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-Lr. iS Erstes Blatt. Donnerstag den 23 Januar
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Oietzener A«»eiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags.
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Amtlichen Tbeil.
Gießen, am 21. Januar 1896.
Betr.: Die Einsendung der für die LandeS-Waisenanstalt zu erhebenden Collecten und Büchsengelder.
Dar Großherzogliche Kreisamt Gießen
<m die Grstzh. BftrgmudtUtdat des «eelle».
Unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 10. Februar 1877 (Amtsblatt Nr. 3) empfehlen wir Ihnen, am 31 d. Mts. die unter Ihrem und eines Gemeinderathsmitglieds Verschluß stehenden Waisenbüchsen zu öffnen und deren Inhalt bis längstens zum 31. März d. Js. durch eine Kosten nicht verursachende Gelegenheit an uns abzuliefern.
v. Gagern.
Deutfd?er Reichstag.
20. Sitzung. Dienstag, btn 21. Januar 1896.
Der Präsident theilt mit, daß dem Hause von der hiesigen Firma Max Schultze ein monumentales Tintenfaß als Geschenk überreicht sei; er habe dasselbe dankend angenommen und dem Wunsche der Spenderin gemäß dem Herrn Reichskanzler zur Benutzung im Reichstage überwiesen. DaS Tintenfaß ist auf dem Tische deS Hauses zur Ansicht ausgestellt.
Die Berathung deS Post et als wird fortgesetzt.
Abg. Lenzmann (fr. Vp.): In der Postverwaltung herrscht eine gewiße Stagnation. Die Vernachlässigung der Unterbeamten hat zur Folge, daß diese Leute socialdemokrattsch wählen. Für daS geringe Briesträgergehalt sind ältere Leute nicht zu gewinnen und jo kommt eS, daß junge Leute von 16Jahrm heute schon als Briefträger beschäftigt werden. Mit ihren Ueberschüssen kann uns die Post nicht tmpontren, so lange sie dieselben dadurch erzielt. daß sie sich ihre Sendungen unentgeltlich von den Eisenbahnen befördern läßt. Sparen könnte die Poft an ihren Monumentalbauten. Redner befürwortet die Ermäßigung des StadtportoS und deS ZettungStarisS. Der letztere ist so theuer, daß einzelne Zeitungen ihre Verbreitung durch Reisende besorgen lassen, weil sie dabet billiger wegkommen. Auch die Telephongebühren sind zu hoch; in Schweden, Dänemark und der Schweiz sind sie niedriger und daS Fernsprechwesen ist deshalb dort stärker entwickelt als bet uns.
Staatsficretär Dr. Stephan: Auf die TranSportfreiheU auf dm Bahnen könnte die Post verzichten, wenn Sie die Postsrethett auf- hebm wollten. Die Erhöhung der Secretärgehälter ist dringend nöthtg, aber wir konnten sie nicht durchführen, weil der Reichstag nicht die erforderlichen Mittel bewilligte. Ueberall schlagen Sie Mindereinnahmen und Mehrausgabm vor. Im nächstm Jahre werden wir größere Forderungen für Telephonanlagen aufstellen müssen; da werden Sie sich wundern. (Heiterkeit.) Bet uns sind die Telephongebühren geringer alS in anderen Staaten, wo die Ber- hältntfse ähnlich liegen als wie bet uns. Mit Schwedm ist ein vergleich nicht möglich, denn dort sind die Tarife zwar niedriger, aber mit den unsrtgen nicht vergleichbar, denn dort müffen die Leute die Apparate und die Leitungen bezahlen, die wir unentgeltlich liefern. Der ungarische Zonentarif, auf den sich Vorredner berief, hat ganz erheblich erhöht werden müßen. Bei der Revision des Zeitungstarifs wird von einer Herabsetzung nicht die Rede sein tonnen, denn er ist heute schon aus ein Minimum reducirt. Alle Kesormvorschläge, die uns gemacht wordm sind, namentlich in der Preße, gehen immer von dem Jnteressmstandpunkt des betreffenden Verlegers aus. Auf die Prtvatconcurrenz im ZettungSoertriebe sind wir nicht eifersüchtig, wir gönnen dm Leutm thrm Erwerb; wenn daS vielleicht auch nicht kaufmännisch ist, so ist es doch human.
