Ausgabe 
28.10.1896 Erstes Blatt
 
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London, 26. Oktober. AuS JohauniSburg werden folgende Ergebnisse der letzten Volkszählung mitgetheilt. In einem Umkreise von drei Meilen der Hauptstadt wohnen 24500 Eingeborene, 16000 Engländer, 3300 Russen, 2200 Deutsche, 1000 Australier, 1000 Franzosen, 8000 Holländer, 750 Amerikaner, 600 andere Europäer und 150 Afiaten. Diese Statistik beweist, daß da« rein englische Element abnimmt. Jeden Monat wandern 2500 Europäer in Transvaal ein.

Athen, 26. Oktober. Das BlattAsth" läßt sich auS Konstantinopel melden, daß der russische Botschafter Neltdow von den Armeniern einen Drohbrief erhalten habe. ____________

Berlin, 27. Oktober. Zu der gestern gemeldeten Be- schlagnahme derNeuen Welt" berichtet noch der Vorwärts", daß dieselbe auf telegraphische Requisition der BreSlauer Staatsanwaltschaft erfolgte. In seiner Expedition wurden 300 Exemplare und in Breslau drei Stück confiscirt.

Budapest, 27. Oktober. DerPester Lloyd" veröffent­licht eine Unterredung mit Pobjedonoßew, welcher eS für falsch erklärte, daß Schichktn der Nachfolger Lobanows werde. Unter den Candidaten werde auch der Londoner Botschafter Staat genannt. Derselbe nehme kaum an. Von einem eigentlichen Bündnisse zwischen Rußland und Frank­reich könne keine Rede sein, eS beständen lediglich freundschaft­liche Beziehungen. Der Friede gehe dem Zaren über alles.

Rom, 27. Oktober. Gestern Abend brachten die patrio­tischen Vereine und die Studenten dem Kronprtnzenpaar einen glanzenden Fackelzug dar.

Rom, 27. Oktober. DerTribuna" zufolge gingen mehrere Millionen Lire nach Afrika, angeblich zum Loskauf der Gefangenen.

Rom, 27. Oktober. Die Enthüllungen derHamburger Nachrichten" über den russisch-deutschen Neutrali- tätsvertrag rufen hier einen peinlichen Eindruck hervor.

Parts, 27. Oktober. Challemell Lacour ist gestern gestorben.

CoceUs rrrrö protHniküef,

vießen, den 27. Oktober.

* * Ordens Verleihung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben dem Major und Bataillons Comman- deur Winter im Infanterie-Regiment Graf Werder (4. Rheinischen) Nr. 30, früher ä la suite des Infanterie- Regiments Kaiser Wilhelm (2. Großherzogltch Hessischen) Nr. 116, die Krone zum Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienst« ordenS Philipps des Grohmüthigen zu verleihen geruht.

* * Bon der Universität. Vor der Eröffnung der Vor­lesung ist die Vorprüfung von vier Studirenden des Finanzfachs und fünf Studirenden des Forstfachs abgehalten worden. Drei Studirende des FinauzfachS haben die Vor­prüfung bestanden.

* *H Stadtthealer. Im gestrigen zweiten Auftreten der Schliersee'r wurde uns das VolksstückIm AuStrag- stüberl" geboten. Dasselbe trägt einen ernsten Charakter, doch gelangt auch der Humor darin zur Geltung. Das Spiel zeugte von einer Innigkeit der Empfindung, von einer lebenswahren Gestaltung, die überwältigend wirkte und merken ließ, daß nicht blos mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen gespielt wurde. Das Ensemble gibt sich auf der Bühne genau so wie im Leben, sie find das wirklich, was fie spielen und daher die packende Wahrheit ihrer Dar­stellung. Es sei von Nennung einzelner Namen abgesehen, fie olle ohne Unterschied verdienen rückhaltloseste Anerkennung. Mit reichstem wohlverdienten Beifall lohnte daS sehr gut besuchte HauS die Darsteller. Erwähnt möge sein, daß die Zithervorträge, sowie die übrigen vom Orchester gespielten, etgenS vom Ensemble mitgebrachten bayerischen Muflkstücke großer Beachtung und Anerkennung gewürdigt werden. Heute Abend gelangt wiederum eine Novität,Die Z'wtder- wurzen", zur Aufsührung.

