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26.11.1896 Zweites Blatt
 
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Gttßener Jhqdget erscheint täglich, M Au-nahme M Montags.

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Zweites Blatt. Donnerstag de« 26, November

Kichmer Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

Bierteljähriger AvoRncmentspreiss 2 Mark 20 Psß. mit vringerlohu. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfz.

ItebaetioN, Expeditiorr und Druckerei:

-chukgraße Nr.7. Fernsprecher 54.

AMrts- und AnZeigedlntt fnv den Hveis Gieszen.

«naahme von Anzeigen zu der Rachmitta-S für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bor«. 10 Uhr.

HratisSeikage: Gießener Jamilienölütler. |

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung, betreffend: Maul« und Klauenseuche zu Steinheim. Nachdem in einem Gehöfte zu Steinheim die Maul- «nd Klauenseuche amtlich festgestellt worden ist, wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Ge- höstsperre angcordnet worden ist.

Gießen, den 24. November 1896.

Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. Gagern.

Bekanntmachung

In den Gemeinden Oberquembach und Sanni« bach, Kreis Wetzlar, Liederbach, Kreis Alsfeld, Herz. Hausen und Wtldbach, Kreis Biedenkopf, ist die Maul- mid Klauenseuche amtlich festgestellt und GemarkungSsperre ««geordnet worden.

Gießen, am 23. November 1896.

GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

MM

Gieße», den 25. November 1896.

Zu« vefShiguug,oachweiS wird derKöln. Ztg." geschrieben: Ich schicke voraus, daß ich handelSgeschaftlich seit vier bis fünf Jahren täglich mit den Handwerkern deS Mützen« und KürschnergewerbeS fast ganz Deutschland« in verührurg komme und daher auch einigermaßen in der Hand- werkerbewegung stehe. Ich glaube von vornherein die Lage dieser meiner Specialbrauche als mit derjenigen der meisten Adrigen Gewerbe identisch bezeichnen zu dürfen, denn fast alle Gewerbe in handwerksmäßigen Betrieben haben Ber- kaufsläden, alle haben die Concurrenz der Fabriken, und wiederum bk meisten Handwerker kaufen nicht nur allein die fabrikmäßig billiger hergestellten Erzeugnisse fertig, fie

stad nicht »ur Händler für die Artikel ihrer Brauche, fonderu sie führen auch nach eine Anzahl Artikel anderer Branchen mit, die gar keinen anderen Zusammenhang mit ihrem Fache haben, als daß fie von derselben Kundschaft gekauft werden. Mau muß diesen einfachen Thatbeftand bet der Beurthetlung der heutigen Lage deS Handwerkers und bei ollen Reloim Vorschlägen fest im Auge behalten und aus ihm die Gon» s.quenzen ziehen. Der Handwerker ist zu drei Vierteln Händler, wie jeder kaufmännische Ladevtuhaber. Die Frage liegt nun sehr nahe, waS nutzt der amtliche BefähigungS« nachweis für das eine viertel feines Geschäfts, wenn er in falscher Auffaffung der heutigen Erfordernisse die übrigen drei Viertel vernachläffigt hat? Ferner, wenn er technisch gut geschult ist und heute die amtliche Befähigung erhält, Kürschner oder Mechaniker oder sonst etwas zu sein, aber wenn er feinen Blick für die Zett- und Modeveränderung und für Fortschritte der Technik nicht geschärft hat, dann ist er in kurzer Zeit nicht mehr auf der Höhe, und fein Patent wird ihm bet setuen Kunden durchaus nichts helfen, ja, es wird ihn nur tu seiner Bewegungsfreiheit beschränken. Die Hand« werker dürfen nicht vergessen, daß fie sich selbst durch die Bewegung zur Schaffung deS B'.fähiguugSuachweises den Blick trüben für de« einzig gangbaren Weg zur Ausbefferung ihrer Lage, den der beffereu Schulung auf dem Gebiete der kaufmännischen Befähigung zur Führung eines oder ihres Geschäftes. Ich bezweifele auch, daß in kleineren verbänden, wie fie doch durch die ZwangStnuungeu geschaffen werden, d'e nöthige Anzahl Intelligenzen vorhanden ist, welche sachgemäß die Geschäfte der Innung führe» und die Jntereffen aller ihrer Mitglieder vertreten können. Neid und Mißgunst würden eine große Rolle spielen, und Maß­nahmen würden getroffen, die erst recht die eigensten Jnter- esien der Handwerker schädigten. Dagegen halte ich die Handwerkerkammern für eine überaus segensreiche Ein« rlchtung, weil fie, für größere verbände bestimmt, mehr Intelligenzen zur Verfügung hat, weil diese Beschwerden über vermeintliche Zurückietzungen bei amtlichen Lieferungen oder Arbeiten bester durchführen können, weil fie besser und kräftiger für die Ausbildung des erforderlichen Nachwuchses in Fortbildungsschulen u. f. w. sorgen werden und weil zum

Schluffe die Haudwerkskammeru billiger für die Mitglieder find, als die ZwangStnnungen. Ich meine, daß die große« Erfolge der Handelskammern zu einem beträchtlichen Thetl der in ihnen vereinigten großen Intelligenz zu ver­danken find. Uob das ist auch der zwingende Grund für die Schaffung von Handwerkerkammern.

