Der nächste Tag war Weihnachten, und Collinsou, der io einem bequemen Sessel saß, betrachtete mit freudigen Blicken die glückstrahlenden Gesichter der Kinder des Obersten.
Der Letztere nahm einen der Knaben auf die Knie, gab ihm das Victoria-Kreuz in die Hand und sagte:
„Weißt Du, wa- das ist?"
„Ja," versetzte das Kind.
„Nun, oft genug habt Ihr ja die Geschichte von dem Manne gehört, der mir einst das Leben gerettet hat. Wenn Du groß geworden bist, erinnere Dich daran, daß da- edelste Juwel auf Erden ein solche- Kreuz bildet."
Er erhob sich, um seinem alten Waffengefährteu die Hand zu drücken, und ein Lächeln der Freude überflog sein Gesicht, al- er feinen Sohu und Lilly bemerkte, die im eif- rigsteu Gespräch begriffen waren und bereit- die besten Freunde zu sein schienen.
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Nr. 301
Zweites Blatt.
Dienstag den 22. December
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Kießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
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Vierteljähriger Avonncmentsprel« r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezognr 2 Mark 50 Pfg.
Die Gießener ^imitienStätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der
Anzeiger erscheint täglich, - mit Ausnahme de» Montags.
chratisöeikage: Hießener Iamitienölätter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de, folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
Aintlkher Lheil.
Gießen, den 19. December 1896. Betreffend: Die Kranken«, JnvaliditätS» und Alter-.
Versicherung der KreiSstraßenwarte.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosth. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Sie wollen den Gemeindeeinnehmer anweisen, bezüglich der bis Ende December l. I. für die Kreisstrahenwarte vorlagSwetse gezahlten Beiträge zu den Kosten der Gemeinde- krankenverficherung und zwar für 51% Wochen, sowie derjenigen für Invalidität-- und AlterS-Versicherung mit der Kreiskaffe abzurechnen und die Vorlagen gegen Abgabe der Quittungen hierüber, zu welchen die den Gemeinde-Einnehmern demnächst zugehenden Formularten zu benutzen find, in Empfang zu nehmen.
Wir sehen Ihrem Bericht darüber, daß die gedachte Abrechnung stattgefunden hat, bis spätestens 1. Februar 1897 entgegen.
v. Gag ern.
Die 50 jährige Jubiläumsfeier des „großen Sprudels zu Bad-Nauheim am 22. Deeember 1896.
Von Wilhelm Wagner (Bad-Nauheim).
Die Nauheimer Quellen wurden schon von den Germanen, den Römern und den Gelten äußerlich angewevdet und auch Kochsalz aus ihnen gewonnen. Bad-Nauheim, 138 Meter über dem Meere, Station der Main-Weser-Baho, liegt an dem nordöstlichen Abhange des quellenreichen Tauvus in der fruchtbaren Wetterau.
Als die alten Quellen nicht mehr genügten, fing man im Jahre 1823 an, zu beiden Seiten der Ufa eine Reihe von Quellen zu erbohren, deren glückliche Resultate Nauheim zu dem jetzt so berühmten Weltbade emporhoben.
Am 1. Juli 1835 wurde die „Soolbad-Anstalt Nauheim" auf Anregung des Salinen.Jnspector Karl Weiß eröffnet. Die Zahl der Kurgäste betrug im ersten Jahre 951, 1837 ließ sich der erste Badearzt, Dr. Friedrich Bode in Nauheim nieder. Im October desselben Jahres gab der Salinen-Jnspector Wilhelmt die erste Anregung zur Er- bohrung des späteren „großen Sprudels" und zu den Sprudelstrombäderu, die jetzt eine weltberühmte Specialitat Bad-NauhetmS find.
Der angeregte Bohrversuch Nr. 7 wurde tm April 1837 angesetzt. Nachdem man bei 159,14 Meter Tiefe eine nur 1,25 pCt. und nur 21,87° C. warme Soole erlangt hatte, gab mau die Hoffnung auf, stellte am 4. Juni 1841 die Bohrarbeit ein und bedeckte den Schacht mit einer Balkenlage und Erde.
Die Nacht vom 21. zum 22. Decmber 1846 war etue der schaurigsten, die Nauheim jemals erlebt hat. Ein orkanartiger Sturm heulte durch die Lüfte, rüttelte an den Häusern, fegte die Ziegel von den Dächern und ließ die Erde erbeben. In dem ganzen TaunuSgebtet wurden Erderschütte« rungeu beobachtet und der Barometer zeigte einen ungewöhn- lich niedrigen Stand. Am anderen Morgen bot sich den Bewohnern Nauheims ein überwältigender Anblick: Aus dem im Jahre 1841 verlassenen Qurllenschachte erhob fich eine mehr als mannesdicke, blendend weiße, dampfende, zischende und spritzende Schaumsäule bis zu 10 Fuß Höhe. Die Ge« walt des überreich mit Kohlensäure gesättigten Sprudels hatte die Schachtbedeckuug, Balken und Erde hoch in die Luft geschleudert und die ganze Gegend in einen dampfenden und wogenden Salzsee verwandelt. Die 3,03 pCt. Soole war 31,25° C. warm. Das war ein kostbares Weihnachtsgeschenk!
