Ausgabe 
20.10.1896 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

W 247

Erstes Blatt.

Dienstag den 20* Oktober

18»»

Keßener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

Zlnrts- und Anzeigeblntt für den 'Kreis Gieren

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schutftratze Wr.7.

Fernsprecher 51.

Vierteljähriger Abonncmentsprcks: 2 Mark 20 Pfg. mit Vringcrlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener A^amikienbrälter iverdcn dem Anzeiger nüchentlich dreimal beigelegt.

Der

Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Gratisbeilage; Gießener Aamitienölätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Wien I

. Wasse 8 a. ^Sicherung

rgung. ts-Versicherung, 1'Versorgung,

kgeschäfte EtznirM d Gewerbetreibende, > Aerzte etc etc,

irbsunfahigkeit falls Entschädigung

theilweiser Arbeite- olge innerer Erkran- bis Mk. 3500, zahl- hres desVericherten.

Versicherung.) »lauf des 65. Lebens* liehen Betrag von

leruog vermittelst i mit dem Eintritt g des 65. Lebens-

rgung vermittelst Fall des Todes des

tCapitalversicherung Militärzelt,

nverheiratheter Töchter, liehen Abtheilungen des ,0g versicherte Personen, mgen werden von der Vereins abgegeben.

rta.K: 7872

Zeil Nr. 5.

ssen: danlage Nr, s.

hern

gjOl

i

ke

lern Zubehör

Pg 921t

;;;*»** und to***

925'

Uiedenau I5 ltets auf Lager

Deutsches Reich.

Wiesbaden. 17. October. Der Deutsche Kaiser wird im Laufe des Montag der Großfürstin Constantin einen Besuch abstatten. DaS deutsche Kaiserpaar wird am Montag Abend nach Schluß der Theatervorstellung das Souper bei dem Intendanten v. Hülsen einnehmen. Großfürstin Constantin reist am nächsten Dienstag von hier nach Meran.

Ausland.

Rom. 17. October. Nach Meldungen aus Eritrea rückt Ras Man gasch a mit großen Truppenmassen gegen die Grenze vor. General Baldtffrra stellt deßhalb die Rück­beförderung der Truppen nach der Heimath ein.

Paris. 17. October. Man versichert, daß am Tage deS Wiederzuiammentritts beider Kammern nach einer Ansprache deS Präsidenten eine Resolution, welche den Inhalt der Rede zusammenfaßt und den Eindruck deS Parlaments wiedergibt, angenommen und, dem russischen Katserpaare übersandt werden wird.

'Neueste AkrchrHchtE-

Nexeschur drS ÄartssHerold".

Berlin. 18. October. Per Berliner Arbeiter- Verein hatte für heute eine Versammlung nach BuggenhagenS Katsersaal einberufen, in welcher Professor Dr, Quidde-München überMajestätsbeleidigungen" sprechen wollte. Die Versammlung war etwa von 1500 Personen besucht. Vorsitzender der Versammlung war Buchdrucker Max Roß. Dieser eröffnete die Versammlung mit einer längeren Rede, in welcher er die vielen Verurtheilungen wegen Majestätsbeleidigung einer Kritik unterzog. Während seiner Ausführungen ertönte aus der Mitte der Versammlung ein unliebsamer Zwischenruf, infolge dessen diese Versammlung auf Grund deS § 1 des Veretn.SgesktzeS aufgelöst wurde, ehe Prof. Quidde zu Worte kam.

