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Rr. 174 Drittes Blatt. Somrtag dm 26. Juli
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Amts- und Anzeigrdlatt für den Kreis Gieren
Hratisöeitage: Gießener Aamikienökätter.
Wnnahmt VON Anzeige» zu der Nachmittags für de» falzenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
ßischen Bureaukratie gescheitert. Gestern habe man den ReichS- Etsenbahnen da» Wort geredet und einen Schwanengesang darüber angestimmt. Nun sei für ihn doch klar, und auch für jeden, der eS eivsehen wolle, daß, jemehr Preußen sein Eisenbahnnetz mit anderen Staaten erweitere und vereinige, destomehr werde der Gedanke au Reichseisenbahnen in die Ferne gerückt. Denn jemehr Bahnen sich Preußen angeeignet habe, desto mehr und desto fester wird eS dieselben in der Hand behalten. Er würde wohl dem Vertrag zuftimmen, wenn er nicht die soeben angeführte Ueberzeugung habe. Er könne dieses aber nicht, weil er nicht wolle, daß Hessen so einfach und ohne Weiteres an Preußen ausgeliefert werde. Daß diese seine Anschauungen nicht vom particularistischen Standpunkt aus zu beurtheilen seien, das brauche er wohl nicht zu versichern. Für seine Partei seien die Grenzpfähle nicht vorhanden. Er wird gegen den Vertrag stimmen.
Abg. Metz-Gießen warnt nochmals vor der Annahme des Vertrags, der dem Lande keinen Nutzen bringe. Werde derselbe angenommen, so wünsche er, daß daS zum Segen des HeffenlandeS sei.
Abg. Bähr (sehr oft unverständlich) beleuchtet die Verhältniffe auf der Main-Weserbahu in entgegengesetztem Sinn wie gestern der Abg. Vogt unter ungeheurer Heiterkeit des Hauses. Er wird gegen den Vertrag stimmen.
Geh. Obersinanzrath Ewald gibt dem Hause Auskunft über den von dem Abg. Bähr angefochtenen Etat der Oberhessischen Eisenbahnen. ES sei auch bisher kein Zweifel darüber gewesen, daß die Beamten der Ober- hessischen Bahnen, wie auch der LudwigSbahn, beim Ueber- tritt in das neue Verhältniß in keiner Weise geschädigt werden. Auch bezüglich deS Penfionsverhältnisies dürften die Beamten der Zukunft ruhig entgegensehen. So würde die Ablegung deS FinanzexamenS erster Kategorie eine Anstellung als Etsenbahnsecretär mit sich führen. Im Allgemeinen würden die Verhältniffe der Beamten gebeffert.
Geh. Oberbaurath Wetz gibt auf eine Anfrage aus dem Hause bezüglich deS gemeinschaftlichen Betriebs der ein- zelnen Etsenbahnstrecken in eingehender Weise Auskunft.
Staatsminister Finger: ES sei heute und gestern der Regierung der Vorwurf gemacht worden, daß sie den Vertrag u. s. w. zu so später Stunde dem Landtage zur Vorlage gebrockt habe. Er habe die Gründe, warum dies geschehen, dem Hause schon mitgetheilt. Er will dieses aber heute noch einmal thun. Die Regierung habe sich seit einem ganzen Jahr bemüht, diesen Vertrag zu Stande zu bringen. Aber erst
Ars- den Verhandlungen der Zweiten Kammer der hessischen Stände.
nn. Darmstadt. 24. Juli 1896.
