Ausgabe 
22.7.1896 Erstes Blatt
 
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hohem Maße, denn statt ihre Streitigkeiten unter sich auszu- tragen, haben sie in öffentlichen Versammlungen, in heftigen Reden die Ausstellungsleitung angegriffen und an die nach Ausspruch eines jüngst verstorbenen Berliner Landgericht«- direclorS nicht bestehende Oeffentlichkett appellirt. Die Herren fordern einen dtrecten Eingang zur Maschinenhalle, sie wollen also anscheinend auch hierdurch mehr an die Oeffent- lichkeit treten. Dieser Wunsch ist jedenfalls ein entschieden berechtigter, denn augenblicklich führt der Weg zur Maschinen- halle durch die endlose Jndustrtehalle und wenn man müde und matt an daS Ende derselben angekommen ist, dann erst gelangt man in die gewiß wichtige und intereffante Ab- theilung für Maschinenbau. Wenn ich auch die Klagen dieser Herren als berechtigt anerkenne, so kann ich doch die über­triebenen Worte, welche in diesen Versammlungen fielen, keineswegs billigen. ES ist entschieden zu verurtheilen, wenn z. B. ein Redner fich so weit vergaß, die Berliner Gewerbe­ausstellung mit einer Vogelwiese zu vergleichen, wo zwar ungezählte Schilder auf die zahllosen Vergnügungen Hinweisen, wo eS aber verzweifelter Kämpfe bedarf, um daS Schild für daS wichtige und für Jedermann hochintereffante Maschinen­wesen zu erlangen. Auf diesen Punkt, welcher an sich ja viel Wahres enthält, komme ich übrigens weiter unten zurück. Ein Anderer erklärte sogar in großer Erregung:Wir find dupirt worden, unser Geld ist verloren, wir sehen keinen Pfennig wieder! Mir hat man in meinem Ausstellungsraum ein Preßkohleulager hinringepockt. Statt eines Eingang« hat man uns einen AuSgang für Bedürfn'ffe gegeben." AuS diesen kleinen Beispielen kann man aber leicht erkennen, wie stürmisch diese Versammlungen verlaufen find. Jedenfall«

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Der

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Die Gießener

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Erstes Blatt. Mittwoch den 22 JilU__

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1896

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Neueste

Wolff» lelegr-pdtschr» <Lorrespond«u.-Bnre«.

Berlin, 20. Juli. Profeffor vr. v. Nathusiu«, Hof- Prediger a. D. Stöcker unb Pfarrer Lic. Weber ver­deutlichen in derKreuzzeitung" eine ktrchlich.sociale Kund- glbung von einer größeren Anzahl Männer auS verschiedenen Gruppen und Richtungen der rechten Seite des kirchlichen und politischen Lebens, worin dieselben gegenüber der Ent­wickelung deS evangelisch socialen Congreffes eS für geboten halten, ihre ktrchltch.socialen Ueberzeugungen auszusprechen.

Berlin, 20. Juli. Gegenüber der Behauptung der Mutschen Volkszeitung", unsere fiScalischen Werste - Etablissements bauten bet der Fertigstellung von Kriegsschiffen ca. 25 pCt. theurer al« Privatwerften und diese letzteren fänden im allgemeinen bet der Vergebung voa Kriegsschiff-Neubauten rc. zu wenig Berücksichtigung, conftttttrt diePost", die Marineverwaltung halte sich lediglich ,a die im Etat bewilligten Summen. Im vergangenen Herbst bet Verdingung des Baue« der neuen geschützten Kreuzer 2. Klaffe trat die heimische Prtvatwerft freiwillig voa der Bewerbung zurück, weil sie glaubte, sie könne auf die Baubedingungen des ReichSmarineamtS nicht eingehen, während zwei Kreuzer desselben Typs unter gleichen Be­dingungen derzeit auf einer kaiserlichen Werft gebaut werden. Da« Beispiel zeige, daß die kaiserlichen Werften mindestens zu denselben Preisen, wenn nicht billiger bauen können als die heimischen Privatwerften. Die Marineverwaltung müffe tn erster Linie die fiScalischen Werften berücksichtigen, sei aber andererseits bestrebt, den Privatwerfteu Bauaufträge oder größere Reparaturen zuzuwenden. Gegenwärtig werden auf den kaiserlichen Werften 5 Kriegsschiffe gebaut, auf den Prtvarwerften 3 Kriegsschiffe und eine ganze Torpedoboots- dlvifion, außerdem Schiffsmaschinen und Keffel Neubauten.