Wiesbaden, 18. October. Zum Empfange des morgen hier erntreffenden Deutschen Kaiserpaares prangt die Stadt im herrlichsten Schmuck. Heute Morgen 10 Uhr 40 Minuten traf der Exrrazug mit dem Zarenpaare und dem Großfürsten und der Großfürstin Sergius hier ein. Am Bahnhofe hatten sich zum Empfange der Regierungs­präsident von Tepper-Laski und Polizeipräsident Prinz von Rattbor eingefunden. Erschienen waren ferner der Regiments« commandeur, sowie der hier weilende General Gmko. In offener Equipage kam die Großsürstm Constantin mit Gefolge an. Dem Salonwagen entstieg zuerst die Zarin in carmoisin- farbener Sammetrobe und gleichfarbigem Hute. Darauf folgten der Zar und die Großfürstin SergiuS, beide in dunkler Civilkleidung. Nachdem das Zarenpaar die Groß­fürstin Constantin aufS Herzlichste begrüßt, erfolgte die Ab­fahrt der Herrschaften in offrnrrn Wagen, unter den lebhaften Zurufen der Menge, direct zum Gottesdienst in drr russischen Capelle auf drm Nerobrrge. An der Pforte der Capelle wurde daS Zarenpaar von dem russischen Probst mit dem Kreuz und dem heiligen Wasser empfangen. Unter Assistenz zweier Popen wurde die Messe celebrtrt, wobei der russische Kirchenchor die Messe sang. Nach derselben nahmen die Fürstlichkeiten daS Kreuz - und das heilige Brod entgegen. Den Schluß der gottesdienstlichen Handlung bildete die Zere­monie des Handküssens. Hierauf besichtigte der Zar'die Heiligenbilder in der Capelle. Nach beendetem Gottesdienste fuhren die hohen Herrschaften in das Parkqotel, wo im engsten Familienkreise das Frühstück eingenommen wurde. Um 2 Uhr erfolgte die Rückfahrt über Frankfurt nach Darmstadt.

Coblevz. 18. October. Heute Mittag 12 Uhr wurde daS Denkmal der Kaiserin Augusta auf dem Louisen« platze in den Rheinanlagen enthüllt. Es waren anwesend: Prinz Leopold als Vertreter des deutschen Kaisers, die Kaiserin Friedrich, -ber Großherzog und die Großherzogin von Baden, der Großherzog von Sachsen-Wcimar, der Fürst und die Fürstin zu Wied, die Prinzen Bernhard und Hermann von SachsewWeimar, der Erbgroßherzog und die Erbgroß- herzogin von Baden, der Regimentscommandeur und die Offiziere des Augusta-Regiments. Der Oberbürgermeister begrüßte die Herrschaften - der Großherzog von Baden dankte für die Begrüßung und brachte ein Hoch auf den deutschen Kaiser aus. Die Großherzogin, sowie die Kaiserin Friedrich legten am Denkmal Kränze nieder. Die Herrschaften nahmen sodann den Parademarsch der Kriegervereine entgegen. Um 2 Uhr vereinigten sich hie anwesenden Fürstlichkeiten zu einem

Frühstück im Schlosse. Im Cafino fand eia Festessen statt. DaS Denkmal, welches einen Kostenaufwand von ca. 90000 Mk. erforderte, wurde von Professor Moest-KarlSruhe entworfen und vom Architekten Bruno Schmitz Berlin ausgeführt. Die Reliefs, nach Modellen des Bildhauers Vogel-Berlin, wurden von Bildhauer Knoll, Berlin, ausgeführt. DaS Denkmal trägt die Inschrift:Der unvergeßlichen Kaiserin Augusta: Die dankbare Bürgerschaft der Residenzstadt Coblenz. Errichtet 1895/96."

