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Donnerstag den 26. März
73
Erstes Blatt.
189«
Gießener Anzeiger
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Hratisöeikage- Gießener Jamilienötätter. 7n,'r7^7«7r^7n^!7^
Aus den Verhandlungen der Ersten Kammer der hessischen Stände.
nn. Darmstadl, 24. Mär; 1896.
Unter dem Vorsitz des ersten Präsidenten Fürst Isen- burg-Büdingen trat heute Morgen um 10 Uhr die Erste Ständekammer zu einer zweitägigen Session zusammen. Ja rascher Folge erledigte das Hau» die umfangreiche Tagesordnung, indem die Uebereinstimmung zu den Beschlüsien Zweiter Kammer ausgesprochen wurde. Nur bet der Vorlage der Großh. Regierung, die Herabsetzung des Zinsfußes bet Darlehen aus der Lande-credilkasie oon 4 pCt. auf 3*/2 PCt. beschloß das HauS dem Antrag des Commer- cienrath Michel gemäß einstimmig, den Zinsfuß auf 3l/| pCt. festzusetzen, lehnte dagegen einen Antrag des gleichen Abgeordneten, die T'.lgungSquote von 1 pCt. auf l/2 pCt. herabzusetzen, einstimmig ab.
Der in der Zweiten Kammer gefaßte Beschluß, die B e« leih ungSgrenze von 50 pCt. der ortsgerichtlichen Taxation auf 2/3 deS TaxationSwertheS zu erweitern, wird einstimmig abgrlehnt.
Die geforderten Summen für Erwerbung von Gelände zur Vergrößerung des Geländes der technischen Hochschule sowie für die Errichtung eines Baues zur Erweiterung des electrotechnischen Instituts, werden ohne Debatte genehmigt.
Der von der Zweiten Kammer beschlossenen Aufhebung drk Weinsteuer-GesetzeS vom 9. Dezember 1876 be antragt der Finanzausschuß des hohen Hauses, nicht beizutreten. — Commerctenrarh Michel weift darauf hin, daß daö jetzige Wetnsteuergesetz überhaupt nur noch ein Torso sei. Er kann überhaupt nicht verstehen, warum die Regierung auf Beibehaltung eines so mißliebigen Gesetzes noch Werth legen könne. Dies sei geeignet, Mißstimmung in.den Reihen der hessischen Winzer hervorzurufen. Er hofft nicht, daß die Regierung zu dem jetzt bestehenden Gesetz zurückgreifen werde, denn dieses sei daS denkbar schlechteste, was man nur haben könne, und daS nur geeignet sei, dem kleinen Winzer zu schaden. — Finanzminister Weber erklärt, eine Weinsteuerdebatte nicht mehr Hervorrufen zu wollen. Die Regierung habe der Zweiten Kammer ein auf anderen Grundsätzen der Besteuerung bafirendeS Gesetz vorgelegt. Dieses sei abgelehnt worden, nicht daS alte Gesetz und um dieses handele eS sich auch heute. Die Regierung könne auf die Wetnsteuer nicht verzichten. — Graf Laubach als Vorsitzender deS Finanz-
auSschuffeS drückt sein Erstaunen darüber auS, daß er bis heute von einem neuen Weinsteuergesetz noch nichts gesehen habe. Er ist aber auch dafür, daß daS Weinsteuergesetz als drohender Finger bestehen bleibe, auf daS man im Falle der Noth zurückgreifen könne, wenn es auch als ein schlechtes Gesetz verschrieen sei. Wenn man etwas älter und ein Bischen ruhiger geworden fei, werde man sich schon viel bester mit der Zweiter? Kammer einigen können. — Präsident Görz tritt für Aushebung deS Gesetzes ein.' Eine Vergleichung mit den Bier- und Branntweivplvducenten könne hier nicht Platz greifen. Beim Weinproducenten hänge die Arbeit eines ganzen Jahres daran, das sei bei ersterer nicht der Fall. Eine Besteuerung falle sogleich auf den Winzer und der könne eine Steuer auf keinen Fall vertragen. Er bittet daS HauS, dem Beschluß der Zweiten Kammer beizutreten. Der Beschluß der Zweiten Kammer wird hierauf gegen fünf Stimmen abgclehnt.
