Ausgabe 
24.5.1896 Erstes Blatt
 
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Jlejriftr a Heini täglich, re flulnatjmt de- Montag«.

l»it Gießener |ia tffcmefätfer Kt*«i dem Anzeiger «»ältlich dreimal beigelegt.

Erstes Blatt. Sonntag den 24. Mai

1896

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Bierteljahriger * x <Mo**tmcni$prtUi 2 Mark 20 Pfg. mtt vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

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-ch.rstr.hr Ar.,. Kerniprecher 51.

2lints- unb Anzeigeblatt für den Tiveis Gieren.

Iia.ahme tot Anzeige, zu der Nachmittag« für de» Hgaibnt Lag erscheinenden Nummer bi« Borat. 10 Uhr.

Gratisöeitage: Gießener Kamitienötätter.

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Alle Annoncen-Bureaux des In» und AuSlande« nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Httttifcfrer Lheil.

Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Buch, 1 Nr Handschuhe, 1 Scheere, 1 Halskettchen, 1 Taschen- t'Uich und 1 Kratzeisen.

Hießen, am 23. Mai 1896.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Hewefie Hadpcidften»

Wolff« telegraphffcheS Lorrefpondenz-Vuream.

Berlin, 22, Mai. Saatenstand in Preußen J Mntr Mai. Wtnzerweizen 2,5, Sommerweizen 2,7, Winter- ' W| 2V9, Winterroggerr 2,7, Sommerroggen 2,8, Sommer- gstnstr!2,7, Hafer 2,8, Erbsen 2,7, Kartoffeln 2,8, Klee 3, 2 Sitlec 3. 1 bedeutet sehr gut, 2 gut, 3 mittel. Ferner auf unge- vltP|in Fläche in 100 Theilen der Anbaufläche Winterweizen 0,7, LWitt »pelz 3, Winterroggen 0,4, Klee 3,4. Frost scheint größeren L Stuben nicht angerichtet zu haben. In den östlichen Pro- uüojki' find Schädigungen durch Regenfälle vorgekommen. '.Mai Regierungsbezirken Liegnitz, Oppeln, Magdeburg atNrrseburg war Hochwasser. AuS vielen Bezirken laufen Ml-gen ein über Jnsecteuschäden, dagegen hat die Mäuse- pLege mbgenommen. Am besten vertrug Winterwetzen die NDlttkrimgunst. Ungünstiger lauten die Berichte über Winter- ruMtt, Die Bestellung der Sommerung im ganzen Westen istt zrüsitentheils beendigt, im Osten noch nicht. Sommer- g>,!tttzk Hafer und Erbsen befriedigend. Kartoffeln find giMküiheils gelegt, aber nur ein kleiner Theil ist bereits anchrpcmgen. Klee wenig günstig. Die Wiesen find infolge dcinikÄte zurückgeblieben.

Karr-Ruppin, 22. Mai. Reichstagsersatzwahl. Bis heute VLMg l Uhr waren gezählt für von Arnim (cons.) 4178, LÄIsiig (frs. Bp.) 3833, Apelt (soc.) 3031, Schückerk (2Jjll|.) 1888 Stimmen.

Leipzig, 22. Mai. DaS Reichsgericht verwarf die Revi- fLim Iteß RedacteurS desVorwärts", Joseph Dterl, toii'lttr am 7. März d. I. vom Landgericht I wegen MSchsiLNSbeleidigung, begangen in einem Bericht über eine

Gerichtsverhandlung, zu einer Strafe von 5 Monaten und 2 Wochen Gefängntß verurtheilt worden war, nachdem es ein früheres Unheil in derselben Sache am 21. Januar aufgehoben hatte.

