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27.11.1896 Erstes Blatt
 
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E^öener Anjeiger erscheint täglich, Wit Ausnahme d«S Montags.

Die Gießener Vamikienörüller Werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal brigelegl.

Erstes Statt. Freitag dm 27. November

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Datsche* Aeichstag.

132. Pleuarfitzuvg. Mittwoch, den 25. November 1896.

Vor sehr leerem Hause wird die Berathungder Justi-nooelle bet $ 244, die Beweisaufnahme betr., fortgesetzt.

Die Commission hat die Bestimmung eingefügt: In der Haupl- »erhandlung vor der Strafkammer in erster Instanz kann das Gericht die Erhebung eines einzelnen Beweises ablehnen, falls es die Tbat- sache, die dadurch bewiesen werden soll, einstimmig für unerh,blich «achtet. Die Gründe, aus welchen die Tha'.sache für unerheblich «achtet wird, find in dem Beschluß anzugehen.

Ein Antrag Munckel (frs. Vp.) will diese Bestimmung wieder streichen.

Ein Antrag Manteuffel-Buchka (cons) will die Be­stimmung auch auf die Verhandlungen vor den OberlandeSgetichten «nsdehnen.

Ein Antrag v. Strombeck (Ctr.) will dem Gerichte den Verzicht auf Erhebung eines einzelnen Beweises auch in dem Falle Gestalten, daß es die betreffende Thatsache für bereits zu Gunstm beS Angeklagten erwiesen erachtet.

Abg. v. Buchka (cons.): Schon nach der gegenwärtigen Recht­sprechung seien ja Land- und Oberlandesgerichte unter den ange- gebenen Voraussetzungen zur Ablehnung einer bestimmten BewetS- rrhebung bcrechtigt. Es liege kein Anlaß vor, den Oberlandesgertchten dieses Recht zu nehmen.

Abg. Stadthagen (Soc.) bestreitet, daß die Gerichte dieses Recht schon besäßen, indem er die bezügliche R-chtsprechung deS Reichsgerichts unter Berufung aus Stenglein bemängelt. Jedenfalls würde durch dessetbe das Jntereffe deS Angeklagten stark geschädigt. Auch falle ja dadurch der bezügliche Revtstonsgrund unzulässige Beschränkung der Vertbetdigung fort.

Abg. Schmidt-Warburg (Ctr.) stellt -in Abrede, daß eS sich «m eine unzulässige Beschränkung der 'Vertheidigung und um Be­seitigung eines ReotfionSgrundes handle. DtrseS Bedenken treffe JöchstenS auf den Antrag v. Buchka zu, drn er deshalb abzulehnrn Ute.

Abg. Munckel (frs. Vp.): Die Verpflichtung zur Erhebung eines angebotenen Beweises sei ein zu weithoolleS Recht des An­geklagter, bezw. der Vertheidigung. Der Zusatz der Commission ent­ziehe dem Angeklagten einen Schutz, den er nicht missen könne.

Geh. Statt) Lucas: Die Regierung habe in der Vorlage den Umfang der Beweisaufnahme ganz in daS Ermessen des Gerichts gestellt; dieses Er messen bade schon die Commtsston auf ein Minimum eingeschränkt. In et fier Linie empfehle er die Vorlage der Regierung, aber wenn das Haus sich für die Commtsfionkvorschläge entscheide, fo halte er bereit Annahme seitens der Regierungen wenigstens für möglich. Falle aber mit Annahme des Antrages Munckel jeneS Minimum des Ermessens der Gerichte über den Umfang der Be- »eisaufnahme fort, ,o halte er «S für durchaus unwahrscheinlich, daß die Regierungen dem zustimmen. Munckel bestehe freilich auf allen vorhandenen Garantien für die erste Instanz, aber dadurch entstehe eine zu große Verzögerung deS Verfahrens und außerdem

hätten ja die Garantien zu Gunsten des Angeklagten sich durch Ein­führung der Berufung hinreichend verstärkt.

Der Anliag o. Strombeck wird angenommen und mit dieftr Aenderurg die von der Commission vorgtschlagene Bestimmung.

S 270, wo die Commission das bestehende Gesetz abgeändert hat, wird in der Fassung der Commission angenommen, nachdem Geh. Rath v. Lenthe vergeblich um Wiederherstellung des bestehenden Gesetze« ersucht hatte. Der Paragraph betrifft den Fall, daß ein Gericht sich für unzuständig für eine Straisache erklärt.

