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1896
Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Deutsche» Reich.
Frankfurt a. M., 20. October. Die Socialdemokraren -richteten an Regierung und Kammer eine Eingabe um Er« Weiterung des Gemeindewahlrechts und ersuchten die Stadtverordneten um Unterstützung. Diese aber be- schlossen auf Antrag der Nationalliberalen m't 25 gegen 20 Stimmen Uebergang zur Tagesordnung. £§<•; ■-*
Neueste Nucheichte«»'
Wolff» telegraphische» Lorrespondem-Burea«.
Berlin, 21. October. Nach Angabe des festgenommenen Mörders des Justizraths Levy, Große, war die That bereits für Samstag früh geplant. Große und Werner wollten unter dem Vorgeöen, Papiere abzuliefern, an der EingangSthür läuten, das öffnende Dienstmädchen niederstoßen, dann das Ehepaar ermorden und den Geldschrank auSrauben. Das Mädchen öffnete nicht,- deshalb wurde die Ausführung auf Sonntag verschoben. Die zwei Aufpaffer sollen den Mördern unbekannt sein. Nachdem Werner und Große in daS Schlafzimmer gedrungen waren, stürzte fich^ Werner auf den Justizrath, Große auf die Ehefrau, wobei er fich die Hand verletzte. Infolge der Hülferufe der Justiz- räthtu flohen die Beiden und trafen sich später im Grünewald, nachdem Große seine Hand auf der Sanitätswache hatte verbinden laffen. Große kehrte am Montag in die mütterliche Wohnung zurück. Der Arzt, der Große verbunden hatte, machte der Criminalpolizet Mittheilung, worauf die Verhaftung erfolgte. Werner treibt fich anscheinend noch im Grünewald umher, woselbst eifrige Nachforschungen gehalten werden. Die beiden Anderen will Große nicht wieder- gesehen haben.
Berlin, 21. October. Dem „Berl. Localanz." zufolge sandte der Arzt, welcher dem Mörder des Justizraths Äevh, Große, die Hand verband, Großes Mutter die Rechnung,- die Mutter sprach den ersten Verdacht au» und veranlaßte den Arzt, Anzeige zu erstatten. Vor seiner Ablieferung durch den Bruder versuchte Große vergeblich fich aus dem Fenster zu stürzen.
Berlin, 21. October. Der Colonialrath erledigte heute die Berathung der oftafrikanischen Laudfrage. Die Vorschriften in der Verordnung deS Gouverneurs, die den Schutz der Eingeborenen bei der Schaffung eines Kronlandes betreffen, wurden angenommen, dagegen der übrige Theil der Verordnung nicht gebilligt, vielmehr gegen eine Stimme be- fchloffen, daß wirthschaftlichen Unternehmungen alle thunlichen Erleichterungen zu gewähren seien. Der Gouverneur soll eveut. für die Ueberlaffung als Kronland von einem Kauf- pder Pachtprets absehen, bei Ueberlaffung des Grundeigen- thumS soll die in dem Entwürfe vorgesehene Ausdehnung von 100 Hectar erheblich überschritten werden.
Hamburg, 21. October. In der heutigen Aufsichtsraths- sitzung der Brasilianischen Bank für Deutschland wurde beschlossen, die Dividende für daS am 30. Juni abgelaufene halbe Geschäftsjahr mit 6 pCt., also im Verhaltniß mit 12pCt. für da» Jahr, in Vorschlag zu bringen und außerdem erhebliche Rückstellungen für die laufenden Angelegenheiten zu machen.
vndapest, 21. October. Die Meldungen verschiedener Blätter über blutige Wahlausschreitungen haben bisher oon keiner Sette eine amtliche Bestätigung gefunden. Nach Meldungen der Blätter aus Neusohl, Jglau und auch aus einigen Orten des Jselburger ComitateS ist die slovaktsche Bevölkerung durch die Agitation der Bolkspartei, die ihre Hetzereien fortsetzt, uuterwühlt. ES find Schlägereien vor- gekommen und nach einigen Dörfern wurde Militär entsandt. Die vorgekommenen Ausschreitungen hatten bisher weder einen größeren Umfang noch einen blutigeren Charakter.
