Ausgabe 
24.5.1896 Drittes Blatt
 
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Ike. 121 Drittes Blatt. «Sonntag den 24. Mai

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Die Gießener v mikienvrstter Krl-m dem Anzeiger ^ch-ntlich dreimal beigelegt.

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Ininahme do» Anzeigen zu der Nachmittag- für de» lhmden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

»Mrep««d: das Obcr-Ersatzgcschäft für 1896.

Das Ober-Ersatz-Geschäst für 1896 wird im Kreise

Hießen

Mikl woch den 3. Juni im Rathhause zu Lich, Bor- i mittags 8 Uhr,

Sidlag den 5. Juni daselbst, Vormittags 8 Uhr, amstag den 6. Juni in der RestaurationZum Lahn- Istein", Nordanlage zu Gießen, Vormittags 8 Uhr, 'NMag den 8. Juni daselbst, Vormittags 8 Uhr, DeEag den 9. Juni daselbst, Vormittags 8 Uhr, ' Mittwoch den IO. Juni im GasthausZum Rappen" 8» Grünberg, Vormittags 8 Uhr, 1 Rettfu'ibcn.

H haben sich nach Maßgabe der besonders ergehenden : Btidit'ungen an den genannten Tagen vor der Großherzog- 1 ^en iOber-Ersatz-Commission im Bezirk der 49. Jnsanterie- Siißt e in sämmtlichen Aushebungsorten zu ge- s fidleit

aa. die für dauernd untauglich befundenen Militärpflich­tigen, soweit denselben eine besondere Ladung zugeht;

üb. die zum Landsturm I in Vorschlag gebrachten Mili­tärpflichtigen ;

ot. die zur Ersatz-Reserve in Vorschlag gebrachten Mili­tärpflichtigen ;

cd. die von der Ersatz-Commission als tauglich und ein- stellungssähig erkannten Militärpflichtigen, einschließ­lich derjenigen aus früheren Jahrgängen;

8». die von den Truppentheilen zur Disposition der Er­satz-Behörden entlassenen Soldaten;

If. die von den Truppentheilen abgewiesenen einjährig Freiwilligen.

Den Großherzoglichen Bürgermeistereien werden beson- i M Liadungen für die Militärpflichtigen k. H. zugehen, welche i betreffenden nnverzüalich zuzustellen sind. Der Vollzug t hin Viibnngcn ist innerhalb 5 Tagen anzuzeigen. Die Mi- l MpMichtigen sind außerdem anzuweiscn, ihre Loosungsschcine rml zm Stelle zu bringen.

Die zur Beurtheiluug von Reclamationcn in Betracht kommenden Personen haben ebenfalls zu erscheinen.

Sollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon bcrichtlich anzuzeigen und ist, wenn ein Militärpflichtiger von seinem bisherigen Wohnorte weg­gezogen ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen ist.

Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober- Ersatz-Geschäste bis zum Schluß des gesammten Geschäfts selbst anwesend zu sein, um bei der Untersuchung von Feld­dienstuntauglichen sowie Invaliden ev. Auskunft geben zu können, auch haben sich dieselben darum zu bemühen, daß die Militärpflichtigen, den Ladungen entsprechend, eine Stunde vor Beginn des Geschäfts zur Stelle sind.

Gießen, am 14. Mai 1896.

Der Civil-Vorsitzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission des Kreises Gießen.

Dr. Melior.

Geistesausgießung.

Die Natur ist Alles,- die Materie (Stoff) ist Alles", wird man in unserer Zett nicht müde zu versichern. Und doch wird unsere Zeit wie jede andere immer und überall daran erinnert, daß eS zuletzt doch immer der Geist ist, der die Natur in seinen Dienst nimmt und aus den eS ankommt.

Nicht das beffere Gewehr entscheidet im Kriege, sondern der beffere Geist deS Heeres. Nicht die größere Fruchtbarkeit des Landes oder das glückliche Klima hat Deutschland in den Stand gesetzt, andere Länder und Völker zu überflügeln, sondern die größere Tüchtigkeit seiner Bewohner.

Der sittliche Geist gibt überall den Ausschlag. Nicht bet den Naturkrästen, sondern den sittlichen Mächten liegt zuletzt die Entscheidung. Wir freuten unS der gewaltigen Fortschritte, welche die Dampfmaschine hervorgebracht hat- aber nun ist eS am Tage, daß die moderne Technik und Industrie zur Kehrseite ihrer glänzenden Lichtseiten auch-wieder so dunkle Schattenseiten an sich trägt, daß unS von daher jetzt die schwersten socialen Gesahren drohen. Wie soll man ihnen begegnen? Wir fühlen eS Alle: nicht mit dem Zwang der Gesetze allein läßt sich hier Helsen- daS

Beste müffen die sittlichen Mächte thun- Menschlichkeit, Pflicht­gefühl, Liebe, welche die bösen Wünsche der Selbstsucht, Un­barmherzigkeit, Gewissenlosigkeit in Schranken halten müssen, sonst geht Alles auseinander.