Abg. Dr. Förster (Ref. - P.): Die Postoerwaltung hat nicht in erster Llnie die Aufgabe, für die Reichsfinanzen zu sorgen. Sind neue Posteinrichtungen nölhig, oder neue Postausgaben, so müssen sie gemacht werben; wie wir die Mittel beschaffm, daS ist eure, poeterioe. Der Erholungsurlaub der Beamten sollte ihr gutes Recht sein und nicht eine besondere Vergünstigung. Von der Drangsalirung deS Postassistentm-Vereins sollte man doch mdlich ablassen, dadurch gewinnt nur die Socialdemokratie. Redner kritisirt schließlich das Telegraphen - Privileg deS Wolff'schen Depeschen - Bureaus, das sich durch unparteiische Berichterstattung keineswegs auSzeichne und dem gegmüber andere Depeschen zurückstehm muffen.
Abg. Dr. Hammacher (nl.): Für die Organisation und Leistungsfähigkeit unserer Post find wir Herrn v. Stephan großm Dank schuldig; nammtlich danken wir eS feiner Voraussicht und Energie, daß unser Fernsprechwesen mit den Einrichtungm England«, Belgims, Frankreichs concurrtrt. Herr v. Stephan wird sicher bemüht sein, die ihm unterstehendm Betriebe so billig für das Publikum zu machen, wie nur möglich; freilich muß dabei die Finanzlage in Betracht gezogen werden.
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp) wendet sich gegen die Aeußerung Förster«, daß die Vostbeamtm durch Richtberücksichtigung ihrer Wünsche den Socialdemokraten zugetrieben würden. Wmn das einem so humanen Ches wie Herrn v. Stephan pasfirt, dann soll man dock erwägen, ob Strenge nicht beffere Wirkung hat. Der Antrag Singers wegen Freigabe der katholischen Feiertage Aller- heüigen und Fronleichnam sei unannehmbar, denn er schaffe eine bedenkliche Kluft zwischen evangelischen und katholischen Beamten and würde zu weiteren Forderungen in anderen ReßortS führm. Die Frage kann nur in den Einzelstaaten mtschieden werden. Rach Auskunft deS preußischen Handelsministeriums ist Fronleichnam in den Rheingegenden kein gesetzlicher Feiertag.
Abg. Dr. LingenS (CtrJ wünscht, daß von der Eentralstelle ausgesprochen werde, daß den Beamten eine volle und uneingeschränkte Sonntagsruhe gewährt werden soll, ohne vorhergehenden Nachtdienst »der dergleichen.
Abg. Jskraut (Antisem.): ES war mir sehr interessant, pestet n zu hören, daß die orientalische Socialdemokratie der deutschen
darin voranging, die Sonntagsruhe zu empfehlen, während die deutsche Socialdemokratie nur eine Ruhepause allgemein zu fordern pftegt.
Abg. Hitze (Ctr.) bleibt bei dem Verlangen, die Feiertagsfrage reichsgesetzlich zu regeln. t t m ,
Abg. Schall (cons.): Meine Freunde billigen daS Verlangen nach Gleichstellung von Fronleichnam und Allerheiligen mit ben Sonntagen, meinen aber, daß zur Regelung dieser Frage nicht der Reichstag, sondern der Landtag zuständig ist. Wir wünschen dringend, daß der Reichspostsecretär seine Bemühungen fortsetze, um allen Beamten volle Sonntagsruhe zu sichern.
Die Position „StaatSsecretär" wird genehmigt und die von der Commission vor geschlagene Resolution (den Reichskanzler zu ersuchen, daß die Annahme und Bestellung gewöhnlicher Packete an Sonn- und Festtagen, mit Ausnahme der Weihnachtszeit vom 18. bis 30. December, auf Eilsendungen beschränkt wird) angenommen.
Die Abstimmung über die Resolutionen Lingens (katholische Feiertage) und Dr. Schädler (betreffend Zulassung zum Secretär- Examen) findet später statt.
Bei dem Titel „Oberpost-Asststenten rc." liegen Anträge der Abgeordneten Werner (Antisem.) und Dr. Schädler (Ctr.) vor, betreffend Gleichstellung der Post- und Telegraphen-Asststenten und der Postoerwalter aus den Etvilanwärtern mit den gleichen Beamten aus den Militäranwärtern in der Zulassung zur SecretärprÜsung.
Die Anträge werden von Unterstaatssecretär Fischer und dann von Staatssecretär Dr. Stephan bekämpft. Die Abstimmung darüber wird auSgesetzt. > _ ,
Morgen: Anträge, betreffend Vorrechte der Bauhandwerker, Sicherung der Wahlfreiheit und Sicherung der Coalittonsfreiheit.