Dresden, 20. Jult. Der 9. VerbandStag der sächsischen Jnnungsverbände ist heute Vormittag in Gegenwart der Vertreter der Staatsregierung, der städ­tischen Behörden und der Handelskammer eröffnet worden, von den 282 Innungen waren 124 Vertreter für etwa 200 Innungen erschienen. Nach längerer Debatte über die Gründung landwirthschaftlicher und gewerblicher eingetragener Genoffenschaften wurde der Antrag genehmigt, eine Com- wission zu wählen, die das Jntereffe sür gewerbliche Ge- noffenschaften in Handwerkerkreisen fördern und hierdurch für deren Errichtung Propaganda machen soll.

Dresden, 20. Juli. DasDresdener Journal" ver­öffentlicht folgendes aus Odde vom 6. d. M. datirtes Handschreiben, welches der Kaiser am 11. ds. MtS. dem König von Sachsen zum 25jährigen Jubiläum als Generalfeldmarschall durch den Genet aladjutanten, General d. Winterfeld, überreichen ließ:

Durchlauchtigster, Großmächüqster Fürst! Freundlich, lieber Vetter und Bruder! Die 25jährige Wiederkehr des

TageS, an welchem Mein in Gott ruhender Großvater | Ew. Majestät in dankbarer Erinnerung an die in großer Zeit geleistete ruhmreiche Unterstützung als Heerführer zum Generalfeldmarschall ernannte, gibt Mir und Meiner Armee Anlaß, Ew. Majestät zu diesem Gedenktage die herzlichsten Glückwünsche auszusprechen und die Versicherung unserer dankbarsten Verehrung für alle Zeit zu erneuern. Möge Ew. Majestät noch ein langes, segensreiches Wirken durch Gottes Gnade beschieden sein. Genehmigen Ew. Majestät die Versicherung der vollkommensten Hochachtung und wahren Freundschaft."

DaS gleichzeitig veröffentlichte Antwortschreiben des König« Albert hat folgenden Wortlaut:

Durchlauchtigster, Großmächtigster Fürst! Freundlich- lieber Vetter und Bruder! Für die Mir durch General v. Winterfeld am 11. d. Mts. überbrachten Glückwünsche Ew. Majestät und Ew. Majestät Armee zum 25 jährigen Gedenktage Meiner Ernennung zum Generalfeldmarschall sage Ich Ew. Majestät Meinen allerherzlichsten und tief- gesühltesten Dank. Mit diesem Gefühle gedenke Ich an einem solchen Tage ganz besonders des unvergeßlichen Kaisers, unter besten ruhmreicher Führung Ich Mein bescheidenes Theil beitragen durfte zu dem unvergleichlichen Erfolg. Mit Stolz erinnere Ich Mich der Zeit, in der Ich Ew. Majestät Garden und das 4. Armeecorp« gegen den Feind und zum Stege führen durste. Von Herzen empfehle Ich Ew. Majestät dem Schutze unseres allmächtigeu Gottes. Ge­nehmigen Ew. Majestät die Versicherung der vollkommensten Hochachtung und wahren Freundschaft, womit Ich verbleibe Ew. Majestät freundwilliger Bruder und Vetter Albert."