Die Berathuugeu über den preußisch-hesfischen Etaatsvertrag wurden heute um 9 Uhr Vormittags fort- «setzt. Am Mintstertisch: Staatsmintster Finger, Finanzminister Weber, Oberbaurath Wetz, Minifterialrath Dtttmar und die RegierungSräthe Elemm und Welker. Aach der Verkündigung einer Anzahl von mündlichen Berichten ergreift der Abg. Metz-Darmstadt das Wort. Er betont, daß er es für unmöglich halte, daß man tu so kurzer Zeit eine so wichtige Materie, wie eS der vorliegende Der- trag doch sei, zu beurtheilen in der Lage sei. Er habe diese Sosicht auch von Anhängern des Staatsvertrags aussprechen hören. Er hat an dem Staatsvertrag eine ganze Reihe von Ausstellungen zu machen. ES liege ihm schwer auf dem Herzen, daß Heffen den schönen Thetl der hessischen Lud- mizSbahn und den Antheil am Frankfurter Bahnhof aus- gebe, auch das Aufgeben der Oberhessischen Bahnen trotz ihrer Einbuße an Betriebseinnahmen und das spätere tziabrocken der Main - Ne ckar - B ahn. Er bedauert, daß mau die VerkaufSbedinguugen der Kammer nicht zur Be- rathung vorgelegt habe. Vielleicht hätten dann doch noch Verbesserungen und günstigere Bedingungen herbeigeführt tverden können. Aber die Raschheit, mit der Herr Staatsminister Finger diese Sache betrieben habe, lasse darauf schließen, daß man den Schluß des Landtags zur Durchdringung der Vorlage benutzen wollte, um einen für blt Regierung günstigen Beschluß herbeizusühren. Indem er diese Erklärung abgebe, werde er trotzdem dem Vertrag zastimmev. ~ v ,
Abg. Jöst ist nicht in der Lage, den Standpunkt ein- zunehmen, wie sein Vorredner. Heffen habe bei der Führung Preußens schon sehr viel üble Erfahrungen gemacht und auch ter neueste Vertrag werde noch später eine ganze Reihe von Enttäuschungen bringen. Noch niemals sei der preußischen Monarchie noch nicht so viel Lob gespendet worden, wie in der hessischen Ständekammer. Man wiffe doch ganz bestimmt, daß Preußen bei vielen Einrichtungen zur Verbeffe- rumg der volkSwirthschaftlichen Lage ein taubeS Ohr habe. Aach dem Fortschritt huldigt eS nicht und waS in Preußen selbst geschieht, daS wird auch in unserem Eisenbahnwesen eiatreten. Er kann nur wünschen, daß die Kammer Recht behalte in dieser Frage. Alle Reformen find an der preu-
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am 23. Juni sei dies gelungen. Die Regierung habe aber auch geglaubt, daß es eine Ehre und ein gutes Recht dieser Kammer sei, die sich soviel mit der Verstaatlichung der hessischen LudwigSbahn befaßt und die Initiative hierzu ge- geben habe, daß auch die Kammer ihr Wort dazu spreche. Er kann nur erklären, daß für die Regierung die Zurückweisung des Vertrags gleichbedeutend sei mit einer unbedingten Ablehnung. Die Regierung wiffe nicht, was sie mit einem zurückgewtesenen Vertrag machen solle. Er und sein College, der Finanzminister, würden zwar nicht von ihren Posten zurücktreten, wie eS von verschiedenen Seiten angedeutet wurde. Er wiffe aber nicht, wie er dem preußischen Ministerium gegenübertreten solle, da man dort der sicheren Annahme gewesen sei, daß daS hessische Ministerium seine Stände hinter sich habe. Seiner Ansicht nach haben die Herren, die den Vertagungsantrag gestellt, die Sache falsch angefaßt. Wenn man bet der preußischen Regierung etwas erreichen wollte, dann wäre es vielleicht bester gewesen, wenn die ganze Kammer sich hinter das Ministerium gestellt und einstimmig angenommen hätte. Damit wäre der hessischen Regierung eine Legitimation in die Hand gegeben worden, auf Grund deren sie mit Preußen weiter verhandeln konnte. Das sei eine Taktik gewesen, die gut war, aber wie die Herren jetzt handelten, schädigten sie diesen Vertrag in außerordentlicher Weise. Der Abg. Metz Gießen hätte allen Grund, die Jnter- esten von Oberheffen bester zu wahren- waS derselbe gegen den Vertrag vorgebracht habe, sei nicht weit her. Ueberhaupt die Herren von Oberhesten hätten eS sich zu überlegen, ob nicht gegen ihre eigenen Interessen nun diejenigen deS Landes stimmten. Er wendet sich nochmals an den guten Sinn de» Hauses. Die Regierung habe daS Möglichste gethan und daß ohne einen starken Rückhalt etwas anderes nicht zu erreichen war, und daß sich die Regierung mit diesem Erfolg beruhigt zufrieden erklärt.
