Ausgabe 
24.12.1896 Zweites Blatt
 
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»Weil ich auf einer Zwischevstatio« meinen Vetter erwarte, der mich bis Z. begleiten wird und in dessen Schutz ich hoffentlich vor lästigen Fragestellern sicher fein werde."

Wieder schmerzte ihn etwa-. Er vergaß momentan vollständig, daß der erwähnte Vetter einer Gouvernante au- gehöre, die er nicht für voll ausah, und hielt e- für angezeigt, die leichtsinnig verscherzte Freundlichkeit derselben so schnell wie möglich zurückzuerobern. Nachdem er eine Weile rathlo- in das immer dichter werdende Schneegestöber gestarrt, reichte er der Dame bescheiden seine Zeitung. »Wünschen Sie vielleicht Lectüre?"

Sie lehnte dankend ab, mußte aber lächeln, al- ihre Blicke sich nun doch trafen. Deshalb schloß sie schleunigst die Augen, rückte tu die Ecke und behandelte den Referendar für die nächsten Stunden wiederum al- Luft.

Es dunkelte- da- Schneegestöber wurde fast undurchsichtig. Plötzlich hielt der Zug auf freiem Felde. Da- Fräulein sprang auf.

Ist etwas pasfirt?"

Erich sah au- dem Fenster. Beamte liefen hin und her, Passagiere standen in aufgeregten Gruppen draußen im Schnee. Er rief den Schaffner heran.

Geleise wegen Schneeverwehung gesperrt. Verkehr auf der ganzen Strecke unmöglich."

Ist eine Ortschaft in der Nähe?"

Dorf I., eine halbe Stunde von hier," antwortete Jemand, der die Gegend kannte.

So bleibt un- nicht- weiter übrig, als im nächsten Dorfe ein Unterkommen zu suchen, wenn wir nicht im Zuge Heiligabend feiern wollen," wendete sich der Referendar seufzend an die Dame.Gestatten Sie, mein Fräulein!" Er raffte ihr Handgepäck zusammen.

Sie zögerte erschrocken.Wären wir wenigsten- bi-

zur nächsten Station gekommen! Dort erwartet «ich meta Vetter."

Erich frohlockte plötzlich über den Zwischenfall, den er im ersten Augenblick verwünscht hatte. Sein Gewtffeu schwieg jetzt, denn einem schutzlosen Mädchen seine Ritterdienste auzu- bieten, war nichts weiter al- Menscheupfltcht. Er half dem Fräulein auö dem Wagen und reichte ihr den Arm.Ich bitte Sie, sich vollständig unter meinen Schutz zu stellen und mich für Sie sorgen zu lassen."

Dabet fühlte er ein leises Zittern ihrer Finger, al- fie dieselben zaghaft und widerstrebend auf seinen Ar« legte.

Alle Passagiere schlugen, kurz entschlossen, mit Sack und Pack den Weg zu dem genannten Dorfe ein; die allgemeine Stimmung war eine verzweifelte, Erich aber überkam ein wunderbarer Galgenhumor, der ihn auch nicht verließ, al- thm nach wenigen Minuten schon Haar und Schnurrbart, in welchen sich die Ei-crystalle fingen, festgefroren waren. Die Flocken, vom schärfsten Ostwiod gepeitscht, schlugen den Wanderern wie spitze Pfeile in» Gesicht; die Wege waren fast unpassirbar, sodaß man bei jedem Schritt Gefahr lief, im hohen Schnee stecken zu bleiben.

Die junge Dame mußte sich fest auf den Arm ihre- Begleiters stützen, dessen Kräfte zu wachsen schienen, je mehr die ihrigen abnahmen und dessen Bluttemperatur zu steigen schien, je öfter er fühlte, wie sie vor Frost zusammenschanerte. Dabei bemühte er sich krampfhaft, in sich die Vorstellung zu erwecken, daß die Dame, die ihm, al- die Erschöpfung sie zu übermannen drohte, hilflos im Arme hing, Agathe sei. Auf diese Weise weinte er sich am besten auf seine nicht mehr ferne Bräutigamsrolle vorzubereiten. Und einzig im Interesse der würdigen Vorbereitung auf besagte BräutigamSrolle geschah eS, daß er seine Begleiterin mit einer Rücksicht und Aufmerksamkeit behandelte, die in entschiedenen Widerspruch

zu der Geringschätzung stand, mit welcher er über Gouvernante» dachte.

Der Sturm machte ihnen daS Sprechen unmöglich; keines von ihnen verspürte auch Lust dazu, ließ sich doch in stummen Träumen die Romantik der Situation am süßesten au-koften. Endlich blitzten in der Ferne Lichter auf; man war bem Dorfe nahe.

