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Der >(e|ea<r jtojelgef erscheint täglich, »it Ausnahme deS Montag».
Die gließener »««ttteaötLlter »erben dem Anzeiger »»chentlich dreimal beigeleg».
Zweites Blatt. Sonntag den 20, September 1896
Gießener Anzeig er
Keneral-Wnzeiger.
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lalgenden Lag erscheinenden Nummer bi» vorm. 10 Uhr. HVlUllt 1. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Vermischtes
* Eine heilere Geschichte von einem „Wechselfieber- kranken" wird in Frankfurt a. M. erzählt. Ein Bauunternehmer sollte dieser Tage den Manifestationseid auf dem Amtsgericht leisten. An seiner Stelle erschien aber ein ärztliches Schreiben, in dem mitgetheilt wurde, Herr X. könne nicht vor Gericht erscheinen, er sei durch ein heftiges Wechselfieber aus Bett gefesselt. Der Zufall wollte, daß zu derselben Stunde auf der Ferienkammer für Handelssachen ei» Wechsel des „Kranken" über 1500 Mark in Protest gegangen und contumazirt worden war. Dies Zusammen- tufffen erregte große Heiterkeit.
* Zu der Berliner Gewerbe-Ankstellung war die Einnahme am letzten Sonntag die höchste, die bis jetzt erzielt werde, sie betrug, den offiziellen „AuSstellungS-Nachr." zufolge, geflen 130,000 Mk., wovon der Ausstellung 60 pCt., den S^nderauSstellungen 40 pCt. zufallen. Die Zahl der Besucher, unter denen sich viele Kinder, die nur die Hälfte des LintritlSpreiseS zahlten, sowie etwa 30,000 Dauer- und AuS- stklllungSkartenbesitzer befanden, betrug etwa 180,000 Personen, zu deren Heimbeförderung sämmtliche Verkehrsanstalten bi» spät in die Nacht alle verfügbaren Kräfte und das ganze Skservematerial aufbieten mußten. — Welch gewaltige Mengen an Nahrungsmitteln in den einzelnen Restaurants verbraucht wurden, erhellt u. A. daraus, daß allein du mit der Fischerei-AuSstellung verbundene Ftfchkosthalle ca 16,000 Portionen Fische in allen nur mögl chen Zu- bereitungen verabreichte, wozu 54 Hectoliter Bier getrunken weirden. Ja der Küche waren co. 40 Personen mtt Putzen ber Fische und Schälen der Kartoffeln beschäftigt.
* Hamburg, 14. September. DaS Sprichwort „Wie gewonnen, so zerronnen", erfuhr dieser Tage eine neue Jlustration vor der 3. Strafkammer des hiesigen Landgericht». Der „Hamb. Corr." berichtet: In kurzer Zeit- folge hat ber Blumenhändler Johann Heinrich Joachim Lütgens auf ein SerienlooS 105,000 Mk., auf ein Braun- sch!weiger LooS 54,000 Mk. und auf ein Köln Mindener PrämtenlooS 12,000 Mk. gewonnen, sodann noch eine Erbschaft von 50,000 Mk. gemacht. Daneben hat er auS seinem Geschäfte eine jährliche Einnahme von 15,000 Mk. erzielt. Skuch dem ersten großen Gewinn ließ L. sich verleiten, sein Glück noch weiter auf die Probe zu stellen. Er gab dem
Feuilleton.
Wochendricse ans dir Residenz
(Origtnalbertcht deS „Gießener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 18. September.
Ne-aeralverfammluug bei evangelischen Bundes. — Eiu neues Projekt. — AuS dem Kuustlebeo. — BerschiedeneS.
