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25.12.1896 Erstes Blatt
 
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Freitag den 25. December

1896

Die Gießener Aa«itienvkälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelrgt.

vierteljähriger Aösnnemeulsprtis: 2 Mark 20 Pfg. mit Lringerloha.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

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Der

Hle-ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montag».

Gießener Anzeiger

Kenerak-Anzeiger.

Amts- unb Anxeigeblatt für den Ureis Gießen

chratisöeitage: Hießener Kamitienötätter.

Alle Annonoen-Lureaux de» In- und Auslandes nehme» , Anzeigen für denGießener Anzeiger* entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Lor». 10 Uhr.

Amtliche* Theil.

Bekanntmachung, betreffend: die Maul- und Klauenseuche zu Gießen. Nachdem in einem Gehöfte in der Stadt Gießen die Maul« und Klauenseuche amtlich festgestellt worden ist, wird dies mit dem Änfügen zur öffentlichen Keuntniß gebracht, daß Sehöftsperre angeordnet worden ist.

Gießen, am 23. December 1896.

Großherzogltches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Neueste

Wolsss telegrnphisches CorrefpondMr-Bnre«.

Beilin, 23. December. Der Kaiser wohnte der Heu- tigeu Beisetzung des Generalmajors v. Lippe auf dem Ber­liner Garnisonktrchhofe bei.

Berlin, 23. December. Die Abendblätter berichten nach Mittheilungen von zuständiger Seite, daß die Meldung, der Crtmtnalcommtffar von Tausch oder einer seiner Agenten sei im Frühjahre 1893 in der Dienstkleidung eines höheren Postbeamten tu dem Postwagen des Berlin Hamburger Schnell« zugeS mttgefahren, um die nach FriedrichSruh bestimmten Briefschaften einer Revision zu unterwerfen, nach jeder Richtung uuzutrkffend und vollständig aus der Luft gegriffen ist.

Kiel, 23. December. Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich und Seine Königliche Hoheit Prinz Heinrich haben heute auf dem Kaiser Wilhelm-Canal mittels Dampf« ptuaffe eine Fahrt unternommen, welche sich bis zur LeveuSauer Hochbrücke erstreckte.

Haag, 23. December. Die zweite Kammer nahm mit 56 gegen 29 Stimmen das neue Zuckergesetz an. Rach 1897 wird der Prämienbetrag sür 1897 acht Jahre hindurch jährlich um 100,000 fl. verringert. Für Raffinade wird der Prämienbetrag auf eine halbe Million pro 1897 fest« gesetzt. Dieser Betrag soll fünf Jahre hindurch jährlich um 60,000 fl. niedriger bemessen werden.

Parts, 23. December. In dem Jrrenhause für Frauen in Bögard bet Brteux brach in der vergangenen Rächt Feuer aus, welches einen Theil der Anstalt und die anstoßende Kirche vollständig in Asche legte. Sämmtltche 800 Kranke konnten gerettet werden.

Paris, 23. December". Wie derFigaro" meldet, hat der Oberste KriegSrath sich in seiner vorgestrigen Sitzung für die Umwandlung des Feldartillerie-Mate- ri alS ausgesprochen. Die Blätter geben der Ueberzeuguug Ausdruck, die Kammer werde der Errichtung von vierten Infanterie-Bataillonen zustiwmen.

Sofia, 23. December. Im Procrffe gegen die Mörder Stambulvws wurde heute das Zeugenverhör fortgesetzt. Der ehemalige Minister Sallabaschew sagte gleichfalls aus, daß Bone Georgiew und Tufekrschtew von Stambulow als seine Mörder bezeichnet wurden. Der Journalist Kirow, ein politischer Gegner StambolowS, erklärt, ein Vertrauens­mann Stambulvws sei zu ihm gekommen und habe ihm in deffen Namen ein Bündntß und materielle Unterstützung im Kampfe gegen die Regierung StoilowS angeboren, wenn er den Schutz für das Leben Stambulvws gegenüber 6 oder 7 Personen verbürgen könne, wozu er natürlich nicht im Stande gewesen sei. Der Zeuge hätte Stambulow mit- getheilt, er habe von Tufekrschtew nichts zu fürchten und erklärte dies damit, daß er Tufektschiew nicht sür muthig genug hielt, um ein Verbrechen zu begehen, wohl aber für fähig, ein solches anzustifteu. Bon den anderen Zeugen, die sich am Orte des Verbrechens oder in der Nähe befanden, konnte keiner das Gesicht des fliehenden Mörders sehen. MtchaikoS, der zur Zeit des Verbrechens zum Diner bei dem macedonischen Comttü war, sagte auS, ein gewiffer Takiu sei einige Tage unter dem Dache deS Hauses, in dem das macedontsche ComitL untergebracht war, versteckt geblieben. Derselbe hatte gestanden, daß er der Mörder Stambulvws sei. Die Wittwe Stambulvws, die krank ist, war zur Ver­handlung nicht erschienen.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 23. December. Bezüglich der Iltis-Kata­strophe berichtet derLocal«Anz." auS einer Unterredung mit einem der in Hamburg angekommenen Geretteten der Iltis-Mannschaft, daß die Schiffbrüchigen, nachdem sie in jener Unglücksuacht bis zum Margen an den Reelings hängend zugebracht hatten, in das Wrack htnelnkrochen und, bis zum Halse im Wasser stehend, noch 30 Stunden zubrachten. Die in Hamburg etngetroffenen Matrosen bestätigen daS AuS« bringen des KaiserhochS und das Anstimmen des Flaggen- ltedeS. Von dem Letzteren wurde der ganze erste Vers gesungen. AIS der zweite begonnen werden sollte, brach das Schiff mitten durch.

