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Samstag deu 25. April

1S96

Der jUjaiet Aozelger PTfdjeint täglich, ;Mt Ausnahme bei Montags

Die Vitßener IlieirkMerilftr Kbm dem Anzeiger krttzkvtlich dreimal beige!egt

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

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Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gietzen.

Inv ahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für bex

Hratisbeikage: Hießener Aamikienötätter.

Alle Annoncen-Bureaux des In- unb AuSlande- nehm« Anzeigen für benSiebener Anzeiger- entgegen.

hlzmdm Tag erfcheinenben Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

U-J_ ________L

Amtliche? Theil.

Bekanntmachung, Sletttffcnb die Veranstaltung von verloosungen innerhalb des GroßherzogthumS.

Der Oberhesfische Bienenzüchterverein beabsichtigt mit riet am 14. September l. I. zu Nidda stattfindenden SK Lb-anderversammlung eine Verloosung von Bienenvölkern, hhsavtg und Bienenutenfilien zu verbinden.

Da» Großh. Ministerium deS Innern und der Justiz Wa die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Der- i MsllUß unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 2®OQO Loose zu 50 Pfg. da- Stück auSgegebeu werden dürfen miindestenS 60pCr. des BruttoerlöfeS aus dem Verkauf Lim Loose zum Ankauf von Gewiungegenständen zu ver- *wnhci sind. Zugleich ist der Vertrieb der Loose in der ♦Wey Oberhesieu gestattet worden.

giteßen, den 22. April 1896.

Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. Gagern.

Deutscher Reichstag.

76. Sitzung. Donnerstag, deu 23. April 1896.

An BundeSrathsttsche: StaatSsecretär v. Bötticher, Minister ju k.'rllepsch.

Das HouS setzt die Besprechung der Interpellation v. Man- tiLrsfel. detr. die Bestimmungen des Bundesraths über den Betrieb »idb tifitfet etcn und Conditoreien fort.

Udg. Vtelhaben (Res. P) erklärt die Verordnung für einen Wucksluf der heutigen falschen Volkswtrthschaftslebre, welche die Jn- te$7#a des Mittelstandes ntchs genug berücksichtige. Man könne amsl bie rein mechanische, körperliche Fabrttarvrtt von Polizei wegen .e^in, über nicht die persönliche Arbeit im Handwerk. Die Ver- 9>tinmr.( sei für daS Bäckereigewerbe eine große Gefahr. Gerade al«e|(6 Gewerbe hatte bei einem solchen Versuch, die Arbeit zu regeln, jli Iller! etzt in Frage kommen sollen. Hätten sich doch sogar auch »t«nbui Gehtlfen-Veretnen nur 22 von 38 für eine solche Regelung au-izcspl ochen. In der Krankheitftatistik nähmen die Bäckergesellen tetat unigünstige Stelle ein. Wenn die Socialdemokraten für die Ätaorbt >ing einträten, so liege das daran, daß dieselben den Mtttel- flÄib Llderhaupt ruinhen möchten und daß ihnen außerdem das BÄllirgi werbe besonders unbequem sei wegen des darin bestehenden patriarchalischen Verhältnisses zwischen Meistern und Gehilfen. Stieg. Richter (srs. 93p.): Zweifelhaft ist mir, ob die Verhält- xtaft im Bäckeretgewerbe wirklich so liegen, daß der Bundesrath zum <51lli8 beer Verordnung befugt war. Jedenfalls war er nicht, wie 0M». Berlepsch meinte, dazu verpflichtet, denn von einer solchen M-iMchlUng steht im S 120s nichts. Auf jeden Fell zeigt sich hier, dass eirnestheils ein derartiges Gesetz nicht die Zustimmung dieses erlangt haben würde, und anderntheils, wie gut es wäre

und wie sehr es dazu dient, die Ansichten in der Oesfenllichkeit zu klären, wenn solche Vorschriften nut durch Gesetz erlassen werden, da alsdann hier eingehende vorgängige Erörterungen statlfinden müssen. Die Verordnung geht über die gesetzlichen Bestimmungen betreffs der Sonntagsruhe erheblich hinaus. Wir sind nicht gegen jeden Zwang, aber wir wollen, daß ein solcher Zwang wenigstens nur durch Gesetz festgelegt wird und nicht ,durch bundesräthltche Verordnung. Das Schlimmste ist, daß man hier zahlreiche Betriebe unter Polizeiaufsicht stellt und thatsächltch einen Maximalarbetlvtag für erwachsene Arbeiter einführt. Die Verordnung läßt so viel Ausnahmen und Ausnahmen von Ausnshmen zu, baß der Bäcker sich noch einen Syndikus wird halten müffen, um durch alle die Maschen durchzukommen. Da war doch der einmal gemachte Vorschlag, einen Minimal-Ruhetag sest- zusetzen, noch viel richtiger. Bei so schwierigen gesetzgeberischen Fragen sollte man doch mit dem einfachsten anfangen: schon das würde manchen Uebelständen abhelsen. Jedenfalls sollte man aus den jetzigen Verhandlungen den Schluß ziehen, daß wenn es sich wieder einmal um solche Dinge handelt, man doch lieber den Weg der Gesetzgebung beschreite.