* * Etadttheater. Der Herrgottschnitzer von Ammergau ist daS populärste aller oberbayertschen Volks- stücke und eine der besten Nummern im Repertoir des Schliersee'r Bauerntheaters. Die Handlung ist kurz skizzirt folgende: Ein hübscher, junger, braver Bursche, Pauli, übt in seiner Heimath Oberammergau fleißig daS Schnttzrrhand- werk auS. Er schnitzt Heiligen- und ChristuSbtlder und hat sich in seiner Kunst ein Renommö erworben. Den Herrgott­schnitzer nennt man ihn weit und breit. Der Gegenstand seiner Liebe ist die Pflegetochter deS Bürgermeisters und GemetndewirtheS Höflmeyer, die Lont, deren eigentlicher leib­licher Vater, der Pechlerlehnl, dem braven Höflmeyer eines Tages vor die Thüre legte. Zwei Jahrzehnte bleibt die Vaterschaft LehnlS zu Loni Gehetmntß, bis fich endlich durch die unberechenbaren Wechselfälle deS Zufalles Eretgutffe er­geben, die die Beiden, Vater und Tochter, sich finden lassen. Pauli hat bei der von ihm aufrichtig geliebten Loni kein Glück. Er ist ihr zu still, zu ruhig, zu unmännlich in seinem Gehaben. Auf dem Tanzplotz kommt eS zu einer Katastrophe, die Loni erfahren läßt, daß eS dem Pauli an männlichem Sinne nicht mangelt. Die wohl schon dem Mädchen un­bewußte, aber doch in seinem Herzen schlummernde Liebe kommt zum Durchbruch. Loni erkennt die Vorzüge PauliS und fie wird sein Weib. Der Dritte im Bunde der Glück- ltchen ist der alte Pechlerlehnl. In diese Hauptaffaire der Comödte find episodisch noch verschiedene Vorgänge ein­gereiht, welche dem ländlichen Charactergemälde den Stempel der Vollendung aufdrücken. Sine überaus ergötzliche Figur ist der GatSdub LoiSl, der seine Partnerin, die Stall- uud Schankmagd ReSl, liebt und der mit der Methode, Alles zu erbetteln, es wohl dahin bringen wird, fie heirathen zu können. Ein abgrwiesener Bewerber der Loni, Mukl, tröstet sich mit der hübschen Sennerin Naudl, mit der er fich verlobt. Eine bunte Reihe auS dem Leben gegriffener Scenen geben in dem Stücke ein vollendetes Ganze echt< oberbayertschen DauerulebenS. I

* * 3n lebhafter Erinnerung stehen noch allen Lesern unserer Zeitung die Stnlderungeu über die Einweihaugs- feierltchketten deS Nord Ostsee Kanals. Diese Erinnerungen auszufrlschen und neue Eindrücke von dem Kanal, seinen An­lagen und den zur Eröffnung stattgefundrnen Festen durch Veranschaulichung zu gewinnen, bietet daS Panorama Photoplafttk deS Herrn Schmidt, welches fich mit seinen herrlichen Länderserien die Gunst deS hiesigen Publikums dauernd erworben hat. ES ist eine prächtige Serie, deren einzelne Bilder an Naturtreue, Farbeotönung und Schärfe in der Ausführung wohl das Beste bieten, was aus dem Gebiete der photoplasttschen Reproduction zu erreichen ist. Wir sehen die alte Hansastadt Hamburg, wie fie fich zum Empfange deS Kaisers geschmückt hat, den Einzug uud den Empfang unter dem Jubel einer vieltausendköpfigen Menge, die vielbeschrtebene Alfterinsel mit dem Katserzelt, das Innere dieses Zeltes, die Schlußfteinlegung in Holtenau durch den Kaiser, das Hafenamt daselbst und die Aufstellung zur Parade, die Schleusen-Anlageo in Holtenau, die Hochbrücke bet LevenSau, die große Flottenparade und das Flotten^ manöver, im Einzelnen die hierbei betheiligten deutschen und ausländischen Schiffe, die Torpedodivisionen u. A. m. ES find alles prächtige Darstellungen von größtem Interesse, welche daS Panorama in der laufenden Serie uns vorführt und ist der Besuch desselben für Jedermann ein lohnender. ES sei darum angelegentltchst empfohlen.