Gevelsberg, 23. December. Infolge eines ConflictS der Stadtvertretung mit dem Bezirksausschuß wegen Bertheiluug der Gemeindesteuern legten gestern die Mehrzahl der Stadt- verordneten ihre Mandate nieder.

Pola, 23. December. Die auswärts verbreiteten Nach« richten, wonach in Pola auch die Blatjeru auSgebrocheu seien, find falsch. Der ThphuS ist in der Abnahme begriffen.

Rom, 23. December. Ueber die Provinzen Catania und Syrakus find heftige Gewitter und Wolkenbrüche niedergegangeu, welche enormen Schaden anrichteteu. Der

Fluß Simeto trat aus seinen Uieru und überschwemmte weithin Felder und Gärten. Der Schnellzug SyrakuS-Catania blieb in den Wafferwogen stecken. Den Paffagieren mußten Lebensmittel in Barken zugeführt werben. Alle Eisenbahn- und Telegraphen Linien find unterbrochen. Einige Stadt- theile von SyrakaS und Catania find überschwemmt. Man befürchtet Verlust von Menschenleben.

Rom, 23. December. Bon maßgebender Seite erklärt man, daß die Mittheilung englischer Blätter, nach welcher die Botschafter für den Fall, daß der Sultan die Reformen nicht erfüllen sollte, Konstantinopel verlaffen und die weitere Action den Kriegsschiffen übertragen würden, gänzlich un­begründet sei. ES sei ferner nicht wahr, daß von irgend welcher Großmacht der Vorschlag gemacht wurde, die türkische Verwaltung, abgesehen von derDette publique" unter die Coutrole zweier Minister und eine! europäischen AuffichtSrathS zu stellen. Ein derartiges Mittel sei mehr all gefährlich und könnte geradezu verhängntßvoll werden. Ebenso unwahr sei die Nachricht, welche dem italienischen Botschafter eine dringende Sprache gegen den Sultan tu den Mund legt. Zu einem solchen Vorgehen liege für die italienische Regierung kein Grund vor, da sie überzeugt sei, daß der Sultan die Forderungen der Mächte, sobald dieselben festgestellt seien, bedingungslos erfüllen werde. Die Bewühungen der Diplomatie seien darauf gerichtet, sür diese Forderungen entsprechende Voraussetzungen zu schaffen. Die Mächte seien sich darin einig, daß ihnen hieraus eine ernste moralische Verantwortung erwachse und eine Vereinbarung aller etwaigen Zwangsmaßregeln überflüssig mache.

Paris, 23. December. Das hirfige Cuba*Comtta brachte in drei Tagen eine Million Francs auf. Der gegenwärtige Führer der Insurgenten bittet dringend nm größere Waffcnsendungeu.

Madrid, 23. December. Eine Bande von Revo­lutionären, welche neulich in Novelga in der Provinz Alicante auftrateu, wurde von der Gendarmerie zerstreut. Sieben Banditen wurden getödtet. Die Bande führte eine rothe Fahne und eine große Menge Dynamit mit sich, welches beschlagnahmt wurde.

Loudon, 23. December. DaS ehemalige Mitglied deS deutschen Reichstages und preußischen Abgeordnetenhauses Georg von Bunsen ist hier gestorben.

Warschau, 23. December. Im Auftrage der Moskauer Behörden fanden in der letzten Nacht bei hiesigen russi­schen Studenten Haussuchungen statt, wobei com- promittireude Correspondenzeu gefunden wurden. Mehrere russische Studenten wurden verhaftet und sogleich nach Moskau tranSportirt.

Konstantinopel, 23. December. DaS Memorandum der Pforte über die von ihr durchgeführteu und beab

Feuilleton.

Geständnisse.

Humoristische Weihnachtsgeschichte von Anna Behnisch.

(Schluß.)

Erich war nicht gleich im Stande, zu antworten.

Der Name Agathe auf Fräulein WildenS Lippen zer­störte die Illusion mit einem Schlage. Sein Gewissen erwachte im Ru zu den bittersten Vorwürfen und tief be- klommen machte er die Entdeckung, daß er bet der Vor­bereitung auf seine Bräutigamsrolle auf einen bedenklichen Irrweg gerathen war.

Und in der Erwägung, wie er sich von diesem so schnell die möglich auf die planmäßig erwählte Bahn zurückfiadeu sollte, ging er schweigsam und in sich gekehrt neben der jungen Dame her in der Meinung, durch forctrte UnltebeuS« Würdigkeit gegen dieselbe wenigstens einen Theil der an llgathe begangenen Schuld ungeschehen machen zu können.

