Tonnte erst am nächsten Morgen, als dasselbe autrat, fest- gestellt werden. (LS hatte etwa 350 Mann etngebüfeu
(Neue Stett. Ztg.)
* Wetzlar, 22. Januar. Ein ganz merkwürdiges Hafen« Vieh war dasjenige, welches in der vorigen Woche von dem Herrn Kohlenhändler Jakob Bastians am Stoppelberg erlegt worden ist. Diese- Thier — eS ist kaum zu glauben, aber wir habens selbst gesehen — trägt nämlich auf seinem Kopfe zwei regelrecht entwickelte Hörnchen — pardon: Stangen — von etwa 2i/f cm Höhe. Wer sich gleich un- von der Wahrheit des Gesagten überzeugen will, braucht nur in die Wirthschaft deS Herrn Rühl in der Silhöfrrstraße zu gehen. Dort ist der gehörnte Hasenkopf, von Herrn Schindler fein präparirt, unter den übrigen Jagdtrophäen be6 „Jäger« und Lügentisches" (aha!) aufgehängt. 3 Wetzl. Anz.
• Krefeld, 22. Januar. Karusselbefitzer Karcher zu Oppum wurde in vergangener Nacht von dem Budeninhaber Weiß ermordet. Der Mörder ist verhaftet.
• Ans Baden, 21. Januar. In Appenweier gerieth auf dem Bahnhof ein Weichensteller mit dem Stiefelabsatz <n die sich schließenden Schienen. Er konnte den Fuß nicht frei bekommen) so daß ihm von dem Wagen eine» manövertrenden Zuges der Fuß abgefahren wurde.
* München, 21. Januar. In der Isar wurden die Leichen einer Bildhauersfrau und ihres siebenjährigen Knaben gefunden. Ein dreijähriges Kind ist verschwunden. Wahrscheinlich ist eS von der Mutter auch mit in den Tod aenommen worden. — In einem Gasthaus versuchte ein 23jähriger Kaufmann, Conrad Schwarz aus Fürth, seine Geliebte zu erschießen. Er wollte zuerst das Mädchen in die Schläfe schießen, die Kugel glitt aber ab, dann verletzte er sich durch einen Schuß in die Schläfe und mit einem dritten Schusie daS Mädchen lebensgefährlich. Die Beiden hatten mehrere Tage in dem Gasthof gewohnt und waren ohne Geldmittel. Sie waren dann übereingekommen, sich zu tödten.
* Nachdem sie ihr ganzes Vermögen verspielt, haben sich in Monte Carlo ein spanischer Edelmann Leonardo E. und ein Herr Heinrich E. aus Ventinigla (Italien) erschaffen.
-an-wirthschaftUche Winke un- Rathschlage.
A «tti Oberhesse«, Mitte Januar 1896.
Rückblicke ans da» AnbilLmnSjahr 1895.
(Schluß.)
Die Jahrgänge 1870 und 1871 sind Erinnerungs- ober Jubi- läumSjahre. Fünfundzwanzig Jahre sind oerstrichen, seit der Erb- Mnb zu Boden geschlagen und das deutsche Kaiserreich in neuem Glanze au'gertchtet worden ist. Fast kein Tag vergeht seit dem 13. Juli, an welchen sich nicht eine merkwürdige Erinnerung knüpft. Unter Volk hat diese Tage gefeiert, hat der Tobten gedacht, hat die noch Lebenden, welche jene herrlichen Thaten verrichten halfen, geehrt und das ist nicht mehr wie recht und billig. Niemals dürst n wir vergessen ob?r gar verkleinern, wie eS leider da und dort versucht wird, was unsere Dätcr und Brüder für uns gethan, gelitten und erstritten haben.
