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26.4.1896 Drittes Blatt
 
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Sir. 98 Drittes Blatt. Sonntag den 26. April

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Zur Lage der deutschen Industrie.

LLine zwar langsame, aber doch recht erfreuliche Hebung IM Geschäftes in den wichtigsten Zweigen der deutschen Jn- vnftrise scheint darauf htnzuwetsen, daß die wirthschaftttche Üigt der Industrie sich allgemein gebessert hat. Befriedi« Ijtnt Hauten au» mehreren rheinischen, westfälischen und sächfi» Ster Städten die Berichte über die bekanntlich dort sehr auS- Mdkhnte Textil-Jndustrie (Webwaaren in Seide, Baumwolle, Sollt u. s. w.) und auch von der Maschinen-Jndustrie hört non vielfach Gutes. Der Bericht der Handelskammer für Wrrfftld bezeichnet geradezu das Jahr 1895 als ein zMiggeS. Die lange geübte Zurückhaltung Nordamerikas »ctz ermäßigten Zolltarifs hörte endlich im zweiten Viertel- git)ie auf, und die dortige Nachfrage brachte wie mit einem Kuibrrfchlage Handel und Industrie zur Blüthe. Die Zahl Wir bn der Section Elberfeld der Rheinisch Westfälischen Dxil Genossenschaft (ohne Seide) beschäftigten Arbeiter stieg tscn 11,245 am 1. Januar 1895 auf 12412 am 1. Januar 1896 - HiLHne von rund 8,480,000 Mk. in 1894 auf 9,190,000Mk. litt 1895. Mit Recht betont die Kammer, wie nur durch Ntigrrung der deutschen Ausfuhr unsere Ausfuhr die Mittel W Ernährung der heimischen Bevölkerung beschafft werden Rinnen. Die Kammer empfiehlt ferner, die Webe-, Färberei- und Usprcturschule in Crefeld, sowie sonstige Fachschulen nicht tjr Ausländern zugänglich zu machen, da diese zu gesähr. Ilihrit Eoncurrenten herangezogen werden, und sie beruft sich «j Frankreich, welches dergleichen StaatSanstalren AuS- lihbein verschließt, und auf Anregung auS Sachsen. Auch

Anrtlichcr Tbeil.

Nr. 9 deS Reichs-Gesetzblatts, auSgegeben den 22. d. M., «thLt:

LNr. 2298.) Gesetz wegen Verwendung überschüssiger vitichSeinnahmen zur Schuldentilgung. Vom 26. April 1896.

Nr. 2299.) Bekanntmachung, betreffend Ergänzung der Vtlat ntmachung vom 5. Februar 1895 über Ausnahmen von Bei Verbote der Sonntagsarbeit im Gewerbebetriebe. Vom 20. April 1896.

LNr. 2300.) Bekanntmachung, betreffend die Aichnng von chwüchen Meßgeräthen. Vom 8. April 1896.

Gießen, den 24. April 1896.

GroßherzogltcheS Kreis amt Gießen.

v. Gagern.

in den meisten sächsischen Jndustrieplätzen hat sich der überaus flotte Geschäftsgang in den Textilwaarenfabriken innerhalb der letzten Wochen fast gar nicht verändert, und die allgemeine Lage ist fortgesetzt als eine sehr günstige zu bezeichnen. Große Hoffnungen setzt man auf die eingehenden neuen Aufträge der jetzt auf der Tour befindlichen Reisenden und erwartet man allseitig ein gutes Geschäft. Die Garnpreise find fest und bestimmt, und bei Effectgespinnsten haben die Garn­händler einen recht fühlbaren Aufschlag eiutreten laffen. Die Appreturanstalten, Färbereien und Spinnereien find ebenfalls flott beschäftigt. Recht fühlbar macht sich oft bei den Fabrikanten der Mangel an befferen Arbeitskräften. Bet andauernder Blüthe der Industrie wird aber dieser Mangel sicher bald beseitigt werden. Gegenüber diesem günstigen Stande in den wichtigsten deutschen Industriezweigen möchten wir noch hervorheben, daß derselbe ohne jeden Zweifel auch einen guten Einfluß auf die Hebung deS Handels und Verkehrs und auch auf bessere Bezahlung vieler landwirth- fchaftltchen Produkte auSüben muß, denn in der Gegenwart gilt wohl das Wort:Hat der Arbeiter Geld, hat'S die ganze Welt I" ebenso als richtig, wie daS alte Sprichwort: Hat der Bauer Geld, hat'S die ganze Welt!"