Fräulein Wilden aber hinderte eine tödtliche Bangig« kett, auch nur eine Silbe hervorzubrtngen. Der Referendar war trostlos in dem Glauben, sie zürne ihm. Für ein freundliches Wort von ihr hätte er tu dieser Stunde Agathens zrsammte Million hiugegeben. Ja, wenn Agathe nicht schon lurch die Tante, der er feine Pläne angezeigt, von seinen Absichten in Kenntntß gesetzt worden ... So aber er war doch ein Ehrenmann . . .

Nun standen sie vor dem Gasthof des Dorfes, die letzten der schiffbrüchigen Carawane, da er, je naher sie dem tzltle kamen, seine Schritte unwillkürlich verlangsamt hatte, im den Augenblick, in welchem seine völlige Geldverlegenheit fanh werden mußte, so wett wie möglich hiuauSzuschiedeu. j Ob er'S noch einmal wagte, seinen Schützling um Hilfe an- 1

zugehen, der wenigstens seine Familie kannte? Immer noch weniger peinlich und aussichtslos, als sich au einen stock« fremden Menschen, der ihn möglichenfalls für einen Hoch­stapler hielt, zu wenden. Wieder neigte er sich bedrückten Herzens zu dem jungen Mädchen:

Fräulein Wilden, Sie wögen sonderbar über mich denken, doch das Geständutß muß gemacht werden"

Herr Referendar," unterbrach sie ihn, vor Entrüstung bebend,ich verbitte mir jedes wettere dterbezügltche Wort."

Das Herz klopfte thr btS zum Halse, in ihre Augen stieg daS Waffer.

Wie sie in die Gaststube hiueingekommen, wußten sie alle beide nicht. Heller Kerzenglauz und würziger Tannen- duft schlugen ihnen entgegen. Die verunglückte Retsegesell« schäft machte eS sich schon in dem warmen Raume bequem und trocknete die naffen Sachen am heißen Kachelofen. Die Wtrthsleute, die der unvermuthete Besuch just bet der Weih- nachtSbescheerung überrascht, hatten eiligst den brennenden Chrtstbaum in die Gaststube getragen, um den Ankömmlingen einen behaglichen Empfang zu bereiten, über welchen diese durch die animirte Stimmung, in der sie sich befanden, qutttirten.

Erich! Helene! Wo in aller Welt kommt Ihr zusammen her?" drang da plötzlich eine bekannte Stimme an thr Ohr und vor thneu stand eine junge Dame mit kurzgeschorenem braunem Haar, im knappen, englischen Reise- coftüm und lachte, daß ihr der Athem vergehen wollte.

Agathe!" stammelte auch Erich,Du hier?"

Lieber Gott," erwiderte sie, mit den Fingern knipsend, ich wollte mich 'mal auf meine Weise amüflreu. Da bin ich der Tante während ihres Mittagsschläfchens auSgerückt und eigenhändig mit dem Schlitten fortkutschirt, um meine Freundin auf der Obersörsteret über Weihnachten zu besuchen.

| Die Biester aber, die Braunen, wollten in dem Schnee nicht von der Stelle und wir blieb nichts weiter übrig, als im ersten besten Gasthof abzuwarteu, bis die Wege beffer werden. Na und Du . . .?"

Erich dachte wieder an seine fünfzig Pfennige und sah die Cousine verzweiflungsvoll au.

Ich bin ebenfalls jämmerlich gestrandet . . . Agathe," er zog sie bei Sette,ich . . . ich muß Dir ein Geständuiß machen"

Sie maß ihn mit hochfahrenden Blicken.

Ditte, Erich, laß das. Die Thatsoche, daß ich fort­gefahren bin, um Deinem Weihnachtsbesuch zu entgehen, ^sagt Dir, meine ich, wie ich über die Dinge denke, die Du mir anvertrauen willst. Wie kannst Du Schwärmer auch gerade auf die verrückte Idee verfallen, mich tolles, ausgelassenes Ding Heiratheu zu wollen! Deine hübsche Begleiterin da, die sanfte Helene, mit der Du unterwegs Bekanntschaft ge­macht zu haben scheinst, wäre eher was für Dich."

Erst allmälig ging dem Referendar ein Licht auf über das große Mißverstäudoiß, daS zwischen ihnen waltete, und er hatte Mühe, den Fluch gegen alles Weibliche, der ihm auf deu Lippen schwebte, zu unterdrücken. In demselben Mißverständniß also war Fräulein Wilden befangen gewesen bet seiner vorsichtigen Einleitung zu dem Geständntß seines Geldmangels.

Hol der Teufel die Mädels alle!" dachte er,ob fie blond oder braun, sanft oder wild find, da- Lieben und Heiraihen bleibt doch ihr erster Gedanke."

ES kochte in ihm, doch sich zu eifiger Kälte zwingend, begann er:

Verzeih, theure Cousine, wenn ich Dich über einen erheblichen Jrrthum aufklären muß. DaS Gestäodniß, das ich Dir zu machen beabsichtigte, betraf lediglich meinen