Ausgabe 
23.8.1896 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Sonntag den 23. August

im

198 Zweites Blatt

Nr.

Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren

h 24.

| chratisöeitage: Hießener KamitienölLtter.

leid.

t

I Den 24. Ä

»rosst

g den A.

«nnohme DOR Anzeigen zu der Nachmittags für den foliftnbtn Tag erscheinenden Nummer bis Barm. 10 Uhr.

Id m.

[text sie ihren Humor, und wenn sich Jemand für sie irtter- effirt, dem erzählt sie, wie erfinderisch die Noth macht. Ihr kleiner Fußwärmer dient ihr Jahr aus Jahr ein als Herd und als Ofen, auS Oeconomie läßt fie nie das Feuer in demselben auSgehen. Sie heizt dreimal täglich mit Kohlen­staub, von dem fie für fünf oder sechs SouS (20 bis 25 Pf - monatlich gebraucht. Ihr Menu ist sehr einfach. Ein Kohl­kopf zu fünf Centimes (4 Pf.) und einige Kartoffeln reichen für den ganzen Tag auS- an einem anderen genügt ein Et und ein Stückchen Käse. Abends setzt sie auf den Fuß« wärmer einen kleinen Theekeffel mit Waffer, daS am nächsten Morgen warm ist für ihre Toilette und ihren kleinen Haus­halt. So versteht fie genial ihrem Fußwärmer auch etwas Comfort zu entlocken. /

Bricht die Dunkelheit herein, so erhellt die Straßen­laterne schwach ihr Zimmer. Ihre Ausgabe für Streich­hölzer beläuft sich im ganzen Jahre auf 40 Centimes, wofür sie zwei Päckchen erhält. Da sie sehr viel auf Sauberkeit hält, ihre Schwäche sie aber hindert, sich zu bücken und wieder zu erheben, so läßt sie sich wöchentlich ein- oder zweimal auf die Hände fallen und wischt, lang hingestreckt am Boden liegend, ihr Zimmer auf. Die alte Dame besitzt viel gesunden Menschenverstand. Beständig allein, hat fie Muße genug, über das, was sie gesehen hat, nachzudenken. Großen Werth legte sie auf Höflichkeit und Rücksichtnahme. Erhält sie ein Geschenk, so sieht fie mehr auf die Form, in der man ihr dasselbe darbietet, alS auf daS Geschenk selbst. Ihre eigenen Leiden haben sie in hohem Grade mitfühlend gemacht mit fremdem Elend. Etwas freilich könnte auf­fallen, nämlich, daß sie für ihre Verhältniffe ein zu theureS Zimmer bewohnt. Aber wie soll sie es anders machen? Ihr krankes Bein hindert fie, ein oder zwei Treppen höher zu steigen und bei ihrer beständigen Einsamkeit darf doch ihr Heim nicht zu trist und muß vor Allem gesund sein. Und die 300 Francs Miethe gibt der alten, schwachen Frau eine ihrer Schwiegertöchter, eine einfache Blumenmachertn, welche diese Summe nach Feierabend und zum Thetle Nachts verdient. Ist solches Liebeswerk nicht viel rührender als andere aus Ueberfluß gespendete?

Begeben wir unS in die anstoßende Wohnung! Hier wohnt eine noch junge Frau- auch sie ist ein Krüppel, fie hat ein hölzernes Bein. Sie ist Wittwe und hat ein Mäd­chen von zehn Jahren- aber das Kind ist fast blind und in einem Armeuhause untergebracht. Diese Trennung macht der armen Frau ihre traurige und einsame Lage noch schmerz­

stilles Glas weihte Herr Büttner den gefallenen Helden des 18. August 1870 und Herr Hauptmann Maurer feierte die heldenmüthige Besatzung desIltis", die jüngst mit einem Hoch auf Kaiser und Reich in daS Wellengrab gesunken sei. Eine Sammlung für die Hinterbliebenen der Mannschaft wurde im Anschluß daran veranstaltet. Dann trat die Fröh­lichkeit in ihr Recht, und daS Tanzvergnügen begann.