Die grausame Prosa des Lebens scheuchte Erich an- seiuen seligsten Gedanken auf. Er erinnerte sich der fünfzig Pfennige, die er als ganze Baarschaft bet sich trug und über­legte, wem er seinen Nothstand offenbaren sollte, de» Wirth, bet dem er Zehrung und Obdach suchen wußte, oder seiner Kameradin, mit der eS nun einmal für diese Reise gemeinsame Sache zu machen galt. Er entschied sich für do- letztere, neigte sich an ihr Ohr und begann unsicher:

Gnädige- Fräulein, ich habe Ihnen ein Gestäudniß z« machen . . ."

Sie richtete sich straff empor und entzog ihm ihren Ar«: Aber mein Herr, wir kennen unS so gut wie garnicht.. ."

Pardon," versetzte er tu jäher Bestürzung über thre Schroffheit,die ungewöhnliche Lage, in der wir unS befinden, ließ mich versäumen, mich Ihnen vorzustellen: Referendar Erich Raedicke au- Z."

Sie stutzte bet seinem Namen und iah mit einem angstvoll fragenden Blick zu ihm auf.Ein Neffe bei alten Fräulein Raedtcke in Z.?"

Ganz recht. Sie kennen meine Tante?"

Ich habe mit ihrer Pflegetochter Agathe zusammen die Schule besucht," entgegnete fie mit schwankenber Stimme. Mein seliger Vater war Pfarrer an der Kreuzkirche in Z. Pastor Wilden, der Name dürfte Ihnen bekannt sein."

(Schluß folgt.)

Vsrtteigkrungen.>

Holzversteigerung

im Gießener Stadtwald.

Montag den 28. December 1896, Vormittags 91/, beginnend, sollen im Gießener Stadtwald, in den Districten Waidmannslust und Zollstockswäldchen, versteigert werben:

3 Fichtenstämme mit 0,74 fm,

13 Fichtenstangen mit 1,05 fm,

11 rm BucheN'Scheitholz,

206 Eichen-

2 Buchen-Knüppelholz,

197 Eichen-

10 Nadel-

2 Buchen-Stockholz,

268 Eichen-

3 Nadel-

100 Wellen Buchen-Reisig, 10070 Eichen.

740 Nadel-

Die Zusammenkunft ist auf der Licherstraße an der 7. Schneise.

Gießen, den 21.December 1896.

Großh. Bürgermeisterei Gießen.

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Spar- und Leihkasse Gießen.

Wir bringen hierdurch zur Kenntniß der Interessenten, daß uns auch in diesem Jahre eine Summe zur Prämiirung von Dienstboten des Sparkaffenbezirks zur Verfügung gestellt wurde. Prämien können von fünf zu fünf Jahren nur solche Dienstboten im engeren Sinne erhalten, welche bei der Herrschaft Kost und Logis haben und sich über gute Füh­rung durch Zeugnisse ausweisen können.

Von Vollendung der fünf Jahre kann nur dann im letzten Dienst­jahre abgesehen werden, wenn der Dienstaustritt durch Einberufung zum Militär, durch Auflösung des Haushaltes der Herrschaft, oder durch Gründung eines eigenen Haushalts erfolgt.

Es werden hiernach alle diejenigen Dienstboten, welche nach vor­stehenden Bedingungen auf eine Prämie glauben Anspruch erheben zu können, aufgefordert, sich unter Vorlage der Dienstbücher, eines Zeugnisses der Herrschaft über gute Führung, sowie eines etwaigen Sparkassenbuchs bei unserer Kasse oder der Großh. Bürgermeisterei des Wohnorts bis zum 24. l. M. zu melden.

Gießen, am 8. December 1896.

Die Direktion des Spar- und Leihkaffevereins. _______________________ I. E.: Wiener.

Spar- und Leihkaffe Gießens

Im Monat December l. I. werden bei der unterzeichneten Kasse jeden Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Samstag Zahl tage abgehalten. Die Einleger werden ersucht, an diesen Tagen unter Vorlage der Einlagebücher ihre Zinsen in Empfang zu nehmen oder bei* schreiben zu lassen. Zinsen, welche bis zum 1. Januar n. I. nicht erhoben oder beigeschrieben sind, werden in den Büchern der Kasse ohne Weiteres zugeschrieben und von diesem Tage an verzinst. E» brauchen hiernach alle diejenigen Einleger im December nicht z« erscheinen, welche nur Zinsen beischreibeu lassen wollen, dies kann vielmehr ganz ge­legentlich im Laufe des nächsten Jahres geschehen.

Gießen, den 28. November 1896.

Spar- und Leihkaffe Gießen.

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