Wie sieht es zu Anfang des neuen JahreS 1896 in der Welt auS? so wollen wir und einmal tragen. Gar nicht erquicklich! In unserem kleinen, alten Erdtheile Europa ist eine solche Masse Zündstoff angehäuft, daß er schon allein genügt, die sogen, alte Welt in Flammen zu fetzen
Da itt zunächst die gichtbrüchige Türkei mit ihrem Sultan, den man getrost den kranken, lahmen Mann in Europa nennen Tann. DaS türkifche Reich kracht und knistert in allen Fugen, eS ist wurmstichig, faul und moderig, wohin man blickt und drückt. Nichts bält mehr, weder Nagel, nock Schraube, noch Naegel, noch Band. Mord und Todtfchlag ist an der Tagesordnung. In Armenien und Macedonien schlachteten sich die Menschen zu Hunderten ab.
Daß aber die Türkei am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich nichts mehr In Europa zu thun hat, daß fie mit ihren widersinnigen Einrichtungen, Gesetzen und Gebräuchen, ihrer völlig verlotterten Verwaltung, ihrer Menschenschinderei sobald wie möglich aus Europa verschwinden müßte, ist Jedem klar. Herrliche Länder mit wunder» vollem Kl'ma und großer Fruchtbarkeit des BodenS liegen dort „hinten weit in der Türkei!" Was ließe stch nicht Alles daraus machen! Millionen und abermals Millionen Menschen könnten dort glücklich sein. Statt bfff en herrscht Raub, Mord, Brand, Hunger und Elend. Rusten und Engländer gönnen stch den fetten Bisftn nicht. Wer Konstantinopel besitzt, bat den Schlüstel zu Asien. Die Russen werden, nach menschlichem Ermesten, wohl dereinst den Sieg davontragm.
In den übrigen Staaten Europa- gährt eS mehr oder weniger. Die fra«>Sfifch«a Republikaner und Communisten liegen sich in den Haaren und fördern zuweilen Dinge zu Tage, welche beweisen, daß eine Partei fo unfähig ist wie die andere. Wäre ein fchneidiger Napoleon ober e»n fähiger Legitimist vorhanden, er könnte sich ohne große Schwierigkeiten zum Herrscher von Frankreich machen, denn die Franzosen sind die Treibereien nachgerade müde geworden.
Den Italiener« fehlt« am Besten, nämlich am (Selbe. Dazu haben sie in Afrika noch eine unangenehme Schlappe erlt'tfn, die aber wohl bald wieder befeitigt sein wird. Italien ist ein schönes, fruchtbare« Land. Das Volk bat aber zu lange unter schlechter Wirthschaft und Verwaltung gelitten und darum werden noch Jahrzehnte verstreichen müffen, bi« befriedigende Zustände her- «efiellt find.
Den Vettern der Italiener, den Spanier«, Portttgiaf«« und »rieche«, gebt eS wie elfteren: Geld ift bet ihnen daß Wenigste und darum herrscht Lumperei an allen Ecken und Enden. Den Spaniern kann e« geschehen, daß sie die herrliche Insel Euba verlieren, denn sie können mit Dämpfung bet dort au-gedrochenen Aufstandes gar nicht fertig werden.
DaS vielsprachige OeÜerreich mit seinen 17 Völkerschaften hat seine liebe Roth, e« Allen recht zu machen Dort herrscht da« ganze Jahr über ein Schieben und Treiben, ein Chicaniren und Sntrtflulren, ein Hetzen und Jagen, daß der gute Kaiser Franz Josef siet« seine liebe Roth hat, Ruhe. Ordnung und Gemüthlichkeit aufrecht iu erhalten. Mit dem Gelbe sieht e« in Oefterreich auch mager aus. Diejenigen, welche eS haben, suchen e« mit Schlauheit weiter zu rer mehren und Diejenigen, die e6 nicht baden, klagm über Zeiten. Wir möchten wissen, wann e- einmal keine schlechten Zeiten gegeben % ökbn gewaltig mit Verhaltungen,
Verschwörungen und Verbannungen nach 'Sibirien. Bedenklich ist ,a h.fa hlese Uinfturjtrelbereim stets auf die mittleren unb Mferen Stände zurückzuführen sind. Im russischen Reiche gibt eS Zustände, die arade so schlecht, morsch, faul und wurmstichig sind, wie diejenigen in der Türkei. Darum wird dieses große Reich dereinst einen ebenso
schrecklichen Revolutionsproceh durchmachen wüsten, wie ihn Fr 'reich vor hundert Jahren durchwachte ober wie er der Türker um eibar bevorsteht.