Im BereiuSleben herrscht reges Leben. Der Odenwald« club begab fich am Sonntag einmal auS seinem Arbeits­gebiet hinaus und unternahm einen Ausflug in den benach­barten Taunus. Von Cronberg giugs über Falkenstein, über den Fuchstanz nach dem Feldberg, dann über den Herz­bergthurm und die Saalburg am Pfahlgraben entlang nach Homburg, daS die Endstation bildete. Im Radfahrerverein rüstet man fich zum großen Wettfahren auf der Rennbahn an der Hetdelbergerstraße. Zahlreiche Nennungen namhafter Fahrer liegen vor, darunter auch eine solche des berühmten Meisters Lehr aus Frankfurt, deffen Name voraussichtlich große Anziehungskraft ausübeu wird. UebrigenS wächst die Zahl der Anhänger des RadfahrsporteS auch im Darmstadt geradezu unheimlich. Auch die Damenwelt huldigt der ge­sunden Hebung leidenschaftlich und auf deren Rennbahnen kann man allabendlich den Damencorso unserer schmucken Stahlroßamazoneu bewundern. Vielleicht gibt'S gar noch einen Radfahrertnnenverein, der dann auch Wettrennen ver­anstaltet. Dann kann fich August Lehr iu Acht nehmen!

Die Gesangs- und Jnstrumentalvereine haben die wenigen schönen Abende der letzten Zeit zur Veranstaltung von Sommerfesten benutzt, und der historische Verein gedenkt am LudwigStag in nächster Woche einen Ausflug zu wiffen- schaftltchen Zwecken nach Ilbenstadt in Oberheffen zu unter­nehmen.

Im Kunstleben find wir zur Zeit nur auf daS Som- mertheater angewiesen. Dort hat die Operette der Poffe daS Feld geräumt und ein Zwergkomtker, Herr Janez Mallh, erheitert allabendlich das Publikum in lustigen Schwänken durch seine urwüchsige Komik. Im Hoftheater beginnt die neue Spielzeit nach dem jüngst veröffentlichten

Vierteljähriger Abonnementspreis:

2 Marl 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition' und Druckerei:

SchnkSratze Hlr.7.

Fernsprecher 51.

Womit man in Paris leben kau«.

Unter dieser Spitzmarke entrollt M. d'Aiglun imKoßrnos" itin rrgreisendeS Bild socialen Elends, für welches die Sei» toltle zwar in Paris gesammelt, aber ohne Zweifel auch in Mr Großstadt und Mittelstadt Deutschlands in be* bäuerlich großer Menge ganz analog zu finden find. Der »lloemeineren Bedeutung wegen, welche diese Specialfalle in fld) bergen, geben wir auS der iutereffanteu Schilderung Mgmdes wieder: ,

Der Verfasser führt unS ins Quartier latin. In einer enjen und einsamen Straße ersteigen wir eine zweite Etage mb treten in ein großes zweifensterigeS Zimmer. An einem btt Fenster fitzt eine alte schwache Frau vor ihrem ArbeitS-

Man sieht es der Hagern Gestalt und dem energischen SchchtSauSdruck an, daß sie über 80 Jahre alt ist. DaS ichtvarze Kleid und die schwarze Haube verleihen ihr etwas Vornr hmeS und Würdevolles, was sympathisch wirkt, ES hnrsiht im Zimmer die peinlichste Sauberkeit und man er» pt ben Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit- sieht man litt genauer hin, so bemerkt man, daß alle Gegenstände MiS weiter als die Ueberbleibsel aus einer früheren Zeit Md. Die Tischdecke ist ein alter abgelegter Shawl, der Mnrtich seinem gegenwärtigen Zwecke dienstbar gemacht ist. Z« guter Familie als Milchschwester erzogen, verheirathete H tann die Frau und wurde Mutter von sechs Kindern, Wt jrtzt zum Theil tobt, zum Theil in der Fremde find, eher nn saurer Arbeit nur gerade ihr Leben fristen. Wittwe gttüorben, zog fie in den Dienst, mußte denselben aber bald Hiebes aufgeben, weil fie überfahren zu werden daS Unglück

Nun nahte fich langsam aber sicheren Schrittes das Elend. Sir sand nur wenig und schlecht bezahlte Beschäftigung, und ßo kam trotz ihrer muthigsten Gegenwehr ein Tag, an dem Pr ni chtS weiter hatte, als ein Pfund Brot. Verzweiflung msaßte fie, aber fie war zu stolz, um betteln zu gehen. Mfigmtrt ergab sie sich in ihr Schicksal und erwartete den Hungertod. Nach Verlauf von zwei Tagen entdeckte eine Nachbarin ihr herzzerreißendes Gehetmniß und verschaffte ihr dir Unterstützung der Gemeinde. Von nun an erhielt sie Brot uad at> und an auch Arbeit- aber viel können ihre alter»* flachen Hände nicht mehr schaffen. Trotzdem hört man eit einen Klagelaut von ihr- nur daß sie fast gänzlich deS Fleisches entbehren muß, das macht sich bei ihr insofern pilnti $ fühlbar, als es ihre Thatkraft schwächt. Nie ver*