Immer näher rückt die Zeit der Generalversamm- liung deS Evangelischen Bundes und die Vorberei- ilimgen, die von den verschiedenen AuSschüsien getroffen werden, schreiten mehr und mehr der Vollendung entgegen. Vor allem sch eint daS Lutherfestspiel Dr. DevrientS eine große Anziehungskraft ausüben zu sollen. ES sind nun sämmtliche bl'iorischen Costüme sammt den Dekorationen, Waffen- siücken usw., die zum Spiele benöthigt werden, eingetroffen, der ganze FunduS repräsentirt einen beträchtlichen Werth. t)ie Katharina von Bora wird die in DevrientS Werken seit fahren thätige Frau vr. BurSka-Hauser auS Berlin spielen, die als eine berufene Vertreterin gerade dieser üchterischen Gestalt gilt, der Luther selbst ist bekanntlich dem stllheren Mitgliede deS HoftheaterS, Herrn Edward, ante rtraut, der auch die mühevolle Etnstudtrung mit größtem Meitze leitet. Zar Erleichterung der gelegentlich der Generai- dersammlung zu veranstaltenden Festlichkeiten hat fich das Lomitö entschloffeu, Familienkarten für je 4 Personen auS- za geben, die sogar zu. einmaligem Besuche deS Festspiel» berechtigen sollen. Die Zahl der Aufführungen selbst ist jetzt coch nicht im Voraus zu bestimmen, sie wird fich nach dem wuauSfichtlich recht großen Andrange des Publikums richten.
Eiu neue» Projekt, deffeu Durchführung in anderen Äiädten schon den denkbar größten Erfolg hatte und das fich uich hoffentlich recht bald auch hier verwirklichen lassen hrfrb, wurde vom Darmstädter Lehrerverein am 12. September in einer Sitzung verhandelt. ES wurde do,bet die Errichtung einer „Freien Bibliothek und Lesehalle" besprochen, die dem Volke unentgeltlich gute, lehrreiche Lite- ig .tut darbieten soll. DaS Bedürfniß nach einer derartigen
Bankier, der ihm daS Geld ausbezahlt hatte, den Auftrag, für ihn Börsengeschäfte zu machen. Zuerst wurden nur gute Anlagepapiere gekauft- bald aber ließ L. sich herbei, mit drei anderen Handelsleuten Börsenspiele zu treiben und nun wurde in Türken, Lombarden, Laurahütte und anderen Papieren gespielt. Hierbei verlor er viel Geld. Schon der Gewinn von 12,000 Mk. wurde dem L. nicht ausbezahlt, sondern für Differenzen verrechnet. Nun ging eS mit dem Gelbe des L. rasch bergab und in verhältnißmäßig kurzer Zeit war L., der allerdings auch für die für gute Freunde übernommenen erheblichen Bürgschaften in Anspruch genommen wurde, zahlungsunfähig. Trotzdem bewog einer der Fondsleute, der inzwischen Hamburg den Rücken gekehrt hat, den L., weiter zu speculiren und für die schuldig gewordenen Differenzen Wechsel zu geben. Nachdem L. sein Vermögen von ca. 300,000 Mk. loS war, mußte er am 31. Januar 1895 seinen Concurs anmelden. Im Lause de» ConcurS- verfahren» stellte eS sich heraus, daß er im Differenzhandel und im Spiel mit Börsenpapieren übermäßige Summen schuldig geworden war, und die Staatsanwaltschaft erhob gegen L. Anklage wegen Vergehens gegen die ConcurS- Ordnung. Der Angeklagte erklärte im Termin, er habe vom Börsengeschäfte keine Ahnung gehabt und fich lediglich auf die Fondsleute verlassen. Nachdem die Verluste Schlag auf Schlag gekommen und er für die Bürgschaften in Anspruch genommen worden, habe er die Wechsel nicht mehr einlösen können und Concurs anmelden müssen. Der Sachverständige, Buchhalter Möller, theilte mit, daß Passiven von 57,000 Mk. vorhanden seien und Verwandte des Schuldners zur Befriedigung der Gläubiger 20,000 Mk. hergegeben haben. Soweit festzuftellen gewesen, sei L. an D fferenzen 37,000 Mk. schuldig geworden. Auf die Vernehmung der drei als Zeugen geladenen Fondsleute wurde verzichtet, indessen unterließ der Vorsitzende e» nicht, ihnen vorzuhalten, daß die Verhandlung ein recht häßliches Bild betreffs der mit L. gemachten Geschäfte ergeben habe. Der Antrag des Staatsanwalts lautete auf 2 Monate Gefängniß, während der Bertheidiger meinte, daß bet dem Vermögen des Angeklagten die Schuld von 37,000 Mk. an Differenzen keine übermäßige zu nennen fei. Der Gerichtshof erachtete den Angeklagten zwar de» ConcurSvergehenS für schuldig, erkannte aber bei der Sachlage auf daS gesetzliche Straf- Minimum von einem Tag Gefängniß.