In den kleineren Staaten Europas: Schweden und Rot* wegen, Düuemart, Setgie« und Holland und in der CAcptii murrt und grollt und bohrt eS wie bet uns selbst. Ein Getft des Haders, der Unzufriedenheit, der Mißgunst und Bosheit, der Genußsucht und Geldgier ist unte. die Mernchen gefahren und wird von Unzufrifdenen aller Art eifrig geschürt.
Heber außereurapaische Verhältnisse möchten wir auch noch einige Worte für unsere freunbl. Leser auS dem ©: ende der Land- wirthe folgen tasten.
Da ist zuerst Aste« wo es zwischen China und Japan arg rumort hat. China spielt die Rolle in Asien, wie die Türkei eine ähnliche in Europa spielt. All«.» ist faul in China. Das gemeine Volk wird geschunden und gebrandschatzt, Fortschritt ift unmöglich. So konnte eS geschehen, daß das kleine — im Lerhältniß zu China bochgebildete und fortgeschrittene — Japan den Coloß China fast übern Hausen rannte. Wahrscheinlich wäre dies geschehen, wenn nicht Rußland dem kleinen Jnselreiche in den Arm gefallen und Letzteres um die Früchte seines Sieges gebracht hätte.
Im Jahre 1877/78 erging <*6 den Rusten geradeso mit der Türkei. Letztere lag am Boden Rußland gedachte Konstantinopel in B sitz zu nehmen, da legten sich die übrigen Macht« dazwischen und zwangen Rußland, von seinem Vorhaben Abstand zu nehmen. DaS bat die Rusten entsetzlich geärgert und sie vergess« es in hundert Jahren nicht. Den Japanern haben fie es nun fo gemacht, wie es ihnen (den Rustm) gemacht wurde. „Ja Bauer, daS ist etwas anderes!- sagen die Rusten. „Wir, b»e Rusten, dürfen fo etwa« thun, aber Ihr nicht." Die Japaner »eiben ben Rusten diesen Streich auf« Kerbholz schreiben und daS kann ben Letzteren eines Tages sehr unbequem werden.
Außer in den ostafiatischm Ländern rumort es auch noch in Xonfin bei den Franzosen und in Jufri«« bei den Engländern. Russen und Engländer stehm sich Überall gegenüber und können nicht genug bekommen. Die Franzosm suchen stch ben Rustm aus Weg und Steg gefällig zu erzetgm und machen sich dadurch nach wie vor lächerlich.
In Afrika hat es auch im abgelaufenen Jahre Manches gegeben, was der Erwähnung werth ift. Die Franzofm haben nach unendlichen Mühen und großen Verlusten die Hauptstadt der Insel Madagaskar besetzt, wobei sie ihre große Unfähigkeit hinsichtlich torer M'ltläroerwaltung glänzend bewiesen. In bet Nähe ber Capstadt, in ber Transvaal-Republik, haben die Engländer einen Raubctnfoll versucht und zwar in ben allerletzten Tagen des Jahres, sind aber von den Boerm mit bluttgm Köpsm hetrngeschickt wordm. In Aegypten haben die Engländer sich vollends seßhaft gemacht und Marokko, welches wegen Moder und Fäulniß aus dem Leim zu gehen scheint, wie die Türket, möchten die Engländer auch gerne in den Sack stecken. Ueberall klopfen sie an und fragen: Nichts zu handeln! wobei es ihnen zuweilen pasfirt, daß fie hinausgeworfm, daß ihnen die Thüre vor ber Nafe zugeschlagen wirb.