ZettuugStziebe. Wir lesen in derDffenb. Ztg?: Bei allen ZeitungS-Gxpeditionen gehören d>e Klagen über unregelmäßige Zustellung der betreffenden Zeitung zu den alltäglichen Dingen. Die Abonnenten haben der AuSirägerin irgend eine Stelle bezeichnet, an der die Zeitung nredergelegt werden soll, und die T'äzerin folgt dieser Willing; fie legt die Zeitung also entweder einfach auf die Treppe, vor die Thüre, unter die Thürvorlage oder aber fie steckt sie, waS wohl am häufigsten verlangt wird, in den Briefkasten und kümmert sich nicht weiter darum. Dabei kommt es denn saft täglich vor, daß die Zeitungen von Unberufenen sort- genommen werden, der Abonnent wartet dann voll Ungeduld Stunde um Stunde und nimmt fich endlich ärgerlich vor, am anderen Tage 'mal in der Expedition nachzusehen, woran daS denn liegt. Das ist ja am Ende ganz natürl ch, richtiger aber wäre es doch, einmal nachjusorschen, ob einmal der Aufbewahrungsort für die Z itung auch geeignet ist und ferner, ob nicht die fehlende Nummer vontollten" Zeitung«« lesern fortgenommen wurde. Für diese letzteren, die ent­weder Liebhaber billiger Lectüre find, oder vielleicht auch nur daran denken, den gefoppten Abonnenten zu ärgern, mag hier ein Urthcil etneS Berliner Schöffengerichts mitgetheilt sein. Eine Arbeiterfrau hatte einer Nachbarin die^ vor die Thüre niedergelegte Zeitung fortgenowmen^ fie wurde er­mittelt, wegen Diebstahl S angezeigt und zu einem Tag Gr f äugniß verurtheilt. Die Frau legte gegen dieieS Er- kenntniß Berufung ein, da eine Gefängn'ßstrafe für ein Stück bedrucktes Papier ihr doch zu how er chien. vor­gestern aber hat die Strafkammer das Urtheil der ersten Instanz bestätigt, die Frau muß also ihren Tag absitzen und die Kosten beider Instanzen find so groß, daß fie dafür zehn Jahre die betreffende Zeitung hätte halten können. Alio: Hände weg von fremdem Gut weuu's auchnur eine Zeitung" ist?

Feuilleton.

Das Probejahr.

Bon E. Reinhold.

(1. Fortsetzung.)

Ich hatte mich inzwischen gefaßt und wollte reden, nichts Sanftes, den« obwohl ich sonst für einen guten Kerl galt, fetzt hatte mich ein furchtbarer Grimm gepackt gegen Alwine, die ich wohl nicht mit Unrecht für die intellectuelle Urheberin H« mir eben gehaltenen Predigt hielt, und gegen den Alten, - er fich von dem Drachen hatte beschwatzen laffe«. Mein Haupttrumpf, den mir noch im letzten Augenblick ein gütiges Geschick in die Hand gespielt, war überstocheu. Doch der Alte war mit seiner Rede noch nicht zu Ende.

D . . ist weit/ fuhr er fort,unb Du kannst mir »« dort au« leicht ein X für ein U machen und ich kann« «sicht coutroltren. Darum wird die Alwine zu Dir gehen flr das Jahr. Du hast Jemand im Hause, auf den Du Mich verlassen kannst, und ich Jemand, der eir ordentlich über Dich berichtet?

Ich lachte bitter auf.

,$iu Probejahr unter Alwinen- Aufsicht l Du könntest «ich lieber gleich in die Hölle schicken, Alter!"

Er sah «ich von oben bis unten an.

Wärest vorher ein verläßlicher Kerl gewesen, wär'S »«ch nicht «öthig. Brauchst übrigens die Alwine nicht mit« HNnehmen, fie bleibt lieber hier, und ich habe lange bitte« «Affen, ehe fie etnwilligte, aber dann schlag Dir die Rosel au- de« S»«u. Also überleg DirS?

Damit ging tx hinaus. Aa der Thür drehte er fich vwch einmal um.

,T)le Rosel brauchst Du hier nicht z« suchen, die habe« Wir heute früh wo anders hin expedirt. Wohin, geht Dich Wicht- an. Schreiben sollt Ihr Euch nicht. So, nun weißt Hörscheid. G flennt hat fie übr-.geu-, da- kann ich Dir zu« »roste fegen?