, den 24. li

Virthe: nd.

um

Programm am 6. September. Sie bringt zunächst GounodS Romeo und Julie" in der Oper und WildenbruchSQuitzowS" im Schauspiel. Da im Personale wichtige und intereffante Wechsel stattgesunden haben, sieht man der neuen Spielzeit mit großem Jntereffe entgegen. UebrigenS sollen gleich am Anfang noch ein paar Gastspiele stattfinden, da noch für zwei Fächer Aspiranten zu engagiren sind. Was für die Zeit der Anwesenheit der russischen Majestäten im Hoftheater geplant wird, ist noch nicht in die Preffe gedrungen. Dem UnterhaltungSbedürfniß deS Publikums wird auch in diesem Winter das renovirteOrpheum" dienen, das am 1. Sep­tember seinen Winterfeldzug unter neuer artistischer Leitung beginnt. Dort fand übrigens am vergangenen Sonntag ein echt künstlerisches Concert einer russischen Nationalcapelle statt, die dem Vernehmen nach ja auch in Gießen gewesen ist.

Ein Exeigniß aus dem politischen Leben hat in den letzten Tagen auch für Darmstadt ein ganz besonderes Jn­tereffe gehabt. Zum KriegSmintster ist bekanntlich der hiesige DivifionScommandeur Excellenz Goßler ernannt worden. Hat auch diese Nachricht Freude erweckt, so ist doch daS Bedauern sehr groß, daß der trotz seiner kurzen An­wesenheit so überaus beliebt gewordene hohe Offizier unsere Stadt für die Dauer verlassen muß. In den letzten Tagen fand ihm zu Ehren ein großes Liebesmahl statt, an dem sich 70 höhere Offiziere beteiligten. Nachdem Se. Königliche Hoheit Prinz Wilhelm das Hoch auf den Kaiser ausgebracht hatte, feierte Herr Generalmajor von Holwede den scheidenden Herrn von Goßler, der aufrichtige und herzliche Verehrung in Darmstadt gefunden habe. Excellenz Goßler dankte ge­rührt und trank auf daS Wohl der hessischen Division. Die ganze Veranstaltung zeigte nach allen Berichten einen herz­lichen, echt kameradschaftlichen Character. Herr v. Goßler ist schon nach Berlin abgereist, wird jedoch noch einmal im September hierher kommen, um dann mit seiner Familie dauernd nach Berlin überzufiedeln. Von hier auS folgen ihm die herzlichsten Glückwünsche für die veranwortungSvolle Thätigkeit int neuen, schweren Amte.

lieber. Sie erwirbt ihren ärmlichen Lebensunterhalt mühsam durch Nähen- aber sie hat nur selten Arbeit. Sie kann nicht weit gehen und keine schwere Last tragen. Ihr Gesicht hat nichts Anziehendes- ihre Leiden haben fie verbittert. Das Einzige, was ihr ein Lächeln entlockt, ist, daß man von ihrem Kinde spricht. Nur für dieses lebt fie, und von ihrem mehr als schmalen Verdienst kargt sie fich noch Kleinig­keiten für ihr Kind ab. Jeden Sonntag besucht fie eS- sie hat einen weiten Weg, aber gestützt auf ihren Stock macht fie sich früh auf und ruht häufig unterwegs. In der Woche sitzt sie am Fenster bei ihrer Arbeit ihr Holzbein liegt in einer Ecke auf zwei Stühlen und denkt schon an den Sonntag, an dem fie ihr Töchterchen besuchen wird, daß einzige Glück, das ihr geblieben ist.