Vari, 21. Oktober. Prinzessin Helene von Montenegro, begleitet von dem Herzog von Genua als Vertreter des Königs, und der Prinz von Neapel verließen die „Savoia" um 10 Uhr 20 Minuten und begaben sich unter lebhaften Kundgebungen der Volksmenge im Hof- wagen nach der St. NikolanSKirche, wo der Uebertritt der Prinzessin zur katholischen Kirche stattfindet. Fürst Rikita, Prinzessin Anna von Montenegro und Prinz Mirko, sowie das Gefolge der montenegrinischen Herrschaften blieben an Bord der Savoia- die Herrschaften werden sich erst Abends an Land begeben und um 10 Uhr 30 Minuten nach Rom abretsen.
Bari, 21. Oktober. In der Kirche St. Nicolaus legte heute Priuzesfin Helene von Montenegro in Gegenwart des Herzogs von Genua, de» Prinzen von Neapel und der italienischen und montenegrinischen Minister daS katholische
GlaubenSbekenntniß ab. An der Kirchenthür wurden die Fürstlichkeiten von dem Monsignore Targgt und der ge- sammten Geistlichkeit empfangen. Nach dem Uebertritt wurden feierliche Messen gelesen und Artilleriesalven gelöst. Nach der Feier begaben fich die Fürstlichkeiten an Bord der „Savoia". Die Menge brachte enthufiastische Huldigungen dar.
Madrid, 21. October. Eine Depesche aus Manila bringt die Nachricht, daß die 3. Strafcompagnie meuterte und ins Gebtrg entfloh,- sie wurde verfolgt und geschlagen, wobei sie zahlreiche Verluste erlitt.
Kopenhagen, 21. October. Wegen eines Falles von Maul- und Klauenseuche in Nebellunde auf der Insel Laaland hat der LandwirthschaftSminister heute ein Verbot der BtehauSfnhr aus Laaland nach dem AuSkande und den übrigen Thetlen des Landes erlassen.
Petersburg, 21. October. Abends ist die Newa infolge heftigen SüdwestwindeS stark gestiegen und steigt weiter. Die Bevölkerung ist wegen UeberschwemmungSgefahr durch Signal gewarnt.
Depeschen be» Bnrear
Berlin, 21. October. Der Präfident des Reichstags, Freiherr von Buol-Bereuberg, hat, wie die „Nordd. Allg. Ztg." meldet, dessen 120. Plenarsitzung, die erste nach der Vertagung, auf Dienstag den 10. November, Nachmittags 2 Uhr, anberaumt und die zweite Berathung des Entwurfs eines Gesetzes, betreffend Aenderungen und Ergänzungen des GerichtSverfaffungSgesetzeS und der Strafproceßordnung, auf die Tagesordnung gesetzt.
Berlin, 21. October. ES bestätigt fich der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge, daß die Vorarbeiten zu einer Land- gmeinde- und Städte - Ordnung für Hessen- Nassau soweit gediehen find, um deren Vorlegung im Landtage erwarten zu dürfen.
Berlin, 21. October. Die heutige Nummer der „Staats- bürger-Zeirung" ist wegen des Leitartikels mit der lieber* schrift: „Zum Capitel: Osficiöse Preßmißwirthschaft" con- fiSeirt worden. Wie wir hören, wird in dem Artikel eine Beleidigung des StaatSsecretärS Freiherrn von Marschall gefunden.
Berlin, 21. October. Wie der „Local-Anzeiger" erfährt, ist eine für Berlin wichtige Entdeckung gewacht worden. ES wurde ein Schriftstück aus dem 15. Jahrhundert aufgefunden, durch welches bewiesen werden soll, daß der größte Theil deS SchloßplatzeS, der Schloßsreiheit und der Umgebung deS Schlosses bis tief in den Lustgarten hinein nicht Eigenthum der Stadt, sondern Eigenthum der Krone ist.