* Karlsruhe, 14. September. Das Trinkgelderunwesen unterlag vor Kurzem, tote der „Badische Landesbote" zu berichten weiß, in seiner schlimmsten Form der Be- urtheilung deS hiesigen Gewerbegerichts. Ein hiesiger Hotelier — der Name war leider nicht genannt — hatte im vorigen Jahre einen HauSburschen angestellt, der nicht nur keinen Lohn erhielt, sondern dem Hotelier noch 27 Mk. pro Woche von den Trinkgeldern abliefern muhte! Der Hotelier bezog also jährlich von dem HauSburschen eine Rente von ca. 1400 Mk. In den letzten drei Wochen der Dienstzeit de» HauSburschen haben die Trinkgelder nach seiner Versicherung in Summa höchsten» 80 Mk. betragen, während er 81 Mk. an den Prinzipal hätte abführen sollen. Dieser behielt deshalb von der gestellten Caution 81 Mk. zurück, auf deren Herausgabe der HauSbursche beim Gewerbegericht klagte. DaS Gericht verurtheilte den Hotelier zur Zahlung mit folgender Begründung: „Der vorliegende Vertrag, wonach der Kläger nicht nur keinen Lohn erhält, sondern verpflichtet ist, „wöchentlich 27 Mk. von dem Trinkgeld, daS ihm von den Gästen gegeben wird, an den Beklagten auszufolgen", kann nicht in dem Sinne aufgefaßt werden, daß der Kläger unter allen Umständen verpflichtet wäre, dem Beklagten wöchentlich 27 Mk. zu bezahlen- denn in diesem Sinne auf- gefaßt, würde der Vertrag nicht nur gegen die guten Sitten verstoßen und deshalb keine Rechtswtrkung hervorbringen, sondern er würde auch nichtig sein, da der Beklagte keinerlei Garantie für irgend einen Mindestbetrag von Trinkgeld übernommen hat, eS somit lediglich von der Willkür deS Beklagten abhängt, wie ost er dem Kläger Gelegenheit zum Verdienen von Trinkgeldern geben will. Für giltig kann ein derartige» Uebereinkommen, wie das vorliegende, nur dann erachtet werden, wenn man es dahin auffaßt, daß die Abgabe von 27 Mk. an den Arbeitgeber nur dann stattfinden soll, wenn der Kläger während der Zeit, für welche er eine Ablieferung machen soll, in Wirklichkeit so viel Trinkgeld verdient, daß er hiervon nach Bestreitung de» angemessenen Unterhaltes für sich und seine Familie den erwähnten Betrag abltefern kann. Daß diese Voraussetzung im vorliegenden Falle zutrifft, muß verneint werden."
* Die Ehreudamen der Zarin. Auf ihrer Reise nach Paris wird die Kaiserin von Rußland von Ehrendamen begleitet fein, die nicht nur den vornehmsten russischen Familien entstammen, sondern auch Schönheiten ersten Range»
Einrichtung wurde ganz allgemein anerkannt und aus das Blühen der gleichen Anstalten im Reiche und im AuSlande verwiesen. Um das Ziel erreichen zu können, wurde be- schloffen, mit dem hiesigen Volksbildungsverein in Berührung zu treten und mit diesem gemeinsam die hochwichtige Angelegenheit zu berathen. Wohl besteht schon jetzt eine diesem Vereine gehörige Volksbibliothek, aber eS gilt, diese zu erweitern, sie täglich Jedermann zugänglich zu machen und eine öffentliche Lesehalle htnzuzusügen. Der Plan ist auch im Publikum und in der Presse freudigst begrüßt worden, und so darf man auf baldige Verwirklichung rechnen.