Netteste Hadprid^ten»
Wolff« telegraphische« Eorresponden,-Bureau.
»eilte, 21. Januar. Der „Reichsanzeiger" erklärt die Meldung der „Elbinger Zeitung", General Lenze habe mehrfach die Nobilitirung abgelehnt mit den Worten: „Wenn der bürgerliche General Lenze nicht im Stande ist, da« ihm anvertraute Armeecorps zu führen, wird eS auch dem adeligen Herrn von Lenze nicht möglich sein", als auf müßiger Erfindung beruhend.
Berlin, 21. Januar. Bei den heutigen Wahlmännerwahlen zur Landtagsersatzwahl im 4. Berliner Wahlbezirke sind 245 liberale und 18 conservatioeWahl- mänuer gewählt worden. In 49 Urwahlbezirken war kein Wähler erschienen.
Berlin, 21. Januar. Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Nach einer Depesche aus Kamerun haben in der letzten Zeit in der Nähe der Station Jaunde mehr- tägige Kämpfe der Garnison mit den aufrührerischen Eingeborenen stattgefundeu. Zwei Europäer der Schutztruppe, Premierlieutenant Bertsch und Büchsenmacher Zimmermann, wurden verwundet, sieben Farbige getödtet und mehrere ver- wuudet. Die Station Jaunde ist nach der Niederwerfung der feindlichen Bakokostämme durch die Schutztruppe im Frühjahr von einer Abtheilung der Schutztruppe besetzt worden. Diese Maßregel schien nach dem Berichte des CommandeurS geboten, da die immer weiter nach Süden drängenden Wote- stämme und hinter ihnen die islamitischen Tibati-Stämme die Sicherheit deS Landes zu gefährden drohten. Im vorliegenden Falle handelt eS sich nicht um einen KriegSzug der erwähnten Stämme, sondern um die aufständische Bewegung vereinzelter zwischen Jaunde und Lolodorf ansässiger, noch nicht völlig unterworfener Basuto- oder verwandter Stämme. Der Commandeur der Schutztruppe ist beauftragt, ungesäumt die geeigneten militärischen Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung zu treffen. Bartsch befindet sich in Kamerun, Zimmermann wahrscheinlich in Lolodorf, einer Station zwischen der Küste und Jaunde.
Hamberg, 21. Januar. Die „Hamburger Nachrichten" veröffentlichen heute an der Spitze ihres Blattes folgende Danksagung deS Fürsten BiSmarck: „FriedrichSruh, 20. Januar 1896. Zur Jubelfeier am 18. d. M. habe ich von meinen Mitbürgern in der Hetmath und Fremde fo zahlreiche Zuschriften und telegraphische Begrüßungen erhalten, daß ich leider mit meinen Arbeitskräften nicht in der Lage bin, den Einzelnen meinen Dank auSzufprechen. Ich bitte deshalb Alle, die meiner bei dieser Gelegenheit so freundlich gedacht haben, meinen herzlichsten Dank hierdurch entgegen- zunehmen, v. BiSmarck."
Bern, 21. Januar. Der BundeSrath hat beschlossen, alle Regierungen Europas zu einer C o ufere nz zum Zwecke der Regelung der besonderen Berhältuiffe der Fortsetzung einer Statistik der europäischen Eisenbahnen durch das Centralamt für den internationalen Bahntransport einzuladeu. Die Conferenz soll iw Frühjahr 1896 in Bern zusammeutreten. Der BundeSrath hat der Thunersee-Bahn vorbehaltlich der Genehmigung durch die Bundesversammlung eine Erhöhung ihrer Taxe um 36pCt. bewilligt.
Wien, 21. Januar. Die heute von Pros. Mosetig au zwei zu opertreoden Kranken mit Röutgen'scheu X-Strahlen gemachten Versuche lieferten einen vollstän
digen Erfolg. Die photographischen Bilder zeigen mit größter Schärfe und Präcifion die Defecte an der durch einen Revolverschuß verletzten Hand eines Mannes und den Sitz des kleinen Projecttls, sowie bet dem zu operirenden Mädchen deutlich den Sitz und das Wesen einer Mißbildung am linken Fuße. Die Ausnahmen liefern sonach eine Handhabe für die genaue Bestimmung der OperationSpunkte.
Depeschen de« Buna* .Herold'.