Berlin, 21. October. In der Mordaffaire Levy wird noch gemeldet: Große sollte nach Verabredung Frau Levy ermorden, die er dadurch nur unbedeutend verletzte, daß er sich beim Zustoßen die eigene Hand durchbohrte. Durch den Arzt, welcher Große einen Verband anlegte, wurde der Polizei Mittheilung gemacht. In später Nachtstunde wurde im Polizeipräsidium ein junger Bursche eingeliefert, der als einer der Helfershelfer am Morde bezeichnet wurde. — Die Beisetzung des Ermordeten erfolgte heute Nachmittag. Wie verlautet, hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde beschlossen, denselben in einem Ehrengrabe betzusetzen.
Berlin, 21. October. Die eifrigen Bemühungen der Criminalpolizet, den Anstifter und Miffethäter bei der Ermordung deS Justizraths Levy, den Schreiber Bruno Werner, aufzufinden, find bis heute Vormittag ohne Erfolg geblieben.
Berlin, 21. October. Ein Mitarbeiter deS „Kleinen Journals" hatte in Wiesbaden eine Unterredung mit einem Herrn aus dem Gefolge des rusfischen Kaiser». Diese hochstehende russische Persönlichkeit, welche an der Tafel im Schlosse theilnahm, bemerkte unter Anderem, daß sie, obgleich seit längerer Zett in Begleitung deS verstorbenen Zaren, niemals zwischen dem russischen und dem deutschen KaiseB vorher einen so überaus herzlichen Verkehr gesehen habe, wie jetzt. Wenn auch der gestrige Tag scheinbar nur einem Familienbesuch gewidmet war, so bedeute er doch vor Allem den Frieden.
Frankfurt a. M., 21. October. Aus Paris wird der „Frkfr. Ztg." relegraphtrt: Einzelne Blätter suchen in der deutlichen Verstimmung Über die Monarchenbegegnungen in Darmstadt und Wiesbaden und aus den Neben- umständen möglichst ungünstige Schlüsse auf daS Verhältniß zwischen den beiden Kaisern zu ziehen. Cornelh hingegen verweist im „0 au lote" auf dos Kindische dieser Auffassung und schreibt: Man leistet der öffentlichen Meinung einen schlechten Dienst, wenn man im Volke daS Vorurtheil ver
breitet, Der Zar habe fich während seines Aufenthaltes in Frankreich gewisse Rancüneu angeeignet und werde, um sich Frankreich angenehm zu machen, fich unhöflich gegen dessen Rivalen benehmen. Wir können nicht behaupten, daß die französisch-russische Freundschaft eine Friedensbürgschaft sei, wenn wir zugleich wünschen, unser erlauchter Freund soll den europäischen Frieden durch einen Druck mit Deutschland befestigen. Die traditionelle Höflichkeit zwischen Rußland und Deutschland dürfte unS nur dann mißfallen, wenn wir ernstlich einen Krieg wünschen.
Frankfurt a. M., 21. October. Meldungen der „Frkfr. Ztg." au» Straßburg besagen, daß mehrere LandeStheile von Ueberschwemmungen heimgesucht worden find. Die Flüsse Jll, Mosel und Saar find ans ihren Ufern getreten. Der Schaden ist nicht bedeutend. — Einem weiteren Tele- gramm der „Frkfr. Ztg." zu Folge find vier Unter- offziere von dem tn Metz garnisonirenden 8. Fußartillerie- Regiment desertirt.