Abg. Gtai Bismarck: Vorredner hat die wesentlichsten Be­denken gegen die Verordnung sehr treffend, mit viel Sachkunde und Uebcrlegung dargelegt. Namentlich bezüglich der letzten staats­männischen Ausführungen des Vorredners theile ich deffen Stand­punkt ourchaus. (Rufe: Hört, hört! Heiterkeit.) Die Verordnung hat viele Unruhe und viel Unzufriedenheit gestiftet. DaS hat zu meiner Gmugthuung auch Herr Merbach schon durchaus treffend heroorgehoben. Namentlich die kleinen Meister fühlen sich durch diese Maßregel am grünen Tische schwer bedroht. Die Verordnung enthält eine ganze Reihe Vorschriften, bei denen man nur wieder grünes Tuch vor den Augen sieht. Vom Bundesrathstische aus wurde gestern gesagt, das Gewerbe werde sich an diese Beschränkungen gewöhnen. Ja der Einäugige muß sich auch an sein ein Auge gewöhnen, aber so lange man noch gesund ist, wehrt man sich gegen jede Ver­krüppelung. Mit Herrn Hitze halte ich eine baldige Organisation des Handwerks für erwünscht. Die Verordnung möge sobald wie möglich zurückgenommen werden. Wie sie auf die Socialdemokratie wirkt, sehen sie ja an dem Beifall, den die beiden Herren Redner am BundeSrathstische gestern bei den Socialdemokrgtcn gefunden haben.

Minister v. Berlepsch: Der Unterschieb zwischen uns und den Herren auf der Rechten besteht darin, daß wir auf dem 1891 be­schrittenen Wege beharren, während sie ihn verlassen haben. (Wider­spruch des Grafen Bismarck.) Jawohl, heute haben Sie gesagt, wir sollen den Weg solcher Verordnungen nicht beschreiten. (Rufe rechts: Sehr richtig!) Ja, 1891 haben Sie auch Sehr richtig ge­rufen, als uns dieses Verordnungsrecht gegeben wurde. Von einer Sette ist uns sogar der Vorwurf gemacht worden, daß wir uns mit den Verhältnissen in der Confectionsbranche beschäftigen. Haben Sie denn ganz vergessen, daß es gerade erst vier Wochen her ist, daß Sie der Regierung zuriefen: Thu' Du hier Deine Schuldigkeit! (Lebhafter wiederholter Beifall bei den Socialdemokraten.) Sie haben doch nicht blos Gesetze gemacht, um sie nachher unausgeführt zu lasten! (Erneuter Beifall.) Was das Handelsgewerbe anlangt, so besteht doch auch da Ausbeutung genug. Aber beruhigen Sie sich, in Bezug auf das Handelsgewerbe gibt $ 120 e den Regierungen solche Befugnisse nicht, da werden Sie selber milzusprechen haben! Und wenn man vom grünen Tisch und grünen Tuch spricht da verlangen Sie wohl, daß der Bundesrath auS lauter Bäckern besteht. (Heiterkeit und Beifall links.) Zwei Jahre haben wir die Special- srage geprüft, glauben wir, daß daS nicht mit Sorgfalt geschehen, ist?

Grundsätzlich ist die Frage deS Verordnungsrechts jedenfalls schon 1891 gelöst, und da hatte der Bundesrath durchaus das Recht zu seinem Vorgehen. Nach keiner Richtung bin, weder nach der recht­lichen noch nach der sachlichen wird die Verordnung mit Recht an­gefochten werden können. (Beifall bei den Socialdemokraten.)

Abg. Rösicke (liberal): Die Conservativen find doch sonst für jeden polizeilichen unb sonstigen Zwang: weshalb denn gerade nicht hier ? Hoffentlich wird der BundeSrath so fortfahren, von seinem Verordnungsrechte Gebrauch zu machen.

Abg. Hüpeden (chr.-soc.) erklärt, daß er noch nach wie vor auf demalten conservativen Standpunkt deS Maxtmalarbeits- tages stehe."