* * Gießener Tnruerschaft. Nachdem vor einigen Wochen die Gründung einer Gießener Turnerschaft durch die beiden Vorstände der hiesigen Turnvereine auf Grund durchberathener und festgesetzter Statuten, vorbehaltlich der Genehmigung der Generalversammlung beider Vereine, be­schlossen wurde, haben nunmehr derMännerturnverein" in seiner Generalversammlung am 17. Oktober und der Turnverein" am gestrigen Abend die Gründung einer Gießener Turnerschast durch Genehmigung der Statuten be­stätigt. Der Gießener Turnerschaft unser Gut Heil!

* * Verhaftet. Gestern Morgen wurde der frühere Bahnarbeiter Belz, ein junger, arbeitsscheuer Mensch von hier, welcher fich schon längere Zeit in der Stadtumgebung umhertrieb, verhaftet. Man fand bei demselben eine Anzahl Gegenstände, die aus den in letzter Zeit dahier verübten Diebstählen herrühren. Eine Durchsuchung der Bude auf dem Viehmarktplatz, in welcher Belz in den letzten Nächten logirte, ergab, daß er ein ganzes Lager gestohlener Sachen darin aufgehäuft hatte. Es konnten ihm sechs Diebstähle, darunter auch der Einbruchrdiebstahl am Wafferhäuschen am Neustädterthor, sowie die verschiedenen Einbrüche in Speise­kammern rc. nachgewiesen werden.

* * Landtagswahl. Die Zweite Kammer wird in der bevorstehenden 80. Tagung der Stellung im bürgerlichen Leben nach geordnet an Abgeordneten zählen: 4 Staats­beamte, 6 Anwälte, 2 Fabrikanten, 2 Privatiers, 3 Wirthe, 8 Bürgermeister, 2 Mühlenbefitzer, 15 Landwirthe, 2 Re­dakteure, 1 Buchdruckeretbefitzer, 1 Schriftsetzer, 1 Bankier und 1 Schriftsteller. Zwei Mandate find zur Zett unbesetzt. Man ersteht aus dieser Zusammenstellung, daß daS bäuer­liche Element in der neuen Kammer stark hervortritt.

E. Echzell, 26. Oktober. Daß das nasse Jahr 1896 trotz vielsc'tkgen Klagen ganz ungewöhnlich viele und überaus große landwirthschaftltche Gewächse hrrvorbrachle, konnte man gestern in der hiesigen Kirche sehen und bewun­dern. ES wurde nämlich daS Erntedankfest gefeiert und dabei der Altar mit allerlei Feldfrüchten geschmückt, oder solche in der Nähe niedergelegt. Hierbei kamen zwei Riesen- dickwurzeln zur Auslage, von denen die eine 32 Pfund, die andere 31 Pfund wog. Man braucht schon einen großen Kürbis, um ein solches Gewicht zu erzielen. Außerdem war eine Kartoffel, Sortiment Weltwunder, zur Auslage, die nahezu eine halbe Elle lang und entsprechend dick war. Am SamStag und heute wurden die Trauben des Wein­berges imPfarrgarten" geherbstet. ES wird ein voller Herbst erzielt und die Trauben haben fich, trotz des nassen Wetters, sehr gut gehalten.

§ AuS dem Ohmthal, 26. Oktober. Die Wahl- bewegung zu der am 5. November dS. IS. stattfindenden ReichStagSwahl ist im Vergleich zu derjenigen bei den vorauS- gehenden ReichStagSwahlen eine viel ruhigere- ja eigentlich kann von einer Bewegung, wie fie früher vorhanden, keine Rede sein und noch viel weniger von einer Aufregung, wie sie leider damals die Gemüther beherrschte. Dies Zurück- gehen der Volksseele in ein ruhiges, besonnenes Geleise ist mit Freuden zu begrüßen. Niemand wird eben bestreiten können, daß die wüste Agitation uud dämonische Aufwühlung deS BolkSgristeS, wie sie in der That bei den früheren Wahlkämpfen stattgefunden, die klare Erkenntniß und daS unbefangene UrtheilSvermögen des Einzelnen getrübt und oft aus falsche Bahnen gelenkt hat. Die Zeit der Wahlkämpfe in buchstäblicher Bedeutung, sie scheint glück­licher Weise vorüber und eine gemessene Agitation und ruhige, sachliche Behandlung der Wahl an ihre Stelle ge­treten zu sein. Obgleich der Termin der Wahl schon sehr nahe gerückt ist, haben in den Orten unseres OhmthaleS nur einige Wahlversammlungen der freisinnigen Volkspartei statt­gefunden. So auch gestern in Ober-Ohmen und Rupperten­rod, in welchen Versammlungen Herr Rechtsanwalt Metz auS Gießen in sachlicher Weife die Ziele seiner Partei auS- etnauderlegte, deren Candidaten, Herrn Professor Stengel zur Wahl empfahl und mit einem Hoch auf daS Wohl deS Vaterlandes schloß. In beiden Versammlungen waren auch zwei Soctaldemokraten auS Gießen erschienen, welche Flug­blätter austheilten und auch in Ober-Ohmen für den Can- Maten ihrer Partei das Wort ergrisseu.