Bei S 275 wird ein Antrag Schmidt-Warburg, daß ein Urthetl nebn Gründenbaldmöglichst" (stattbinnen drei Tagen") nach der Verkündung zu den Acten zu bringen sei, abgelehnt, ebenso ein Antrag Broekmann:binnen 4 Tagen."

S 293, betr. die Hauptoerhandlung vor den Schwurgerichlen, handelt sp ctell von den tun Geschworenen vorzulegenden Fragen. Die Commisfion hat daS bestehende Gesetz dahin abgeändert, daß die Haupts,age alle Thatsachen enthalten müsse, welche die wesentlichen Merkmale der den Angeklagten zur Last gelegten strafbaren Hand­lung bilden.

Abg. v. Buchka (cons.) beantragt Wiederherstellung des be­stehenden Gesetzes, in welch-m die Angabe aller bezüglichen That­sachen nicht vor geschrieben ist. Redner bekennt sich, seinen Antrag empfehlend, als Gegner der Schwurgerichte. Daß, wie man be­haupte, die Schwurgerichte ein Palladium seien, sei nichts als Phrase.

Geh.-Rath Lucas empfiehlt gleichfalls die Wiederherstellung deS bestehenden Gesetzes.

Abg. Munckel (frs. Dp.): Ob wir dies thun oder nicht, jedenfalls hoffe ich, daß die Geschworenen-Gertchte trotz der Gegner­schaft v. Buchkas bestehen bleiben.

Der Antrag v. Buchka wird sodann einstimmig angenommen.

Bet S 344, Verzicht auf Einlegung eines Rechtsmittels, beantragt

Abg. Stephan-Beuthen (Ctr.), daß bis Ablauf der gesetz­lichen Frist der Verzicht auf das Rechtsmittel widerruflich bleiben solle.

Der Antrag, der durch den Antragsteller und die Abgeordneten Haußmann, Lenzmann, Schmidt-Warburg vertheidigt wird, namentlich unter Hinweis auf die mancherlei Einflüsse, die auf einen Verurth Uten einwirken, um ihm den Verzicht auf das Rechtsmittel vortheilhaft erscheinen zu lassen, wird mit großer Dichtheit an­genommen, nachdem Seitens des Ministers Schönstedt und deS Abg. Günther nur formale, die Strafvollstreckung betreffende Be­denken gegen ihn erhoben worden waien.

Auf Antrag v Strombeck wird ferner $ 352, von der Be­schwerde handelnd, dahin erweitert, daß Beschlüsse des Landgerichts als Beschwerdeinstanz auch bann, wenn sie die Unterbringung in eine Jr enanftalt betreffen, durch weitere Beschwerde angefochten werden können.

Mu 8 354 beginnen die Bestimmungen über die Berufung.

Em Antrag Beckh, Munckel, der von dem Abg. Munckel befürwortet wird, will als wetteren Absatz hinzufügen: Die zum Nachtheile des Angeklagten eingelegte Berufung gegen ein Straf; kammerurtheil kann nur auf neue Thatsachen ober 93 wetsmitiel ober darauf gestützt werden, daß daS Urthetl auf einer Gesetzesverletzung beruhe.

Abg. Beckh beantragt für den Fall der Ablehnung dieses An­trages die Berufung auszuschließen, falls ein Angeklagter einstimmig freigcsprvchen ist.

Geh.-Rath v. Benthe eiflärt sich gegen beide Anträge. Die Regierung habe mit der Berufung nicht ein einfeitigtö Ben fict^m den Ang klagten schaffen, sondern nur einer Forderung der Ge­rechtigkeit entsprech n wollen. Beide Antiäge werden abgelehnt und die Bestimmungen über die Berufung angenommen.

Morgen 1 Uhr: Socialdemokratische Interpellation betreffend Besteuerung der Consumvereine in Sachsen. Justiznov-lle.

Schluß 57t Uhr.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. November. Der Arbeitsausschuß der Berliner Gewerbe AuSst'.llung von 1896 versendet an die Zeichner deö Garantiefonds ein Rundschreiben, durch das fie zur Zahlung von zunächst 30 pCl. der gezeichneten Beträge aufgefordert Werken j die Schlußrechnung werde sich erst, in geraumer Zeit fcststellen laffen, da sich die Höhe der Kosten der sehr beträchtlichen Abbrucharbeiten und der W eher» Herstellung des Parkes zur Zeit noch nicht genügend über­sehen läßt.