tMelM anh

W. SliebettoeifeL 23. April. Das Programm zur Ein­weihung der restaurirten Comthurkirche am 6. Mat d. I. ist wie folgt festgesetzt: Nachmittags um 4 Uhr versammeln sich die geladenen Gäste, die Johanniter-Ritter, die Geistlichen, die Schwestern im Krankenhause, vor welchem der Empfang deS von Laubach kommenden Herrenmeisters Prinz Albrecht von Preußen stattfindet. Hierauf Zug zur Kirche. EinwethungSrede deS DecanS. Rtttertag in der alten Kirche. Um 6^ Uhr Diner imHessischen Hos" zu Butzbach. Abends kurz nach 9 Uhr halten an diesem Tage die nach Süden und Norden pasfirenden v-Züge auf der Station Butzbach zum Mttnehmen von Passagieren.

Lanbach. 23. April. Ihre König!. Hoheiten der Grofi­tz erzog und die Grohherzogtn treffen am 8. Mai, Vormittags 11 Uhr, mittelst ExtrazugS hier ein und gedenken bis 6 Uhr Abends zu Besuch am hiesigen Gräflichen Hofe zu verweilen. Gin Comttö beschloß Schmückung der Stadt und Spalierbtldung durch Vereine und Schüler. Bei der Aufnahmeprüfung am hiesigen Gymnasium traten 29 Schüler ein, die GesammtschÜlerzahl ist

jetzt 146, gegen da» Vorjahr 16 mehr- in der 2. Klasse konnten wegen Platzmangel nicht alle Aufnahme- gesuche berücksichtigt werden- e» ist demnach als sicher auzu- nehmen, daß noch eine größere Frequenz unserer höheren Schule zu erwarten steht, wenn der geplante Erweiterungsbau vollendet sein wird.

Nidda, 22. April. Eine hiesige ältere Dame, welche trotz ihrer Blindheit auch in diesem Jahre den Fürsten BiSmarck mit einem Paar selbstgestrickter Strümpfe und ihrem Glückwunsch zum Geburtstage erfreut hat, erhielt heute ein von dem Altreichskanzler geschriebenes huldvolles Dank­schreiben aus FriedrichSruh übersandt.

n. Bad Salzhausen, 24. April. Gestern wurde mit den Arbeiten an der Bahnstrecke BeienheimNidda be­gonnen. Da die Erdarbeiter» stellenweise keine großen Schwierigkeiten bieten und die Fristen zur Fertigstellung deshalb kurze sind, wird wohl die Eröffnung dieser Linie gleich mit der andern FriedbergBeienheimHungen erfolgen können.

