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22.11.1896 Drittes Blatt
 
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♦Mener Attieiger erscheint täglich, mit Ausnahme des

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Die Vießmer MoittenötLlter «erden dem Anzeiger «Tchentlich dreimal brigelegt.

Drittes Blatt. Sonntag den 22. November

Gießener Anzeiger

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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Tbeil.

Bekanntmachung.

Wir bringen hierdurch zur öffentlichen Kenntniß, daß

Mittwoch, LS. November I. I.

aus Anlaß des Geburtsfestes Ihrer Königlichen Hoheiten des Großherzog- und der Großherzogin die Geschäftsräume der Unterzeichneten Behörde geschloffen bleiben.

Gießen, am 18. November 1896.

Großherzogliches Hauptsteueramt.

Bornsch euer.

Bekanntmachung.

ES'(wird hiermit zur allgemeinen Kenntniß gebracht, daß Mittwoch den 25. November 1896, wegen des GeburtS- tag- Sr. König!. Hoheit des GroßherzogS, der Zahltag au »nserer Stoffe ausfällt.

Gießen, den 21. November 1896.

Grobherzogliches Rentamt Gießen. Dexheimer.

Zum Todtrnsest.

Von dem Dome schwer und bang Tönt der Glocke Gcabgesang. Ernst begleiten ihre TraueischlSge Einen Wand'rer auf dem letzten Wege.

Was der Dichter beschreibt, erleben wir heut noch einmal in des Herzens Stille. All der Entschlafenen, die im letzten Jahre der Schnitter Tod mit scharfer Sense hingemäht hat, gedenken wir heute in Liebe und Dank. Darum pilgern Tausende zum Friedhof hinaus, durch eine Blumenspende ihrer Liebe sinnig Ausdruck zu geben. Da bricht freilich manche Wunde wieder auf und mancher Schmerz erneut sich Sitter/ und insonderheit, wo häusliches Glück durch den Tod zerstört ward, rinnen heiße Thränen. Aber dankbar gedenkt man auch viel empfangener Liebe- dankbar gedenkt auch das Vaterland der Helden, die in der Ferne in Fteberluft und Hitze oder in wallenden Wogen ihr Leben ließen. Hab mit Wehmuth gedenkt die Christenheit der Christen, die unter dem Schwert der Türken, treu im Glauben, den Tod der Märtyrer starben.

Ja, sie, die den Tod im Glauben lieber wählten als 4aS Leben unter dem Fluch des Unglaubens, geben und die rechten Gedanken am Todtenfest. Wer nichts weiß als: daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden, der ist ein armer Mensch, der trostlos und hoffnungslos ins Grabes« dunkel hinabschaut. Aber wer, wie jene Märtyrer, den kennt, der über da- Grab triumphirt hat, weil er uns zulieb den

Tod erlitten hat und uns zum Heil vom Tode erstanden ist, der ist getröstet in seiner Trauer: der gönnt den Ent­schlafenen ihren Frieden und rüstet sich auf die eigene Heimfahrt:

Aufersteh'n, ja «userfieh'n wirst du, Mein <5l«ub, nach kurzer Ruh. Unsterblich Leben Wird, der dich schuf, dir geben. Hallelujah!

Deutscher Reichstag.

128. Plenarsitzung. Freitag, den 20. November 1896.

DaS Haus fährt fort in der Berathung der Justiznovelle.

Als S 55a hatte die Commission anfänglich beschlossen, daß der Zeugnißzwang der Presse (Redacteure, Verleger rc.) aufgehoben sein soll. Hinterher hat aber die Commission diesen Paragraph wieder gestrichen in Folge der bestimmter, Erklärung der Vertreter der Re­gierung, daß eine solche Bestimmung für sie unannehmbar sei.

Abg. Munckel (frs. Vp.) beantragt Wiederherstellung des 8 55a.

Ein Antrag Stadthagen (Soc.) will durch einen Zusatz auch den Zeugnitzzwang der Presse in dem disciplinaren Ermttteluugs- oerfabren (widerUnbekannt") auSschlteßen. Der Zeugnitzzwang sei ein Preßknebel. Die Regierung habe selbst schon 1876 in Ueberetn- stimmung mit allen Parteien anerkannt, daß eS unanständig und ehrlos wäre, wollte ein Redacteur den Einsender der ihm unter Discretion anvertrauten Artikel verrathen. Redner erzählt eine Reite von Fällen deS Zeugnißzwanges in Disciplinarsachen auf und fragt: Wie kann die Presie noch weiter öffentliche Schäden besprechen, wenn diese Knebelung sortdauert?