Einige Straßen weiter steigen wir in einem alten bau­fälligen Haufe die immer steiler werdenden Treppen empor. Hoch oben unter dem Dache treten wir in eine Art Hänge­boden. Dort befinden fich eine junge Frau und drei kleine Mädchen. DaS älteste ist sechs Jahre, daS jüngste noch ein Säugling- einige alte Stühle hängen an der Decke, das einzige Bett nimmt fast das ganze Gelaß ein. Im Bett schlafen die Mutter und die beiden Aeltesteu- etwas alte Wäsche auf dem Boden dient dem Jüngsten als Lagerstätte. Diese junge Frau ist von ihrem Ehemann verlassen, der alles verkauft hat, selbst die Wiege seiner Kinder. DaS Wenige, das fie hat retten können, hat fie in'S Pfandhaus getragen. Für baß schreckliche Gelaß muß fie 90 Fr. Miethe zahlen jährlich- man friert darin und der Wind pfeift durch alle Spalten. Die beiden ältesten Mädchen besuchen die Schule, aber bei Regenwetter müssen fie zu Hause bleiben, weil sie keine heilen Schuhe haben. Die Mutter schämt fich, fie Sonntags in ihren Lumpen in die Meffe zu schicken. Sie hat erwirkt, daß man ihnen in der Schule Frühstück ver­abreicht- aber Abends ist oft kein Bissen da, und sie ist ge­zwungen, einige Brocken auf einem Markte oder auS Kehricht­behältern zusammenzusuchen. AIS fie fich letzthin Arbeit holte, ist fie ohnmächtig auf der Straße zusammengebrachen und eine ernste Krankheit feffelt fie an ihr Bett- fie sträubt sich jedoch dagegen, daß der Armenarzt komme, weil fie sich ihrer schmutzigen Lappen schämt.

Einige Häuser weiter. Wir treten in eine hochbelegene Hoswohnung. Eine junge Frau mit kleinen Zwillingen auf den Armen empfängt uns. DaS ziemlich große Zimmer ist sauber- enthält eine Wiege und zwei große Betten. DaS eine ist für den Mann, die Frau und den kleinen Jungen,

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» .1 Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

rL

K6"-

Feuilleton.

Wochendriesr aus der Residenz (Originalbericht desGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 21. August.

De Gedenkfeier für Gravelotte. »ul den Vereinen. Knnstleben. Allerlei.

Vor Jahresfrist prangte Darmstadt im schönsten Fest- i'tzinucke und Tausende von fremden Gästen wanderten durch töt Straßen nach dem Festplatz, um die Jubelfeier deS Siegel* und Ehrentages der hessischen Division, den 18. August, Inder Landeshauptstadt zu feiern. Auch in diesem Jahre man nicht vergessen, dankbar der heldenmüthigen Kämpfer ji> gedenken, die bei Gravelotte mitgestritten haben und von IM« so mancher sein Leben auf dem Schlachtfelde verlor. Di sämmtlichen hiesigen Kriegervereine fanden fich am L8. August auf den Friedhöfen ein, wo an den geschmückten Dllkmälern der Krieger eine würdige Gedächtnißfeier abge- Ilten wurde. Auf dem Darmstädter Friedhof hielt Herr Pfarrer Widmann, auf dem Beffunger Herr Engel die Ge- t'ichtnißrede zu Ehren der Gefallenen, bann würben Kranze eie btn Denkmälern unb Gräbern niedergelegt.

AbendS fand im Schützenhofe dem alten Stand- irartlere des SrtegervereinS eine gesellige Feier statt, töt vußerordeutlich gut besucht war. Eine Militärcapelle aimtirte. Die Begrüßungsansprache hielt Herr Engel, vn betonte, daß bei patriotischen Festen von der sonst leicht schlößen Festmüdigkeit beim Kriegerverein nicht! wahrzu- rujtnten sei. Die eigentliche Festrede war Herrn Hauptmann Balbeetfer zugefallen, dem bewährten Präsidenten des Krieger* UirtiBß. Er führte auS, daß man im Jahre naL dem großen Milläum zunächst einen Blick auf Gegenwart und Zukunft teerfen müsse, um zu lernen, waß zur Erhaltung der 1870/71 ickmipften kostbaren Güter nöthig sei. Mit einem jubelnd tufge nommenen Hoch auf Kaiser unb Reich und unseren SruderSherrn schloß die begeistert vorgetragene Rede. Ein

Der

Getier Anzeiger scheint täglich, it Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener

Piaitienblätter Wtfrert dem Anzeiger «Hrntlich dreimal beigelegt

Gießener Anzeiger

Senerat-Anzeiger.

toll w *

T 1U

nrstensti*