Finanzmiuister Weber: Er wolle am Schluß der Debatte in eine gelindere Tonart übergehen, wie dies seither geschehen sei. Er giebt dem HauS Kenntuiß über die durch die LudwigSbahn-Verstaatlichung dem Staate zugefallenen Grundstücke, insbesondere über den Bahnhof zu Mainz mit 21 Millionen und den Bahnhoi zu Frankfurt am Main mit 12 Millionen 400000 Mk., sowie die Verwaltungsgebäude in Mainz mit 1 Million 650000 Mk.
Auf die geschäftlichen Excurfionen des Abg. Bähr will er nicht eingehen, sondern nur einen technischen Beamten in Schutz nehmen und zwar den Betriebsdirector Alt Vater
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Gießener Anzeig er
Gmerat-Unzeiger.
Fenilleton.
Wochendriefe aus der Residenz.
(Origtnalbericht des «Gießener Anzeigers*).
Z. Darmstadt, 24. Juli, rnichtmlg eines BolSbadeS. Ein Theaterscandal. Verstaatlichung der LudwigSbahn. Bon der Hochschule.
Eine Angelegenheit, auf deren Erledigung die Bevölkerung Darmstadts nun schon lauge vergeblich wartet und die schon oft Gegenstand lebhafter Verhandlungen gewesen ist, beschäftigte am vergangenen Montag wieder einmal eine Versammlung von Angehörigen der Vorstände hiesiger Kranken- taffen und deS Stadtverordnetencollegiums, denen sich noch mehrere Aerzte angeschloffen hatten. Der Vorsitzende theilte nach einer kurzen Begrüßung der Erschienenen mit, daß er «it den Herren Vertretern der staatlichen und städtischen Sehörden in Verbindung getreten sei und die günstigste Auf- «ahme mit seinen Vorschlägen gefunden habe. Im Ganzen seien die Kosten auf 400000 Maik veranschlagt und diese Summe sei bereit» zu einem billigen Zinsfuß in Aussicht gestellt. Das Ergebniß der sich anschließenden Erörterungen, bic natürlich hier nicht wtedergegeben werden können, war, baß man sich für die Errichtung eines große"- Brause- «nb Wannenbades, dem auch römisch-irische Bader -m gefügt werden sollen, entschied. Ein Gesuch an die Stadt- verordnetenversammluug wurde entworfen und gutgeheitzen, in dem ausgesprochen wird, „daß man in Bälde mit der Errichtung eines Volksbades mit Brause- und medicintschem Fad beginnen möchte." Hoffentlich wird nun endlich die ganze Angelegenheit baldigst erledigt, im Jntereffe der gesammten Bürgerschaft wäre daS dringend zu wünschen.
Ueber die segensreiche Thätigkeit der hiesigen O-rtSkrankenkasseu, derer Anregung auch die eben erwähnte Versammlung zu danken ist, gibt der neue Jahreß- temicht für 1895 Aufschluß, der in diesen Tagen erschienen
ist. Wir entnehmen seinem Wortlaute nur die wichtigsten, auch für weitere Kreise intereffante Angaben. Die Zahl der Mitglieder betrug im abgelaufenen Jahre 7552. Die Zahl der Erkrankungsfälle betrug 3166, die Summe der HoSpital- verpflegungStage 12636, die Gesammtsumme der Einnahmen belief sich auf 219027.29 Mark, die der Ausgaben auf 195963.11 Mark.