Von dem Durchbruch deS „großen SprndelS" datirt der mächtige Aufschwung des Heilbades und noch heute ist Quelle 7 am höchsten geschätzt von den Aerzten und den Kurgästen. Der „große Sprudel" ist die kohleusäurereichste Quelle Europas und enthält unter Anderem in größeren Mengen: Chlornatrium, Chlorlithium, Chlorkalium und doppeltkohlensauren Kalk. AuS der Quelle werden bereitet: Kohlensäurehaltige Thermalbäder, Soolbäder, sowie, als Speclalitär von Bad-Nauheim, Sprudelbäder mit natürlicher Wärme, völlig reiner, unzersetzter Soole mit vollem Kohlensäuregehalt, Siombäder und Sprudelstrombäder, auch „Champagnerbäder" genannt, weil das Wasser derselben perlt und auSsirht wie Champagner. Angewendet werden die Bäder bei Gicht und Rheumatismus, besonders aber ist Bad-Nau- heim das Eldorado für die Herzleidenden der ganzen Welt geworden! In ueuerer Zeit werden auch Krankheiten des RäckenmarckS und Frauenleiden mit großem Erfolg behandelt.
Der „große Sprudel" zu Nauheim hat auch seine Schicksale. In Folge der schadhaft gewordenen Röhre und des Eindringens von Süßwasser bei einer Ueberschwewmung wurde der aus 554 Fuß Tiefe aufsteigende Soolstrom, theils durch Aufsaugen der treibenden Kohlensäure, am 2. März 1855 zurückgedrängt und die herrliche Quelle blieb au-! — Im Jahre vorher war in Nauheim eine französische Spiel-
Alle Annoncen-Burraux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" -entgegen.
bank errichtet worden und jetzt glaubte man im Ausbleiben der Quelle, die in Wahrheit eine Quelle b>S Wohlstandes für Nauheim war, eine Züchtigung Gottes zu erblicken. Als der Salinen-Jnspector Schreiber aber für die verrosteten eisernen Röhren kupferne Röhren in die Quelle ein- ließ, kam am 16. April 1855, also nach 6 Wochen, die weiße Schaumfontaine sofort wieder, in alter Güte und Herrlichkeit! Am 15. Mai desselben Jahres (1855) erbohrte man dicht bet dem „großen Sprudel" den „Friedrich.Wilhelms- Sprudel", der bet 4,3% Salzgehalt und 37,5° C. Wärme in mächtiger Schaumsäule 16,11 Meter hoch springt.
Zu diesen beiden Quellen kamen bald noch andere. Gegenwärtig wird baß sechste BadehauS gebaut, Nauheim, vor 50 Jahren noch ein „Flecken" mit einem Badearzt, hat jetzt 3300 Einwohner und 25 Aerzte! ES besitzt den größten Park Deutschlands und ist als Weltbad ersten Ranges anerkannt. 1846 waren 494 Kurgäste in Nauheim, 1881 schon 4275 und 1896 15352.
Die 50 jährige Jubiläumsfeier wird am 22. December d. IS. in Bad'Nauhetm durch ein großes Fest gefeiert.
Deutsche- Reich.
Berlin, 19. December. Das Staatsministerium trat heute Nachmittag 2 Uhr in seinem Dienstgebäude unter dem Vorsitze deS Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 19. December. Die Nachrichten süddeutscher Blätter über das militärgerichtliche Verfahren gegen den Lieutenant v. Brüse w itz kann die „Post" insoweit bestätigen, als es fich darum handelt, daß in dieser Angelegenheit neue Zeugenvernehmungen angeordnet worden find.
Berlin, 19. December. Vom 1. Januar 1897 ab wirb, Wie der „Retchöanzeiger" meldet', im Fernfprech-Verkehr zwischen zwei verschiedenen Stadt-Fernsprech-Einrichtungen deS RetchS-Post- und Telegraphen-GebietS, deren Haupt- vermittelungSanstalten nach der Luftlinie nicht mehr als 50 Kilometer von einander entfernt find, die Gebühr für ein gewöhnliches Gespräch bis zur Dauer von 3 Minuten auf 25 Pfennig ermäßigt. Bet großen Entfernungen beträgt die Gebühr, wie bisher, eine Mark.
Berlin, 19. December. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt osficiöS: Gegenüber den an einzelnen Productenbörsen hervortretenden Bestrebungen, vom 1. Januar 1897 ab den „Börsenverkehr" als solchen aufzugeben, machen wir darauf aufmerksam, daß die Anwendbarkeit des Börsengesetzes und der zu dessen Ausführung ergangenen Vorschriften nicht dadurch beseitigt wird, daß der Verkehr mit Vermeidung des Ausdrucks
Feuilleton.