Immer wieder stoßen wir auf schwere Schaden im Volksleben, denen mit Gesetzen nur schwer und unvollkommen beizukommen ist: es sei nun daS Duell-Unwesen oder der Mangel an Treu und Glauben im unlauteren Wettbewerb oder da- schwindelhafte Treiben an der Börse oder die Prostitution oder die dumpfe Gährung in den Arbeitermassen. Ja, wenn man ein Gesetz geben könnte,WaS da könnte lebendig machen", wie die Bibel sagt. DaS Gesetz kann wohl baß Böse verbieten und strasen, aber nicht den guten Geist lebendig machen und selber geben, der willig und freudig daS Gute thut. Deralte Fritz", selbst ein Zweifler, mochte wohl am Abend seine- LebenS seinen CultuSminifter anherrschen:Schaff Er mir Religion inS Land, sonst scheer Er sich zum Teusel", aber daS kann auch ein CultuSminister nicht, auch nicht auf Commando.

Nicht aus eigener Vernunft noch Kraft", sagt unser kleiner Luther'scher Katechismus,sondern der heilige Geist". So weist er mit einfachen, dem kindlichen Verständniß naheliegenden Worten auf daS große Wunder hin, daS wir zu Pfingsten feiern: die Gabe des heiligen Geistes.Alle gute Gabe kommt von oben herab." Nicht auf unser menschliches Bemühen allein, aus unsere guten Vorsätze wollen wir hoffen und vertrauen, wenn wir an unseres Volkes Zukunft denken.Mit unserer Macht ist nichts gethan, wir sind gar bald verloren." Sondern wie Jeder für seine eigene Seele, so sollen wir auch für unser Volk um Ausgießung des Geistes Gottes beten.'

ES ist ein Selbstbetrug, wenn die Männer deS Man- chesterthumö meinen, man solle Alles freigehen lasten", dann werde sich Alles zum Besten reguliren. Und eS ist ebensolcher Selbstbetrug, wenn die Socialdemokratie meint, imZukunftsftaat" werde durch die neue Ordnung der Dinge Alles aufs glücklichste geordnet sein. Der Mensch nimmt in jedeOrdnung" und in jedenZukunftsstaat" seine Fehler und seine Sünden mit hinein, die würden auß jederOrdnung" bald genug eineUnordnung" gemacht

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Feuilleton.

Wochendriese aus der Residcn?.

(Originalbericht desGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt. 22. Mai.

5 ÜHlttrische Statistik. Wettrennen. Vom Schriftsteller- Verein. Tnrnerfeier. Allerlei.

Dem jüngsten Berichte über den Schluß der Spielzeit iirehwftheater lassen wir heute die kurze Statistik folgen, d liinfficiell Über die Leistungen der Bühne oom 1. Septbr. L!8$5 Ibis 10. Mai 1896 veröffentlicht wurde. wurden iimNAnzen 144 Vorstellungen im Abonnement, 9 Vor­st lalmzen außer Abonnement (darunter 3 Volks- und Schüler- VdeMungen) gegeben, dazu kam noch eine Extravorstellung, aulfii ltllleß zusammen 154 Vorstellungen. Außerdem wurden 6!l lmcerte zum Besten deß Wittwen- und Waisenfondß der H Musik außgeführt, und zur Feier deß 275jährigen Be- stiirsmS! deß LeibgarderegimentS ein Festspiel von Dilettanten v ikmflaltet. Der Kunstgattung gehörten an: Der Oper 80, d>!im Operette 4, dem Ballet 11, dem komischen Genre mit NM 10, dem Schau- und Lustspiel 74 Aufführungen. AuS- Weben sind in der Oper: die Herren Kammersänger Bär, HMTHate, Herr Rupp, Frl. Jungk- im Schauspiel: Herr ©Mtocib, Herr Fredy, Frl. Merito. Besonders bemerkens- w-mb waren mehrere Neueinstudirungen und die CycluS- Aluich:rungen von SchillersWallenstein", Grillparzers M-mem Vließ", GoethesFaust" und WagnersRing d, tfhttlbtlungcn".

DaS große Frühjahrswettrennen des Rad- f »tiervereinS hat am Sonntag, begünstigt vom Wetter u ivi zahlreich besucht, von dem dem Radsport von jeher h' ioücii Publikum stattgesunden und schöne Resultate gebracht. flMuriüffen davon absehen, an dieser Stelle auf den Verlauf de:ü llmzelnen Rennen näher einzugehen, alle wurden von br«!:ü!>nten Fahrern schneidigsterledigt" und erweckten großes JsMMe. Unter den Zuschauern bemerkte man wiederum demftrinzen Wilhelm von Hessen, der bei den Rennen der bfcafjinn Radfahrervereine stets gern zu erscheinen pflegt und sei üi leibhaftes Interesse für den gesunden Sport schon oft füiiijiflieben hat.