Ein derartiger Fall paiftrte den Engländern auch in Amerika mit dem kletnm Staate Venezuela. Hier legte sich ber Untons- präsident Cleveland inS Mittel und es fchim fast, als könne es Krieg geben. In der Regel wird die Suppe nicht so heiß gegessen als fie gekocht wird. Die Kriegsmacht der Amerikaner, zu Master und zu Lande, ist in einem folchen Zustande, daß sich nichts damit anfangen läßt. Präsident Cleoeland möchte gerne wieder gewählt werden und hat daher ein Bischen mit dem Säbel geraffelt. Die Venezuelafrage wird ausgehen wie das Hornberger Schieß« — geben Sie einmal Acht, was dabei herauskommt.
liebet den fünften Erdthell Anstraiie« ist nicht viel zu berichten, wir können daher in unsere Heimalb zurückkehren und uns hier ein wenig umschauen, wir haben viele Ursache dazu.
Wie schon angedeutet, war die Ernte deS JahreS 1895 eine befriedigende, allein die Preise aller landwirthfchaftltchen Producte sind so niedrig, daß der Bauer nicht dabei bestehen kann. Selbst die Gegner der Landwirthe fangen an, dieses einzusehen. Neben den schlechten Preisen ift alles theurer: Fleisch, Brot, Kleider, Löhne, Geräthschaften und Maschinen. Folglich befindet stch ber Bauer in einer sehr bösen Lage.
Die Handelsverträge Haden ben deutschen Bauern schwere Opfer auferlegt Jahre vergehen, bi9 es wieder anders wird. Wie sehr man auch für Handel und Industrie eifer« mag, «» lüßt stch nicht leugne«, daß der Staat krankt, wen« ei dem «auernstande schlecht geht. D>e Erschemungen an der Productendörse während deS Jahres 1895 ha^en deutlich gezeigt, daß dort Vieles faul ist. Wenn einige wmtge Jobber mit dem Schweiße und Blute eines ganzen Standes In frevelhafter Weife ihr Spiel t, eiben, ist eS Zeit, daß Abhülfe geschaffen wird. Die Börse ist nothwendig für Handel und Verkehr, aber nicht nothwendig sind die widerlichen Spielerscheinungen, welche weder dem Produ centen noch dem Consumentm irgeyd etwas nützen.
Da wir gerade vom Spiele sprechen, möchten wir noch daraus Hinweisen, daß dieses Vergnügen — wenn es stch um hohe Summen handelt — ein wahrhaft teustisches ist. Alljährlich werden Millionm und abermals Millionen im Spiele verloren und folglich auch gewonnen. Hunderte von Menschen bringen sich um Hab und Gut und gehen elend zu Grunde. Man sollte nun glauben, daß es in diesem Verhältnisse reiche Leute geben müßte, welche die Capitalftn der Derlierenhen ansammelten ur.d nutzbringend anlegen würden. Nirgends ist etwas Derartiges wahrnehmbar. Beim Spiele wird nur verloren, denn Diejenigen, welche gewinnen, werden 'chließlich auch ein Opfer ihrer Leidenschaft und so geht es weiter und weiter: wie gewonnen, so zerronnen. „Das ift der Fluch der bösen That, daß fie fortzeugend Böse« muß ßtbäten".
Die Noih macht erfinderisch und Erfahrung ist ein guter Lehrmeister ! Diese beiden Sprichwörter erweisen sich seit etwa drei Jahren als Capitalsatze im besten Sinne deS Wortes. Die Leute find bereits vielfach zu ber richtigen Einsicht gelangt: Bom Staate allei« Hülse zu verlauge« hat keine« rechten St«n, jeder Bürger und Bauer mutz sei« gute» Ddetl da,« beitragen daß ei bester wird Langsam, aoet sehr deutlich zeigen stch Fort- schrnte auf allen Gebieten der Landwirthschast. Mer die landwirth- schaftliche AuSft llung im September vergangenen JahreS in Gieß n besuchte, dem wurde e« sofort klar, was die hessi'che Landwtrthschaft zu leisten vermochte und welche erstaunlichen Fortschritte fie im letzten Jahrhundert gemacht hat. Sie kann sich kühn neben den Leistungen anderer Staaten sehen lassen — fie kann aber auch noch Vieles beffern und vervollkommnen.