Cronberg, 21. October. Der Kais erliche Extra- zug, welcher aus acht Wagen bestand, traf über Höchst— Bockenheim (ohne Frankfurt zu berühren) um 11 Uhr 20 Min. hier ein. Zum Empfange war Kaiserin Friedrich am Bahnhofe erschienen, außerdem waren noch anwesend, Landrath Dr. Meister, der Magistrat und die Stadtverordneten von Cronberg. Nach herzlicher Begrüßung fuhren die Herrschasten durch Cronberg nach Schloß FrtedrichShof. Die Stadt ist reich geschmückt. Sämmtliche Vereine, sowie die Schulen haben Spalier gebildet. Im Gefolge des Kaiser» befand fich der Wirkl. Geheime Cabinetsrath Dr. v. LucanuS, die General-Adjutanten v. Bülow und v. Pässen, Hofmarschall Freiherr v. Egloffstein, Generalarzt Professor Dr. Leuthold, die Flügel - Adjutanten Oberstlieutenant v. Löwenfeld, Oberstlieutenant Gras Moltke und im Gefolge der Kaiserin Gräfin v. Keller, Gräfin v. Basiewitz und Graf Keller.
Cronberg. 21. October. Der FranksurterRosisteN' Verein ließ heute Mittag einen von Hermann Fletsch, Goetheftraße, gelieferten prachtvollen Blumenkorb auf Schloß FrtednchSbof abgeben.
Cronberg, 21. October. Der Kaiser verblieb heute Nachmittag im Schloß. Dagegen besuchte die Kaiserin mit der Kaiserin Friedrich den Maler Professor Schrödl, da» alte Schloß und die Stadtkirche, sowie daS Bictoria-Penfionat im Bad Kronthal.
Cronberg. 21. October. Die Kaiserin Friedrich reift morgen Vormittag 10 Uhr 30 Min. nach Darmstadt, um dem Zarenpaare einen Besuch abzustatten.
vndapest. 21. October. Eine der reichsten Ortschaften deS Torontaler ComitatS, Hatzfeld, steht feit gestern Mittag in Flammen.
Triest, 21. October. Gestern Überschwemmte eine Hochfluth die Straßen und Platze.
Pari», 21. October. In Südfrankreich herrschen große Ueberschwemmungen. Die Seine ist hach an- geschwollen.
Pari«, 21. October, lieber die Lage in Kon- stantivopel und die für den Schutz der öffentlichen Sicherheit getroffenen außerordentlichen Vorkehrungen wird von dort aus auf fast täglich erscheinende Erlasse des Groß Vezirat» in dieser Richtung hingewiesen. Einer dieser Erlasse beschäf- tigt fich mit einer angeblichen Versammlung von zweitausend Armeniern in Varna, welche einen Handstreich in Konstantinopel beschlossen hätten. Darnach sollen bereits Emissäre entsendet sein, die zum Theil über Rußland, zum Theil auf directem Wege nach der Hauptstadt kommen wollen. Diese Emissäre sollen anständig gekleidet sein und voraussichtlich in euro- päischen Hotels abfteigen. Die Richtigkeit dieser Information wird jedoch allseitig bezweifelt, trotzdem man iürklscherseils behauptet, daß bereit» zwei solcher verkleideter Armenier bei ihrer Ankunft in Konstantinopel erkannt und verhaftet worden seien.
Loudon, 21. October. Hier und in den Provinzstädten finden große Kundgebungen zur Feier deS 91. Gedenktages der Schlacht von Trafalgar statt. Die Blätter fordern daS Volk auf, fich an diesen Kundgebungen zu be- theiligen, ohne indeß Frankreich zu nahe zu treten. Die Feier solle nicht gegen Frankreich gerichtet sein. Die „Morning Post" verlangt gleichzeitig Verstärkung der Flotte, damit sie in allen Fallen der rusfischen und französischen gewachsen sei.
Konstantinopel, 21. October. Wie verlautet, bereiten fich hier wieder ernste Ereignisse vor. Die türkische Bevölkerung befindet fich in großer Aufregung durch die Gerüchte, daß die Armenier ein Attentat auf die russische Botschaft planen. Die Aufregung wird noch genährt durch