Berlin, 21. Jauuar. Der kaiserliche Gnadenerlaß ist auch einigen Socialdemokraten zu Gute gekommen, welche wegen kleiner Vergehen bestraft waren.
Berlin, 21.Januar. Zum Fall Hammerstein meldet der „Localanzeiger", daß Crtmtnalcommiffar Wolff fich heute noch tu Brindtsi aufhält. Die Verhandlungen mit der ita- lientschen Regierung wegen der Auslieferung Hammersteinß seien noch nicht abgeschlossen. Die Ertheilung der Geneh- migung sei jedoch sicher bald zu erwarten, worauf die Uebersübrung Hammerfteinö nach Berlin sofort erfolgen wird.
München, 21. Januar. In der Rupp'schen Erzgteßerei ist nunmehr daS für Frankfurt a. M. bestimmte Kaiser- Denkmal soweit vollendet, daß eS Ende März ausgestellt werden kann. ES besteht aus einem 4,60 Meter hohen Reiterstandbild. Den Sockel schmücken 4 Figuren, nämlich: Der Friedens - Genius, die Kunst, die Industrie und die Personifikation der Stadt Frankfurt, die Kaiser.Insignien schützend, die Langfetten des Sockels werden mit zwei Reliefs geschmückt. Das eine stellt Friedrich Barbarossa bar, wie er von den deutschen Fürsten zum Kaiser gewählt wird, da« andere, wie Kaiser Wilhelm I. 1871 in Frankfurt a. M. etnzieht, begleitet von dem Großherzog von Hessen und empfangen von dem Bürgermeister Frankfurts. Die Güsse sind vorzüglich gelungen. Namentlich macht das Reiterstaudbtld einen prächtigen Eindruck.
Wien, 21. Januar. Für gestern Abend waren zahl- reiche Arbeiter-Versammlungen mit der Tagesordnung: „Unsere RechtSlofigkeit in der Gemeinde" eiu- berufen. Dieselben verliefen ruhig. Die Arbeiter beschlossen, sich an den bevorstehenden Gemeinderathswahlen activ zu betheiligen.
Graz, 21. Januar. In Obersteter erfolgten verheerende Lawinenstürze. Bei Rottenmann verschüttete eine Lawine eine Köhlerei sammt Köhler, eine andere eine Meierei mit zahlreichem Viehbestand und einem Knecht.
Paris, 21.Januar. Falls in Nizza eine Begegnung des Präsidenten Faure mit fürstlichen Persön- lichketten stattfindeu sollte, so würde dies in der Zett vom 3. bis 5. März geschehen.
PattS, 21. Januar. Die Beerdigung FloquetS ist auf Mittwoch verschoben worden und wird ohne jede offizielle Feier nach dem Wunsche FloquetS stattfindeu. Die Kammer wird eine Deputation entsenden.
Patt», 21. Januar. DaS „Echo de Paris" dementirt die Nachricht, daß General Jamont zum Nachfolger deS Generals Sausfier als Gouverneur von Parts bestimmt sei. General Herve, Commandeur deS 6. Armeecorps, sei zum Stellvettreter und späteren Nachfolger SaussierS auSersehen.
Patt», 21. Januar. Der „Rappel" glaubt, daß die Regierung beschließen wird, Floquet ein Leichenbegängntß auf Staatskosten zu bereiten.
Rewyork, 21. Januar. Wie verlautet, toteß das Kriegs- amt den Gouvernenr von Florida an, die StaatStrupp en für eine sofortige Action bereit zu halten. Als Grund dieser Maßregel wird angegeben, eß bestehe ein Abkommen für den Verkauf Cubaß an England. Die Verttnigten Staaten müßten deßhalb Vorkehrungen treffen, um einer solchen Abtretung energischen Widerstand entgegenzusetzen.
WB. FttedttchSruh, 22. Januar. Die auSwärtß ver- breiteten Gerüchte über schwere Erkrankung des Fürsten BiSmarck find absolut unwahr. Der Fürst nahm soeben ein Bad. ________________________
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Gießen, 22. Januar 1896.
*♦ Kirchliche Dieustnachrichte«. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, den von Seiner Erlaucht dem Herrn Grafen von Schlitz, genannt von Görtz, auf die erledigte evangelische Pfarrstelle zu Harters- hausen, im Deeanat Lauterbach, präsentirteu Pfarr- und Schulverwalter Fritz Schmidt tu Schlitz für diese Stelle zu bestätigen.