Die Besprechung der Interpellation wird geschloffen.

Es folgen Wahlprüfungen.

Ueber die Wahl des Abg. Warn hoff (der bereits sein Mandat niedergelegt bat und vor einigen Tagen wiedergewählt ist) entsteht eine längere Debatte, da der

Abg. v. Liebermann (Ant.) eS rügt, daß ein Wahlbeifitzevder und ein Amtsvorsteher schwerer Wahlfälschungen sich schuldig ge­macht hätten, ohne daß gegen sie, von AmtSwegen eingeschrtttm worden sei.

Abg. v. Hodenberg erhebt ähnliche Beschuldigungen.

Die Abgg. v. Holleufer u. Gamp bestreiten die Berechtigung, unb namentlich bezeichnet Gamp eS als unerhört, baß solche Ber- bächtigungen beweiSlos gegen Beamte vorgebracht würden.

Abg. Singer beschwert sich über verschiedme lanbräthltche Wahlbeeinflussungen.

Das Haus beschließt schließlich, ben Reichskanzler zu ersuchen, der preußischen Regierung ben Wahlprüfungsbericht nebst Acten zur Kenntnitznahme unb geeigneten Veranlassung insbesondere in Rück­sicht auf eine bestimmt bezeichnete amtliche Wahlbeeinflussung mit- zutheilen.

Die Wahl des Abg. Kolbus beantragt bie Eommisfion für gütig zu erklären.

Ein Antrag Bebel will Ungiltigkeits-Erklärung.

DieSache wurbeschließlich andie Wahlcommission zurückoerwiesen. Morgen 1 Uhr: Wahlprüfungen. (Schluß 5>/.'Uhr.)

Neueste 2Xad?cid?teet<»

Wolff» telegraphische» Eorrespondery-Bureau.

Dresden, 23. April. Der Kaiser traf um 11 Uhr 40 Min. mittelst Sonderzuges auf dem Bahnhof in Strehlen ein, und wurde von der Königin Karola daselbst herzlich begrüßt.

Dresden, 23. April. Die Feier des Geburtstages deS Königs wurde heute früh durch militärisches Wecken eingeleitet. In den Schulen wurden entsprechende Feierlich- feiten abgehalten - in der Hofkirche fand ein Tedeum statt. Vormittag- wird der Wettin-Obelisk vor dem Palais Tescheu- berg enthüllt werden. Auf dem Alaun-Platz wird im Beisein des Kaisers und des Erzherzogs Otto von Oesterreich eine Parade abgehalten. Die Schulkinder aus den Bezirksschulen erhalten eine Festzeitung. Abends findet beim StaatSmiuister von Metzsch eine Soiree statt, an der der Kaiser und bie

Feuilleton.

Surtur.

Novellette von Eethegus-

(1. Fortsetzung.)

4ter wie zur Zeit der Troubadours fehlte es auch hier aritii am plötzlichen Einbrüchen gewaltthätiger Rivalen, die juktdlbem Streitruf die Verhandlungen der cour damour fphlmztien, und bei einem solchen Uebersall geschah es, daß äfamn den Halt verlor und vier Stock tief von dem Dache .irii!» Eckhauses in den Garten sauste, natürlich kam er .jMtiü] auf ben Füßen an und hatte sich, abgesehen von dem Mtftckrn, nichts UebeleS gethan.

Nachdem er fich ein wenig frifirt und geputzt, musterte cts tzdSichtig die Umgebung: großer Garten, recht» eine hohe Mric,. links hinter der Hecke ein schmales Gäßchen, dahinter «Mr Hecke und Feld; das Haus dunkel und still bis auf z»M Fenster, die noch erhellt waren und offen standen. DSwcine im zweiten Stock über dem Gäßchen, daS andere trat Hochparterre nach dem Garten hinaus. An dieses Ftzrinr schlich Surtur vorsichtig heran, schwang sich auf die WM«g und lauerte ein wenig um die Ecke. Ein alter, hotxnir Herr im Schlafrock und eine dicke, gutmüthig aus« seHaie Frau saßen am Tische, sie strickte, er zählte Geld.

.Die Halfener Bergwerks Actien haben voriges Jahr wi'Jtitr ein Procent weniger gebracht," sagte der Herr ärger- ll'U M,@ß ist ein Elend. Erst die schlechten Geschäfte und bcüwmsch das Geflenn von dem Mädchen/

,Du sollst sehen, Daniel, sie giebt sich schon," meinte >ick: Fran.Der Herr Baron ist so ein netter, galanter Min sie wird fich den Referendar schon auS dem Kopfe

.Ich wollte eS ihr auch gerathen haben," brummte der MS« im Schlafrock.So ein Habenichts und ein 'TjisivWgut obendrein- Du weißt doch, was der Herr Baron

alles für Streiche von ihm erzählt hat. Der muß es freilich wiffen, wohnt ja tu einem Haufe mit ihm."