-A.- Ans Starkenburg, 26. Oktober. Wie in früheren Jahren geschehen ist, soll auch im laufenden Jahre 1896 und zwar am 31. Oktober wieder, eine statistische Arbeit hin­sichtlich der Bestände der öffentlichen Kassen, sowie der bedeutenderen Privatinstitute geliefert werden. Alle

diese Kassen sollen am 31. October d. I. festfttllen, waS fie an RcichSgoldmünzen: Doppelkroneo, Kronen und halben Kronen besitzen. (Die halbe Kronen find äußerst selten ge­worden und verschwinden nach und nach ganz auS dem Ver­kehr- sie sollen auch nicht mehr g'prägt werden, weil fie sehr unhandlich find.) Außer den Rctchsgoldmünzen sollen aber noch weiter festgestellt werden: Die Einthalerstücke und zwar die von deutschem und die von österreichischem Gepräge von einander getrennt- ferner sämmtliche deutsche Silber- müuzen in Sorten: Fünf-, Zwei-, Einmarkstücke, Fünfzig- und Zwanztgpfenntgstücke getrennt. Endlich sollen die Nickel­und Kupfermünzen, die Re chSkaffenscheioe zu 50 Mk., 20 Mk. und 5 Mk., sowie die RetchSbanknoten und die Privatbank- noren aufgeführt werden. Alle diese Rubriken find auf eioer Postkarte angebracht. Die Beamten haben nur nöthig, die Rubriken nach vollzogen-m Kassenstürze auSzufüllen und die Karte in den nächsten Briefkasten zu werfen, wodurch jede umständliche BerichtSerstattung, sowie theureS Porto ver­mieden wird. Auch in anderen Fällen und bei vielen Be« Hörden ließe sich ein solch' glattes Verfahren einrichteu, wo­durch vieles Schreibwerk erspart würde.

Offenbach, 26. October. In einer gestern stattgehabten Coufereoz der socialdemokratischeu Wahlmänner deS Wahlkreises Offenbach Land wurde an Stelle des Ab­geordneten Ulrich, welcher in Offenbach Stadt und Land doppelt gewählt worden ist und für die Stadt Offenbach optirt hat, der Gastwirth Rauch zu Mülheim a. M. al» Candidat für die Zweite Kammer für den Landkreis Offen« bach (Mülheim gel Heuffenftamm) aufgestrllt.

Troisdorf (bei Köln), 26. October. Gestern Abend erstach ein bisher unbekannter Mann einen Familienvater und verletzte dessen Schwager schwer.

* 3« Hochzeitswagen gestorben ist dieser Tage in Ber­lin die 40 Jahre alte Frau Auguste Kressin. Als mau zur Michaelkirche fahren wollte, wo die kirchliche Trauung stattfinden sollte, fiel plötzlich Frau Kresfin bewußtlos ihrem Manne in die Arme. Der HochzeitSwag-n kehrte um, man trug die Frau schleunigst in ihre Wohnung hinauf und rief einen Arzt herbei. Dieser konnte uur feststellen, daß mittler­weile bereits der Tod eingetreten war, vermuthlich infolge eine- Herzschlages.