Untere Verwaltungsbehörden wetteifern förmlich miteinander in dem Bestreben, die Landwuthe vorwärts »u dringen. Kein Sonntag verg-ht, an welchem nicht Vorträge über Düngung und künstliche Dungstoff-', Futtermittel und Anwendung von «rafliutterstoffen, über Pft.de-, Rindviehzucht und Aufzucht von J-mgoteh, über Obstbau und Wiesenoerbefser ungen, über Einführung neuer winket st ster, reichlich tragender Getre'dearten u. dgl. m. gehalten werden. Ganz besonders lebhaft interesstren sich die Landwirthe für den gemei«. schastliche« Berkaus bei Getreide» damit ber so schädliche »Zwischenhandel beseitigt werde. Mo kereigenossenschaslen ernst hen und fie kommen vorwärts, obgleich dieser Zweig der Landwirthschast schon einigermaßen übersetzt erscheint. Die Gründung von Sparund Credilkassen schreitet lebhaft voran; daS Genossenschaftswesen und seine Segnungen machen sich immer deutlicher fühlbar.
Seit Jahren wirken wir an dieser stelle dafür, daß der Ba«er i« erster Liaie selbst darvach strebe« «utz, sei«e Lage |tt vereester« und daß der Staat erst da eitttrete« katt« vud soll, wo die vereiuigte« klei«e« «rüfte «icht a«»reich«tt. Wir dürfen von unterem Staate und seinen Behörden b'e feste U berzeugung haben, daß den Unterlhanen stets die wärmste Fürsorge gewidmet wirb. Wir sollen ben Hetzereien unb Nörgeleien tdn williges Ohr leihen, benn derartige Leute meinen eS nicht gut.
Wir sollen uns aber auch s.lbft fragen, ob wir nicht zu wenig | haushälterisch wirken, indem wir Ausgaben für Getränke unb Kleiber
luxus, Putz unb Staat, Vergnügen und Festlichkeiten machen, die unsere Kräfte übersteigen. Selbst die Dienftmägdc putzen sich heraus wie die Pfauen, während häufig kein ganzes Hemd vorhanden unb die Strümpfe durchlöchert find, daß Fersen unb Zehen her vorigen. Allsonntäglich geht es zu Spiel und Tanz, was verdient aurbe,. wird veriudeit, an daS Z..rücklegen rinee Spargroschens denken die Wenigsten.
ES darf nicht verschwieg« werden, baß bie Gelbleute mit recht übelem Beispiele vorangehen. Reiche Leute sollen in vernünftiger Weise Geld ausgeben, dadurch werben Kunst, Industrie, Handwerk und Gewerbe unterstützt unb angeregt 'Nichts ist häßlicher al6 ein reicher Mann, ber sich in schäbiger, filziger Weife benimmt, oder gar einem Arbeiter den sauer verdienten Lohn iu beschneiden sucht. Ader dreimal läßlich ist es, wenn Reiche ihr Geld in leichter, fisten- loser Gesellschaft, im Spiel, verthun, während neoer dran das tiefste Elend herrscht. Solche Fälle find in den letzten Jahren leider nur zu häufig oorgekommen. In großen S^dten find sie zu allen Zeilen dagewesen, man muß fie gleichsam als etwas Unvermeidliche» ansehen. Zur jetzigen Zeit, wo es überall gährt und rumort, wo Sparsamkeit unb Gottesfurcht gepredigt werden, find derartige Erscheinungen sehr bedauerlich, weil fie von ben Umstürzlern dazu benutzt werben, ben Klaffenhaß zu schüren.