Minden, 18.October. Die Enthüllung deS Kaiser Wilhelm-Denkmals an der Porta Westfalica hat heute programmmäßig stattgefunden. Mehrere hundert­tausend Menschen und etwa 200 Kriegervereine hatten sich eingefunden. Der Weg vom Bahnhofe bis zum Simonthor war eine einzige via triumphalis. Die Ankunft des Kaiser- paareS erfolgte gegen 2 Uhr. Unter Begleitung einer Schwadron des 4. Kürassier-Regiments fuhr das Kaiserpaar in einem zweispännigen Wagen nach dem Marktplatz, woselbst der Oberbürgermeister eine Begrüßungsansprache hielt. Die Tochter deS Stadtverordneten-VorsteherS überreichte der Kaiserin einen Blumenstrauß. Auf dem Wege, den daS Kaiserpaar passirte, bildeten Vereine und Schulen Spalier, daS Publikum brachte enthusiastische Hochrufe aus. Von dem Marktplatze aus erfolgte die Weiterfahrt zum Denkmal, wo sich etwa 12000 Personen eingefunden hatten. Dem Denkmal gegenüber war daS Kaiserzelt errichtet, links von demselben hatten die Ehrengäste Ausstellung genommen. Einen imposanten Anblick gewährten die auf der Freitreppe aufgestellten Fahnen­deputationen der Kriegervereine. Nach dem Abschreiten der Ehrcncompagnie durch den Kaiser hielt der Vorsitzende deS ProvinziaLLandtageS, von Oheimb, an das Kaiserpaar eine Begrüßungsrede, während vom Jacobsberge Kanonendonner erdröhnte. In der Ansprache drückte Redner dem Kaiserpaar seinen Dank auS für daS Erscheinen und wies auf die Be­deutung des verewigten Kaisers Wilhelm I. für daS deutsche Volk hin. Die Rede schloß mit einem Hoch auf daS Kaiser­paar- während 800 Posaunen'oläser einen Choral anstimmten, besichtigten die Majestäten daS Denkmal und sprachen über die Ausführung ihre vollste Anerkennung aus. AlSdann betrat daS Kaiserpaar das Zelt, wo ihm ein Ehrentrunk gereicht wurde. Der Kaiser dankte sodann als Enkel für das seinem Großvater errichtete Denkmal und als Herrscher für die Anhänglichkeit, welche die Provinz Westfalen seinem Hause stets bewiesen habe. DaS Denkmal soll eine Mahnung für alle Stämme sein, zusammenzuhalten in treuer Arbeit für daS Gemeinwohl. Er hoffe, daß es ihm gelingen möge, tote seine Vorfahren die Provinz zu fördern. Innige und feste Bande hätten stets die Provinz mit dem Hohenzollernchause verbunden. In guten und bösen Tagen hätten sie zusammen- grhalten. Wenn eS einst für des Reiches Einheit nöthig fei, so hoffe er, daß die westfälischen Fäuste ebenso den Kolben zu führen wissen werden, wie ehemals. AlSdann trank der Kaiser auf daS Wohl der Provinz Westfalen. Hierauf erfolgte die Vorstellung der Ehrengäste, unter denen sich der Ober­präsident von Westfalen, Studt, der commandirende General von Goetze, die Bischöfe von Minden und Paderborn, Geh. Rath Hinzpeter u. A. befanden. Der Kaiser sprach mit fester Stimme. Nach Beendigung der Feier erfolgte sofort die Abfahrt nach Minden und um 4 Uhr die Abreise nach Wiesbaden. ___________

Berlin, 19. October. Wie gemeldet wird, hat Fritz Friedmann seit einigen Tagen in Paris ein Rechts- bureau für Deutsche errichtet, welches sich eines guten Zuspruchs erfreuen soll.

Paris, 19. October. In einer gestern abgehaltenen Socialisten-Versammlung exf.ärie Jaures formell, er werde in der Kammer bei der Verhandlung über die Fchcredite die Regierung darüber interpelliren, ob ein franco-russischer Allianzvertrag bestehe oder nicht.

Konstantinopel, 19. October. Zwei amerikanische Kriegsschiffe liegen vor den Dardanellen, um in den Hafen einzulaufen. Die Türken.verweigern denselben jedoch die Durchfahrt.

H. Darmstadt, 19. October. Wie dieDarmst. Ztg." mittheilt, trifft Kaiser Wilhelm heute Mittag um 1 Uhr 40 Min. zum Besuche des Kaisers Nikolaus hier ein.

WB. Wiesbaden, 19. October. In hiesigen russischen Kreisen verlautet: Morgen treffe daS russische Kaiser­paar zum Besuche bei den deutschen Majestäten hier ein.

H. Wiesbaden, 19. October. Um 9*/2 Uhr traf das Kaiserpaar hier ein, empfangen durch die Prinzessin Louise von Preußen und Prinzessin Elisabeth von Schaumburg- Lippe. Nach herzlicher Begrüßung erfolgte unter strömendem

Regen die Fahrt nach dem Schlosse. Um 12 Uhr 30 Min. fährt der Kaiser nach Darmstadt zum Besuche des Zaren- paareö. Die Kaiserin bleibt hier. DaS Zarenpaar, welches morgen Nachmittag hier eintrifft, wird im königlichen Schlöffe mit dem Kaisrrpaar das Diner einnehmen und Abends der Vorstellung im Hoftheater beiwohnen.

_ CocwUs rrrrd protHttjicUef,

Gießen, den 19. October.