Abg. Beckh (frs. Vp.): Der von StalHagen beantragte Zusatz gehöre formell nicht in die Strasproceßordnung hinein. DerAnttag Munckel entspreche nur der Ausnahmestellung, welche die Presie überhaupt einnehme. Da8 Preßgesetz früherer Zeit sei viel liberaler gewesen. Die Zeugnißpflicht der Redacleure rc. sei um so unan­gemessener, als ja die Betreffenden auch als Mttthäter angesehen und schon deshalb eigentlich nicht zum Zeugniß gezwungen werden könnten, was aber von den Richtern nicht beachtet werde.

Staatssecretär Nteberding: Wie die Commission, so wird hoffentlich auch dieses hohe Haus ei kennen, daß die Folgen einer Annahme dieser Anträge weit hinauSgehen würden über das, was sich mit dem öffentlichen Jntereffe verträgt. Wollen Sie, daß Der­jenige, dem eine strafbare Handlung zur Last fällt, straffrei bleibt, weil der Redacteur, der die Frucht der strafbaren Handlung ver- werthet, kein Zeugniß abzulegen braucht? Daß Diebstahl von Acten- stücken, Verrmh mtliiärtscher Geheimnisse rc. straffrei bleiben sollen, wie es nach dem Anträge Stadthagen der Fall sein würde, das können Sie doch nicht wollen Die Folge wäre Desorganisation des öffentlichen Dienstes. Der Antrag Beck^Munckel würde ein Aus­nahmerecht der Presse schaffen. Bet den Aerzten, Rechtsanwälten, Geistlichen handelt es sich um staatlich organistrte Berufe und Beruss- geheimnisse, bet der Presse nicht. Mit demselben Recht wie für diese könnten Sie eine Aushebung des Zeugnißzwanges auch für Rechls- consulenten, Auskunfisbur-auS rc. fordern und damit kämen Sie zu einer ganz unmöglichen Erweiterung der Exemtionen. Sie sprechen von der Ehre des Redact-urs, ja glauben Sie denn, daß es wider die Ehre läuft, Zeugniß abzulegen über den Urheber schwerer Be­leidigungen? Und kann es tm Jntereffe des Staates liegen, wenn in bewegten Zeiten aufrührerische Kundgebungen verbreitet werden, daß dann dem Staate versagt ist, Gewißheit über den Urheber zu erlangen? Der Antrag kommt nur einer unanständigen Presse zu statten, die von Zuträgereien, Verleumdungen rc. lebt. Lehnen Sie den Antrag ab!

Abg. Pieschel (nl.): Die Sache habe ihre zwei Seiten, ober Thalsache sei, daß die Freiheit der Presse sehr ost mißbraucht weide. Auch sei eS wohl nicht weniger ehrlos, Jemandem die Ebre adzu- schnetden und dann einen Sttzredacliur vorzuschicken, als Redacteur einen Anderen Preisgaben. Es liege eben hier ein Conflict der Interessen vor, bei dem eS darauf ankomme, welches das wtchtge-e Interesse sei. Werde der Zeugnißzwang für die Presse aufgehoben, so weide sehr oft dem Grs.tz eine wächserne Nase gedreht werden. Um der Gerechtigkeit, und auch um der ausgletchenden Gerechtigkeit willen, im Interesse nämlich der beleidigten Ehre des Anderen, werde er gegen die vorliegenden Anträge stimmen.

Abg. v. Buchka (c.) bekämpft ebenfalls beide Anträge, vor­nehmlich den Stadthagen'ichen.

Abg Rintelen (Ctr.): In der Commission sei der $ 55 a nur gefallen, weil die Regierung auf das allecbesttmmteste erklärt habe, der Paragraph fei ihr unannehmbar. Unter diesen Umständen den Paragraphen fallen zu lassen, wenn man nicht auch die Berufung und die Entschädigung unschuldig Verurtheilter scheitern sehen wolle. Von der Richtigkeit des Princips des Antrages Munckel seien ferne Freunde durchaus überzeugt.

