher die Eltern den Zustand ihres Kindes geklagt, als Ursache der Krankheit an, das Kind sei behext. Zugleich verräth sie ihnen einen Manu, der die H-xr bannen unb das Kind aus der Gewalt derselben befreien könne. Der Vater begibt sich schleunigst nach dem mehrere Stunden entfernten Wohnorte des Betreffenden. Dieser bestätigt dann die An­gabe jener Frau und gibt dem Manne drei Pulver mit der Weisung, dieselben zur bestimmten Stunde unter strenger Beobachtung verschiedener Verhaltungsmaßregeln zu ver- brennen. Diejenige Person, welche beim Verbrennen des letzten Pulvers in das Zimmer trete, sei die Hexe. Zu Hause wird alles pünktlich befolgt, und der Zufall will es, daß gerade, als das letzte Pulver verbrannt wurde, eine im Hause auf Mtethe wohnende bejahrte Wittwe das Zimmer betritt, um, wie dies öfter geschah, ein Plauderstündchen zu

Steiner schlägt sich schallend auf die Schenkel unb bäumt sich vor Lachen.

Er kriegt also richtig das gelbe Fieber. ES ist noch zäher wie er selbst. macht kurzen Prozeß mit ihm. Gegen Morgen fühlt er, baß er sterben muß. Da packt ihn die Reue. Er läßt Harry, Lilian und Nelly holen. Große Versöhnungsscene. Nachdem er wilde lächelnd ab­gestorben ist, große Wiedervereinigung. Die hin- unb her­gerissene Lilian ist nun thatsächlich WtlsonS Wittwe. Harry macht sich keine Skrupel mehr. In seliger Rührung kehren alle an Bord beS KlipperschiffeS zurück."

Na und der Gaucho?"

Der schwimmt wie eine Wasserratte heimlich dem Kltpperschiff nach. Unbemerkt schwingt er sich an einem herabhängenden Tauende an Bord. Er schleicht sich in die Cajüte, wo die erklärlicherweise sehr angegriffene Lilian den Schlaf der Erschöpfung schläft. Harry hat an Bord zu thun. LtlianS schneeiger Marmorarm hängt über die Bett- kante. Der Gaucho ficht die bläuliche Pulsader zucken. Er starrt nur auf den einen Punkt. Alle seine wilden Jnstinete erwachen. Er beugt fich nieder, beißt mit den scharfen Zähnen vorstchtig in die Ader unb beginnt gierig daS hervor- quellende Blut zu saugen. WaS weinst Du 'dazu?"

Ich meine: Wofür ist er denn ein Vampyr?"

Sie schläft dabei ruhig weiter. An Deck spielt Harry ganz vergnügt mit der kleinen Nelly. Da kommt der Gaucho plötzlich heraufgerast"

Klatschenaß das Maul voller Blut"

Selbstverständlich.Unglückseliger!" schreit er,drunten in der Cajüte liegt Dein Weib"

AuSgesogen wie eine Drange"

Ehe der biedere Harry noch begreifen kann, waS eigentlich los ist, stürzt fich der Gauch» mit der Erklärung,

halten. Nun herrschte^ kein Zweifel wehr über die Person der bösen Hexe, und man kann fich den Empfang denken, welchen man der ahnungslosen Frau bereitete, der auch so­fort die Wohnung gekündigt wurde. Darmst. Ztg.

D. Darmstadt, 24. Februar. Die Zweite Kammer der Landstände deS GroßherzogthumS Hessen hat in ihrer Sitzung vom 21. Februar d. I. den Betrag von 140000 Mark für einen Erweiterungsbau des im Januar 1895 eröffneten neuert Elektrotechnischen Instituts der Großh. Technischen Hochschule zu Darmstadt einstimmig bewilligt. Nach der für den October d. I. in AuSficht genommenen Vollendung deS Neubaues ermöglichen die vorhandenen Räumlichkeiten und Einrichtungen ein gleichzeitiges Arbeiten von 120 bis 130 Stndlrenden im Elektrotechnischen Laboratorium.