Wolfis telegraphisches Correlvondeni-Bnrea»

Berlin, 25. November. Ein Artikel derNordd. Allg. Ztg." führt auS: Der Verzicht der Bankierskreise auf die Eintragung in daS Termin re gi ster schwäche nicht ab, sondern verschärfe die Wirkung deS Gesetzes, das Börsen- spiel Unberufener einzuschränken- da die Eintragung die RechtSwirksamkeit begründe, werde eS alsdann klagbare Termingeschäfte überhaupt nicht geben. Die Berufung auf Treu und Glaub.-u mag für die internen Kreise des Börsen» Handels Geltung haben, jedenfalls mache die Nichteinnagurg eS ungleich gewagter, mit dem spielenden Prtvaipudl.kum, insbesondere dem mittellosen, sich in Termingeschäfte einzu- laffen. Die Gesetzgebung habe keinen Grund, mit der Wendung der Dinge unzufrieden zu fein.

Hamburg, 25. November. 1 80 englische Arbeiter trafen aus Grimsby ein, um Arbeit anzunehmen. Weitere Arbeiter werden erwartet. Die Ewerführer stellten den Baasen heute Forderungen zu, dte eine Lohnerhöhung von 60pCt. betragen sollen. Da die Baasen dies ablehnten, schließen sich die Ewerführer morgen dem AuSstande an.

Feuilleton.

Frankfurter Dries.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.)

RoSmerSholm im Cchaufpielhanse. Wilhelm Trübuer- und Hermine von Prenscheu'AuSftelluog bei Bangel. Chrysanthemum- Ausstellung im Paimeugarteu.

Dr. M. Ein ernster Gast, der am SawStag im Schau- spielhause zu Frankfurt a. M. seinen Einzug hielt und dort auch mit allen Ehren und mit fast andächtigen Gefühlen empfangen wurde, ist dieses vieractige RosmerSholm, welches die Reihe der gedankenschweren, mit Mysticismu» versetzten Dramen JbsenS einleitet. Bel der Besprechung eines solchen Werkes weiß mau füglich nicht, wo man anfangen, Ms man aufhören soll, ob man zuerst von den Menschen, die -sich da vor unS entwickeln, reden soll, oder von den Gedanken, die fie bewegen und die der Dichter durch fie zum Ausdruck kommet? läßt. Es ist keine abgezogene L:bensweiSheit, keine Philosophie im landläufigen Sinne, was wir ausRoSmerS» Lolm" schöpfen, sondern dte Kenntniß eines Stück Menschen­lebens, durch welches allerdings all die den ernsten Sinn bewegenden Gedanken, ja, was noch mehr heißen will, die Jnstincte, die Ahnungen einer neuen Zelt hindurch geleitet sind. Da ist die vornehme, innerlich vornehme Gestalt deS Pastor Johannes RoSmer, der von den zukünftigen AdelSmenscheu träumt, von einem Glück, erschaffen für Alle :i*b durch Alle. DaS ist daS starkgeistige Weib, die 'Rebekka West, die Frau, die keine Borurtheile, aber auch Keine Rücksichten mehr kennt, halb Heroine, halb Verbrecherin, »allerdings ein Geschöpf auS btm Bollen. Zu diesen Haupt» siguren treten ergänzend: der Rector Kroll, der starre Der- ssechter deS Herkommens und Ueberlieferten, sein Gegensatz ß» Allem der geniale Lump Ulrich Brendel, der mit «tuen Ideen und Idealen in seiner Jugendzeit wie ein König verschwenderisch umgegaogen ist, um dann beim herein- -rechenden Alter bettelarm dazustehen, vom Wintersturm der k-iusamkeit umtost, ein Jdsen'fcher König Lear, auch wie dieser mit Men untrüglichen Kennzeichen deS Wahnsinns. Was

Brendel nicht hatte, besitzt der Redacieur desLeuchtfeuer", der radikale Politiker MortenSgard, in hohem Grade: Selbstbeschränkung, kluge- Abwägen der Für und Wider. Die Figur ist nur Episode, aber fie bringt einen Typus, den Typus der Menschen, die fich bet einer Partei duichzusetzen und zu behaupten wissen, well sie zwar keine Ideale, aber dafür Taktik besitzen. Und zum Schluß noch die schlichte Figur der alten Haushälterin, die mit der Art auf RosmerS­holm Bescheid weiß- fie sagt und denkt nie etwas, was über ihre BildungS» und Anschauungssphäre hinauSginge, aber mit ihrem ganzen Wesen vertritt fie gleichsam daS Durchschnitis- urtheil der glatten, gutmütigen Weitklnder.