Ein Gesuch deS Vorstandes des Vereins Mainzer Kaufleute um Offenhalten der Schaufenster der Ladengeschäfte an Sonn- und Festtagen beantragt der Ausschuß conform dem Beschluß der Zweiten Kammer abzulehnen. — Geh. Commerzienrath Michel weist nochmals auf die Ungleichheit der Gesetze in anderen Staaten hin. In Wiesbaden sei das hier Gewünschte vorhanden. Diese Ungleichheit schädige aber den Kaufmannsstand, der ohnehin durch die Sonntagsruhe geschädigt sei, sehr. Er ersucht daS HauS, dem Gesuch Folge zu geben. — Ministerialrath Emmerling erklärt, daß daS Offenhalten der Schaufenster schon seit langer Zeit in anderen Staaten bestehe. Preußen habe den Zustand einfach belaffen. In Hessen liege die Sache anders, da sei angrordnet gewesen, daß die Schaufenster erst nach dem NachmittagSgotteSdienft geöffnet sein konnten. Viele Bedenken sprächen gegen das Gesuch, insbesondere vom Standpunkt der Ladnerinnen und Gehülfen auS. — Frhr. v, Hehl kann die letzteren Bedenken der Regierung nur voll und ganz unterstützen, umsomehr, als eS sich hier um den Schutz der Sonntagsruhe der Ladnerinnen und Gehülfen handele. Gegen 6 Stimmen wird daS Gesuch abgelehnt. Damit wird die Sitzung um 1 Uhr geschloffen. Morgen früh Fortsetzung der Berathungen.________________
Deutscher Reichstag.
68. Sitzung. Dienstag, den 24. März 1896.
Die dritte Berathung des Etats wird in Verbindung mit der zweiten Lesung der Schuldentilgungs-Vorlage fortgesetzt.
Abg. Hug (Ctr.) begrüßt letztere Vorlage als einen Schritt, das wettere Anwachsen der RetchSschulden zu verhindern.
Die Schuldentilgungs-Vorlage wird hierauf in zrrniter Lesung gmehmigt.
Zur Debatte steht zunächst der Marine-Etat.
Abg. Metzger (Soc.) bemängelt dte schlechten Wassel Verhältnisse auf der Werst in Wilhelmshaven und rügt dte Entlassung von Arbettern blos aus dem Grunde, well ste socialdemokraltsche Gesinnung bethätigt hätten. In Wilhelmshaven würden auch die Inhaber von Geschäften boycottirt, wenn ste tm Verdacht social- demokratischer Gesinnung seien.
Staatssecretär Hollmann: Das Reich hat bereits große Mittel aufwenden müssen, um gutes Wasser nach Wilhelmshaven zu schaffen. Im nächsten Jahre wird bereits eine zweite Rohrleitung nach dort angelegt werden. Was die Arbetterentlassung anlangt, so tst der betreffende Fall mir nicht bekannt, ich bin aber überzeugt, daß der Herr Werstdtrector denselben nach bestem Wissen und Gewissen geprüft haben wird. Im Allgemeinen kann ich nu^ sagen, wenn so umfangreiche Entlastungen stattgefunden hätten, rote Herr Metzger angibt, so müßte ich davon wissen. Ich kann mir auch nicht denken, daß die Offiziere auS solchen Gründen,-wie Vorredner sie anführte, Bürger doycottiren. Wenn sie nicht in W. selbst, sondern von auswärts Maaren beziehen, so kann ich ihnen darüber keine Vor- schrtLten machen. . _ ,,
Bet dem Titel Instandhaltung der Flotte und Werftanlagen beklagt ....
Abg. Rickert (srs. Vg.), baß bisher noch immer nicht eine Gletchstcllung der Werslverwaltungssecreläre mit den Jntendantur- secretären erfolgt sei.
Geh Admtr.-Rath Plath erwidert, man könne nicht eine einzelne Beamtenklasse herausgreisen
Beim Etat der Justizverwaltung erklärt
Abg. Lenzmann (srs. Vp), er habe sich neulich bet Erwähnung des Prozesses Heintze in der Person des Vorsitzenden geirrt. Nicht Brausewetter, sondern Rieck habe den Vorsitz geführt.
Bet dem Etat der Postverwaltung liegt ein Antrag Zimmermann vor, wonach die Postschalterdienflstunden an Sonn- und Festtagen auf die Zeit von 7 resp. 8 bi« 9 Uhr Vormittags und 12 bis 2 Ubr Nachmittags festgeletzt werden sollen.
