Ausgabe 
24.12.1896 Zweites Blatt
 
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Nr. 303 Zweites Blatt. Donnerstag de» 24 December

Der Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Rulnahme deS Montag-.

Die Gießener Aamiki-n-tälter werden dem Anzeiger wtchentlich dreimal beigelcgt.

Gießener Anzeiger

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Kratisöeitage: Gießener Jamittenölätter. | ^77^

CocaU» und Pvovinzrelles.

Bad-Ranhei«, 22. December. Die Oberpoftdirection theilt mit, daß vom 1. Januar 1897 ab die Personenpost Bad NauheimUsingen aufgehoben wird.

§§ Hercheahatn, 20. December. Bet der gestern hier stattgesundenen Wahl eines Beigeordneten wurde der seitherige Beigeordnete Konrad Adolf II. mit 48 Stimmen einstimmig wiedergewählt.

2. Zell bet Romrod, 21. December. Dte hiesige Molkereigenossenschaft (G. G. m. u. H.) hat im laufenden Jahre mit bedeutendem Verluste gewtrthschaftet, das Deficit beträgt ca. 3300 Mk. Mit etner durchgreifen- den Aenderung in der Verwaltung der Anstalt sowie der Buch, und Rechnungsführung hofft man, den empfindlichen Schaden wieder außzumerzen.

-h- AuS dem Kreise BLdinge», 22. December. Die letzte diesjährige Bezirkslehrerconferenz des Bezirks Ortenberg tm Kreise Büdingen wurde unter Leitung des Herrn KceisschuliuspectorS Buß in Octenberg abgehalten. Zu Beginn der Conferenz fand die übliche Probelection statt, welche diesmal dte Einübung e nc8 zweistimmigen LiedeS und zwar mit Kindern der ersten Klaffe der dortigen zwetklassigen Volksschule im Alter von 10 bis 14 Jahren zum Gegenstand hatte. Herr Lehrer Kauß von Wenings entledigte fich dieser Aufgabe zur vollen Zufriedenheit der anwesenden Tollegen. In der DiScusfion über diesen ersten Theil der Tagesordnung wurde hauptsächlich hervorgehoben, daß, um der Forderung des Schulgesetzes, den Kindern einen Lieder­schatz für das Leben mttzugeben, zu entsprechen, bei Ein Übung eine- jeden Liedes, auch der mehrstimmigen Gesänge, vor allen Dingen sämmtlichen Kindern der betreffenden Klaffe dte Melodie deS zu singenden Liedes bis zur Geläufigkeit eingeprägt und alsdann erst dte Beglettstimmen mit den dazu geeigneten Schülern geübt werden müffen. Hieran schloß fich etu Referat deS Herrn Lehrers Fleischhauer von Hainchen über:Die Pflege des gemeinnützigen Sinnes in der Volksschule." Referent hatte folgende Thesen ausgestellt, welche ohne weitere Debatte Annahme fanden: 1) Der ge­meinnützige Sinn wurzelt in der allgemeinen Gottes- und Menschenliebe, ist frei von jeglicher Selbstsucht und bezweckt das allgemeine Wohl. 2) Die Volksschule kann fich der Pflege des gemeinnützigen Sinnes als etner ernsten Pflicht nicht entziehen. 3) Sie übt dieselbe durch die ihr zu Gebote

stehenden Mittel des Unterrichts, der Gewöhnung und der Zucht. Beiden Referenten wurde für ihre sorgfältigen Arbeiten der gebührende Dank der sehr gut besuchten Ver­sammlung durch den Vorsitzenden abgestattet. Für di- nächste FrühjahrSconferenz, welche in SelterS stattfiaden soll, wurde eine Probelection in der HeimathSkunde mit Kindern des zweiten und dritten Schuljahres, sowie ein Vor­trag über Anschauungsunterricht vorgesehen.