Loudon, 20. Juli Der Proceß gegen vr. Iames on und besten fünf Mitangeklagte begann heute vor dem High Court of Justice unter dem Vorsitz deö Lord-OberrichterS von England, Lord Rustell. Advocat Clarke führt die Ber- theidigung. Er beantragte, die Anklage für nichtig zu er­klären. da dieselbe undefinirt und unklar sei. Der Saal ist überfüllt. Nach einer Replik des Generalanwalts Webster auf die Argumente des VertheidigerS Advocaten Clarke wurde die Weiterverhandlung auf morgen vertagt.

»opsfch« M Berne

verliu, 20. Juli. Nach Privatmeldungen auS Wil- Helms Haven fr fft der Kaiser von seiner NordlandSreise am 6. August Morgens in Wilhelmshaven ein.

verliu, 20. Juli. Das Aelteften Collegium der Berliner Kaufmannschaft ist seitens des Handels- Ministers ausgefordert worden, eine den Vorschriften deS BörsengesetzeS entsprechende neue Börsen -Ordnung auszuarbeiten und dem Ministerium zur Genehmigung vor­zulegen.

Berlin, 20. Juli. Bei dem gestrigen Dampfer- brand sind außer einigen Verbrühungen durch den auS- strömenden Dampf keine Verletzungen festgestellt worden.

Berlin, 20. Jult. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Bestätigung der Wahl deS ProfestorS Ende zum Prä- fidenten der Akademie der Künste in Berlin für die Zeit vom 1. October 1896 bis dahin 1897, ferner die Bestä­tigung des Dr. Blumuer zum Stellvertreter deS Pro- efforS Ende tn seiner neuen Eigenschaft sür die gleiche Zett.

verliu, 20. Juli. Der Parteitag der süddeutschen Volk Spartet wird am 11. October in Ulm abgehalteu werden. Die norddeutschen Demokraten werden sich, der Volkszeitung" zufolge, au den Verhandlungen lebhaft be- theiligen. Ihren Wunsch, den Parteitag auf einen früheren Termin zu verlegen, hat die Leitung der süddeutschen Volks- Partei wohl auS Zweckmäßigkeitsgründen nicht erfüllen können.

Berlin, 20. Juli. Die politische Polizei nahm gestern bei der Grüvkramhäudlerin Frau Josepha Gürtler, die früher einen Colportage-Buchhandel betrieb und bei welcher der jetzt verhaftete Anarchist Koschemann gewohnt hatte, eine Haussuchung vor, die aber ergebntßlo« verlief.

Pest, 20. Jult. Die Vermählung der Erz- Herzogin Maria Dorothea erfolgt nur in kirchlicher Form, da daS Ctvilehe Gesetz bisher die Mitglieder de« Kaiserhauses nicht vervflichtete.

Budapest, 20. Juli. Fortdauernde Gewitter und Regengüsse an der Donau richteten empfindlichen Schaden auf den Feldern an und hindern die bereit« begonnene Ernte. Ä ,

Arad, 20. Juli. Man ist hier großen Post-Dieb- siählen auf die Spur gekommen. Dieselben werden seit Jahren systematisch betrieben. Zwei höhere Postbeamte wurde« bereits verhaftet.

Nizza, 20. Jult. Die irredentischen Vereine Mat int und Oberdank werden fich auflösen, weil die fron- zösische Polizei den Vereinen jede wettere poltttsche Demon­stration untersagt hat.

Paris, 20. Juli. Bet dem gestrigen Stiergefecht tn Bordeaux reclamtrte die Menge die Tödtung eine« Stieres. Als der Director dies verweigerte, warf das Publikum Stühle und Holzpflöcke in die Arena, bis der Director die Erlaubniß erthetlte und der Stier getödtet wurde.

Paris, 20. Jult. Wte derGaulots" meldet, schreibt der General Gallifet augenblicklich seine Memoiren.

London, 20. Jult. Die aus Antwerpen auSgewteseneu Londoner Arbeiterführer Toman und Nilson erklärten einem Journalisten, sie würden die Campagne tn Hamburg und Marseille fortsetzen. Sie verfolgten den Zweck, alle Arbeiter der großen europäischen Häfen zu orgauifiren, um sociale Reformen durchzuführen.