Abg. Hü^edru (christl.-soc.): Den Behauptungen der Postverwaltung in Bezug auf die Sonntagsruhe der Unterbeamten widerspreche, daß ein Briefträger in Eaffel Sonntags viel öfter und dauernder beschäftigt werde.
Unterstaatssecretär Fischer: Wir haben nichts zu verdunkeln. Unsere Anordnungen gehen dahin, daß von drei Sonntagen mindestens ein ganzer oder zwei halbe dienstfrei sind. Heber den Easteler Fall hätte ich nur dann antworten können, wenn mir der Vorredner vorher davon Mittheilung gemacht hätte.
Abg. Zimmermann (Am.) befürwortet seine Resolution rm Jntereste der Schalter- und Unterbeamten.
Director Fritz sch wiederholt die bereits früher vom Staats- ftcretär v. Stephan abgegebene Erklärung, daß eine über diese Frage angestellte Enquette es doch als zweckmäßig ergeben habe, es bei dem bestehenden Zustande zu belassen.
Abg. Wenders (Ctr.) bemängelt die Höhe der Gebühren im Fernsprechverkehr mit Vororten.
Feuilleton.
Des Hsnnewsckels Kirmrßsormtsg.
Skizze aus den Psälzer Bergen. Von Heinrich v. Lautern.
(Fortsetzung.)
Unten schlägt-der Hund an, der Hannewackel schrickt zusammen, schier wie bei schwarzen Sünden ertappt, und ist im Jta dte Treppe hinunter und wieder auf dem Hofe. Aber »it der Bankträumerei istö vorbei, keine Ruhe hat er mehr in der kleinen, stillsonnigw Welt- - er wehrt dem nach- -ringenden Nero und tritt aufathmend durchs Thor auf die Straße. Auch hier weit und breit keine Menschenseele, alle» 8ill und auSgestorben, alles in Elmstein. Er schreitet zum Dorf hinaus über den heißathmenden Feldrain, wo die Grillen ihr melancholisches Lied zirpen im hohen, gelben Saatenseld, »o dte Kornblumen blühen und der Mohn und wo die Lerchen jabilirend in den blauen Aether aufsteigen. Da, wo der Salb beginnt, hält er sinnend an. DaS ist dte Stelle, hier am den halb versunkenen Feldstein, wo er sich vor Jahren irch langer, weiter Wanderung müde inS GraS geworfen und to er das Martle zum ersten Male gesehen. Ste war so freundlich und so gut zu dem bestaubten, durstigen Wander- Hirschen, alS es sich schickte, daß ihr Vater, der Sonnenseit- Bauer, just einen neuen Knecht einzustellen hatte, da glaubte ter Heimathlose, der eben sein vielliebeS Mütterlein begraben, fier eben die Schwester, die unselige Kindesmörderin, verbucht, im friedlichen Bergthal bei den derbbiederen Waldleuten und bei dem sonnigen, treuherzigen Marile eine Heim- halte für sein junge-, heimgesuchte» Leben gefunden zu haben. Ia.hre find seitdem vergangen, aber die Heimstätte — die de imstätte hat er noch immer nicht gefunden. Und die derb- biederen Waldbauern — gebraucht und geplagt haben fie ihn nach Gutdünken, den „Hannewackel" haben sie ihn, den hei mathlosen Habenichts geheißen, arbeiten hat er müffen, tagaus, tageiu, vom ersten bis znm letzten Sonnenstrahl. Wohl klingelten ihm dte harten Batzen mittlerweile in die
Hand, wo aber blieb die Liebe und die Theilnahme, die er im friedlichen Bergthal erhofft und gesucht? Und das treuherzige Marile — ach, wohl ist fie immer gut und liebreich gewesen, aber da ist nun der Andere gekommen, der schmucke Franz, und hat ihr Herzlein tm Fluge erobert und so muß er alleweil bescheiden und demüthig bei Seite stehen — er, der arme Knecht.