Lengfeld. 20. December. Ein bei Landwirth Jakob Walter XIII. hier als Stallmagd dienendes Mädchen, Christina Wolf aus Heubach, hat ein eigenthümlicheS Schicksal ereilt. Es hatte am 28. v. MtS. Abends ihre Stallkleider zu waschen begonnen und drang ihr hierbei eine Nahnadel, die sie trotz vorheriger Verwarnung an ihrer Jacke hatte stecken lasten, tief in das obere Gelenk des Ringfingers an der rechten Hand und blieb die Spitze da­von stecken. Nach verschiedenen Versuchen gelang es dem alsbald zugezogenen Arzte erst am folgenden Donnerstag, die Nadelspitze aus dem Finger durch Ausschneiden desselben zu entfernen. Während die kleine Eingang-wunde Anfangs nur wenig schmerzhaft war, so daß baß Mädchen noch seinen Theil Stallarbeit verrichten konnte, traten nunmehr heftigste Schmerzen ein, dte fich bald auf den ganzen Arm ausdehnten. Alle angewandten Mittel hatten keinen Erfolg. Am 16. d. Mts. wurde der Schwerkranken sehnlichster Wunsch, zu ihren Eltern nach Heubach gebracht zu werden, erfüllt, wo sie schon am 19. d. Mts. starb. Darmst. Ztag.

Hanau, 20. December. Wie den htefigen Local­blättern von einem Augenzeugen berichtet wird, überfuhr der Morgens um 11 Uhr 14 Min. von Bebra hier ein­treffende Personenzug gestern zwischen Schlüchtern und Elm auf Kilometer 76 ein junges Mädchen, da- fich aus die Schienen gelegt hatte. Als der Zug zum Stehen kam, war das Mädchen bereits eine Leiche, der Kopf war ihm vollständig vom Rumpfe getrennt.

* Die Gefammtzahl der jährlich verausgabten Zeitungen ist nach einer neuen Statistik auf etwa 12,000,000,000 Exem­plare zu schätzen. Um sich einen Begriff von dieser un­geheuren Menge machen zu können, sei nur erwähnt, daß man mit diesen Zeitungen eine Fläche von nahezu 30 000 Quadrat­kilometern bedecken könnte. Daß Papiergewicht beträgt

781,240 Tonnen. Sollte diese Auflage von einer einzigen Maschine gedruckt werden, so 'würde dte Gesammtauflage, wenn pro Secunde eine Zeitung gedruckt würde, noch 333 Jahren endlich erscheinen können. Aufeinandergeschichtet würden dieselben dte respektable Höhe von rund 80000 Meter erreichen. Angenommen, der einzelne Mensch widme dem Lesen seiner Zeitung nur 5 Minuten pro Tag, so würde nach einer Mttthrilung des Patent- und technischen Bureau- von Richard Lüders in Görlitz die Zett, welche von der Gesammtbevölkerung der Erde zum Lesen ihrer Zeitung pro Jahr verbraucht wird, gleich sein 100,000 Jahren.

Literatur rrn- Kauft

t Der «««e Jahrgang der Gartenlaube. Während nahezu einem halben Jahrhundert ist dieGartenlaube", unser ver­breitetste- tllustrtrteS Famtltenblatt, nach wie vor ein Ltebltngsgast tm deutschen Hause. Ein so dauernder Erfolg kann nicht auf einem Gluckszusall beruhen; er ist der Lohn einer ernsten pflichtbewußten Arbeit. In der That hat dieGartenlaube" ihr Ziel, weiteste, ver­schiedenartig zusammengesetzte Volksschichten durch guten Lesestoff zu fesseln, sie nach des Tages Last und Mühe zu unterhalten und zu­gleich durch Belehrung zu erheben, niemals aus den Augen ver­loren und auch glücklich von Jahr zu Jahr erreicht. Am 1. Januar beginnt ein neuer Jahrgang derGartenlaube", und aus dem Pro- spect desselben können wir ersehen, daß sie auch tm nächsten Jahr­gang ihren alten Ruf bewahren wird. Wie statistische Erhebungen in Leih- und VolkSbtbliotheken gezeigt haben, werden gegenwärtig die Romane und Novellen von W. Hetmburg vom Publikum am häufigsten verlangt und gelesen. Weiteste Leserkreise werden also mit Frcuden die Nachricht entgegennehmen, daßTrotzige Herzen", der neueste Roman von W. Hetmburg, den nächsten Jahrgang der Gartenlaube" eröffnen wird. Daran werden sich u. A. anschließm: Hildegard", Roman auS der Zett der Hexenprcceffe von Ernü Eck­stein,Dte Hansebrüder", Zeitroman von Ernst Mmllenbach (Ernst Lenbach),Unter der Linde" Novelle von Wilhelm Jensen,Aus dem Kynast", Erzählung aus den Befreiungskriegen von R. v. Gott­schall, undDas Tagebuch", Humoreske von Hans Arnold. Scheu auS diesen Beispielen kann man ersehen, wie die Romane und Novellen derGartenlaube" frei von jeder Einseitigkeit in der AuSwahl, nach verschiedenen Richtungen hin daS Lesebedürfniß befriedigen sollen. Das Programm deS belehrenden TheUs derGartenlaube" ist nicht minder glücklich ausgefallen. Wir begegnen in thm Namen von bestem Klange, denn es ist derGartenlaube" gelungen, einen Kreis hervorragender Gelehrten für dte Mitarbeit an der Belehrung deS Volkes zu gewinnen. Dieser so reichhaltige Inhalt, der noch durch einen sorgfältig hergestellten, künstlerischen Bilderschmuck gehoben wird, muß auch den weitgehendsten Ansprüchen genügen, und so können wir unfern Lesern dieGartenlaube" an der Jahreswende mit gutem Gewiffen als ein gediegenes, Belehrung und Unterhal­tung in reichstem Maße bringendes Famtltenblatt empfehlen.