Gehen wir von diesem statistischen Berichte zu dem inter- effanteren über daS künstlerische Leben in der letzten Woche über, so müssen wir darin leider einen Theaterabend verzeichnen, der eine regelrechte „Radauvorstellung" schlimmster Sorte im Sommertheater brachte. Schon in der vergangenen Woche hatte man das „Schwank" betitelte Machwerk eines wie es scheint mit großem Selbstbewußtsein begabten jungen Dichterling« verdientermaßen auSgelacht. Trotzdem kündigte die Dtrection eine zweite Aufführung des „klassischen" Stückes an, zu der da» Publikum in dichten Schaaren herbeieilte, freilich nicht der Aufführung halber, sondern um thetl» selbst zu randaltren, thetl» um wenigsten» passiv bei der ganzen „intereffanten" Vorstellung anwesend zu sein. Die Vorgänge auf der Bühne waren denn auch Nebensache, man benutzte jede Scene de» albernen Machwerkes, um gegen den Autor zu demonstrtren. Sogar Kränze flogen auf die Bühne, aber Lorbeerkräoze waren eß nicht. Der Spectakel, der sich des Oefteren erhob, zwang die Darsteller mehrmals, die Vorstellung zu unterbrechen, zwischen dem Parterre und der Gallerte, die mit dem Lärmen gar nicht aufhöreu wollte, kam es oft zu Wortkämpfen, die jedoch meist zu Gunsten der Radaumacher endigten. Der gesittete Theil des Publikums war froh, als der Vorhang zum letzten Male fiel und damit der Theaterscandal, ein Wort, daS in Darmstadt seither nur seinem Namen nach bekannt war, sein Ende erreichte. Die gesammte Preffe, die zum Theil schon vor der Aufführung nicht versäumt hatte, eindringlich zu warnen, spricht sich denn auch über den ganzen Vorfall in der denkbar schärfsten Weise auS. Man verurtheilt da» Vorgehen der Dtrection, die sonst so Schönes und AnerkennenSwertheS geleistet, uunachfichtlich,
da sie sich in der allerdings reichlich erfüllten Hoffnung auf ein volles Haus zu der unwürdigen Comödie hergab. Nur gut, daß sie schon am nächsten Tage Gelegenheit fand, die Scharte einigermaßen wieder auSzumerzen. Man gab die Operette „Nanon" auf der Gartevbühne vor zahlreichem Publikum und für die letzten Tage der Woche ist ein Gast- spiel des Frl. Gies ecke vom Frankfurter Stadttheater an- gekündigt, das dem Darmstädter Publikum eine intereffante Bekanntschaft vermitteln soll. Auch das Gastspiel deS vor- jährigen Operettentenors, Herrn ElSner, zu Beginn der Woche fand reichen Beifall.
Für die nächste Zeit steht nun noch im Saalbau da» große Sommerfest der „HumanitsS", daS am SamStag des schlechten Wetters halber ausfallen mußte, und ein Concert von Meister Strauß aus Wien, der mit seiner ganzen Capelle hierher kommen wird, in Aussicht. Außerdem sucht zur Zeit ein „CirkuS Varist«" den Darmstädtern das seiner eigentlichen Bestimmung auf einige Wochen entzogene „Orpheum" zu ersetzen. Die Vorstellungen, die recht intereffant sein sollen, find dauernd gut besucht.
DaS Hauptintereffe beansprucht in der Oeffentlichkeit zur Zeit freilich ein politisches Thema, die Verstaatlichung der Hessischen LudwigSbahn. Nicht allein in der Kammer, sondern auch in der Preffe kam eS zu lebhaften Debatten, in denen namentlich die »Hessischen Volksblätter" unter Darlegung ihrer Gründe gegen den Vertrag mit Preußen als für unser Land außerordentlich ungünstig pole- mtfiren. Jedenfalls wird die ganze Angelegenheit noch lange nicht zur Ruhe kommen und zu den verschiedensten Erörterungen Anlaß geben.
Der Lehrkörper unserer Hochschule hat in den letzten Tagen einen Zuwachs erfahren. Die durch Otto RoquetteS Tod erledigte Professur für Literaturgeschichte ist nun definitiv Herrn Dr. Otto Harnack auS Weimar übertragen worden, der im nächsten Semester seine Lehrthätigkeit aufzunehmen gedenkt.