Ueber den raschelnden Laubboden, durch dte schwankenden Farrenkräuter und über die sonnenstrahlfleckigen FelSblöcke schreitet seufzend der Bursche durch den gründämmernden Hochwald. Aber seltsam! Heute will ihm nicht wohl werden in diesen feierlichen und erhabenen Schattenhallen, da- Säuseln und Flüstern der Blätterkronen zittert unruhig in seiner auf» geregten Seele nach und in der unsteten Brust gährt es auf wie ein heißbrennender Durst nach Freiheit und ungemeffenen Lichtweiten. Und über die Blöcke und daS knackende Unterholz geht eS mit mächtigen Sätzen zum Höhenkamm hinauf. Oben steht er hochathmend und tm perlenden Schweiße still. Aber wie wohl thut da» Lüftchen, das hier über die Lichtung geht, und wie herrlich der Blick in die ganze, weite, sonnen- trunkene Runde! Dort die schattigen Thäler und blitzenden Silberbächletn, die saftiggrünen Feld- und Wiesengelände, dte schmucken, weiß-rothen Dörfchen uvd Städtchen, die schimmernden Ktrchthurmspitzen, die gleißenden Seespiegel und dort ganz in der Ferne die blauen, duftigen Berge, die mit dem Himmelsäther schier zu verschmelzen scheinen. Wie schön daS alle»! Und dann hier, tief unten, versteckt im Waldthal, daS Dörfchen, da der winzige Hof, da die Straße, die sich tote ein schimmerndes Leinenband durch die Baumstände zieht, da — einmal nach recht», einmal nach link», alleweil im Zickzack — gingen fie hin, der Bauer und die Bäuerin, der Bub und daS Marile, und da liegt Elmstein, und da ist die Kirmeß.
Trägt der Wind den Schall herauf? Dem Hannewackel ist», als höre er den summenden, schwirrenden Trubel der Menschlein, die er da unten wie schwarze Käferchen um bunte Fleckchen wimmeln sieht, ihm istS, al» höre er das Lachen und Lärmen der Kinder, die Marktschreier, gar die Tanzmusik- und alle», wa» Augen, Ohren und ein Paar srtsch-
rothe Lippen hat, freut sich und juchheit. Und da ist auch daS Martle und da der Franz, und sie umschlingen sich beide mit strahlenden Augen und tanzen und lachen und jubeln.
O, warum irrt nur er hier einsam und freudlos in der tobten, schweigenden Waldwelt umher, warum nicht eilt er hinab, lacht und trinkt, tanzt und jubelt mit? Warum nicht faßt er da» Marile um die schlanken Hüften? Warum nicht packt er den abwehrenden Franz und reißt ihn weg von ihr, wett weg? Ja, warum nicht gibt er ihm eins auf den kecken, schmucken Schädel, daß er kein Marile mehr bethört, daß er still ist, ganz still und für alle Zeiten?
Ja, er will ihm ein» anthun, so arm muß er werden, so bettelarm, wie er selber. Auch er soll da» Marile nicht haben, wie er selber eS hat nimmer erlangen können. Ja, er soll eS erfahren, wie eS thut, so arm sein, so auSgeschloffen und so elend mit einer unendlichen Liebe im Herzen. Und der jetzt an ihrer Seite in allen Himmeln schwelgt, fühlen muß erS, fühlen mit aller Pein und aller HoffnungSlofigkeit.
Flammend rollte der Sonnenball und langsam über die fernen Blauberge hinab. Vielleicht war e» sein blutrother Strahl, der in der aufgewühlten Seele deS Burschen daS verwandte Element weckte, den alten, unheimlichen Feuerdämon, der im Funken erwacht, zur lodernden Flamme schwillt und der alles fortreißt mit verzehrender Gluth.
Durch die tiefer und tiefer dämmernden Waldgründe eilt er keuchend hinab; ob ihm auch die Hefte den Hut entführten, die Haare zausten und die Backen schlugen wie mit tausend strafenden Ruthenstreichen: er achtetS nicht, tiefer und tiefer hetzt er, in seinen Augen glüht, in allen Nerven reißt und zuckt der Feuerdämon.
Noch ist eS still unten im Dors. Ein alles Mütterchen nur schlürft über die Straße zum Brunnen, schöpft den Eimer voll und tritt wieder in die Hofthüre. Hier und da kläfft ein Hund, eine Kuh brüllt dumpf auf im Stalle, aber von den Dörflern ist nicht» zu hören und zu sehen.
(Schluß folgt.)