Feuilleton.

Geständnisse.

Humoristische Weihnachtsgeschichte von Anna Behnisch.

(Nachdruck verboten.)

Glückliche Reise! Fröhliche Weihnachten!" so schwirrten die AbschtedSgrüße auf dem Bahnsteig durcheinander. Daun schnarrte der Stationsvorsteher:Abfahrren . . .* * und der Zug setzte fich langsam in Bewegung. Aus einem Coupö- scnfter neigte fich noch einmal ein blonder Mädchenkopf und nickte den Kindern, die ihm tücherschwenkend nachschauten, freundlich zu. Und hinter dem blonden Mädchenkopf tauchte ein braunes Mäunerantlitz auf, welche- auf daSNa, viel Glück, alter Junge!" des begleitenden Freundes mit einem bedeutungsvollen Augenzwinkern antwortete.

Ja, Glück konnte er gebrauchen, der flotte Referendar Erich Raedicke, dem daS Geld stets wie Schaum unter den Fingern zerrann und der die Retsethaler für die Weihnachts­fahrt seinem nicht viel besser sttutrten Freunde erst hatte ab- pumpen müssen. Doch er fuhr ja seinem Glück entgegen, daS ihm am Ziel der Reise in^Gestalt eines niedlichen Gold­fische- winkte. Dieser Goldfisch war daS Pflegetöchterchen seiner reichen Tante, dem er auS Langeweile früher ein wenig die Cour geschnitten, obgleich er dieemancipirten Frauenzimmer" eigentlich nicht leiden konnte. Allein in der Noth frißt der Teufel Fliegen, und da die Ebbe in Erich- Kasse immer gefährlicher zu werden drohte und ihm der welt- erfahrene Freund alle Bedenken auS dem Kopfe zu reden derstand, hatte er fich entschlossen, den langjährigen Wunsch der Tante endlich zu erfüllen uud bei seinem WeihnachtSbesuch um die Hand der Cousine zu werben.

Unterwegs wollte er versuchen, fich alle guten Eigen- fchaften AgathenS noch einmal so recht vor Augen zu rückeo, int wenigsten- ein Fünkchen für sie in seinem Herzen zu entzünden, möglich, daß die- Fünkchen bei näherer Be- kaAntschast doch noch zur Hellen Flamme entfacht würde. Bei diesem Bemühen nun irritirte ihn die Gegenwart seine- 1 vie-ä-yie außerordentlich. Wie hatte er auch so gedankenlo- I

sein können, gerade in ein Coupö zu steigen, in welchem als einziger Passagier eine junge Dame saß! Er fing an, der­selben wegen ihrer Anwesenheit zu grollen und nahm fich vor, fie durch völliges Jgnortren zu strafen.

Gewiß eine rechte Kokette," dachte er,will nur die Augen der Männer auf fich ziehen, denn warum fährt sie al- einzelne- junges Mädchen nicht Damevcoup6?"