München, 22. Mai. Infolge der von verschiedenen Seiten in der Kammer der Abgeordneten ausgesprochenen Wünsche ist nunmehr seitens des KiiegSminiftertumS ange­ordnet worden, daß in der Stadt München die militärische Begrüßung zwischen den Mannschaften einschließlich der Unteroffiziere der Armee einerseits und der G e n d a r m e r i e andererseits unterbleibt. Den Offizieren. Aerzten und Be­amten der Militärverwaltung find in München Ehren­bezeugungen Seitens der Gendarmerie-Mannschaften nur dann zu erweisen, wenn letztere sich nicht im Dienste befinden.

Wien, 22. Mai. Die Leiche des Erzherzoges Carl Ludwig ist gestern Abend in die Pfarrkirche der Hofburg überführt worden. Der Abschied der erzherzoglichcn Familie von dem Verblichenen war ergreifend. Erzherzog Franz Ferdinand wohnte dem Abschied nicht bei. Bet der Ein­segnung der Leiche in der Pfarrkirche der Hofburg waren die Erzherzöge Otto, Ferdinand, Carl uud Ludwig Victor anwesend. Trotz deS Regens bildete eine zahlreiche Menschen­menge entblößten Hauptes auf dem ganzen Wege Spalter.

Paris, 22. Mai. Die Polizei ist mit der ConfiScterung von Placaten beauftragt worden, welche eine Verherrlichung des Herzogs von Orleans enthalten und von den Royalisten in Tours gelegentlich der für Sonntag beabsichtigten Reise des Präsidenten Faure öffentlich angeschlagen werden sollten.

Budapest, 22. Mai. In Malomhaz bei Oeden- burg sind 42 Wohngebäude niedergebrannt, welche neu­errichtet waren, da vor zwei Jahren eine Feuersbrunst den Ort heimgesucht hatte.

Coustauttuopel, 22. Mai. Gestern beschied der Sultan den griechischen Patriarchen zur Audienz, um den­selben zu veranlassen, beruhigend auf die christliche Be­völkerung auf Kreta eiuzuwtrkeu.

Dweschs» 6« Bvre«, .Herold^.

Berlin, 22. Mai. Wie ein hiesiges Blatt meldet, hat der Kaiser der heute nach Westafrika abgehenden Ver-

stärkungStruppe ein besonderes Jntereffe entgegengebracht, daS sich in einem bemerkenSwerthen Detail bethätigte. Major Leutwein hatte um einige Feldgeschütze mit Granaten älterer Construction gebeten. Auf des Monarchen Geheiß aber gehen ebensowohl Schnellfeuergeschütze, tote Geschütze mit Granaten nach Westafrika. Auch Artilleristen gehen mit, welche mit der Bedienung der neuen Geschütze Bescheid wissen-

Berlin, 22. Mai. Die Kaiserin stattete heute Nach­mittag der Ausstellung einen Besuch ab. Begleitet war die­selbe vom Herzog Ernst Günther von SchleSwig-Holstein, von der Herzogin Karoline Mathilde von Schleswig-Holstein, von der Gräfin Brockdorff und dem Ober-Hosmarschall Grasen v. Mirbach. Die Kaiserin besichtigte zunächst daß Haupt- außstellungßgebäude.

Berlin, 22. Mai. Die Reichßtagß'Ersatzwahl im Wahl­kreise Schwetz ist auf den 25. Juni anberaumt worden.

Berlin, 22. Mai. Die Berliner Stadtverordneten-Ber- sammlung bewilligte dem Magistratß-Vorschlage gemäß mit großer Mehrheit die gebührenfreie Hergabe einer Gr ab stelle auf dem Gemeinde-Kirchhofe für den ver­storbenen Rentner Simon Blad, dessen Vermächtntß der Magistrat unter Uebernahme der ihm auferlegten Pflichten (Errichtung eines Denkmals für Blad) anzunehmeu be­schlossen hat.

verliu, 22. Mai. In einer osficiösen Auslassung der Nordd. Allgem. Ztg." über die Zuckersteuer heißt es u. A.: Sollte mit den ProductionS-Verhältnissen anderer Länder nicht vereinbar sein, sofort zur gänzlichen Beseitigung der Prämieo-Wirthschast zu schreiten, so würde die deutsche Regierung doch in der Lage sein, auch einem Abkommen über eine gleichzeitige stufenweise Abschaffung der Prämien zuzusttmmen.