Auch über bas Vartetwvs«« und da» Wckhle« möchte» wir bei dieser Gelegenheit einige Worte sagen. Eü gibt kein Bock auf ber Welt, welches in so viele Parteien gespalten unb zersplittert ift, wie daS deutsche. Wir machen uns dadurch mitunter förmlich lächerlich. Bei anderen Nationen finden fich in ber Regel zwei große Parteien: eine liberale unb eine conferoatroe. In Deutschland find bie Parteiverhältniffe so verzwickt, daß wir gleich ein ganzes Dutzend haben. Kürzlich sagte ein sebr verständiger Mann zu dem Schreiber dieser Zellen: Von all den Parteien, bte wir haben, gefällt mir keine einzige, denn überall treten Tinge zu Tage, die einem zurück- stoßen. Der Mann hat nicht ganz unrecht, aber merkwürdig bleibt es doch: ein Dutzend Parteien unb keine einzige, wirklich brauchbare.
Recht bedauerlich sind die Erscheinungen, die immer noch bei ben Gemeindewahlen vorkommen. Was hat ein Bauer davon, wen» er Bürgermeister von DingSbach ober Beigeordneter von Lheim wirb? frage fich jeder vernünftige Bürger. Nichts weiter al« Aerger, Unannehmlichkeiten, Anfeindungen und Undank. Bis er diese Würbe unb Ehrenstelle erreicht hat, kostet eS ihn Hunderte unb laufenbe; der glücklich Gewählte hat mithin einen beträchtlichen Theil seines Vermögens geopfert unb bafür erntet er die Anfeindungen der unterlegenen Partei.
Die häßlichsten Leidenschaften unb Eigenschaften ber Menschennatur kommen bei den Gemeindewahlen zum Vorschein. Die Leute machen stch gegenseitig schlecht, sie schreiben sich anonyme Briefe, worin bie unflächigsten Dinge stehen; sie beleidigen sich, sie thun fich Schaden an Aeckern und Wiesen Bis eine Wahl glücklich zu Ende gelangt, find ganze Dörfer verbüßt unb verfeindet — unb das alles um eingebildeter Ehre willen. In Oberheffeu spielen die an»« nymen Briefe bei allen Gelegenheiten eine Haup rolle, was ein recht schlechtes Zeichen für die Bevölkerung ist. Em Mensch, ber solche Briefe schreibt, ift ein nichtsnutziges, ehrloses Individuum, dem nicht blos viele Monate Gefängniß, sondern auch jeden Tag noch zwölf wohlgezählte Streiche auf einen gewissen Körpertheil gihörev. Für solche erbärmliche Subjecte ist es schade, daß die Prügelstrafe abgeschafft wurde.
In neuerer Zeit sind die Behörden scharf dahinter her, laß Saufgelage bei den Gemeindewahlen unterbleiben. Es wird dadurch der zwecklosen Dermögensvergeudung vorgebeugt und die Gemüther werden nicht mehr so erhitzt. Vor zwanzig Jahren hö ie man schon dagegen auftreten müffen, es wäre vielem Unheile oorgebeuvt worden. Hoffentlich gelingt es bald, die Auswüchse und Unzui äglichkeite« bei ben Gemeindewahlen auf ein möglichst geringes Maß zurückzuführen.
Wir sind mit unseren Rückblicken zu Enbe gekommen, obgleich wir noch so vielen Stoff Haden, daß wir ein ganzes Buch herüber schreiben könnten. Der deutsche Bauer, indbtfonbere ber hessisch,^ wirb bie schlechten Zeiten überstehen, das ist untere i* fie Ucbcv Kuaung. Er wird die Erfahrungen unb Errungenschaften, welche in ben mageren Jahren erzielt wurden, mit in Die besseren Zeiten hinüber nehmen und dann bte Früchte seines Fleißes und seiner früheren Entbehrungm genießen. Ist eS beim Anpflanzen von jungen Obstbäumen nicht gerade so!
„Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt, Daß Blüth' und Frucht die künst'gen Jahre zieren.*
Literatur unö Kanft
— Zwei interessante Beiträge zur Litleratur deS Hochschulwesens werden vom Akademischen Verlag München berausaegebe-' In der Broschüre: Student und die foctaU
(Preis 50 Pf) erörtert Geh. Hosralb Prof. Dr. A. Philippe die Strllungnadme des modernen Studenten zu den -eitbewegende» Problemen der Soctalwiffenschast, in Anlehnung an die einschlög gen Utterarischen Erscheinungen neuerer Zeit. ES ift mit Freuden zu begrüßen, wenn neben den vielen Unberufenen, die heute mit Vorliebe bas akademische Le en zum Gegenstand überflüssiger Erörterungen machen, einmal ein Berufener das Wort ergreift und die Erfahrungen eines reichen Lebens zur Klärung dieser gewichtige« Fragen benützt. — Die zweire Schrift behandelt unter dem Titel: .Die fravzöfische« Hochschulen feit der Befreitet(Preis L-.k. 150) Deren Entwicklungvgeichichte. Der Verfasser, P oiefior H. Schoen, gibt damit tm Anschluß an das große Werk b<£ Direktors des französischen Hochschulwesens L. Liarb: ..L’eaeeig- nement suptrieur en France 1789—1893* eine gedrungene, geittreuDc Darstellung her an Wechselfällen überaus reichen Geschichte der französischen Univerfitären- Gerade jetzt, wo die WieberherNellung ber allen französischen Universitäten durch baS Parlament bcoorhebt und die Verhältnisse von Einst unb Jetzt einander gegenüber genellt werden und wo mit ber mehr als bunbertjährigen, verhängnißvollen bierarchisch-militärtschen Organisation enbgültig gebrochen wird und Fiankreich wieder medr benn je auf biescm Gebiete Fühlung nimmt mit seinen Nachbarstaaten, dürfte die vorliegende Schrrfi allgemeinem Jntereffe begegnen. Dank feiner Stellung als Docent für deulfche Sprache unb LUteratur an der Facultä de# lettre» iu Poitiers eignet fich Professor Schoen wie kaum ein Anderer zur Behänd.ung bet fesselnden Themas.
Bei der Redactio« eiugegangeue Bücher re.:
— Der Rheittüro» ««fr feit»« UeberschwiuuNttttg«* Rebe zur Feier des GedurrStages Sr. Köntgi. Hoheit deS Grotzd-rzogS Emst Ludwig und Ihrer Königl. jHoheii der Großherzogr« Victoria Melita am 25. November 1895 in ber Hui« d.r Technischen Hochschule gehalten von dem Rector Prof. Dr. Ä. Vepfinfi, Geh. Hoftaty.
— Di« Arb«it»zoft»keit «Ufr ihr« BekLmpfuu-. Ban W Jutzi, Retacicur Dur Concordia. DarmNadl, Vereng vo» H'L. Schlapp Inhalt: Ardeetslofigkeit unb ArdeuSloserstatistck; Ursachen und Folgen ber Ardci'Slofigkeu. dtotbftanbearbeiten und bad Rechi auf Arbeit; Unterstützung der Arbeitslosen und Ardei s- losen-Detficherung, Aibeiisnachwe^S; Statuten unb GefchästSordnunA Don ArbeitsaachweiSftellen.
Kunst-Ausstellung,
nehme deS SamsiaaS, von 11 bi« 1 Ubr, am Mittwoch auch noch von 3 bi« 5 Ubr. ronutag» währe«fr Xi »i«tarü ttnu«t«rbrache« fr»« 11 fri» 3 Ufr«. — 6intritt«prei« füt Ntchtmttglieder an Werktagen 50 Psg., an Sonntagen Ä> Pt«