Nun hätte er der Wissenschaft wegen aber gar zu gern heimlich ergründet, wie so eine gefährliche Kokette eigentlich anSsieht er hatte seine Reisegefährtin erst mit einem ganz flüchtigen Blick gestreift- doch da er fich schon stark als Bräutigam fühlte, schien ihm auch jeder heimlich forschende Blick verboten, und er vertiefte fich in seine Zeitung.

Dte junge Dame indessen vertiefte sich in den Genuß eines Schinkenbrödcheos, dessen Duft dem Referendar an­genehm in der Nase kitzelte. Er schaute doch auf natür­lich nicht der Dame, sondern deS BrödchenS wegen, und daß er bei der Gelegenheit eine Reihe der reizendsten weißen Perlenzahnchen zu sehen bekam, die fich kräftig in baß Brödchen bohrten, war boch gewiß nicht seine Schuld. Und ebensowenig war eS seine Schuld, daß ihm dte weichen Linien um die rothen Lippen, unter denen jene Zähnchen blitzten, ausnehmend gefielen und er dabei unwillkürlich an den Zug von Eigenwillen dachte, der um den Mund seiner künsttgeu Braut spielte. Dennoch empfand er sofort die hef­tigsten Gewissensbisse und guckte wiederum mit der Ernst­haftigkeit eines TodrengräberS in die Zeitung.

Aber die unbestreitbare Thatfache, daß sein Gegenüber nicht die geringste Notiz von seiner Existenz nahm, begann ihn allmälig zu ärgern, und ihn quälte nur der Zweifel: Ist diese Nichtbeachtung seitens der Dame nicht vielleicht gerade die rasfinirteste Koketterie?" Nothwendigerweise mußte er fie daraufhin noch einmal inS Ange fassen und baß be­sorgte er dteßmal gründlich.

Da schaute die junge Dame ebeufallß auf er machte die Entdeckung, daß er niemals schönere blaue Augen ge­sehen und fragte lachend:Haben Sie Appetit, wein Herr?" Dabei bot fie ihm mit zierlicher Handbewegung ein LeberwurstbrSdchen.

Er fühlte, daß darin ein Zurückweisen seines unver­frorenen FextreuS liegen sollte, und wurde roth wie ein Schulbube.

Verzeihung, gnädige- Fräulein," stotterte er,ich ... ich danke sehr . . ."

Seine Verwirrung versöhnte fie.

Geniren Sie fich nicht," meinte fie,der Borrath, den mir die Kinder eingepackt haben, ist unerschöpflich."

Er riß die Augen auf. Ihn schmerzte etwa-.

Die Kinder . . .?" stammelte er.Gnädige- Fräu­lein find verheirathet?"

Jetzt erröthete fie und entgegnete verlegen:

Ich bin Erzieherin in 3c. und reise zu Weihnachten zu meiner Mutter in Z "

Von seiner Brust fiel ein Stein. Gott sei Dank nicht verheirathet aber doch nur Gouvernante. Schadet Gouvernanten hatte er nie für voll ang:sehen. Da kamen die Gewissensbisse schon wieder. Morgen, am ersten Feiertag, wollte er schon verlobt sein und ließ fich noch wenige Stunden vor dem h.iligen Abend durch wildfremder Mädchen Augen um seine Geistesgegenwart bringen.

Allein," wiederholte er fich,Gouvernanten habe ich ja nie für voll angesehen, rechne ich fie also auch jetzt nicht für voll, so würde nicht als Verbrechen zählen, wenn ich heute die Reize dieser Eisenbahnfahrt noch un­eingeschränkt genieße."

Der Compromiß leuchtete ihm ein und er wendete fich wieder zu dem jungen Mädchen.

Z. ist auch mein Ziel- ich werde also daS Vergnügen haben, die ganze Reise in Ihrer liebenswürdigen Gescllfchaft zu machen, mein Fräulein."

In dem Ton, den er gegen fie anschlug, nachdem fie fich als Gouvernante entpuppte, lag etwas, da- ihr mißfiel. Sie lehnte sich zurück und entgegnete kühl:

Bon Vergnügen wird dabei kaum die Rede sein können, da mich eine Eisenbahnfahrt immer ermüdet."

Ihre Kälte verdroß ihn. Jetzt wollte er fie ärger».

Warum haben Sie sich nicht lieber ein Damencoup« zum Reisen ausgesucht, Fräulein? Sie wären dort entschieden nngeoirrer."