Das Victoria-Kreu;
Eine WeihnachtSgrschichte von A. O. Brazier.
(Schluß.)
„WaS wollen Sie damit thun?" fragte er hastig, und bemerkte, wie eine plötzliche Röthe ihr in die Wangen stieg.
„Sie wollen es doch nicht etwa verkaufen?" fuhr er fort und sah ihr fest ins Auge.
Sie nickte; er aber legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte in mitleidsvollem Tone:
„Thun Sie es nicht, oder lassen Sie mich wenigstens erst sehen, ob ich Ihnen nicht anders helfen kann. Mein Vater ist Militär und wenn Ihr Vater--Welchem Regi
ment gehörte er an?" fuhr er fort.
Lilly blickte ihn verwundert an und erwiderte leise:
„Dem fiebentev Regiment."
„Dem siebenten?" wiederholte der junge Mann. „Das war ja auch meines Vater- Regiment. Ihr Name, schnell, wie ist Ihr Name?"
„Collinson!" entgegnete Lilly mit erstauntem Geficht.
„Collinson!" rief der Fremde. „Collinson! Wissen Sie, wodurch Ihr Vater dieses Kreuz fich verdient hat?" firagte er erregt. „Wissen Sie baß? Er war der tapferste Soldat des ganzen Regiments. Mein liebe- Fräulein, Ihr Later hat ja dem meinigen das Leben gerettet, als derselbe moch als Oberst im Heere stand, und wenn er gewußt hätte, — mein Gott, wenn ich nur daran denke, daß Sie da- haben werkaufen wollen —"
Er hielt inne und nahm das überraschte Mädchen keim Arm.
„Kommen Sie mit mir," sagte er. „Ich werde Sie jii meinem Vater führen."
Sie gehorchte ihm halb unbewußt, und als fie durch die Straßen gingen, bemerkte er mit tiefem Mitleid, wie ärmlich
fie gekleidet war, und er fühlte ein heftiges Verlangen, fie in die Arme zu schließen und an sein Herz zu ziehen.
„Vater, Vater, wach auf!" rief Lilly und blickte ihm ängstlich ins Geficht, „es ist Jemand da, der Dich sprechen möchte, Vater!"
Der alte Mann fuhr auf und fragte mit schwacher Stimme:
„Ist es — ist es fort?"
„Nein, nein," entgegnete Lilly und gab ihm das $breu$ in die Hand. „Hier hast Du es wieder." «
„Gott fei Dank!" rief der Vater und drückte eS an die Brust. „Gott sei Dank, ich — habe — eS noch!"
„Aber, Vater, wer, glaubst Du wohl, ist hier?" fuhr Lilly fort, während die Treppenstufen unter einem schweren Tritt erbebten. „ES ist Jemand, den Du kennst. Erinnerst Du Dich noch Deine- alten Regiment-?"
„Ob ich mich dessen erinnere?" rief der alle, kranke Mann mit Stolz, der aber bald wieder in seinen Augen erstarb. „O, das war ein Regiment! Ob ich mich seiner erinnere! Doch — wie kalt es hier ist!" fuhr er, zu- sammenschauernd, fort. „Wir werden morgen kein Feuer und nicht- zu essen haben," sagte er schluchzend. „Gott weiß, wa- aus uns werden mag."
„Willst Du den Oberst Marx sprechen?" fragte Lilly ohne jede Vorbereitung, und fuhr erschreckt zurück, als fie die Veränderung wahrnahm, die in ihre- Vater- Geficht vor fich gegangen war.
„Der Oberst, Lilly?" fragte er fie mtt zitternder Stimme. „Mein Oberst?"
Im nächsten Augenblick war der Oberst Marx bereit- in- Zimmer getreten- seine große männliche Gestalt schien den ganzen Raum auözusüllen und mtt ernster Miene begrüßte er den alten Mann.
„Mein Oberst! Mein Oberst!" rief Collinson hoch
erfreut und versuchte fich aufzurichten, doch eS gelang ihm nicht und er fiel wieder auf die Kiffen zurück.
Der Oberst trat näher und sagte, ihm die Hand reichend:
„Mein alter Freund Collinson, ich freue mich, Sie wiederzusehen. Schon oft hatte ich mich gefragt, was wohl aus Ihnen geworden sein mochte, und nun — finde ich Sie hier — so — — Hol'- der Teufel, Collinson, Sie härten früher kommen sollen, bevor — bevor —"
Er wagte nicht mehr zu sagen, doch seine Augen schweiften durch das ärmliche Zimmer.
„Packen Sie Ihre Sachen zusammen, mein Kind," sagte er zu Lilly in sanftem Tone, „ich höre.Jack und den Docror 'rauskommen und wenn er Ihren Vater für transportfähig erklärt, so werden wir ihn bald aus dieser elenden Baracke herausbekommen. Teufel! Teufel!" murmelte er und betrachtete die erbärmlichen Möbel, „da soll man nicht fluchen, wenn man einen alten Soldaten in einem solchen Loch um» kommen sieht!"