Berlin, 22. Mai. DerVoss. Ztg." wird zur Aus­lieferung Friedmanns aus Metz berichtet, daß die Uebergabe an die deutschen Polizeibehörden morgen Abend tu Noveant erfolgen werde, worauf der Ausgelieferte um 8 Uhr 36 Min. Abends über Pagny in Metz eintreffen werde. Bon dem körperlichen Befinden Friedmanns werde es abhängen, ob dann die Weiterfahrt sofort mtt dem Zuge 9 Uhr 15 Min. über Saarbrücken uud Frankfurt a. M. oder

Feuilleton.

Eine Heirath fin de Steele.

Mtte, mich mit Nr. 1832 *zu verbinden. (Geschieht.)

»Hier Frank von der Firma A. Fraok und Co. am AtzdM«!. Wer dort?"

»Hier Felix Günther vom Bankhause Günther, Tailor undo io.. Sie kennen doch meinen Vater?"

jP'ar renomm^e. Es ist doch der neunfache Millionär?"

,® If, nach unserer letzten Inventur. Und mein Cilnihl, Ler Fabrikant Chatterlow, ist Ihnen doch auch nicht unutotat."

Mwahre ein sehr achtbares Geschäft."

,3<i dem es, trotz großer Schwierigkeiten, tu weniger ctflil ritt Jahren gelungen ist, ein Etablissement von Welttuf mim unumschränktem Credit zu schaffen. Sie haben den Bo-W, mit dem dereinftigen glücklichen Erben dieses Herrn zu ü fluchen."

Herzlichen Glückwunsch aber wozu erzählen Sie mir bafid W?"

,Meil daS unumgänglich nöthig war, um mich bei Ihnen nacchdeibühr eiozuführen und nun, da Sie mich kennen, uehM t ch mir die Freiheit, Sie um die Hand Ihrer Tochter Helyim jjU bitten."

Me beliebt? Ein HeirathSantrag durchs r eülltpho n?"

Warum denn nicht? Ich mache Sie darauf aufmerksam, datzr, H weiße Handschuhe anhabe; Sie können sie zwar nicht sehen- indeß auf Ehrenwort eS ist so. Ich sehe atcWnuy weshalb wir uns nicht der prächtigen Einrichtung der r üutgeU bedienen sollen. Sie wohnen im Westen ich im Eine Fahrt zu Ihnen würde mich zwei Stunden foftwa, imb Sie wissen ja Zeit ist Geld."

vstlbffverständltch selbstverständlich- bei einigem RalM^'m leuchtet mir die Sache ein. Jedenfalls versichere ich jM, daß mich Ihr Antrag außerordentlich ehrt- nur gestÄVn Sie, daß ich, bevor ich Ihnen antworte, noch meine ToöHn 1'rage."

,8ücQfommen einverstanden."

,5bk wird in ihrem Zimmer sein, von hier auß geht nach« lortl ein Sprachrohr ich werde gleich pfeifen."

,Wn Sie das, mein Herr ich warte am Apparat."

»tziikd Sie noch dort?"

Jawohl!"

Herr Felix Günther?"

Vom Hause Günther, Tailor u. Co. Aber was ist daß für eine sanfte Stimme, die ich da plötzlich höre?"

Ich bin selbst, Helene Frank. Papa sagte mir soeben, daß Sie um meine Hand angehalten haben, und bevor ich ihm antworte, wollte ich Sie doch erst kennen lernen, weshalb ich Ihnen noch einige wesentliche Fragen unterbreiten möchte."

Unterbreiten Sie nur, Fräulein, ich stehe zu Ihren Befehlen."

Papa ist der Meinung, daß, wenn ich Sie heirathe, ich eine sehr gute Partie mache, und da Sie der Sohn des Hauses Günther, Tailor u. Co. find, fehlt ja an nicht-, um mich glücklich zu machen."