n. Altenstadt, 24. April. Einen prachtvollen Anblick gewähren eben die in unserer Nähe befindlichen große« Kirschenculturen, deren Bäume in vollem Blütheu- schmuck prangen und dadurch reichen Ertrag versprechen. Bis jetzt ist die Blüthezeit sehr günstig verlaufen- den« einerseits sank die Temperatur noch nicht so tief, daß sie die Blüthen zu vernichten im Stande gewesen wäre, während sie anderseits wieder nicht hoch genug ist, um die rasche Ent­wicklung der verschiedenen Schädlinge auS der Jnsectenwelt zu sördern. Auch find die blühenden Kirschbäume bei Roden­bach, Himbach und Engelthal schon durch ihre erhöhte Lage vor den Wirkungen etwaiger gelinder Frühjahrsfröste ge­schützt, da diese ja erfahrungsmäßig in den Thälern den meisten Schaden anrichten. Ebenso blühen bei Oberroßbach die Kirschbäume in der ganzen Längeausdehnung vom Löwen- Hof bis zum Forsthauö BetnhardS sehr reich. Auch von unseren übrigen Obstbäumen ist nur Gutes zu melden. Wenn sie auch bei dem reichen vorjährigen Ertrag nur wenige BlüthenknoSpen entwickeln konnten, so haben wir doch keinen nennenSwerthen Abgang zu beklagen, selbst nicht an jungen Stämmchen, denen der kalte Winter in 1894/95 und der heiße Sommer in 1895 stellenweise ja so sehr geschadet haben, daß durch den ErfrterungS- und Eintrocknungsproceß bis zu 65 pCt. zu Grunde gerichtet wurden. Dies ist namentlich der Fall gewesen in den nach Süden hin auS- laufenden Thälern des Vogelsbergs.

Feuilleton.

Surtur.

Novellette von CethegnS.

(2. Fortsetzung.)

8S waren unvergeßliche Stunden, die er mit ihr während i ktrnächsten Rächte hier in diesem Garten verbrachte, während s fit sich tagsüber meist aus den geräumigen Boden des : ßujeii zurückzogen. Auch sie stammte ntcht aus dieser 'Stpvd, der Zug deS Herzens hatte sie ziemlich weit Ih«, «uS einer, tote sie andeutete und wie auch das blau» f jfltinit HalSschleischen bewies, sehr vornehmen und ange- i »itotu Stellung hierher gesührt. Da sie sich aber schon f ftsi mehreren Tagen hier aufhtelt, kannte sie die Berhältniffe sjoziemlich, auch den heimlichen Verkehr von SurturS Herr »w tncm Mädchen, das sie als die Tochter der beiden Alten i ietj!i*nete. ES sei die einzige Person im Hause, der man L^oiegS trauen dürfe, der Schlimmste aber sei ein langer, tfeirer, bartloser Mensch mit einem Augenglase, der fast t tSjili inS HauS komme, unschwer erkannte Surtur au» 1 k« Beschreibung den Herrn Baron, seinen HauSgenoffen t m ctften Stock, und er beschwor seine Freundin, sich vor t iittei Ungeheuer in Acht zu nehmen.

Gie versprach eS ihm auch. Aber Liebe macht blind! (Btt$ Abends, als Surtur sich mit feiner Freundin in tih« dichten Rosengebüsch an einer gestohlenen Wurst er- qirit hatte, ließ sich die Eitle verleiten, trotz seiner War- i liegen auf die Mauer zu springen, um ihm einen Solotanz l mMhreu. Plötzlich tauchte an einem Fenster des Hauses IM @kftalt des Barons auf mit einer Flinte in der Hand, teer entsetzte Mahnungsruf SurturS kam zu spät im , Man Augenblick blitzte und krachte eS vom Fenster her und litt»oiige Dame hatte auSgetanzt.

Äuf den moralischen Zustand SurturS hatte dieses schMche Ereigniß eine unheilvolle Wirkung. Mit der imitBB Freundin war der Geist der Vornehmheit von ihm

gewichen, er hatte, wie man daS bei zweibeinigen Jüng­lingen zu nennen liebt, feine Ideale verloren und jagte nun wahllos von Dach zu Dach, den Freuden eines entgötterten Realismus nach, wie Faust von Begierde zum Genuß taumelnd und im Genuß nach Begierde verschmachtend, bis fein Fell struppig und fein Leib mager war und;r auSfah wie ein vollendeter vierbeiniger Lump.