Im Kun st leben war noch in der vergangenen Woche ein recht gutes Concert einer italienischen Capelle im Saalbau zu verzeichnen, daS großen und verdienten Beifall fand. DaS Hoftheater brachte in mehreren Vorstellungen Gäste, die dauernd verpflichtet werden sollen. In der „Jüdin- und „Tainhäuser" gastirte Herr Minner vom Köuigl. Theater in Hannover und erregte durch seine kolossalen Stimmmittel Aussehen, doch steht seine Spielfähigkeit dazu in keinem richtigen Verhältnis. Im Schauspiel gastirte Herr Conradi von Halle mit viel Erfolg als Aspirant für da» Komiker- fach im „Registrator auf Reifen" und in „Der Compagnon." Die neu getroffenen Einrichtungen im Hoftheater, namentlich die Tieferlegung deS Orchester» und die Neugrupptrung der Instrumente, haben fich nun endgültig bewährt, wa» namentlich in der Tannhäuservorstellung am Sonntaz zur Geltung kam.
Auch die Covcertsaison verspricht in diesem Jahre interessant zn werden. Der Mufikoerein unter Hofcapellmeister be Haan» Leitung tritt in fein 65. VereinSjahr. Nach dem von ihm auSgegebenen Programm sollen drei ordentliche und ein außerordentliches Concert veranstaltet werden. In den ordentlichen Concerten werden folgende Werke zur Ausführung kommen: 1. „Josua" von Händel, 2. „Walpurgisnacht" von Mendelssohn-Bartholdy, „Schön Ellen" von Bach und Chöre a capella, 3. „Stabat mater“ von A. Dvorük, Sätze au» „Missa solennis“ von L. v. Beethoven. Für das außerordentliche Concert am Charfreitag (16. April 1897) ist die MatthäuSpaffwu in Aussicht genommen. DaS Programm für die Symphonie-Concerte der Großherzog
lichen Hofmusik, die auch in diesem Winter im Hoftheater stattfinden werden, ist noch nicht auSgegeben, wird aber in aller Kürze erscheinen.
Ein interessantes neues Projekt, das schon vielfach angeregt, aber bis jetzt noch nie ernsthaft in Angriff genommen wurde, soll auch auSgesührt werden, nämlich daS vielbegehrte „Waldhotel". Herr Röhrich, der Besitzer des Restaurant» „Zur Oper", eine» der besuchtesten Locale der Residenz, hat in unmittelbarer Nähe der „Hirschköpfe" ein große» Terrain erworben, um auf ihm ein Waldhotel in größtem Stile zu errichten. DaS Unternehmen dürfte bei guter Verwaltung ausgezeichnet rentiren, denn jetzt leben zahlreiche Familien den ganzen Sommer über an der Bergstraße, die dann wenigstens zum Thetl im Bereiche der Darmstädter Grenzen verbleiben könnten. Ein anderes Unternehmen gründet fich auf wohlthätige Stiftungen innerhalb der jüdischen Gemeinde. Diese plant nämlich schon seit längerer Zeit die Erbauung eine» israelitischen Krankenhauses, und ber Plan ist nun durch hochherzige Spenden beträchtlicher Summen seiner Verwirklichung nahegerückt. Nähere Angaben darüber lassen fich allerdings zur Zeit noch nicht machen.
Im Kunstverein ist seit dem verflossenen Sonntag eine interessante CollectivauSftellung de» Berliner Maler- Hermann Hendrich ausgestellt, die neben der Sendung de» Münchener KunftoereinS mit zahlreichen guten Bildern viel besucht wird.
Am Großherzoglichen Hofe ist es augenblicklich recht still. Das Großherzogliche Paar ist gleich nach der Rückkehr von seinem AuSfluge nach Italien nach Mainz übergesiedelt, von wo aus der Großherzog leicht auf das Manöverfeld der hessischen Division gelangen kann. Für den Zarenbesuch zu Anfang October sind die Vorbereitungen getroffen, die Kaiserin soll den Wunsch ausgesprochen haben, in Darmstadt dieselben Zimmer zu bewohnen, die sie dereinst als junge Prinzessin bewohnt habe. Jedenfalls giebt es während des angeblich für eine Woche bestimmten kaiserlichen Besuche» viel in Darmstadt zu sehen, und auch von auswärts wirb zahlreicher Besuch erwartet.