Ohne Frage Sie können auf eine Rente von 100000 Mark jährlich rechnen."

Wirklich? Daß beruhigt mich. Aber da gibtß noch mehr zu besprechen. Sie können sich vorstellen, ich bin ein jungeß Mädchen . . . etwaß romantisch . . ., daß seiner selbst wegen geliebt werden möchte . . ."

Aber, ich liebe Sie ja Fräulein zweifeln Sie denn daran?"

Der Tausend ... ein wenig ... Sie haben mich ja noch gar nicht gesehen . . ."

In unserer Zeit bei den Fortschritten der Wissen­schaft ist doch gar nicht nöthig, Jemanden gesehen zu haben, um ihn zu lieben .... ich habe ja Ihre Photographie gesehen . . ."

Pah daß will nicht- heißen."

Pardon Dank dem Kinematographen habe ich Sie gehen, ja rennen und selbst sich bücken gesehen, um Ihren Schirm aufzuheben. Ich habe constatirt, wie graciöß Sie find, und wie beim Lachen die reizendsten Zähne der Welt in Ihrem kleinen Munde sichtbar werden. Bon Ihrer wunder­baren Sopranstimme, die ich mittelst deß Phonographen kennen lernte, will ich erst gar nicht sprechen . . ."

Ich sehe in der That, daß Sie mich schon sehr gut kennen . . . aber ... ich muß zuvor einige Aufklärungen über Sie selbst haben. Vor Allem muß unsere Geschmackß- rtchtung dieselbe sein. Zum Beispiel, ich schwärme für den Sport."

Ich auch, mein Fräulein!" I

Wäre indi-cret, mich nach Ihrem Körpergewicht zu erkundigen?"

Mein Gewicht? Ich habe mich gestern erst für einen Nickel auf der automatischen Waage wiegen lassen und 68 Kilo constatirt."

Gut ich wiege 57 - die Frage ist sehr wichtig, wie Sie zugeben müssen- denn wenn wir zusammen auf ein Tandem steigen, um unsere Hochzeitßreise zu machen, ist doch unumgänglich nöthig, daß unsere Schwere im richtigen Verhältniß steht. Ich brauche wohl nicht erst zu fragen, ob Sie Schlittschuh laufen?"

Gewiß, und ich schmeichle mir, eine gewisse Berühmt­heit darin erlangt zu haben."

Sie sind doch auch sehr beweglich das ist un­erläßlich für daS lawn-tennia, das ich außerordentlich liebe aber dazu gehört eine gesunde Lunge. Ist die Ihrige allright?

Ja, mein Fräulein,! Alles in Allem besitze ich fammt- liche Fähigkeiten, die man von einem guten Ehegatten nur verlangen kann. UebrigenS werde ich heute noch Ihrem Herrn Bater ein Photogramm meiner Person, mit X-Strahlen ausgenommen, übersenden, damit er sich überzeugen kann, daß mein Herz am richtigen Flecke sitzt und daS Knochengerüst tadellos ist."

Nach alledem, mein Herr, scheint mir, daß wir in der That zu einander passen; Papa wird Ihnen antworten ich ziehe mich für jetzt zurück."

* * *

Sind Sie noch dort?"

Jawohl!"

Hier, Frank. ES freut mich, Ihnen mittheilen zu können, daß Ihr Antrag angenommen ist- in meine Arme, mein Schwiegersohn!"

Ach, wie bin ich glücklich hören Sie durchs Telephon das ungestüme Klopfen meines Herzen-?"

Ganz deutlich."

Hier Telephonamt. Sind Sie fertig?"

Gleich. Noch ein-, lieber Schwiegerpapa! Fragen Sie Helene, ob sie es nicht doch vorzieht, anstatt auf dem Tandem die Hochzeitsreise im Luftballon zu machen? Adieu Schluß."

Schluß." Berl. Loc.-Anz.