D. Darmstadt, 24. Februar. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin, sowie Seine Großherzogltche Hoheit Prinz Wilhelm wohnten Mittwoch den 19. Februar, Nachmittags 5 bis 6 Uhr, einem in dem phhfikalischen Institut der Großherzoglichen Technischen Hoch­schule zu Darmstadt von Herrn Professor Dr. Schering gehaltenen Vortrage mit Demonstrationen über die Röntgen'schen Strahlen bei. Außerdem waren die Herren Staatsminister Dr. Finger Excellenz, Generallieutenant v. Gdßler, Excellenz, der Königl. Großbritannische Geschäfts­träger, der Kaiserl. Russische und der Königl. Preußische Gesandte mit ihren Damen erschienen. Auch die Hofstaaten Ihrer Königlichen Hoheiten des Großherzogß und der Groß­herzogin nebst ihren Damen wohnten dem interessanten Bor- träge bei. Die Demonstrationen gelangen in vorzüglicher Weise.

Ernste Hals- und Brustleiden find die Folgen bei Vernachlässigung jedes H«ste«S, denn je stärker derselbe auftrttt, je mehr erschüttert und «ttaqutrt er die AlhmungS-- oroane. Wer den Husten energisch beben will, bedient fich btt Fays ächten Sodener Mineral - Pastille«. Diese sind attß den Heilsatzen der hochrenommtrten Kui quellen Sodens bereitet unb eg muß wohl einleuchten, daß wo gleiche Bestandlbeiil» auch gleiche Wirkung ist. Deswegen werden FayS ächte Sodener Mineral - Pastille« als das rationellste und btft be­währteste Mittel gegen Husten rc. rc. ärztlich empfohlen und ver­ordnet Erstere sind in allen Apoihek.n, D>oguen- und Minerat- wafserhandlungen L 85 Pfg. die Schächte! erhältlich. 397

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daß nur das Weltmeer seine Gluthen zu löschen im Stande sei, über Bord."

DaS muß aber gezischt haben!"

Harry fiadet sein sterbendes, ganz entbluteteß Weib vor. Eine schnelle Transfusion ist auf einmal ctn Arzt an Bord zu welcher der biedere Gatte natürlich den Stoff hergibt, reitet sie. Sie leben von da an in un­unterbrochenem Glücke."

Und klippern immer so sachte weiter?"

Waß sagst Du nun, Steiner?"

Ich sage, daß ich mich gottvoll amüstrt habe, gelachr, wie seit langer Zeit nicht. Dafür bin ich dem Fräulein Lohgerber aus Birnbaum von Herzen dankbar."

Was nützt mir baß?"

Höre. Eine Idee! Du schreibst an Fräulein Lohgerber, daß ihr hochinteressanter Roman so drawatifch gehalten sei, daß er nothwendig als Bühnenwerk umge­arbeitet werden wüßte. Und zwar sei er recht geeignet als Libretto für eine weltbewegende Oper. Aber nur sie allein, die geniale Autorin, sei im Stande, den Text zu schreiben. Damit sendest Du ihr baß Manuskript zurück. Sie muß fich bann damit an die betreffenden Bühne« wenden. ES ist keineswegs außgefchlossen, daß noch etae große Preisausschreibung für die passendste Musik zu diese«: Texte veranstaltet werde. Als moderneß Opern Libretto hat die Geschichte meiner Meinung nach viel Chance«. Dasselbe machst Du mit der ernstbastesten Miene von der Welt Deiner Schwiegermutter plausibel. So vergehen die sechs Wochen ihres Aufenthalts in Deinem Hause in fried­licher Welfe."

Du kannst reckt haben, Steiner, ich werd ß so mach ec. Zeit gewonnen, alles gewonnen. Aber komm jetzt ins Spatenbräu. Ich muß mir die Kehle anfenchten."