Abg. v. Maquardsen (nl.) stimmt dem durchaus zu, 1876 habe es sich um ein gewaltiges Gesetzgebung?werk gebandelt und dafür sei ihm kein Opfer zu groß gewesen, so daß er damals auf $ 55a verzichtet habe. Jetzt dagegen, wo es sich nur um diese Slrasproceß- Novelle handele, sei er außer Stande, seine Ueberzeuguug daran zu geben und werde deshalb für den S 55a stimmen.

Geh.-Rath v. Lenthe legt dar, die Verhältnisse der periodischen Presse halten sich seit 1876 so zu ihrem Vorthetl verschoben, daß jetzt auch diejenigen dem Zeugnißzwang geneigt sein könnten, die ihn damals verworfen hätten.

Abg. Munckel beklagt das non possumuB der Regierungen. Gehe das Haus jetzt abermals an der Aushebung des Zeugniß­zwanges vorbei, wann solle dann die Gelegenheit wiedertommen, diesem anerkannt richtigen Prinzip zur Durchführung zu helfen? Ohne 8 55 a könne es keine freie, unabhängige Presse geben, wie eS ohne Wahlgeheimniß keine freie, unabhängige Wahl gebe. Wie ent- behrlich der Zeugnißzwang der Preffe sei, zeige ein anderer Vor­gang, in dem Staatsgeheimnisse verrathen waren und man durch den Zeugnißzwang etwas hätte erreichen können und ihn doch nicht angewendet habe.

Nachdem noch die Abgg. Schmidt-Warburg (Ctr.), Dr. Förster (Ref.-P), Frohme, (Soc) und Haußmann (Südd. Vp.) für den Antrag Munckel gesprochen, wird derselbe angenommen, der An­trag Stadthagen abgelehnt.

8 56a trifft Bestimmungen darüber, wenn die Beeidigung eines Zeugen unterbleiben darf.

Nachdem die Abgg. Rembold (Ctr.) und v. Gültlingen (R. P.) einige von ihnen beantragten Aenderungen befürwortet haben, vertagt sich das Haus.

Wetterberatbung morgen 1 Ubr. Schluß 5*/8 Uhr.________

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Gieße«, den 20. November.

Im Panorama gelangt eine ganz neue historische Serie am Sonntag zur Ausstellung und zwar die 25jährige Erinnerungsfeier an die Heldengräber und Denkmäler von den Veteranen auf den Schlachtfeldern von Wörth, Spichern, Graoelotte, die Einweihung deS Oldenburger-Denkmals, Festzüge, Feier in der Schlucht bei Gravklotte, sowie an der französischen Grenze bet Mars la Tour. Außerdem Metz (Kaiser Wilhelm-Denkmal), Straßburg (Münster, Kehler Brücke), Wörth, Weißenburg (das alte GaiSbergschloß), Saar­brücken, Amanwetler, Rezonville, St. Hubert rc. Da das

Feuilleton.

Wochendriese aus der Residenz.

(Originalbericht desGießener Anzeigers").

Br« her Technischen Hochschule. Aus den Soncertfälen u«d dem Großh. Hoftheater.

Z. Darmstadt, 19. November.

Seit einigen Wochen hat an der Technischen Hoch­schule das Wintersemester begonnen und zwar ist jetzt der ganze Betrieb in die nunmehr endgiltig fertig gestellten Neu­bauten hinter dem Herrgarten, wo früher die Hofmeierei stand, verlegt. Jndeffen schon erweist sich der Raum in den neuen Lokalitäten, die in ihrer Vollendung einen sehr impo sauten Anblick gewähren, als recht knapp bemeffen. Man hat, um eventuell Vergrößerungen der Anlage ermöglichen in können, noch drei in der Magdalenenstraße gelegene Hof- r aithen käuflich erworben, mit bereit Niederlegung soeben begonnen wird, so daß jetzt daS ganze Gelände vom Rord- vingang zum Herrgarten bis zur Rückseite der großen In- famtcrie-Raferne zur Verfügung steht. Wenn die Besucher- z«hl deS Instituts in demselben Verhältniß wie seither wächst, wird die baldige AuSnützung des vorhandenen Raumes nur eine Frage der Zeit sein. Schon ist nämlich der tiRusendste Student immatriculirt worden, so daß die Ge- sommtsrequenz einschließlich der Hospitanten 1100 beträgt; Wie hiesige Hochschule nimmt jetzt, was die Zahl ihrer Be- sicher anlangt, den dritten Rang unter den Hochschulen Deutschlands ein. Wer hätte das noch vor einem Jahrzehnt zttahnt, wo die Frage, ob die Anstalt hier am Platze über­