Eine VereinSveranftaltung von allgemeinerem Interesse, aber freilich nicht sportlicher Art, brachte auch der vergangene SamStag. Der Journalisten- und Schriftsteller- Verein hielt im RestaurantZur Oper" seine außerordent­liche Generalversammlung, die zahlreich besucht war. Nach Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten, unter denen die Wahl des Vorstandes die wichtigste war, begann der gesellige Theil, der viele interessante wissenschaftliche und künstlerische Darbietungen brachte. Herr Prof. Dr. Löbell hielt einen hochinteressanten Vortrag über die Poesie der Litteratur, der einen überaus eigenartigen Einblick in daß poetische Empfinden und Schaffen eineß kleinen, jetzt wenig beachteten Volkes bot. Die Ausführungen des Vortragenden, der gründlicher Kenner der von ihm behandelten Poesie ist, erweckten das größte Interesse und fanden den ungeteilten Beifall der ganzen Versammlung. Dann folgten noch künstlerische Vor­träge verschiedener Art. Herr Hofschauspieler Edward trug eine Auslese von Gedichten deS Herrn Schriftsteller Hepp, der seither den Vorsitz im Verein geführt, mit oft gewürdigter Kunst vor, und Herr Kammersänger Weber erfreute mit mehreren Liedern, die er mit dem ganzen Zauber seiner wundervollen Baritonstimme vortrug. Der Verein darf im abgelaufenen Jahre seiner Thatigkeit mit seinen Er­folgen wohl zufrieden sein. Möge ihm auch fernerhin eine gleich gesegnete Wirksamkeit beschieden sein, seine Zwecke und Ziele verdienen das vollauf.

Die eifrigsten Vorbereitungen trifft man augenblicklich zum JubiläumSfest der Turngemeinde. Nachdem der Paradeplatz von der Militärbehörde als Festplatz über­lassen wurde, ging man schon vor einigen Taget, an die Her­stellung zu dem festlichen Zwecke. Große Masten find ein- gerammt worden, die die electrischen Bogenlampen tragen sollen. Besondere Anstrengung wird die Aufstellung des großen Festzeltes verursachen, daS 50 Mtr. lang und 28 Mtr. tief ist. Man hat leihweise aus Nürnberg bezogen, von wo in 7 E senbahnwaggons hierhergebracht wird. Zu seiner Aufstellung find allein 10 Tage nöthig. Daß Fest­programm ist unverändert geblieben, nur wird daß Vereins- Riegentnrnen anstatt am Vormittag deß zweiten, am Nach­mittag deß ersten Festtages stattfinden. Erfreulicherweise erfährt die Turngemeinde bei ihren Vorbereitungen allent-

halben, namentlich auch bei Hofe, die freundlichste Unter­stützung, und so bleibt denn nur noch zu wünschen, daß auch der Himmel ein Einsehen habe und zum Feste ein recht freundliches Aussehen zeige, die Darmstädter würden ihm dafür recht dankbar sein, zumal sobald kein Turnfest mehr in ihren Mauern gefeiert werden soll.

Besonderes Interesse nimmt augenblicklich das Orpheum für seine Leistungen in Anspruch. DaS gut geleitete Barists bemüht sich, die Gunst deS Publikums dauernd an sich zu fesseln. Im gestrigen Programm tagen namentlich drei Luft­turner hervor, die Gebrüder Wortley, die thatsachlich ganz Fabelhaftes in ihren Kunststücken vorführten. Doch auch die übrigen Programmnummern find ausgezeichnet besetzt, und das Etablissement braucht den Vergleich mit ähnlichen Insti­tuten in den größten Städten nicht im mindesten zu scheuen. Bei Hofe ist eS nun, nachdem die höchsten Herrschaften zur Krönungsfeier nach Moskau abgereist find, wieder still ge­worden. Nach der Rückkehr soll bann daS Großherzogliche Paar, wie berichtet wirb, einen mehrere Wochen bauernben Aufenthalt im schönen Jagbschloß WolfSgarten nehmen.

Für ben Monat Juni ist noch eine große Versamm­lung in ben Mauern ber hessischen Residenz angekündigt, die Conferenz der Vereine für innere Mission. Zu dieser werden verschiedene namhafte theologische und sozialpolitische Redner erwartet, darunter auch der vielgenannte Hofprediger a. D. Stöcker auS Berlin, der einen größeren Vortrag an­gekündigt hat. Die Verhandlungen der Konferenz find alle öffentlich und finden im städtischen Saalbau statt.

Erfreuliche Erfolge hat auch wieder in dieser Woche der Kunst verein aufzuweisen, der eine neue Ausstellung arrangirt hat, unter denen Werke des Berliner Thiermalers Kuhnert, Szenen au- Ostafrika darstellend, hervorragen. Im Kunstleben Darmstadts wird denn wohl die Ernennung eines neuen MuseumSinspectorS, den man in Herrn Dr. Bock aus Berlin gefunden hat, bald mancherlei uoth- wendige Reformen zeittgen. In der Gemäldegallerte ist zur Zeit eine Copie der Holbein'schen Madonna ausgestellt, die Frl. Schäfer im Auftrage der Stadt Darmstadt auSgeführt hat. DaS wohlgelungene Bild soll das HochzeitSgeschenk der Residenz für die Kaiserin von Rußland, unsere ehemalige Prinzessin Alix, bilden.