AIS eS soweit mit ihm gekommen war, ging er am Morgen nach einer letzten großen Schlägerei, in der er den Kürzeren gezogen hatte, in sich und beichloß, fortan wieder in einem gesitteten Lebenswandel neue Straft zu edleren Zielen zu finden. Da eS zugleich heftig und andauernd zu regnen begann, so nahm er dies als einen Wink des Schick­sals und zog sich zunächst von dem Dache, auf dem er eine gute Zeit nachdenklich gefeffen hatte, durch ein für ihn be­quem zugängliches Fenster tu ein wohleingerichteteS Zimmer zurück. Hier erwartete ihn ein zweiter Wink des Schicksals in Gestalt eines fchöngedeckten FrühstückStische», und nachdem er auf diesem einen großen Napf voll Milch auSgeschleckt und dazu ein ansehnliches Stück Butter vertilgt hatte, befiel ihn eine solche Schläfrigkeit, daß er sich, aller Vorsicht baar, in eine Sophaecke zusammenrollte und fest einschlief.

O je," dachte er, als er noch einer Weile auswachte und zwei ältere Menschen weiblichen Geschlechts vor seinem Lager stehen sah,nun geht es mir an» Fell!" An eine Flucht aus dem Fenster war nicht zu denken, und so that er, was die Kriegskunst seines Volkes in solchen Lagen vor­schreibt, er begann sehr behaglich zu schnurren und blinzelte seine Gegnerinnen liebevoll an, während er zugleich für alle Fälle die Krallen heimlich anSzog.

Wie sehr aber erstaunte er, als die eine der beiden Damen sich ihm freundlich näherte und unverkennbar nur zum Streicheln die Hand an ihn legte, während sie der andern befahl, noch ein Schälchen Milch für den Sünder zu holen. ,Dafl arme Thierchen, was muß für einen Hunger gehabt haben sogar die Butter hat e» gefressen!" sagte sie.Und wie zutraulich eS Sie anfieht, gnädiges Fräu­

lein," erwiderte die andere,ordentlich wie unsere liebe Mifly!" Bei diesen Worten seufzten beide und daS gnädige Fräulein preßte ein Tuch an die Augen, Surtur ober riet sanft seinen Stopf an ihre Hand und schnurrte tröstend feine« Namen.

Jndeß hatte es draußen mehrmals geklingelt.

Sehen Sie doch nach," befahl das gnädige Fräulein, aber Sie wissen, für Niemand zu sprechen!"

Draußen hörte man Stimmen- nach einer Weile kam die Dienerin etwas verlegen zurück.

Gnädiges Fräulein, sie swill sich nicht abweisen lassen."

Mein Gott," erwiderte das gnädige Fräulein,also wieder eine Bettleicht, nicht wahr? So geben Sie ihr doch, Martha, geben Sie ihr, aber lassen Sie sie gehen."

Gnädiges Fräulein, es ist so keine, eS ist eine junge Dame Louise Weißmann ober ähnlich sie sagt, sie müsse Sie sprechen, eS gehe um ihr Lebensglück, sie müsse"

Halten Sie daS Thier auf!" rief daS gnädige Fräu­lein, aber Surtur war bereits durch die Thürspalte ge­schlüpft und kreiste draußen mit ausgestrecktem Schwänze liebkosend nm die Besucherin, in der sein Blick die Freundin seines Herrn erkannt hatte. Freundlich streichelte sic den liebenswürdigen Vermittler.

Da» gnädige Fräulein sah erstaunt, aber entwölkten Angesichts auf die beiden.

Lieben Sie die Thiere.?" fragte sie.

O, sehr!" antwortete daS junge Mädchen.

Die alte Dame musterte zufrieden daS hübsche Gesichtchen.

Nun bitte Platz zu nehmen was führt Sie zu mir ?"

Da» junge Mädchen faltete flehend die Hände:

O, gnädiges Fräulein, helfen Sie mir, daß ich »icht durch Ihr Vermögen unglücklich werde."

(Schluß folgt.)