Aber nobel, erste Etage," fügt die Frau ein.

Nn natürlich, er hats ja," versetzte der Mann.Die Tante läßt ben schon nicht karg leben. Unb bann erst später die Erbschaft 1"

Eine sonberbare Person muß eS doch sein, biefle Baronesse Gundelinde," meinte die Frau nach einer Weile. Wohnt da so ganz allein mit ihrer Gesellschafterin und ihrem Gelbe in dem großen HauS und läßt keinen Menschen vor ..."

Nicht 'mal ihren Neffen," bestätigte der Mann und schloß seine Geldkaffette ab.

Das ist eben die Menschenscheu," fuhr die Frau fort. Wenn ich denke, wie der arme Herr Baron fich oft darüber beklagt, daß er ihr so gar nichts Gutes thun kann. Ec hätte uns so gern mal bei ihr eingesührt. Aber Du sollst sehen, bie kommt nicht mal zur Trauung."

Aber ihr Geld kommt, und daS ist die Hauptsache," meinte der alte Mann.Ich hab mir mein bischen nicht zusammengespart, um eS einem armen Teufel anzuhängeu. Geld zu Geld, so gehört fich'S. Deu Barou soll fie kriegen und keinen Referendar Carl Morolf. Himmeldonnerwetter, da ist schon wieder so ein verfluchtes Biest!"

Bei dem Namen seines Herrn dem einzigen, waS er von dem Gespräch der beiden Menschen verstand hatte Surtur unwillkürlich ausgemurrt.

Um GotteSwillen, Alter, übereil Dich nicht!" rief die Frau, aber zu spät ein schwerer Gegenstand sauste durchs Fenster in die dunkle Nacht hinaus, gerade gegen ein zartes Rosenftärnrnchen, baß von dem Wurfe mitten durchknickte.

Siehst Du wohl," hob drinnen die Stimme der dicken Frau wieder an,siehst Du wohl? Jetzt hast Du wer weiß was an den Blumen augerichtet und ich kann mich morgen nach Deinem Briefbeschwerer müde bücken. Komm, laß uns zu Bett gehen."

Aber wenn ich 'mal so ein Viech kriege!" antwortete der Mann und schloß daS Fenster.Ich muß mit dem Baron sprechen, der soll fich hier auf den Anstand legen."

Vorsichtig kauerte Surtur unter der Fensterbank, biß die Stimmen verhallt und daS Licht entschwunden war. Dann setzte er feinen Spähergang fort. Plötzlich hörte er auS dem Seiteugäßchen Schritte eines Mannes- als der Manu sichtbar wurde, erkannte Surtur feinen Herrn. Zu- gleich wurde oben am Fenster im zweiten Stock ein anderes hübsches Antlitz mit langen, dunklen Haaren sichtbar, ein weißes Briefchen schwebte an einem Bindfaden dicht vor SurturS Versteck herunter - der Referendar löste vor­sichtig von der zu einer Angel gebogenen Haarnadel ob und küßte eS, dann befestigte er seinerseits ein anderes Briefchen an die Angel und die Schnur schwebte wieder nach oben.

Dem Kater gefiel dieses Spielchen ausnehmend, auch freute er sich, seinen Herrn einmal wiederzusehen, und so folgte er ihm, nachdem er ohne Mühe durch die Hecke ge« schlüpft war, bis zur nächsten Straßenlaterne. Erst dort sprang er an ihm herauf und begrüßte ihn mit freundlichem Schnurren, denn er wußte aus Erfahrung, daß die Menschen gegen Annäherung im Dunkelu etwas empfindlich find und bann sehr unliebenswürdig werben. Als aber der Refe­rendar Miene machte, den Wiedergefundenen mit nach Hause zu nehmen, eutwisckte er schleunigst, denn sein Frei­heitsdrang war noch lange nicht genügend gestillt. Kaum war er in deu Garten zurückgekehrt, so sah er auf der Mauer etwas Weißes, Schlankes zierlich unb leise daher» schleichen, und einige Minuten später fand er fich bereit» im zärtlichsten Gespräch mit einer jungen, wohlgebildeten Dame mit langen Haaren, rosigem Näschen, dichtem, tadellos geputzten Schnurbart unb einem so romantischen Herzen, wie nur je in einem Katzenbusen schlug.

(Fortsetzung folgt.)