* Neber eine schwere Soldateumißhandlung macht der Fränk. Kurier" Aufsehen erregende Mrttheilungen, die bis­her unausgesprochen geblieben find und anscheinend der Wahr­heit entsprechen. Darnach hat der Vater deS Mißhandelten, Weingärtner A. Bauer in Neckarsulm, beim Commando deS württembergischen Infanterie Regiments Nr. 122 zu Heil­bronn Strafantrag gestellt,weil sein Sohn Karl durch fortgesetzte Beschimpfung, schwere körperliche Mißhandlung und rechtswidrige Bedrohung mit dem MilttärzuchthauS zu Ulm in Verzweiflung und Tod getrieben worden sei." Der Fränk. Kur." berichtet:Diese an ergreifenden Einzelheiten reiche Tragödie begann mit einem Milttärprozeß zu Gmünd. Der alte Bauer hatte in den Jahren 1895 und 1896 vier Söhne beim Militär. Der älteste stand in der Garnison Gmünd, uud als dieser zum Unteroffizier befördert wurde, machte ein Feldwebel G. in einem WirthShauS die Be­merkung:Den Major möchte ich auch kennen, der den Jos. Bauer zum Unteroffizier avanciren ließ, so ein Esell" Diese Aeußerung büßte der Feldwebel G. mit drei Wochen Arrest und strafweiser Versetzung nach Heilbronn. Dort kam G. in die dritte Compagnie, wo seines Gmünder Wider­sachers jüngerer Bruder diente. Dieses Zusammentreffen war für diesen verhänguißvoll. Der alte Bauer hat auf Grund eines reichen Zeugenmatertals, das zur Hauptsache aus Civi« listenkreisen stammt, für folgende Thatsachen Beweise bei- gebracht: Niemals ist Karl Bauer mit seinem richtigen Namen angerufen worden- seine Anrede lautete vielmehr: Lump, Fetz, Tropf, Lausekerl, elender Seckel!" Einmal erhielt er einen so wuchtigen Stoß vor die Brust, daß er rücklings zu Boden stürzte und später noch eine Zeit lang wie betäubt torkelte. Wiederholt wurde er am Brunnen nackt auSgezogen mit Bürsten, Strohwischen und anderen rauhen Gegenständen derart gerieben und geschunden, bis er stark blutete. Im Manöver zu Riedlingen wurde Bauer siebenmal hintereinander ins Gesicht geschlagen, weil er nicht sofort die Instruction der Vorpostencompagnie nachsagen konnte. Kurz zuvor war Bauer von einigen Kameraden in Teppiche gewickelt und derart gehauen worden, daß er vor Schmerz und Verzweiflung zum Fenster hinauSzusprivgen versuchte. Dieser erste Selbstmordversuch mißglückte. Als er sodann zu Riedlingen durch die Schuld seines Lieuteuauts um acht Minuten verspätet antrat, erhielt er sofort drei Tage Arrest und Schläge mit dem Säbel. Diese Hiebe waren derart wuchtig und schmerzerregend, daß Bauer laut zu weinen begann. Und nun fiel die furchtbare Drohung: Dich bringe ich tu diesem Winter noch in» Militärzucht« baufl nach Ulm." Nun war'» aus. Bauer griff tu seine» Quartier zum Gewehr. Der erste Schuß ging fehl. Der zweite zerschmetterte ihm Gaumen und ein Auge. DaS ge­schah am 17. September. Am 18. traf der alte Bauer in Riedlingen ein und fand seinen Sohn beim klarsten Bewußt­sein- jetzt erst erzählte dieser vor mehreren Zeugen seine ganze Leidensgeschichte. Am Abend deS 20. September wurde der alte Bauer wieder heimgeschickt, weil mau den Sohn außer Lebensgefahr wähnte. Wenige Stunden später starb dieser. Die m litärgerichtliche Untersuchung, die in Riedlingen sofort eingeleitet und durchgeführt wurde, ergab, so heißt es in dem genannten Blatt, nichts als einen Selbst­mord. Nun meldeten fich aber später Beamte uud angesehene Bürger von Riedlingen bei dem tiefgebeugten Vater und boten fich als Augenzeugen für die empörenden Szenen an. Unter« 8. d. M. wurde dem Beschwerdeführer die Eröffnung zu Theil, daß die Untersuchung begonnen habe- fie richtet fich gegen den Feldwebel GölShvf r und L eutenaot Rabe.