Und zwischen diesen Gestalten gehen nun die Geister deS Alten, Todten und die des neuen, anbrechenden Tage- hin und her und weben ihr geheimnißvolleS Schicksalsnetz. Nur unter nordischem Himmel konnten diese Gestalten reifen! Hat man lange unter ihnen gesessen, dann fühlt man sich in seinem Denken auch eine Zeit lang über die gewöhnliche All tägllchkeit hinauSgehoben, aber das Herz krampft fich eigen- thümlich zusammen, fast will eS Einem Ibsen gegenüber gehen wie der Rebekka West, als sie den Ausspruch thut: Die Lebensanschauung der RoSmer adelt, aber sie bricht das Glück."

Die Frankfurter Bühne hat Künstler, die fich auf die Darstellung der Jbsen'schen Men'chen verstehen und niemals die schweren, tief bohrenden Gedanken dieses Dichters in Theaterfeuer verpuffen laffen. Frl. Doch (Rebekka), Herr Bauer (RoSmer), Herr Diegelwann (Rector Kcoll), Herr Hermann (Ulrich Brendel), Herr Bolz (Redacteur MortenSgard), und Frau Freund (Haushälterin), fie Alle hielten die gedämpfte Tonart, in welcher selbst die Affecte gebrochen klingen, von Anfang bis zu Ende mit schönem, sicheren Berständniß für den Geist deS Drama- fest.

Die gegenwärtige Ausstellung im Bangel'schen Kunst s alou bringt unS mit Werken erster Künstler in Berührung, solcher Maler, die die Natur auS erster Hand lieben und dabei durch den Zug zum Großen vor dem Haften- bleiben im Kleinen nnd Kleinlichen geschützt sind. Heber die Werke Wilh. TrübnerS ließe sich gar viel schreiben, denn fie wirken schon durch den Stoff. Sine Lady Macbeth,

ein Gigantenkampf, eine Amazoneuschlacht geben dem Berichterstatter eine Fülle von Gesichtspunkten und Ver­gleichen an die Hand. Die Hauptsache jedoch ist, daßTiübner sich in allen seinen großen monumentalen Entwürfen vom malerischen Standpunkt beherrscht zeigt und diesen niemals etwa dem poetischen Einfall opfert. Nicht ganz daS Gleiche möchten wir von Frau Hermine von Preuschen Tele­mann behaupten. Nicht, daß sie Ideen malt, machen wir ihr zum Vorwurf, sondern, daß sie sie nicht immer voll­ständig malt, daß die Idee über fie hinauSwächst und die technischen Mittel, mit welchen sie zur Elschelnung gebracht werden sollte, vergewaltigt. DaS ist der Fall bei dem großen symbolischen BildeASrasl, der TodeSengel", die Ftgur, die doch dämonisch wirken sollte, thut das eben nicht. Hingegen ist daS Beiwerk höchst stimmungsvoll, daS rothe Mohnfeld, welches das fich ewig erneuernde, üppig wuchernde Leden bedeutet, und der gewitterschwüle Himmel des Hintergrunds Alles zeigt, bis herab auf den kunstvoll ftlllfhten Rahmen, die reiche Farbenphantafie der Künstlerin.

Leer sind längst die Wälder, gelb die Stoppelfelder ...", wem sagt daS nicht jtber Gang ins Freie! Aber In seinem Palmengarten hat Frankfurt daS kleine Paradies, In welches herbstlicher Laubfall und Winterkälte nicht bringen. Leer wirds In der Blüthengallerle fast niemals im Jahr und gegenwärtig ist es eine herrliche Ehrhsanthemum-Aus- ftellung, so vollständig und so geschmackvoll arrangtrt, wie man fie fich nur denken kann, die daS Auge mit Entzücken füllt.

Wenn wir einen Blick werfen auf die neueste photo­graphische Aufnahme deS Prinzen von Wales, die in der Ka-ferstraße auShävgt, so sehen wir, daß Chrysanthemum noch immer die Modeblume der vornehmen Herrenwelt ist. Zu welch reizenden Variationen hat der Fleiß und daS Geschick der Gartenkunst diesen BlumentypuS hrraogebildet. Da sehen wir im Palmengarten Sorten, welche die Form der Feder­nelken haben, solche, die an die Pracht der stolzen Centifolie gemahnen, daun wieder andere, welche fich dem graziösen Fllederbusch anähneln, und mit diesem Wechsel der Formen hält her der Farben stets gleichen Schritt.