** Die große Wahlerversammlung, welche der Vor­stand des freisinnigen Vereins auf gestern Vor­mittag nachSteins Garten" einberufen hatte, war, wie nach dcm in den vorhergehenden Tagen herrschenden Begehr nach Eintrittskarten nicht anders zu erwarten war, sehr zahlreich besucht, so daß schon lange vor Beginn der Versammlung der Saal biß auf den letzten Platz besetzt war. Nachdem der Redner des Tages, der Reichstagsabgeordnete Eugen Richter, unter lebhaften Hochrufen der Versammlung den Saal betreten, nahm Herr Landtagsabgeordneter Rechtsanwalt Metz das Wort. Er begrüßte zunächst Herrn Eugen Richter als den Vorkämpfer des Volkes im Interesse des Vater­landes und der Partei, der trotz vieler Pflichten dem Rufe, nach Gießen zu kommen, Folge geleistet habe und den Wählern beizustehen im bevorstehenden Kampfe. Herr EugenRichter, mit Bravo begrüßt, dankte zunächst für daß ihm gewordene Willkommen. Es gereiche ihm zur Genug- thuuug, auch einmal in Gießen die Parteiziele darlegen zu können. Seit 1880 sei der Stamm der Partei gewachsen­er freue sich, mit eintreten zu können für Herrn Stengel, als Freund für den selbstlosen Freund und Parteigenossen, der jedem Wahlkreise zur Ehre gereiche. Die freisinnige Vertretung des Wahlkreises habe niemals dem Kreise zur Uuehre gereicht. Der heutige Tag, der 18. October, er­innere an schwere Kämpfe, unter denen die äußere Unabhängig­keit Deutschlands im Jahre 1813 erkämpft und Vorbedingung wurde für die Einheit des deutschen Vaterlandes. Die äußere Einheit sei errungen, aber die innere noch nicht. Das politische Leben sei zerrissen durch wilde Interessen- kämpfe, wo man die Staatskraft ausbeute zu Sonder- interessen, unbekümmert um das Wohl des Ganzen. Auch die nationalliberale Partei habe sich in diesen Jnter- essenkawpf ziehen lassen, so daß auch sie dem Zer- fetzungsproceß entgegengehe. Die trübseligste Erscheinung dec Gegenwart aber sei die antisemitische Partei, weil sie nicht sachlich die anderen Parteien bekämpfe, sondern die Menschen als solche, weil sie bekämpfe die Gleichberechtigung Aller vor dem Gesetz. Wenn wirklich wahr wäre, daß 99 Procent aller Deutschen auSgebeutet würden von einem Procent Juden, was müßte die deutsche Nation für eine jämmerliche sein. Man solle gegen schlechte Menschen vor­gehen, too man könne, aber sich hüten, zu generalistren wegen der Religion- eine Partei, die dies rhue, könne auf die Dauer keinen Bestand haben, das Virtuosenthum im Verhetzen und Witzemachen sei nicht von Dauer- die Antisemiten seien die Spaßmacher der Junker, die selbst sich zu vornehm hielten, solche Witze zu machen. Die Angriffe auf die Juden ver­mögen auf die Dauer diese Partei nicht zu erhalten. Die antisemitische Partei habe in ihrem Medizinkasten allerlei Mittel, viele aus den Programmen anderer Parteien entliehene Recepte und wenn diese Mittel auch nichts helfen, so sei für die Partei die Hauptsache, daß man daran glaube. Die wirthschaftliche Depression der letzten Jahre sei dem An­tisemitismus zu Gute gekommen, die antisemitische Partei specultre auf den Rest mittelalterlicher Anschauungen, welche dahin gingen, daß die Juden schuld an allen bestehenden Miß­ständen seien. Nachdem die wirthschaftliche Lage sich zu bessern begonnen, klammere der Antisemitismus sich an den Bauernstand- er verspreche ihm stabile Getreidepreise, die aber so lange nicht zu erreichen seien, so lange die Menschen nicht das Wetter selbst machen könnten- die Getreidepreise richteten sich nach Angebot und Nachfrage, nach dem Ausfall dec Ernte, die Conjunctur ändere sich, die Getreidepreise hätten ihre natürlichen Untcrgrcnzen. Heute ständen Roggen- und Weizenpreise höher, als zur Zeit des JnkrasttretenS des russischen Handelsvertrages. Auch die Viehpreise hätten sich gehoben, der Viehbestand sei im Vergleich zu 1893/94 ca. 800 Millionen Mk. mehr werth. Die landwirthschastlichen Verhältn'.ffe seien zu btffern durch Erleichterung des Ver­kehrswesens, Meliorationen, Unterricht, Verbilligung deS Zinsfußes, deshalb seien die Freisinnigen Anhänger des GenoffenschafttwesenS, die Genossenschaft sei ein Mittel, mit dem dem kleinen und mittleren Landwirth geholfen und er gestützt werden könne, was fiüher nur durch Wuchergeschäfte versucht worden- das landwirthschastliche Genossenschafts-