haupt bleiben solle, noch immer diScutirt ward. Mit Beginn deS neuen Semester- ist auch eine neue farbentragende Ver­bindung, die bereits vom R ctorat Genehmigung erhalten hat, entstanden, sie nennt sichNasiovia" und verfolgt die Zele der katholischen Studentenverbindungen Deutschlands. Die neue Corporation wird an dem zur Feier des Geburts- feste- unseres Großherzoglichen Paares von der Studenten' schäft zu veranstaltenden Festcommers zum ersten Male öffentlich auftreten.

Sehr viel zu berichten wäre nun von den in der ver­gangenen Berichtswoche stattgehabten Concerten großen Stiles. Jndeffen der Roum gestattet nicht, auf Einzel­heiten auS dem Programm derselben einzugehen, eS sei ihrer deshalb nur im Großen und Ganzen Erwähnung gethan. Am letzten Sonntag hielt der Sängerchor des hiesigen Lehrervereins fein erstes dieswinterliches Concert ab, dessen künstlerischer Erfolg dank dem vorzüglichen Stimmenmaterial des Vereins und der trefst chen Leitung desselben ein sehr hoher war. Der Verein hat sich die Pflege des mehr­stimmigen Volksliedes zur Aufgabe gemacht und arbeitet an diesem Ziele, wie daS Concert bewies, mit eifriger Hingabe und anerkennenSwerthern Fleiß, denen auch das Gelingen nicht versagt ist.

Am Sonntag machte bann der evangelische Kirchen­gesangverein bas Darmstädter Publ kum mit einem Werke eines wohl nur wenig gekannten fast ganz bergt ffenen Com- pomsten bekannt, mit bem O-atorinmJrphta" des um die Wende deS sechzehnten Jahrhundert geborenen Italieners Giacomo Carriiftrni. Die tm Allgemeinen unserem Geschmacke nicht mehr entsprechende Composition stellt sowohl an den

Chor, wie namentlich an die Solisten, bereit Partien teil­weise in unerreichbarer Höhe liegen, ganz enorme Aufarbe­itungen, benen inbeffen bei ber Aufführung völlig genügt warb, sodaß baS R-.sultat ber Veranstaltung naaj biefer Seite hin, ein sehr günstiges genannt werben muß.

Am barauffolgenben Montag begann bann ber Mozart- Verein seine musikalische Wintercampagne mit einem glän> zenb verlaufenen Concert, in bem au« ber Zahl ber Solisten namentlich die königk. Hofopernsängerin Frl. Erika Webekind aus Dresden zu nennen ist. Die Dame verfügt über eine herrliche Sopranstimme, die namentlich in ber Höhe von wirklich wunbervollem Klang ist, habet beherrscht bte Künstlerin die Technik in ganz vollendeter Weise. Was sie bot, ist über alle Kritik erhaben, daS dalekarische Tanzlied, und namentlich das Alabief'iche LiedDie Nachtigall" brachten ihr nicht endenwollende Beifallsstürme ein. Auch ber Chor beS Vereines zeigte unter Leitung deS MusikbirectorS Richard Senff schöne Momente.

Im Großh. Hoftheater gastirte für das frei- werbenbe Fach beS Tenorbuffo Herr G. Schmibt vom Hof- theaier in Nürnberg alsKnappe Veit" in LortzingSUn- blne", Felber auch ohne wirklich befriebigenbtn Erfolg. Der Sonntag brachte ben Gounod'fchenFaust" ber Dank der vorzüglichen Besetzung ber Hauptrollen, desGretchen" durch Frl. Pewnh, deSFaust" durch Herrn Bucar und des Mephisto" durch Herrn Richmann, eine glänzende Wieder­gabe erlebte." Im Schauspiel herrschte in der vergangenen Woche daS luftige Genre vor.