Ich blieb zurück i« dem kleine« Privatzimmer und tobte zunächst «»ch eine Weile wie ein gefesselter Stier. Aber schließlich Helte ich euSgetobt, meine Gedanken begannen fich l,i ordnen, und de ergriff mich ein Gefühl tiefer Beschämung. Bittere Sachen hatte mir ter Alte gefegt nud noch dazu in s,ü«er Aotzigen Manier. Aber hotte er unrecht? Konnte

ich wirklich Anspruch auf besondere Hochachtung machen? Mußte ich mich nicht erst bewähren? Aber, regte fich in mir der Zorn, hatte ich nicht den besten Willen gefaßt, schon vor der Predigt, meinen Platz auf der Welt ordentlich aus» zufüllen? Da mahnte wieder daS Gewissen, daß mir für die Zukunft allerdings so ein idyllisches Schlaraffenleben in D . . vorgeschwebt. Doch war eS darum nöth'g gewesen, mich so gleichsam unter Euratel zu stellen? Hätte nicht die Standpauke genügt, wir heu rechten Weg zu weisen? Nun sollte ich von einem Frauenzimmer überwacht werden, daS kaum fünf Jahre älter war als ich? Ich zählte fast ein- unddreißig, fie fünfunddreißig, ich war derLumich", sie daS Muster von Fleiß und Klugheit. Mußte ich mir daS gefallen lassen?

So stritten Zorn und Scham in mir um die Oberhand und verschmolzen schließlich zu einem finsteren Trotz. Ja, ich wollte die Bedingung annehmeu, ich mußte ja, Rosel- toegen; ich wollte den Cerberus mit mir schleppen, aber, das nahm ich mir vor, unterbuttern lassen wollte ich mich nicht. Ich wollte wirthschaften nach bestem Dissen und Ge­wissen, mochte fie dann berichten, wa- fie wollte, aber da- sollte fie fühlen: imweißen FuchS" war ich der Herr.

Wenige Tage später konnte ich mit Alwine nach D .. absocken. ES war, so viel ich mich erinnere, die interessanteste Fahrt meine- Lebens. Ich betrachtete die Landschaft nach der rechten Sette, fie nach link-, wie eS schien, ebenso wie ich in angenehmen Träumereien von unserem bevorstehenden Zusammenleben versunken. AlS ich mich o« der Landschaft satt gesehen, fiel eS mir plötzlich ein, meine liebe Tante in epe mir zu betrachten. Ich bemerkte zum ersten Male, baß fie eigentlich recht viel Aehnlichkeit mit Rosel hatte, dieselbe rundliche Gestalt, nur noch voller,aufgeblähte?, natürlich, dieselben GefichtSzüge, nur ohne den bestrickenden Liebreiz der ersten Jugendsrische. Wenn Rosel, wie fie äußerlich der Tante glich, tm Laufe der Jahre auch ihre Characterzüge fich aneignete? Mich packte kalter GrauS und ich ließ von dem gefährlichen Studium meiner verhaßten Begleiterin ab.

Es war Nachmittag, al- wir in D . . ankamen. Alwine wachte fich mir, ich muß daS rühmend anerkennen, gleich bei unserer Ankunft dadurch angenehm, daß sie sofort aus meinem Gefichi-kreise verschwand. Ich zog mich gleich nach dem Comptoir zurück, stärkte «ich zuerst durch einen Cognac und ließ mir baen den Oberkellner kommen. Der Marne

machte mir einen vertrauenerweckenden Eindruck, als er mir Bericht erstattete.

Wissen Sie, Herr Schultz? erklärte er mir offen,es ist imWeißen Fuchs" nicht mehr olles so, wie eS sein soll. Der alte selige Herr wurde tm letzten Jahre arg von der G cht geplagt, da wollte er vom Geschäft nicht mehr viel wissen. Ich durfte ihm mit nichts kommen, und selbst konnte ich nicht- machen. Er wollte immer nur noch herauSziehen aus dem Geschäft, aber nichts hineinstecken. Dabei kommt nicht- 'rau-. Auch sonst kam Mancherlei vor. Die Stamm­gäste wollten anderes Bier haben, aber der Herr wollte nicht. Da find fie denn meistens weggeblieben und wenn wir jetzt" eS war Hochsommernicht gerade da- bischen Touristenverkehr hätten, wüßten wir rein zusetzen?

Das war ein Klagelied.

Hw? meinte ich,sollten die Stammgäste fich nicht wieder heranziehen lassen?"

Ei freilich, Herr Schultz, heute kommen fie sicherlich alle, weil sie neugierig find auf den neuen Wirth. Da ließe fich das schon wieder in- Geleise bringen."

Also daS Bier ist schlecht. Holen Sie mir doch einmal ein GlaS?

Das Bier kam, ich kostete- e» war Jauche, da- war keine Frage.

Pfui Teufel? rief ich,da- gießen Sie 'mal in den Rinnstein. Wie ftehts denn mit dem Essen, mit den Z'wmern, mit der Bedienung?"

Ueber alles wurde geklagt."

Do! Na, daS muß also alles ander- werden. Vor Allem wollen wir 'mal andere- Bier einsühren. Ist guter Bowlenwein da?"

O ja, den haben wir."

Gut. Dann setzen wir eine Bowle an für heute Abend für die Stammgäste zur Bewillkommnung. Und be­stellen Sie in der Küche, daß pikante Schniitchen zurecht­gemacht werden und nicht zu wenig. Wir werden die Dache schon machen, teafl ?"

»Ich denke, Herr Schultz, eS soll schon wieder Leben in die Bude kommen. Die Antritts-Bowle und die Schnittchen find eine gute Idee, Herr Schultz?

(Fortsetzung folgte