Loudon, 20. Jult. Dte Uebergabe von Kassala durch dte Italiener an die Engländer wird binnen Kurzem erwartet. Dte jetzt inSuaktm stalionirteu egypttschen Truppen werden alsdann Kaffala besetzen und dte Dongola Expedition

Feuilleton.

Berliner Ausstrllungsbriefr.

(Bon unserem Correspondenten.)

(Nachdruck verboten.) XVII.

Berlin, 17. Juli 1896.

Die Schalteufeiteu in unserer Ausstellung.

Bis jetzt ist in den Provinzzeitungen eigentlich stets nur Iber dte Großartigkeit unserer Berliner Ausstellung geschrieben oorden und auch ich habe bis jetzt nur über dte Glanzsette derselben berichtet- um aber in den Augen meiner Leser mir die Stellung eines unparteiischen BerichtersiatterS zu bewahren, maß ich nothgedrungen auch einmal auf die Schattenseiten derselben zu sprechen kommen, denn auch hier bewährt fich wieder daS allbekannte WortWo viel Licht, da auch viel Schatten."

Hatte schon lange vor der Eröffnung der Berliner Gewerbeausstellung erst der erbitterte Kampf um das Aus- stellungSterrain selbst und späterhin die strittige Frage um diie Beleuchtung, tn welcher eS ebenfalls zu recht herben Auseinandersetzungen kam, berechtigtes, unliebsames Aufsehen hervorgerufen, so waren eS weiterhin die Vorgänge tn dem AiSstellungS'Comttv, welche dte Oeffentlichkett vollauf be- sMftigten. Bei so großen Zielen, welche daS große Unter- nehmen selbst verfolgt, sollten kleinliche Jnteresien, nur persön- lt-cher Natur, ganz tn den Hintergrund treten- doch war dieses $U.Iber nicht der Fall und unter dem KriegSruseHie Kühne-

mann, hie Goldberger!" wurde ein Kriegstanz aufgesührt, bei welcher dte Partei Kühnemann den Kürzeren zog- keines­wegs hat dieses Schauspiel dazu betgetragen, das Ansehen und den Respect vor unserer Ausstellung auswärts zu erhöhen. Daun folgten die fcandalösen Beschuldigungen, welche gegen ein Mitglied der AuSstellungSleitung geschleudert wurden und dte darin gipfelten, daß auch dieser Herr an den Lieferungen für die Ausstellung tn sehr umfangreicher Weise indirect betheiligt und in sehr bedenklicher Art seinen eigenen Nutzen wahrzunehmen verstanden hätte. Inwieweit diese Beschuldig­ungen auf Wahrheit beruhen, wollen wir an dieser Stelle nicht untersuchen, jedoch bleibt der Umstand entschieden auf­fallend, daß diese ungeheuerlichen Beschuldigungen unwider» sprachen blieben. Aber eS blieb keineswegs bet diesem Scandälchen, und wte fich über dte an fich groß angelegte und bewunderungswürdige Ausstellung eine lange Reihe intereffanter Berichte schreiben läßt, so könnte man thatsächlich ebenfalls eine ganz intereffante Berichterstattung nur über die fich von Tag zu Tag erneuernden Scandale etabliren. Spectell ist es dte Gruppe XIII Maschinenbau, Schiffsbau und Transportwesen welche der AuSstellungSleitung etwas zu ratheu aufgibt. Die Zahl dreizehn wird ja bekanntlich immer für eine UnglückSzahl angesehen, daß gerade diese Gruppe mit der ominösen Zahl unserer Leitung so verhängntß- voll werden mußte, fist wahrhaft eine Ironie deS Schicksals. Auch diese bittere Erfahrung wird künftigen Ausstellungen zur Lehre dienen, denn ich glaube schon, daß fernerhin nirgends mehr eine Gruppe 13 zu finden sein und an deren Stelle vielleicht die Gruppe 12A treten wird. Dte Herren von dem Maschinenbau beschäftigen die öffentliche Meinung in